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DEUTSCH

etymologisch

- von theudô (Stammes- und Blutsverband) → daraus wurde das Adjektiv theudiskaz (zum Stamm gehörig) abgeleitet → das Wort findet sich schon bei Wulfila als thiudisko
- Wandlung innerhalb politischer Auseinandersetzungen im fränkischen Reich: der Aspekt des Beamtenstaats westfränkischer Prägung kämpft gegen das freiheitliche Selbstverständnis des austrischen Grundadels -, so daß aus einem Begriffswort ein Eigenname wurde;
- zum eigenen Volk gehörig (Lamprecht)

geschichtlich

- man versucht, das Schicksal zu bestimmen → gegen die Vorherrschaft des romanisch-fränkischen Beamtenstaates setzt man ein Wort der Zugehörigkeit (Eigenbewußtheit)
- das Wort theudisk wurde zum Träger des Neuwerdens im 8. Jahrhundert, des Abwehrkampfes gegen die romanischen Staaten

Begriffsentwicklung

Deutsch als Begriff

Der Begriff kann entmutigen, die Benennung schmerzt. Das Thema gilt dem Sinn. Deutsch als Sinn? Fassen wir den Sinn in antithetischer Umklammerung dreifach, dem begrifflichen Herkommen nach, dann diese Annahme hinterfragend nach dem Entgegen des Herkommens, um schließend nach dem Wohin zu fragen bzw. Vermutungen darüber anzustellen.

Teil I: Thesis

Begriffe zur Selbstbestimmung entstehen aus einer Not heraus. Die Not wird gewendet durch Hoffnung. Die Hoffnung bezieht sich aufs Wort, durch das Identität gestiftet werden soll. Ängstlich wird gefragt, ob der Begriff diese Identifikation stiften kann. Aber die Angst hält sich in Grenzen, denn leistet der Begriff nicht die gewünschte Leistung, wird er durch einen neuen ersetzt.

