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BAROCK

- leitet sich von baroca her, einem mnemotechnischen Symbol für eine besonders abwegige syllogistische Figur
- bis 1888 (es erschien: H. Wölfflin: Renaissance und Barock.) galt der Barock als Zerfallserscheinung der Renaissance, als eigenwertiges Stilphänomen
- der barocke Mensch ist ein Sozialmensch, d.h., die Menschen suchten einander in Gesellschaften und lehnten das Alleinsein als unlebendig ab
- weil der Protestantismus im Buchstaben zu ersticken drohte, suchten die Menschen nach innerem Labsal und Leuchten, doch weder der Mystizismus noch der Rationalismus gewinnen um 1600 die Oberhand, so zieht die Gegenreformation die führenden Geister an, die sich 1601 im Religionsgespräch zu Regensburg treffen und über die Formen der scholastischen Logik disputieren, letztlich katholische Einflüsse über das Geistesleben Deutschlands ausbreiten, dem das Luthertum nichts Vergleichbares entgegen zu setzen hat → die Form gewinnt verzerrt an Bedeutung und will dem ausschweifenden Leben in aller Dichotomie Ausdruck geben
Ein Namensgeber des Barock, die Baroca- das Zeitalter will das Dasein in eine feste Ordnung zwingen und die Macht der Affekte und Süchte in einer würdigen Haltung bannen
- relativ einheitliche Lebensverhältnisse, da auf einer geringen wirtschaftlichen Ertragslage jeder Fürst einen kleinen Absolutismus verwirklichen will
- der Humanismus entdeckt die Stoa wieder und betrachtet die Wirklichkeit anhand dieser Perspektive antithetisch, dazu kommt das Christentum
- man betrachtet die Dinge total, nicht historisch
- die Einheit von Gott und Welt ist nicht herzustellen, also vergibt man sie → die Transzendenz schwindet zunehmend
- im Frühbarock gab es noch eine rational zu erkennende Einheit und Ganzheit Gottes, im Spätbarock hat sich das Denken ins Subjekt verlegt und in Gegensatz zu Gott und der Welt gestellt → Totalitätszerfall nur z.T., da die Eigenständigkeit des rationalen Denkens erst Ansätze zeigt und das Christentum immer noch als Klammer hält;
- ein Wesenszug des Barock liegt darin, daß die Einzelformen um ihren selbständigen Sinn gebracht werden (Burckhardt)
- der Staat fungiert als die Achse des Lebens, weswegen in dieser Zeit die Kleinstaaten errichtet werden (Fleming)
- trägt den Gegensatz zwischen der gesamteuropäischen Gegenreformation und den humanistischen Bildungstraditionen aus (Hankamer)
- man neigte dazu, das Absolute durch das Relative, das Strengere durch das Freiere zu ersetzen → offene atektonische Form (das Abgerissene, Unvollständige), in der die Einzelbestandteile nicht unbedingt aufeinander wirken bzw. aufeinander hinweisen oder sogar miteinander verbunden sind (Hauser)
- stellt das Allgemeine und Typologische dar → Rollenspiele eines Mimen, der das Zeittypische festhält: „Der Hof bedeutet die Welt. Der Hofmann spielt die Welt, eine Rolle des als ob.“ (Heidegger)
- die Bedeutungslosigkeit und Häßlichkeit (fehlende Proportionen) der Details (Riegl)

Forschungsansätze

Philosophie

- fragt, wie der Schöpfer hinter der Schöpfung erkannt werden kann, d.i. Pansophie
- da das Diesseits als sinnentleert begriffen wird, sucht man eine Verbindung zum Jenseits, doch diese fällt schwer → nur der Märtyrer vermag das Diesseits zu ertragen
- die Hoffnung, daß Gott das Unausgleichbare durch seine Liebe ausgleicht, bleibt → Gott nimmt die Sünden auf und erlöst den Menschen
- die Zeit der zentralisierten Königsgewalt, sie war damals progressiv (Bloch)
- das Zeitalter der zweiten Mystik (Peuckert)

Interner Link

Zeitaltercharakteristik

Welche Rolle spielte der Autor in einer Zeit, die auf „Tilgung des Individuellen drängte“ (Brenner, Peter J.: Individuum und Gesellschaft. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 45.), einer Zeit, da nahezu alle Bereiche des Lebens Wandlungsprozessen und der Suche nach neuer Ordnung unterlagen?
Opitz lebte im 17. Jahrhundert. Die Einordnung des einzelnen in das Gesellschaftsganze in dieser Zeit spielt eine hoch bedeutsame Rolle, da Fragen der Individualität und des dichterischen Genies erst später wichtig werden.

