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faulkner

FAULKNER

William Faulkner

Faulkners poetisierter Christus

Der Leser wird gut daran tun, Faulkners LEGENDE nicht als biblischen Schlüsselroman zu lesen, denn der Autor versucht keine Mystifikation von Wirklichkeit. Man muß 420 Seiten lesen, um zu begreifen, daß Faulkner keine verschlüsselte messianische Botschaft an seinen Leser herantragen wollte. Das MOMENT im Erzählfaden, in dem der alte General seinen verräterischen Sohn in einer richten wollenden SZENE zur REDE stellt, öffnet dem ausharrenden Leser die Augen in dem Sinne, als daß er sich sagt: ‚Hat nicht Pontius Pilatus mit dem Menschensohn in der Art gesprochen?’

Aber der Reihe nach: Faulkners Verknüpfung loser Erzählfäden kann den Leser schon verwirren; wer bis zur Seite 420 lesen muß, um Zusammenhänge zu begreifen, hat entweder keine Ahnung von LITERATUR oder aber er hat sich das falsche BUCH gegriffen. Das Verwirren dürfte allerdings auch Gestaltungsmittel gewesen sein; schließlich packt Faulkner EWIG-menschliche Probleme an und die sind eben problematisch. Lösungen zieht der Mann von heute nicht mehr aus der Tasche. Es ist alles ganz anders. Also kompliziert. Faulkner zeigt diese Probleme und ergreift PARTEI. Das gefiel.

„Mut, um Mitleid haben zu können?“ sagte der General. Ja. MUT. Wenn man aufhört Mitleid zu haben, wird man von der Welt überrannt. Um so tapfer sein zu können, braucht man Stolz. „Stolz worauf?“ sagte der General. „Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich noch herauszubekommen suche.“

Es sei an dieser Stelle darauf verzichtet, die Figuren näher zu beleuchten, denn es sind Positionen, die miteinander streiten, nicht Personen. Es kommt mir auf die Botschaft des Werkes an, und diese wird aufzuzeigen sein.
Mut, um MITLEID zu haben. Eine uralte christliche Motivation führt Faulkner an. Mitleid in Kriegszeiten, das klingt wie Hohn, denn geht es nicht um das nackte ÜBERLEBEN? Faulkner hält diesem allzumenschlichen Gedanken, ähnlich wie die alten GRIECHEN, ein wuchtiges Trotzdem entgegen und hängt seine Überzeugung an den ideellen BEGRIFF des Stolzes. Dieser SPRUNG aus der Real-­ in die Idealwelt ist nicht greifbar, nur erfühlbar, und hier sei mit Faulkner mitgegangen. Um von der WELT nicht überrannt zu werden, braucht man den Stolz des eigenen Egos, um die Welt nicht zu überrennen das Mitleidenkönnen des Alteregos, das Altruistische, welches mitunter sehr viel mehr Mut benötigt als das NIETZSCHEanische Durchsetzen des WILLEns.
Zehn Seiten später, am Ende des GESPRÄCHs zwischen Adjutant und General kommt Faulkner zum Kern seines ROMANs. Es geht um KRIEG. Faulkner begreift den Krieg als AUSDRUCK des wühlenden, gärenden Bestandteils der MASSE MENSCHHEIT, die angestachelt durch das Rauschmittel Vaterland aufeinander losgeht.

Soll sich doch die gesamte, unübersehbar wühlende, gärende Masse der Menschheit zusammentun, um den Krieg zu beenden, wenn sie das will - solange wir ihr vorenthalten können, daß tatsächlich sie es war, die das schaffte. Sie sagten eben, wir hätten unsere Gesetze durchzusetzen oder müßten zugrunde gehen. Es ist nicht die Abschaffung von Gesetzen, die UNS vernichten würde. Es ist etwas viel Geringeres. Es genügt, ein einziges Wort aus dem GEDÄCHTNIS der Menschen zu streichen. Aber wir brauchen nichts zu befürchten. Wissen Sie, welches Wort das ist? Der Divisionskommandeur sah ihn einen Augenblick an. Dann sagte er: „Ja? Vaterland“, sagte der Gruppenkommandeur.