Das Wort taucht erstmals im 7.Jahrhundert als theueiskaz auf und gilt seither in der Sprachwissenschaft (Weisgerber) als westfranzösisches Erbwort. Von der Wortart her ist es ein Adjektiv mit dem Sinn einer Selbstbezeichnung der Franken gegen die walhisc, die Welschen, die anderen und bedeutet soviel wie „zum Stamme gehörig“ bzw. „stammeszugehörig“, um das Wort auch deutlich als Adjektiv zu übertragen, wobei das Adjektiv sowohl attributiven (Immanenz des Stammesbegriffes, das er Zugehörige besitzt), prädikativen (als Abhängigkeitsformel zu verstehen; eben als gehörig SEIN) als auch applikativen (mehr aufs HÖRIGsein als Adverbsapplikat zu beziehen; ein WIE mit Tiefenwirkung) Charakter besitzt. Die im Westfränkischen wohnenden Germanen benutzten es, um sich gegen die Kelten (Gallier) und Römer abzusetzen. Der Begriff entstand also aus dem Bedürfnis heraus, sich a) gegen etwas zu profilieren und b) für etwas Zugehörigkeit zu demonstrieren. Ieueiskaz bezeichnet ursprünglich alles, was das Eigene ist: Sprache, Religion, Verwandtschaft, Gewohnheiten in der Lebensalltäglichkeit. Es berührt nicht den wirtschaftlichen Bereich, auch nicht militärische oder persönliche Beziehungen zwischen Einzelpersonen. Ieueiskaz markiert den Stallgeruch, mehr nicht. Und angesichts fehlender Profilierungsnotwendigkeit in anderen Gegenden germanischer Besiedlung existierte der Begriff nur im Westfränkischen, wanderte aber allmählich mit dem Vordringen der Gallier und Römer Richtung Osten in östlichere Gebiete. Wir müssen heute annehmen, daß sich in der Gegend um Amiens erstmals der Begriff bildete, um seine Reise Richtung Osten anzutreten. Gegen diese These spricht allerdings eine Quelle aus dem Jahre 786 (ca. 150 Jahre nach der eben gegebenen Beschreibung), in der ein päpstlicher Legat, daß in England zwei Synoden stattgefunden hätten, auf denen in zweierlei Sprache verkündigt wurde, was der Inhalt des Treffens gewesen, tam latine quam theodisce. Das verwirrt. Wer spricht zu dieser Zeit auf den britischen Inseln theodisc? Vielleicht die Angelsachsen? Dann müßten sich diese gegen die walhisc sprechende kirchliche Oberschicht (die romanisierten Nordmänner, die sich nach 1066 auf den Inseln breitmachten, waren noch weit weg) abgesetzt haben wollen. Subsumierten sie sich dem Stamme der Germanen? Muß wohl so gewesen sein. Doch daraus folgte dann, daß der Begriff Theueiskaz keine politische Grundierung, sondern nur eine ethnische Komponente besaß. Das meint übrigens ein moderner englischer Sprachforscher (Levison): „We may assume without hesitation [Unsicherheit], that it was among the Franks, that he [der Legat] had acquired [angeeignet] the use of the terme ‚theodisc'.“ Die Angelegenheit ist also erst später eine politische gewesen, war eine innerfränkische Entwicklung. Wie ging´s nun weiter? Um 650 teilte sich das Frankenreich in Austrien, den östlichen Teil und diesbezüglich die sogenannten Stammlande der Franken, und Neustrien, den neuen westlichen Teil, in dem die Franken romanische Volksteile aufnahmen. Während die Ostreichler vorwiegend im Mosel-Maas-Gebiet siedelten und keine gallischen bzw. römischen Bevölkerungsteile kannten, unternahm man im Westreich den erfolgreichen Versuch, Germanen und Romanen einem Staatskörper zu inkorporieren. Es spielte keine unerhebliche Rolle, daß ein Großteil des neustrischen Gebiets bereits seit Jahrhunderten römische Zivilisation kannte. Die germanische Oberschicht eignete sich die Prinzipien römisch strukturierter Herrschaft insofern an, als daß sie sich selbst als die neue, nichtrömische Oberschicht einsetzte. Offenbar jedoch nahmen die romanischen Bevölkerungsteile diese Politik an; wahrscheinlich ist in diesem Zusammenhang, daß die Romanen partizipiert wurden. Die neuen Westfranken nannten sich franci und setzten das staatliche Prinzip als identitätsstiftende Institution, währenddessen man im Osten keinen Staat zur Identifikation benötigte. Man benötigte im Westen dieses Gebilde eines Staates, um eine Form des Umgangs in Streitfragen (wirtschaftliche, rechtliche, militärische, administrative) zu besitzen, die sich unabhängig von archaischen Stammesgegebenheiten artikulieren konnte.

Teil II: Antithesis

Antithesis: Die Entstehung des Volksnamens deutsch vollzog sich aus einer Verteidigungsposition heraus.