Individuum im 17. Jahrhundert

Den BegriffIndividuum“ in seinem heutigen Gebrauch auf die Literatur des 17. Jahrhunderts anzuwenden, scheint problematisch. Die Vorstellung von Individualität im heutigen Sinn ist erst um 1750, vor allem mit der Herausbildung der Genie-Ästhetik geprägt worden. Damit einher ging die Auflösung sprachlich-stilistischer Regelhaftigkeit, die eine Vielzahl neuer Ausdrucksformen ermöglichte und damit scheinbar natürlichere und unmittelbarere Ausdrucksmöglichkeiten der Dichter eröffnete, als noch den Dichtern des 17.Jahrhunderts zur Verfügung gestanden hatten. Bei der Unterscheidung der Literatur vor und nach 1750 geht es insofern weniger um das Vorhandensein individueller Substanz, als vielmehr um ästhetische Ausdrucksmittel auf der sprachlichen, stilistischen und formalen Ebene. (Vgl.: Steinhagen, Harald: Einleitung. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 11.) Individuelle Substanz ist ein in der Literatur dieser Zeit schwer zu verortender Aspekt. „Denn die Autoren machen es sich zur Aufgabe, sie in poetischen Formen und mit poetischen Ausdrucksmitteln darzustellen, die in langer Tradition objektiv festgelegt, durch das poetisch-rhetorische Normensystem der Epoche vorgeschrieben und im ganzen kaum veränderbar sind“. (Steinhagen) Selbstverständlich erscheint den Autoren der Zeit die Orientierung an Regelpoetiken und an der von der Rhetorik geprägten Norm eines in hohem Maße entindividualisierten Sprechens (das sie selbst vermutlich nicht mal als ein solches wahrnahmen). Im Mittelpunkt dichterischen Schaffens steht der Gesellschaftsbezug, die Transformation persönlicher Erfahrung beziehungsweise Vorstellungen in das Allgemeine, scheinbar objektiv Gültige. Steinhagen sieht hier einen Bezug zur Konsolidierung der absolutistischen Regime mit ihren strengen Ordnungsprinzipien. Die Autoren würden diese mit ihrer regelverhafteten Kunst vielfach stützen, Besonderes, Abweichendes oder gar Widersetzliches ablehnen, da sie darin eine Gefährdung des Bestandes der Gesellschaftsordnung offenbart sähen. Auch kann das Annehmen der constantia, der beständigen Befolgung regelhafter Grundsätze und die Selbstdisziplinierung, als Versuch der Individuen gedeutet werden, den widrigen Lebensumständen (religiösen Auseinandersetzungen, Kriegserfahrungen, etc.) zu begegnen, indem sie „durch subjektive Anstrengungen jene objektive Beständigkeit der Welt zu reproduzieren suchen, welche diese seit dem Ausgang des Mittelalters durch sozialgeschichtliche Umwälzungen verloren hat“. (Steinhagen)
Das 17. Jahrhundert zeigt sich demnach als eine der individuellen Substanz extrem feindlich gegenüberstehende Epoche.

Ordo triplex im Wandel

Es wird deutlich, daß im 17. Jahrhundert das einzelne nicht ohne das Ganze gedacht werden konnte. Die Frage nach dem Autor beinhaltete also nicht die Frage nach dessen Autonomie, sondern nach dessen Platz und Funktion im System, das als Einheit verstanden wurde. Seit dem Mittelalter wurde die Gesellschaft und mit ihr jegliche Lebens- und Kunstform entsprechend der ordo triplex, der nach Lehr-, Wehr- und Nährstand (Geistlichkeit, Adel und Bauern) differenzierenden Ständeordnung, eingeteilt. Die Vorstellung von einer universellen, gottgegebenen Ordnung (ordo salutis), nach der die irdische Ordnung (Mikrokosmos) ein Abbild der himmlischen (Makrokosmos) ist, prägte das Denken der Zeit und gab der Gesellschaftsordnung ihre Legitimation. Nichtsdestotrotz unterlag eben das Organisationsmuster der ordo triplex im 17. Jahrhundert erheblicher Wandlungsprozesse. Die Diskrepanz lag insbesondere in der Verortung des sich bereits im späten Mittelalter herausbildenden Bürgertums in dieser Ordnung. Wichtigster Bezugspunkt der Frühen Neuzeit wurde daher die modifizierte Trias:

Adel – Bürger – Bauern.