Faulkner verknüpft in diesem Auschnitt zwei Worte miteinander, die sehr wenig miteinander zu tun haben: Krieg und Vaterland und läßt diese eine Verknüpfung allein im Raum und belastet so das WORTVATERLAND“ mit einem pejorativen Sinn. Er gibt dem Gedanken kein Pendant, welches ein Auflösendes zur Folge haben könnte und muß sich wissend so sicher sein, daß der Rezipient dieses Wort Vaterland pejorativ fassen werde.
Will er das? Wenn ja, warum?
Der Melder erläutert den Faulknerschen Begriff vom Krieg näher:

Nur ein IDIOT könnte den Krieg als Dauerzustand betrachten, er kostet zuviel GELD. Der Krieg ist ein Durchgang, eine Krise, ein Fieber, das den Zweck hat, den KÖRPER vom Fieber zu befreien. Der Zweck des Krieges ist also, den Krieg zu einem Ende zu bringen. Wir wissen das seit sechstausend Jahren. Das Schlimme ist nur, daß wir sechstausend Jahre brauchten, um herauszubekommen, wie man das macht.

Natürlich spricht aus dieser Erklärung der Südstaatler und das oftmals dort beheimatete Faible fürs Burleske, erinnert sei hier an Leute vom Schlage Capotes oder Fokin, die diesen STIL für den Süden der USA prägten.
Auf Seite 10 die Botschaft des Werkes: In Christus hat der TOD ein Ende. Faulkner setzt dies kursiv, relativiert jedoch wenig später:

…aber das war in einem anderen LAND; und außerdem, die HURE ist tot.

Mich erschreckte diese Zurücknahme, denn ich hatte das GEFÜHL, daß Faulkner sich von der Deutlichkeit seines Glaubensbekenntnisses, das HOFFNUNG und ERWARTUNG gleichzeitig einschließt, derartig überrascht war, daß er nur über eine Relativierung eine von ihm als Anmaßung angesehene Behauptung in die rechte Position rücken konnte; was immer er auch darunter versteht. Großartig dagegen sind solche Sätze: Er hat vor so langer ZEIT aufgegeben, daß es ihm jetzt sogar unmöglich ist, sich zu erinnern, daß er dabei nicht einmal etwas verloren hat.
Wenn Faulkner ALTER und ENTTÄUSCHUNG zeichnen wollte, ist ihm das gelungen. Gelungen sind auch die Teile im Werk, die das VERHALTEN einer bestimmten Geisteshaltung, das der Borniertheit, satirisch aufs Korn nehmen:

„Nicht daß wir die Franzosen nötig hätten. Wir hätten uns einfach auf die Kanalhäfen zurückziehen und dem Boche PARIS überlassen können. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Die BÖRSE wäre ein bißchen nervös geworden, aber auch das nicht zum ersten Mal. Aber das ist jetzt alles vorbei. Wir haben nicht nur den Boche an der NASE herumgeführt, die Franzosen haben sich auch wieder gefangen. Nennen sie es Ferien, denn wie alle Ferien wird es bald vorbei sein. Einige von Ihnen, denke ich, werden darüber nicht traurig sein, denn die Franzosen haben ihren Denkzettel weg, und so wird beim nächsten Mal der lange URLAUB fällig werden, denn dann wird die Feuereinstellung auf der anderen Seite des Rheins erfolgen. Auf gutes GELINGEN also. Danke, meine Herren.“

Die aus diesen Worten sprechende Kenntnis dessen, was denn borniert zu nennen ist, treibt Faulkner bei der einseitigen Betrachtung des Kriegsgegners, der angemahnten Boches, dann jedoch ins Unermeßliche:

„Warum mußte er den Piloten erschießen?“ „Weil er Deutscher ist.“
Treten auf Seiten der ENTENTE dem Leser noch Menschen entgegen, die weder GUT noch SCHLECHT sind, werden die DEUTSCHEn lediglich im negativen ZUSAMMENHANG erwähnt. Er stellt an den Boches die TUGEND des Soldatischen als etwas Unumständliches fest, welche jene von der kultivierten Welt ausschließe.
Ist das Faulkners Bild vom Deutschen oder nun seinerseits südstaatlerische Borniertheit oder vielleicht die Mentalität des Siegers, der an dem besiegten kein gutes Haar lassen kann, um sich selbst zu erhöhen, vielleicht gar sein TUN zu rechtfertigen?
Einen Fensterplatz im Werk nimmt die ANEKDOTE um das PFERD Mistairy ein:

„Das Pferd“, sagte der alte NEGER. „Von dem sie behaupten, wir hätten es gestohlen. Nur daß wir das gar nicht gekonnt hätten. Auch wenn wir gewollt hätten. Weil es nie einem gehörte, dem man es hätte wegnehmen können. Es war das Pferd der Welt. Der Champion. Es gehörte nicht den Dingen, die Dinge gehörten ihm.“ Die Legende um dieses Pferd ist reich an Gleichnissen. Es ist dies die Mär von dem Zusammenhalt unterschiedlicher Menschen um einer Sache willen. Der Neger ist die interessanteste Gestalt: „Bist du ein ordinierter PRIESTER?“ „Ich weiß nicht. Ich leg Zeugnis ab.“ „Vor wem? Vor Gott?“ „Vor den Menschen. Gott braucht mich nicht. Natürlich leg ich Zeugnis vor Ihm ab, aber hauptsächlich vor den Menschen.“ „Ein wahres, rechtsgültiges Zeugnis vor Gott, das wäre ja wohl das Schlimmste, was den Menschen passieren könnte.“ „Das stimmt nicht“, sagte der Neger. „Der Mensch steckt voll von Natur und SÜNDE, und was er tut, lohnt gar nicht erst anzusehen, und ein Haufen von dem, was er sagt, ist eine Schmach und Schande. Aber kein Zeugnis kann ihn verletzen. Eines Tages schlägt ihn vielleicht was, aber es wird nicht SATAN sein.“
Der Neger widerspricht, wo andere schweigen. Er regt an, wo andere keine Äußerung erwarten. Er provoziert.
Einige Seiten später kommt Faulkner zur MORAL, samt im GLEICHNIS, im GEWAND der Legende um das Pferd und seine sonderbaren Retter:

„Wir hatten überhaupt keine Zeit, uns mit dem Gewinnen von Geld abzugeben, das wir dann hinterher hätten hüten müssen. Wir hatten das Pferd. Das Pferd hatten wir zu retten, das nie was anderes wollte und nie was anderes kannte, als allen anderen Pferden im Rennen davonzulaufen, damit es nicht nach Kentucky zurückgeholt wurde, um für den REST seines Lebens bloß einer von vielen Zuchthengsten zu sein. Wir mußten es retten, bis es sterben konnte und auch dann noch nichts wollte, nichts kannte, als allen anderen davonzulaufen. Er - der Aufrührer, der Sohn des General, dachte zuerst anders, hatte ein anderes ZIEL. Aber nicht lange. Es war in der Zeit, als wir auf dem Weg nach TEXAS waren. Wir versteckten uns eines Tages im Busch in der Nähe eines Baches, und ich redete mit ihm und an dem Abend taufte ich ihn mit WASSER aus dem Bach und nahm ihn in meine Kirche. Und danach wußte er ebenfalls, daß Wetten Sünde ist. Ein bißchen mußten wir es noch tun, um Geld zu haben zum LEBEN und für Futter für das Pferd. Aber das war alles. Das weiß Gott auch. Das war schon alles in Ordnung mit Ihm.“ „Sind Sie ordinierter Priester?“ sagte der Melder. „Ich leg Zeugnis ab“, sagte der alte Neger.