Wir hatten festzuhalten, daß sich die theudiskiu tunga als angestammte Sprache der Franken im gemischsprachigen Gebiet Galliens ausbildete. Die politische Neugliederung des Frankenreichs in Neustrien und Austrien verdrängte nunmehr die Nachfahren der theudiskaz Richtung Osten, verbleibende Nachkommen wurden in Neustrien zunehmend romanisiert, da sich die Ausbildung des staatlichen Gebildes im westfränkischen Gebiet auch auf die Durchsetzung einer einheitlichen Sprache und Kultur durchschlug. Das sind ganz zwangsläufige Geschehnisse, die sich immer wieder in der Geschichte wiederholen. Als Prinzip ist hier das höherentwickelte romanische Bewußtsein einer staatlichen Einheit zu sehen, das sich gegen die archaische und beinahe urgesellschaftliche Stammesgemeinschaft, die eben nicht auf die Durchsetzung eines staatlichen Diktums auf alle Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens orientierte (für die germanischen Stämme stand nicht zur Debatte, ob sie sich eines staatlichen Verbandes bedienen sollten, um ihre Probleme zu lösen, denn sie legten im Stammesverband gewohnheitsrechtlich Streitigkeiten bei), durchsetzte. Es muß hier betont werden, daß selbst die Heerführer nicht anders lebten als der einfache Krieger (Soldaten gab es nicht). Man war aufeinander angewiesen und teilte die gesellschaftlichen Aufgaben nicht ein- für allemal zu. Reichtum spielte eine untergeordnete Rolle, diente letztlich der Erhaltung des Stammes, nicht zur Kumulation bei einzelnen mit der letztlich darauf abzielenden Nutzanwendung des kumulierten Reichtums zu individuellen Zwecken; überhaupt war die Ausbildung des Individuellen bestenfalls zweitrangig. Auch aus diesem Grunde sind uns kaum Schicksale von Einzelpersonen bekannt.
Die Sprachgrenze wanderte also im 8.Jahrhundert nach Osten zum Moselgebiet. Die Franken bezeichneten die sich ihnen im Osten entgegenstellenden Stammesverwandten der Sachsen, Bayern oder Alamannen ebenso als theudiskaz, auch, um die westlich sich ausbreitenden walhisc ab- und einzugrenzen. Das waren ganz praktische Geschehnisse, die sich für die Franken als notwendig ergaben, um die Eigenständigkeit gegenüber den sich ausbreitenden Romanen einerseits und den ebenfalls Lebensraum suchenden Slawen zu betonen. Es ist jedoch nicht möglich, diesen sich, grob geschätzt, über den Zeitraum von 650 bis 786 hinziehenden Prozeß genau geographisch einzugrenzen. Eine exakte positive Umgrenzung des Geltungsbereiches von theudiskaz bzw. theodisc ist für diese Zeit nicht möglich. Wichtig erscheint hier jedoch, daß aus theudiskaz allmählich Ableitungen wie diutiskun (auf deutsch) oder theudisk (der Deutsche) entstanden, die Ausdrücke für eine empfundene Bedeutungsvielfalt vermitteln, auch die Richtung der Bedeutungsentwicklung angeben: Aus einem Adjektiv -nicht der Wortart nach, doch der Bedeutung, denn „zum Stamme gehörig“ hat eindeutig beistellenden Charakter, etwa in der Fom: DIE [DA] sind zum Stamme gehörig, JENE [DA] sind fremdartigen Ursprungs!- entwickeln sich Substantiv und präpositionale Wendungen mit übergreifendem Charakter. Erinnert sei daran, daß sich die Wortbildung zumeist über die Benennung eines Tuns (Verbum) zur Versteifung des Tuns (Substantiv) vollzieht und dann erst, je nach Bedarf, Verifizierungen und Modifikationen des kristallisierten Verbums durch Adverbien und Adjektive geschaffen werden; manchmal allerdings sind die Dinge da, bevor deutlich wurde, woraus sie entstanden (entstanden ist hier wörtlich zu verstehen) oder aber aus Dingwörtern Ableitungen und Zusammensetzungen, manchmal auch Verben entstehen, die dann präpositioniert werden, wobei zumeist auch eine Rückwirkung auf das einstige Urwort, das Stammwort, nicht auszuschließen ist. Unvergleichbar ist in diesem Falle auch der Umstand, daß sich die Deutschen nicht von außen ein Wort geben ließen, wie dies in den meisten Fällen zur Bestimmung der Völkernamen vor sich ging. Das bereits um die Zeitenwende benutzte germanici des Tacitus wurde von den Deutschen nicht zu Zwecken der Selbstbenennung aufgenommen. Es ist zudem fraglich, ob die Bestimmung des teutonicus mit dem bereits mehrfach genannten theodiskaz zusammenfiel; vielmehr ist anzunehmen, daß aus dem theudiskaz der Germanen das latinisierte teutonicus entstand. Die Römer schlossen mit der Benennung des teutonicus auch keltische Volksteile im Norden Belgiens und auf den britischen Inseln mit ein; vielleicht haftet dem teutonicus deshalb ein martialischer Beigeschmack an, da die Römer dem in etwa die Bedeutung des Barbaren gaben. Genauer: Die Römer werden das Wort theodiskaz von den Germanen aufgenommen haben, das diesen diente, die zum Stamme gehörenden Personen zu bezeichnen. Auf ihren Eroberungen, die die Römer nicht weiter nach Osten, dafür aber immer weiter nach Norden trieben, haben sie dann ähnlich lebenden Völkerschaften diese Bezeichnung quasi übergestülpt. Da die Römer in ihrer Sprache einen starken Drang zur Diphtongierung besaßen, wurde aus dem the-o-dis-kaz ein teu-to-ni-cus, der lautlichen Vereinfachung halber. Dieses Wort benutzten sie in der Folgezeit, um alle jenseits der Alpen lebenden Barbarenstämme nach der Zeitenwende zu benennen. Die romanisierten Briten allerdings suchten nach einem weiteren Unterscheidungsmerkmal und gaben den theodiskaz im Osten den Namen, den sie bis heute im englischsprachigen Raum besitzen, Germanen. Vielleicht waren es auch Händler, die Tacitus begleiteten, denen die Unterschiedlichkeit der bis dato benannten teutonicus auffielen, wodurch sie sich genötigt sahen, auch sprachlich zu differenzieren und ein augenscheinliches Merkmal des Volkes suchten. Die theodiskaz trugen lange Speere, die Ger, die Römer kurze Schwerter, also war ein augenscheinliches Unterscheidungsmerkmal gefunden, der Namen für die Römer gefunden; für die „Deutschen“ war er es längst nicht, da sie dem Ger nur akzidentiellen Charakter ihres Daseins zumaßten. Die Angesprochenen nahmen diese Benennung also nicht für sich auf, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Deutschen ein inhomogenes, auf der Flucht vor den Hunnen aus dem Osten, den Römern aus dem Süden und den Galliern aus dem Westen getriebenes Elaborat verschiedener Stämme, das sich nur dadurch zusammengehörig fühlte, als daß Bräuche, Sprache, Lebenshaltung, Religion das Diktum einer Zusammengehörigkeit vermittelten, die jeweils auf Stammesebene auslebt wurde. Das Unwägbare wird wägbar mit dem Hochkommen der Karolinger, vornehmlich in Gestalt des ersten, des Eponymen, Karls. Karl schuf bewußt ein staatliches Gebilde, suchte die Eingliederung des deutschen Ostens in sein Reich, also das Aufbrechen der archaischen Stammesgemeinschaft zugunsten eines übergreifenden Staatskörpers. Das ist seine historische Leistung.