Der Wandlungsprozeß der Gesellschaftsordnung und die damit einsetzende soziale Mobilität, die erstmals erlaubte, zumindest partiell, auch ständische Schranken zu überwinden, ist ein Aspekt des 17. Jahrhunderts, der die Autoren seiner Zeit wesentlich prägte. Diese gehörten in großer Mehrheit zum bürgerlichen Gelehrtenstand und nahmen damit eine uneindeutige und schwankende soziale Stellung ein. Ein kleiner Anteil der Autoren hingegen konnte dem Geburtsadel zugerechnet werden. Auch in dieser Gruppe dominierten jene, die ein Universitätsstudium absolviert hatten. (Lohmeier, Anke-Marie: >Vir eruditus< und >Homo politicus< Soziale Stellung und Selbstverständnis der Autoren. In: Hanser Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 17. Jahrhundert. Hg. v. A. Meier. München 1999, S. 156f.)

Bildung als soziales Vehikel

Bildung galt als eine der wichtigsten Voraussetzungen für dichterische Tätigkeit. So heißt es bei Opitz, daß er es für eine verlorene arbeit halte / im fall sich jemand an vnsere deutsche Poeterey machen wolte / der / nebenst dem das er ein Poete von natur sein muß / in den griechischen vnd Latainischen büchern nicht wol durchtrieben ist / vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat.
Die Orientierung an antiker Dichtung und Rhetorik wird vom Dichter erwartet. Ein Vehikel. Ermöglicht wurde dies v. a. durch die bereits Mitte des 16. Jahrhunderts einsetzende Stärkung der Fürstenhöfe und die Etablierung des Absolutismus. Für den Ausbau der landesherrschaftlichen Zentralverwaltungen wuchs der Bedarf an Verwaltungsfachleuten, die in erster Linie durch bürgerliche Gelehrte abgedeckt wurden. Diesen wurde hierdurch nicht nur der Zugang zum Hof ermöglicht, sie hatten nun ebenso Zugang zu Privilegierungen und Nobilitierungen. Bildung gewann damit für den bürgerlichen Gelehrten staatspolitischen Gebrauchswert und konnte ständischen Aufstieg bedeuten. Einen solchen zeigt beispielsweise die Biographie Martin Opitzens, der als Sohn eines schlesischen Metzgers 1627 vom Kaiser den Adelsbrief erhielt und sich seither Opitz von Boberfeld nennen durfte.

Wandel im Selbstverständnis der Autoren

Die Aufstiegsoption spiegelt sich auch im Selbstverständnis der Gelehrten wider, die sich als nobilitas literaria bezeichneten und damit verdeutlichten, durchaus die Möglichkeit der Ranggleichheit zur nobilitas generis (Geburtsadel) zu besitzen.
In dem 1629 von Opitz verfaßten Gedicht „Vielguet“ wird dieses Selbstbewußtsein der nobilitas literaria deutlich. Opitz, der ja selbst sogar den Adelsbrief erhielt, beansprucht darin Gleichberechtigung zum Geburtsadel. An einen Adligen gerichtet, schreibt er:

Ich ehre deinen Standt: Doch soll ich dich auch preisen /
So lebe Ritterlich / vnd laß mich vnverlacht /
Ob du gleich Edel bist gebohren / ich gemacht.
Wann schon ein gutes Pferdt auß Barbarey nit kommen /
Wann seine Schlacht schon nit von Naples ist genommen /
Das sonst nur edel ist / vnd erstlich trifft das Ziehl /
Es habe gleich sein Graß gefressen wo es will /
So kriegt es doch den Preiß.

Die Metapher des Berberpferdes, das eben nicht dem edlen Geschlecht entspringt und dennoch erfolgreich ist, verdeutlicht den Anspruch von Opitz, daß Autor beziehungsweise Gelehrter durch Leistung zu überzeugen habe. Diese sei gänzlich unabhängig von dessen Herkunft und Stand („Es habe gleich sein Graß gefressen wo es will“ (V. 146)). Achtung am Hofe und Gleichstellung zum Geburtsadel zu erzielen wird dabei für den bürgerlichen Gelehrten v. a. an die Leistung durch Bildung geknüpft.
Die erstarkenden Ansprüche der nobilitas literaria werden verständlicher, wirft man einen Blick auf die Wandlungsprozesse, denen auch der Adel unterlag. Mit der Zentralisierung der Macht an die Fürstenhöfe verlor er vielfach an Einfluß und mußte sich, ebenso wie bürgerliche Gelehrte, am Hof etablieren und für Verwaltungsaufgaben bilden. Ab dem späten 16. Jahrhundert setzte also die Umwandlung des Schwertadels in den höfischen Dienstadel ein. Lohmeier spricht davon, daß sich in Folge der Annäherung der Bürgerlichen und Adeligen am Hof eine „Art >Behördenpatriziat< (Oestreich)“ herausbildete, das Werte des bürgerlichen Humanismus mit Adelstraditionen einte, so daß beispielsweise Dichtung und das Interesse an Literatur dem Adel nicht mehr als anstößig galten. Diese Annäherung der Lebensverhältnisse von bürgerlichen Gelehrten und Adel am Hof bestärkte natürlich auch die Forderung der nobilitas literaria nach einer ebenbürtigen Wertschätzung ihrer Leistungen, wie sie der nobilitas generis bereits aufgrund derer Herkunft zukam.
Das Hofamt hatte für den bürgerlichen Gelehrten einen besonderen Reiz. Dieser lag in der Option, eben aufgrund seiner Bildungsleistung in gleiche Ränge aufzusteigen, wie der Geburtsadel und somit in der Aussicht auf Aufstieg aus dem bürgerlichen status privatus in den zuvor nur dem Adel vorbehaltenen status politicus. Das Hofleben jedoch stellte eine Vielzahl neuer Anforderungen an die Gelehrten, welche schließlich auch einen Identitätswandel bei diesen herbeiführte. Sie sollten fortan ihr Wissen praktisch-politisch umsetzen. Diese neuen Erwartungen führten bei den Gelehrten auch zu Dekadenzvisionen: Sie fürchteten den Verfall humanistischer Bildung und Studien. Die Konstituierung absolutistischer Höfe aber zwang die Gelehrten zur Neuorientierung. Der neuzeitliche Staat erforderte in erster Linie Juristen und Theologen, weniger jedoch Artisten und Philologen. Der humanistische Gelehrte war also durchaus von sozialer Isolation bedroht und mußte sich in der Gesellschaft neu positionieren und legitimieren. Opitz versuchte, den Gelehrten-Dichtern und ihrer Poesie eine Position als Werkzeug der Repräsentation im neuen Staat zu schaffen und zu sichern. Vor diesem Hintergrund können auch die Opitzschen Forderungen nach der Stärkung des Deutschen und der Etablierung einer deutschen Nationalliteratur, sowie seine Ablehnung des Latein als Abgrenzungsinstrument der gelehrten Elite verstanden werden. Erst durch diese Forderungen konnte die Öffnung des Gelehrtenstandes gegenüber dem höfisch-nationalen Gesellschaftssystem überhaupt ermöglicht werden. Opitz suchte den Autoren am Hofe eine etablierte Rolle zu verschaffen. Der Autor sollte hierbei jedoch nicht einfach höfische Verhaltensweisen annehmen, sondern durch das Festhalten an seiner Gelehrtenmentalität einen Sonderstatus am Hofe als Fachmann höfischer Repräsentationskultur einnehmen. (Braungart, Georg: Opitz und die höfische Welt. In: Martin Opitz. Nachahmungspoetik und Lebenswelt. Hg. v. T. Borgstedt, W. Schmitz. Tübingen 2002. S. 