Genauer:
Vom 5./6.Jahrhundert - setzen wir diese Zeit unabhängig davon, daß die Goten in Italien noch herrschten, als die Zeit, in der die Franken unter den Deutschen allmählich eine Hegemoniestellung erreichten- bis zum 8.Jahrhundert gab es zwar Bemühungen zur Vereinigung der deutschen Festlandstämme (man denke hier nur an die Stillhalteabkommen im 6. JH. zwischen West- und Ostgoten oder zwischen Ostgoten und Franken, als Belisar Italien überfiel), doch ist es keinem Heerführer (das Heer ziehend; Herzog) gelungen, die mitteleuropäischen Deutschen in einem Staat zu konstituieren. Es gab lose Verbindungen zwischen den Stämmen, ein loses Band; es gab nicht einmal etwas Olympia Vergleichbares; nur in der Berührung, hervorgerufen durch die Wanderbewegungen, die sog. Völkerwanderung, seit dem 4.Jahrhundert, stellte man gegenseitig fest, sich ähnlich zu sein. Dann wurde, insofern man sich friedlich auf die Verteilung des Ackerbodens einigen konnte, was selten geschehen sein dürfte, angestoßen und gefeiert, mitunter auch ein Plan für die Zukunft geschmiedet; doch das Band blieb lose, die Eigenmächtigkeit der jeweiligen Stämme blieb konstituierend für die theodiskaz. Jeder Stamm war begierig darauf, seine Eigenmächtigkeit, seine eigene Stärke zu erweisen. Das Leben fand innerhalb des Stammes statt, weiter verengt, innerhalb des Hauses, im Heim, das Heimatsursprung ward. Ein Dringen nach dem Draußen konnte bestenfalls und auch nur in guten Jahren, wenn die Saat aufgegangen war, frühestmöglich im April beginnen und mußte spätestens im August beendet sein, wenn die Ernte eingefahren werden mußte, vielleicht auch, damit der Knecht nicht; Keuschheitsgürtel sind keine Erfindung des ungleich prüderen Mittelalters. Da war Ernst (der etymologische Sinnzusammenhang zwischen Ernst und Ernte wird hierin noch heute deutlich) gefragt, keine Eroberung ohne Sicherheit von Beute. Im Heim waltete die frouwe, sie gebot den Kindern, Knecht und Magd. Sklaven gab es nicht. Hinter der Bezeichnung frouwe verbirgt sich eine Stellung, es ist keine Geschlechtsbezeichnung, sondern ein Titel. Gelegentlich füllte auch der jüngere und im Haushalt lebende Bruder diese Funktion aus, doch in der Regel konnte der dieses Ambt nur einige Jahre wahrnehmen, ohne selbst eigenem Haushalt vorzustehen bzw. in den Krieg zu ziehen. Als Geschlechtsbezeichnung galten Formen wie wip, jungfer oder mägden, wobei jungfer auch eher sozial zu verstehen sein dürfte. Der Mann war nur dann ein Mann, wenn er in den Krieg ziehen konnte, um Beute zu machen, wenn er ernähren konnte, wodurch Mann die Bedeutung des Dienenden erhielt, des Dienenden an seinem Heim. Wir sehen auch hierin die soziale Strukturierung des Denkens der theodiskaz. Die Deutschen waren nur zu Kriegszügen aufzubringen, wenn die Ernte mager ausfiel; von sich aus waren sie passiv und erdverbunden. Um diese Dinge an unsere Ausgangsfrage zurückzubinden: Was sollten die Deutschen mit einem starken Staat? Würde der die Ernte verbessern? Was sollten sie mit den Sklaven, die die Römer allerorten benutzten, um selbst auf der faulen Haut zu liegen? Nein. Einen Fremdländer zu schlagen, das war Thor gefällig, ihn zu versklaven nicht. Einen Geschlagenen durfte man töten, versklaven nicht, denn der Geschlagene hatte sich als der Götter lose (frei) erwiesen, war also minderwertig. Einen solchen besiegten Gegner ins Haus zu bringen, käme eine Verminderung der eigenen Wertschätzung gleich.