33.) Erforderlich dafür war die Abgrenzung des professionellen vom Laiendichter. Die Ansprüche an den Dichter nach Bildung und kunsthandwerklicher Fertigkeit können insofern auch als Professionalitätskriterien verstanden werden. Dichtung soll ein Herrschaftsfaktor sein, von dafür qualifizierten Fachleuten getragen, nicht eine Nebenbeschäftigung dilettierter Hofleute. Auch die weiteren Postulate von Opitz nach einem rechten Versmaß, etc. können als Ausdruck der Suche nach Abgrenzungsmöglichkeiten des professionellen Dichters vom Laiendichtertum verstanden werden. Mit dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ verfaßte Opitz somit ein literarisches Programm, von dem er sich versprach, daß es von kulturfördernden Fürsten realisiert würde.
Um zu verdeutlichen, welches Bild Opitz in diesem Zusammenhang seinem eigenen Wirken als Autor zuschreibt, soll auf die Widmung seines Werkes „Teutsche Poemata“ verwiesen werden. Darin schreibt er 1624 selbstbewußt: Unser Opitius, welcher vns recht gewiesen / was vor ein grosser vnderschied zwischen einem Poeten vnd einem Reimenmacher oder Versificatoren sey/ hat es gewagt/ das Eiß gebrochen/ vnd den uew ankommenden Göttinen die Furth mitten durch den ungestümmen Strom Menschlicher Urtheil vorgebahnet/ also daß sie jetzo nicht minder mit vnserer/ als vor diesem mit anderer Völcker Zungen der werthen Nachkommenheit zuspreche/ dieselbe durch dieses Mittel von Lastern ab- vnnd hingegen zur Tugent vnd Geschicklichkeit anfüren mögen. Opitz nimmt sich als wegweisender Dichter wahr, der den ankommenden Göttinnen - gemeint sind die Musen - gegen den Widerstand der Öffentlichkeit den Weg zur deutschen Sprache ebnet.
Dennoch gelang ihm die Etablierung des von ihm geforderten Poeten als gelehrten Repräsentanten am Hofe in seinem eigenen Wirken nicht. So blieb er einerseits in seiner politischen Rolle als Höfling und Diplomat und andererseits der Hofpoet, der Widmungspoesie und Panegyrik verfaßte, ohne jedoch beide Bereiche zur Synthese führen zu können.
Der Wechsel an den Hof bedeutete für den Gelehrten, sich auf vielfältige neue Erfordernisse einzustellen: Elegante Konversationen, weltgewandtes Auftreten, die Kenntnis der höfischen Rangordnung und alle damit einhergehenden Verhaltensnormen, sowie der Eintritt in den Konkurrenzkampf um die Fürstengunst wurden für den humanistisch geprägten Gelehrtengeist, der es gewohnt war, sich in auditorium und museum in literarische Studien zu vertiefen, zu einer außerordentlichen Herausforderung. Der Autor nahm am Hof den Status eines Domestiken ein. Man erwartet von ihm, daß er höfische Feste durch Singspiele bzw. Gelegenheitsdichtung begleitete.
Um die Schwierigkeiten zu veranschaulichen, denen ein Gelehrter am Hofe ausgesetzt war, soll auf das Lehrgedicht „Zlatna, Oder Von Ruhe deß Gemüths“ verwiesen werden, das Opitz 1623 veröffentlichen ließ. Opitz wurde 1622 an das akademische Gymnasium des Fürsten von Siebenbürgen, Bethlen Gabor, vermittelt. Opitz fand keinen Gefallen an dieser Anstellung und seine offensichtliche Kritik ließ ihn in Mißgunst geraten. Er zog sich auf das Land zurück, beschäftigte sich mit den rumänischen Bauern und Bergwerksarbeitern, deren einfaches Leben er in diesem Gedicht preist und idealisiert und dem höfischen Leben gegenübersetzt. Eben die Kritik am Fürstenhaus aus der Perspektive des Gelehrten, wie sie Opitz hier einnimmt, veranschaulicht die Situation des Dichters am Hof. So bemängelt Opitz die Dominanz von Schein und äußerlichem Glanz über Wissen und Fähigkeit.

Da pralet einer her mit großen weiten Schritten /
Der / wann ein guter Mann jhn hat vmb was zubitten /
Der besser ist als er / vnd vielmehr weiß vnd kan /
So siehet er jhn kaum halb vber Achsel an.

Hofkritische Passagen finden in mehreren Gedichten von Opitz Ausdruck und zeigen zudem, daß er die einfache Assimilation des Autors in das Hofleben ablehnte und vielmehr versuchte, dem Autor am Hofe wie auch in der Gesellschaft eine eigene etablierte Position zu verschaffen. Wichtig hierfür war dabei stets die Betonung der gesellschaftlichen Funktionalität von Dichter und Dichtung.

Zum Zweck von Dichter und Dichtung

Der Poesie wurde im 17. Jahrhundert noch kein Selbstwert zugeschrieben. Die Fragen nach der Zweckmäßigkeit der Poesie und damit auch nach der Legitimation des Dichters spielten insofern eine zentrale Rolle. Opitz unterstreicht in Anlehnung an die Antike die erzieherische Funktion der Dichtung. So hätten die Poeten seit ehedem die bäwrischen und fast viehischen Menschen zue einem höfflichern vnd bessern leben angewiesen, sie also der Sittsamkeit und Affektbeherrschung gelehrt.
Die wichtigste Funktion der Dichtung ist für Opitz neben vberredung und vnterricht auch ergetzung der Leute; welches der Poeterey vornemster zweck ist. Opitz unterlegt die Dichtung dafür den Regeln der Rhetorik. Damit werde, so Grimm, „die Dichtung selbst >sozialisiert<, sie wird in den Dienst von Repräsentationszwecken gestellt. Dichtung muß der Gesellschaft nutzen, muß abrufbar sein zu Gesellschaftsanlässen, muß schmücken, verschönern und rühmen“. Zwar weist Opitz auf eine spezifische Natur hin, die ein Poet für sein Schaffen benötige, dennoch scheint die Dichtung bei Opitz bereits den Stellenwert eines lernbaren funktionalen Handwerks zu haben, ein Aspekt, der bei den Autoren der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts noch wesentlich deutlicher herausgestellt wird. Opitz nennt zahlreiche Beispiele antiker Dichter, die neben ihren poetischen Leistungen auch in anderen Wissenschaften (wie der Astronomie, Geometrie, etc.) tätig waren. Er rechtfertigt damit den vielseitig gebildeten poeta doctus vor dem Vorwurf, dieser würde sich in einer angenemen thorheit vnd ruhigen wollust so verlieren, daß er zu anderen Wissenschaften von welchen man rechten nutz vnd ehren schöpffen kan nicht befähigt sei. Opitz geht sogar soweit zu sagen, daß die Poeterey alle anderen künste vnd wissenschafften in sich helt.

Der Autor inmitten machtpolitischer und konfessioneller Auseinandersetzungen

Generell erhielt der Autor im 17. Jahrhundert kein beziehungsweise nur ein geringes Honorar für seine Werke. Er war auf Gönner angewiesen, da er vom Schreiben allein nicht leben konnte. Hierbei geriet er natürlich immer wieder zwischen die Fronten. Ein Beispiel:
Opitz hatte zu Beginn der 20er Jahre des 17. Jahrhunderts noch auf reformierter Seite in erster Linie den Winterkönig unterstützt. 1626 trat er in die Dienste des schlesischen Kammerpräsidenten Karl Hannibal von Dohna, der sich als eifriger Förderer der Gegenreformation erwies. Opitz nahm bei ihm die Stellung des Sekretärs und Leiters der geheimen Kanzlei ein. Unter Dohna bereiste Opitz in diplomatischem Auftrag u. a. Berlin, Warschau, Prag und Dresden. Opitz entsprach den Anforderungen seines katholischen Gönners und übersetzte Ende 1628/29 das Buch „Manuale controversiarum“ des Jesuiten Martin Becanus. Dieses suchte er vor seinen protestantischen Freunden geheimzuhalten, wie Briefe an Buchner und Lingelsheim von Mai bis Juli 1629 bezeugen. Nach dem Tode Dohnas 1633 kehrte Opitz wieder in das protestantische Lager zurück, war zudem weiterhin diplomatisch tätig, zunächst unter den Piastenbrüdern, später in Polen unter Wladislaw IV und schließlich in Danzig.
Durch das Gebundensein des Dichters an Gönner und Mäzene sind Werke seiner Zeit immer auch auf ihre politische Funktion hin zu befragen. Diese wird im 17. Jahrhundert häufig offen deutlich gemacht mittels der den Werken vorangestellten Widmungen. Braungart verweist darauf, daß die Rezeptionsgeschichte Opitz in erster Linie als Sprachpatriot und Literaturgesetzgeber ausweist, dabei jedoch zumeist ausblendet, daß „der Patriotismus und die Literaturreform für Opitz ein Vehikel der Standespolitik und der eigenen Interessen waren“.