Die Deutschen befanden sich nach der Teilung Frankens in Austrien und Neustrien in einer Verteidigungsstellung. Dieser Rückzug aus der Offensive aus den Zeiten der Völkerwanderung erklärt sich auf zweierlei Art:

  1. Die Auflösung des Stammescharakters der Burgunden im westfränkischen Reich, der der Vandalen in Nordafrika und der der Westgoten in Spanien. Die genannten drei Stämme gingen in den geschaffenen Staatsstrukturen auf; die „Germanen“ assimilierten sich vollständig in den genannten Staatskörpern.
  2. Ein Verschieben der Sprachgrenze Richtung Osten ging mit der Verminderung des deutschen Bevölkerungsanteils in Neustrien und in den Grenzgebieten einher.

Als Karl um 780 die Macht ergriff, wurde dieser Prozeß ausgesetzt. Karl versuchte, die deutschen Stämme seinem Reich zu inkorporieren. Er bekämpfte Bayern, Sachsen und Langobarden nicht, um sie aufzulösen oder zu vertreiben, sondern um sie seinem Reich einzugliedern; er suchte die Neubestimmung der Reichsmitte um den Rhein, gleichsam eine Abrundung in alle Richtungen. Stabile pol. Körper sind durch feste geographische Grenzen zu konstituieren, so glaubte man lange, bis in unser JH. hinein, einen politischen Grundsatz erkannt zu haben.
Karl suchte Festigkeit in der Umsetzung der Idee einer auf Zusammengehörigkeit empfindender Masse, er suchte das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich durch das Formelwort theodiskaz ausdrückte als eine pol. Forderung zu begreifen. Erstmals in der Geschichte wurde in deutscher Sprache Gesetz und Recht verifiziert. Die Hofkanzlei Karls suchte das Gewohnheitsrecht niederzuschreiben, suchte der Sprache eine feste Form zu geben, um gleichsam dem Reiche ein äußeres Band anzulegen. Das Reich um den Rhein verstand sich erstmals seit Jahrhunderten nicht mehr als Reaktion auf den zivilisierteren Westen, sondern als eigenständiges, einem Prinzip Wort verleihendes pol. Gebilde, das sich nicht auf ein staatliches Gewaltdiktum gab, sondern daß seinem Zusammengehörigkeitsgefühl einen Staat schuf. Dieser grundlegende Unterschied zum Staatsgedanken Neustriens bzw. des Römischen Reichs kann gar nicht genug betont werden. Die lateinisch gebildeten Schriftgelehrten, die am Hofe Karls zu Aachen in der Kanzlei Dienst taten, hatten keine Benennungsprobleme, aus theodiskaz wurde spätestens 786 das mittellateinische theodiscus zur Bezeichnung der nunmehr zu verifizierenden Sprache des Volkes; später wurde dieser Begriff übertragen auf das Land, in dem diese Sprache gesprochen wurde. Somit wurde die Reichseinteilung quasi vorweggenommen. Der Rückzug der Deutschen allerdings war damit auch für Jahrhunderte unterbrochen. Nunmehr wurde der Gedanke der Zuweisung eines Staatsgedankens auf das Volk populärer; man ergriff vom Staatsgedanken zunehmend Besitz und stülpte diese Entdeckung Karls allmählich Europa über. Doch das ist Teil III unserer kleinen Betrachtung:

Teil III: Synthesis

Synthesis: Die Idee des Wortes theodiskaz bleibt eine Aufgabe für die Zukunft.

In dem bewußten Akt der Selbstbezeichnung als einem zusammengehörigen Volkskörper bleibt die historische Idee des Deutschtums lebendig. Der Namen ist eine Aufgabe, über die Grenzen des Individuums hinaus soziales Miteinander zu leben. Benötigt der moderne Staat eben diesen, um Verantwortung von außen an die Einzelbestandteile des Staatskörpers heranzutragen, so liegt in dem Akt der Selbstbenennung als einem zueiander gehörenden Ganzen ein diametral entäußernder Akt des Geistes. Genauer: Briten, Franzosen oder Italiener, um vergleichbare europäische Völker zu nennen, wurden aufgrund ihrer Peripherielage erst zu Staaten, bevor sie zu Nationen wurden; der Gedanke der Staatsnation ist nicht von ungefähr in diesen Ländern entstanden. Die Deutschen waren in ihrem Selbstverständnis einander zugehörig, benötigten also die strenge Bindung eines Staates nicht so unmittelbar wie die anderen. Erst, als die arbeitsteilige Gesellschaft der Neuzeit die Nationen in einen schärferen wirtschaftlichen Wettbewerb führte, wurden in Deutschland auch die Kräfte stärker, die eine straffere staatliche Organisation für unumgänglich ansahen, um den Wettbewerb mit den umliegenden Staatsnationen aufnehmen zu können. Doch diese Entwicklung war gegen die den Deutschen zugrundeliegende Lebenswahrnehmung gerichtet. Kompensationen wie ein übersteigerter Nationalismus oder die Überbetonung des Staates sind uns als Folgen bekannt. Sie konnten über einen kurzen Zeitraum den Deutschen selbst den Eindruck vermitteln, immer noch beieinander zu sein, letztlich jedoch führte dieser Weg zur Selbstzersetzung der Gemeinschaft. Am augenscheinlichsten ist dies für die Zeit des Nationalsozialismus, als Worte wie Gemeinschaft und Volk dazu dienen sollten, eine Art von scheinbarer Harmonie zu stiften, letztlich allerdings nur den Interessen einiger weniger Machtgieriger dienten und die Gemeinschaft der Deutschen auf absehbare Zeit zerstörte. Heute ist jedermann ersichtlich, daß dieser Weg für die Deutschen der falsche war, denn die Vereinzelung in unserer Gesellschaft ist unübersehbar und nur durch ein Aufbrechen des Staatsüberhangs, d.i. eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, überwindbar. Und diese Leistung können Völker für die Welt nicht leisten, deren Gründung, deren Grund sich auf die Bildung eines Staatswesens zurückführt. Die Franzosen hatten die Westfranken als dem stärksten Stamm, dem die anderen in dem Frankenreich, die eben nicht Franken waren, sich unterordnen mußten. Noch heute herrscht in Frankreich Zentralismus. Die Italiener sind einem Stamm nachbenannt, der im Südosten dem Stier huldigte, die Italer oder Italiker sind gemeint; der Begriff überzog die geographische Besonderheit der ins Meer hineinragenden Halbinsel im Süden Europas. Diese Völker waren nicht in der Lage, aus sich heraus eine Idee zu worten; sie waren über den Staat zu einer Nation geworden. Sämtliche andere Völker Europas sind entweder nach dem stärksten Stamm benannt, der in eben jener Gegend vorherrschte oder geographischen Begriffen subsumiert, ob es sich um Spanier (Iberer), Engländer (Angelsachsen) oder Schweden, Russen (Kiewer Rus) oder Polen oder um Ruthenen handelt. Die Deutschen aber als Volk in der Mitte Europas ertrugen keine Vorherrschaft eines Stammes, keines Franken- oder Sachsen- oder „Preußen“-Stammes, wobei letzterer seine Undeutschheit schon daraus bezieht, daß er eben kein deutscher Stamm ist, alles Heraufziehen der Preußen also dem westlichen Gedanken zur Bildung eines Staates, um dann die Nation zu beherrschen, geschuldet ist. Eine andere Möglichkeit hatten die Preußen nicht, sich zu erhalten, was zu ihrer Verteidigung gesagt sein soll; auch ist es lobend zu erwähnen, daß sich mehrere preußische Könige gegen die Einheit Deutschlands aussprachen - das muß ein letzter Rest Deutschtum gewesen sein. Die Deutschen sind kein Volk, das einen starken Staat ertragen kann; sie benötigen eine überschaubare Handhabung der Macht; bestenfalls einen jedem geschuldete Verantwortlichkeit (für dieses Wort gibt es in mehreren europäischen Sprachen keine Entsprechung).