Zusammenfassung und Verweis auf weitere Entwicklungen

Gezeigt wurde, daß unser modernes Denken vom autonomen Dichter, der kraft seines Genies individuelle Werke hervorbringt, im 17. Jahrhundert noch keine Rolle spielte. Der Autor wird als Teil des Mikrokosmos, der ein Abbild des himmlischen Makrokosmos darstellt, wahrgenommen. Er sucht seine Werke in den Kontext der Tradition eines poetisch-rhetorischen Normensystems einzugliedern, die ihm ein in hohem Maße entindividualisiertes Sprechen nahe legt. In einer Zeit widrigster Lebensverhältnisse (u. a. Dreißigjähriger Krieg, religiöse Auseinandersetzungen, etc.) prägte die Suche nach Ordnung den einzelnen der Zeit und somit auch den Autoren, seine Werke und sein Selbstbild als Autor. Dieser gehörte zumeist dem bürgerlichen Gelehrtenstand an und nahm damit eine sozial uneindeutig und schwankende soziale Stellung ein. Der Wandel der ordo triplex und die Etablierung der absolutistischen Fürstenhöfe ermöglichte es, daß, zumindest zu Beginn des Jahrhunderts, der bürgerliche Autor die Möglichkeit besaß, durch Bildung in gleiche Ränge am Hofe aufzusteigen wie der Geburtsadel. Martin Opitz kann hier als nobilitierter poeta laureatus als Beispiel dienen. Die Widerspiegelung dieser Entwicklung im Selbstverständnis der Gelehrten als nobilitas literaria wurde herausgestellt und am Beispiel des Opitzschen Gedichts „Vielguet“ veranschaulicht. Auch die Rolle, die der Wandel der Gesellschaftsstellung des Adels und die Herausbildung des Oestreichs für das Selbstverständnis des Gelehrtenstandes spielten, wurde thematisiert. Diese Punkte ermöglichten auch einen neuen Zugang zum Opitzschen Schaffen. Dieser bemühte sich im Zuge der Neuorientierung der Autoren, diese am Hofe als Repräsentanten höfischer Kultur zu etablieren, eine Forderung, die er in seinem eigenen Wirken jedoch nicht umsetzen konnte. Daß auch die Opitzschen Forderungen nach der Stärkung einer deutschen Nationalsprache, seine Versreformen, etc. vor diesem Hintergrund betrachtet werden können, wurde gezeigt. Er selbst nahm sich als Vorreiter einer neuen deutschsprachigen Kunstdichtung wahr und wurde weitgehend auch von der Öffentlichkeit als solcher gefeiert.
Am Beispiel des Zlatna-Gedichts von Opitz wurde auf die Schwierigkeiten verwiesen, denen ein Autor am Hof begegnete. Das folgende Kapitel legte dar, daß der Dichtung im 17.Jahrhundert noch kein Selbstwert zugeschrieben wurde, Autoren mit ihren Werken also ihre Funktion, z.B. Erziehung und Ergötzung der Leute, nachzuweisen hatten, wie sich an der Opitzschen Poeterey verdeutlichen ließ. Daß das Gebundensein an Gönner und Mäzene für den Autor und sein Selbstverständnis prägend waren, sollte am diplomatischen Wirken von Opitz deutlich werden. Im Abschluß wird ein Ausblick gegeben, wie sich das Selbstbild der Autoren in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts und zu Beginn des 18. Jahrhunderts veränderte:
Die von Opitz geforderte Abgrenzung des professionellen Poeten vom Laienpoeten verlor an Bedeutung. Auch die von Opitz abgelehnte Vermassung der Poesie nahm nun Überhand: Dichtung ließ sich nicht mehr auf den elitären Kreis der >wahren< Poeten begrenzen. Die traditionelle Res publica litteraria wurde in ihren personellen Grenzen gesprengt, wobei sie selbst die Voraussetzung dafür geschaffen hatte. Opitz selbst hatte diese Entwicklung durch seine Forderung der deutschsprachigen Dichtung und der Funktionalisierung dieser für höfische Repräsentation begünstigt. Poesie blieb auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts und zu Beginn des 18.Jahrhunderts ein manierliches Nebenwerck. Die von Opitz erhoffte Aufwertung des Poeten am Hofe blieb unerfüllt. Christian Weise schreibt 1691: Und also ist die Poeterey nichts anderes als eine Dienerin der Beredtsamkeit, ein Mittel der Rhetorik, das zum lieblichen und angemessenen Hervorbringen einer Sache verhelfe. In den Wirren des durch eine Vielzahl Gesellschaftsumbrüche gekennzeichneten 17.Jahrhunderts verblieben der Autor und seine Werke in einer vor allem der sozialen Funktionalität und Tradition verhafteten Position.

Literaturverzeichnis

  • Opitz, Martin: Dedicatio. Dem Hochgebornen Herrn/ Herrn Eberharden/ Herrn zu Rappoltstein/ Hohenach vnd Geroltzeck/ u. Meinem Gnedigen Herrn. In: Teutsche Poemata und Aristarchus wieder die Verachtung Teutscher Sprach. o. Hg. Hildesheim 1975.
  • Opitz, Martin: Vielguet. In: Martin Opitz. Gedichte. Hg. v. J.-D. Müller. Stuttgart 1985. S. 109-124.
  • Opitz, Martin: Zlatna, Oder Von Ruhe deß Gemüths. In: Martin Opitz. Gedichte. Hg. v. J.-D. Müller. Stuttgart 1985. S. 79-96.
  • Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poeterey. Stuttgart 1991.
  • Weise, Christian: Von dem Nutzen der deutschen Verse. In: Poetik des Barock. Hg. v. M. Szyrocki. Stuttgart 1982. S. 231-237.
  • Ammermann-Estermann, Monika: Literarische Öffentlichkeit. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 107-116.
  • Braungart, Georg: Rhetorik, Poetik, Emblematik. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 219-236, hier S. 228-231: Sozialdisziplinierung und Standespolitik.
  • Braungart, Georg: Opitz und die höfische Welt. In: Martin Opitz. Nachahmungspoetik und Lebenswelt. Hg. v. T. Borgstedt, W. Schmitz. Tübingen 2002. S. 31-37.
  • Brenner, Peter J.: Individuum und Gesellschaft. In: : Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 44-59.
  • Grimm, Gunter E.: Martin Opitz. In: Deutsche Dichter. Band 2. Reformation, Renaissance und Barock. Hg. v. G.E. Grimm, F.R. Max. Stuttgart 1989. S. 138-155.
  • Heldt, Kerstin: Die Autoren von Casuallyrik an den regierenden Adel und ihre Produktionsmotivationen. In: „Der vollkommene Regent“. Studien zur panegyrischen Casuallyrik am Beispiel des Dresdner Hofes August des Starken. Hg. v. K.H. Tübingen 1997. S. 31-65.
  • Hoffmeister, Gerhart: Zur Begriffsgeschichte von Barock. In: Deutsche und europäische Barockliteratur. Hg. v. G.H. Stuttgart 1987, S. 1-8.
  • Lohmeier, Anke-Marie: >Vir eruditus< und >Homo politicus< Soziale Stellung und Selbstverständnis der Autoren. In: Hanser Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 17. Jahrhundert. Hg. v. A. Meier. München 1999. S. 156-175.
  • Maurer, Michael: Geschichte und gesellschaftliche Strukturen des 17. Jahrhunderts. In: Hanser Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 17. Jahrhundert. Hg. v. A. Meier. München 1999. S. 18-45.
  • Roloff, Hans-Gert: Martin Opitz – 400 Jahre! In: Martin Opitz. Nachahmungspoetik und Lebenswelt. Hg. v. T. Borgstedt, W. Schmitz. Tübingen 2002. S. 7-30.
  • Steinhagen, Harald: Einleitung. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 3. Zwischen Gegenreformation und Frühaufklärung. Hg. v. H. A. Glaser. Reinbek bei Hamburg 1985. S. 9-17.
  • Szyrocki, Marian: Martin Opitz. München 1974.

 
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