Was bleibt? Die Aufgabe. Zurückfinden zu den Ursprüngen, diese prüfen, inwiefern sie zeitgemäß sind… (NEIN!), ob sie unzeitgemäß sind, aber als Aufgabe existieren? Angesprochen ist der überzeitliche Gehalt des Wortes „deutsch“.

Leo Deutsch

1855-1941
russischer Narodniki
- arbeitete an der Grundlegung der russischen Sozialdemokratie

metaphysisch (Deutschtum)

- damit der Kampf und Reiz lebendiger Triebe und Kräfte entstehe, wodurch die Geister in Lebendigkeit erhalten werden
- für die Übung der Geister ist das menschliche Geschlecht hier erschaffen

  • der Gedanke der Einheit der Mannigfaltigkeit (die Einzelstämme können sich sinnvoll entfalten)
  • die Betonung der Eigenwerte unter Anerkennung des Fremden
  • die Überordnung des Prinzips des Geistes über die Prinzipien von Natur und Macht (Sprache ist bedeutsamer als politische Konstituiertheit)

- ist von einer ethnisch-bestimmten Abstammungs- und Völkergemeinschaft zu lösen und in einer ethisch-fundierten Sprach- und Kulturgemeinschaft zu veredeln (Richard Wagner)

Sentenzen

- Bescheidenheit im Glück - unbedingter Aufschwung im Unglück (Bahr)
- wirken; werden, nicht sein (Bertram)
- gibt sich gern Rechenschaft über sein Tun ab (Goethe)
- geht von der Wesensgleichheit aller Menschen aus und sucht eine formale Entwicklung dieses Gedankens → will diesen Gedanken selbst zu seinem Ziel führen, nicht in Verinnerlichung, sondern als sittlicher Haltung (Hankamer)
- innerhalb des mystischen Gotterlebnisses einen irrationalen Logos sehen, zum Beispiel das Kantsche Ding an sich

reines Deutsch

- war im 18. Jahrhundert im Volk und Adel des katholischen Deutschlands gleichermaßen verpönt, weil es als protestantisch galt
- alle Versuche von Sonnenfels', es als neue Kanzleisprache zu etablieren, scheiterten am Widerstand breiter Schichten

 
deutsch.txt (789 views) · Zuletzt geändert: 2017/07/22 15:57 von aerolith
 
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