Der Neger und der Melder führen auch das Gespräch über Gott und den Krieg. Darum geht es Faulkner, um das Gleichnis Krieg als unheilvolles MITTEL zur Beseitigung von ungelösten Problemen:

„Der Krieg - soll aus sein? Der Krieg? Hat Gott Ihnen das gesagt?“ „Es ist alles ganz in Ordnung. LACHEN Sie nur über Ihn. Ihm macht auch das nichts.“ „Was soll ich anderes tun als lachen?“ sagte der Melder. „Hat er das nicht lieber als Tränen?“ „Er hat Raum für beides. Es ist beides dasselbe für Ihn. Er kann sich über beides grämen.“

In einem philosophischen VERHÄLTNIS stehend, heißt der Krieg schon im Altertum nichts anderes als REINIGUNG und PRÜFUNG. Der zu Prüfende muß sich als würdig erweisen, dieser besten aller Welten beiwohnen zu dürfen, darüber lacht Gott. Er weint über den Weg, der jedoch NOTWENDIG erscheint wegen der Natur des Menschen. Es ist dies der alte STREIT um die URSACHE und WIRKUNG allen Geschehens, um Begriffe wie Theodizee und Lauterkeit. Faulkner löst sie nicht in einem neuen Werteimperativ auf, er stellt Meinung gegen MEINUNG, aber er ergötzt sich nicht an den Faxen, die seine Figuren mit diesen ihnen in den Mund gelegten Meinungen nun vollziehen. Diese unterlassene Botschaftsverbreiterung macht seine Legende letztlich zu keinem Schlüsselroman, biblisch oder nicht, sondern zu einer Parabel. Eine PARABEL unterscheidet von einem Schlüsselroman nicht nur die LÄNGE, die Breite des Dargereichten, sondern auch die INTENSITÄT der Botschaft. In einer Parabel muß alles auf den Punkt formuliert werden, ein Schlüsselroman hat starke subjektive Bezüge. Daß sich Faulkner nicht ganz sicher war, welches literarische SUJET er nun füllen wollte, zeigen lange Schachtelsätze, die sich allesamt um die Konstituierung eines Menschenbildes ranken:

„Machtgier überdauert, nicht einmal deswegen, weil sie ist, sondern weil der Mensch Mensch ist, ausdauernd und unsterblich. Er überdauert nicht, weil er unsterblich ist, sondern ist unsterblich, weil er ausdauert: und so die Machtgier, in welcher der unsterbliche Mensch niemals versagt, denn in ihr, von ihr bekommt und erhält er seine UNSTERBLICHKEIT. Sie ist das mitempfindende, umfassende Allwesen, das nur zu ihm sagt: ‚Glaubt an Mich: und zweifelt ihr sieben Mal siebzig Mal, ihr braucht nur wieder zu glauben.“

Er zieht einen Bogen vom Menschen zu den ihn umgebenden äußeren Verhältnissen, die auf den einzelnen wieder zurückwirken und nennt dieses Verhältnis das des einzelnen zur MACHT. Der Unsinn des Krieges als Instrumentarium, politische Ziele durchzusetzen, die schließlich für den Menschen Wirklichkeit werden sollen, wird von Faulkner wenig später beschrieben:

„Und dann traf heute morgen zwischen den Fronten ein unbewaffnetes britisches Bataillon mit einer unbewaffneten deutschen Truppe zusammen, beide wurden durch Artillerie von uns und von drüben vernichtet.“ „Wir haben es also getan“, sagte der alte General. „Wir taten es“, sagte der Generalquartiermeister.“

Wir. Nicht ein britisches und amerikanisches und französisches Wir gegen ein deutsches Sie, noch ein deutsches Sie gegen ein britisches und amerikanisches und französisches Wir, sondern: Wir gegen alle, weil wir nicht mehr zu uns gehören. Nicht ein Vorwand von uns, um den Feind zu verwirren und zu täuschen, noch der FEIND, der uns verwirren und täuschen wollte, sondern Wir, die alle betrogen, daß alles sich einfach erschauernd in Selbstverteidigung gegen uns wenden mußte: ein Feuerüberfall, nicht von uns oder den andern, um den Feind daran zu hindern, uns mit Bajonetten und Handgranaten zu überrennen, oder umgekehrt wir ihn, sondern ein Feuerüberfall von Uns beiden, um nackte und waffenlose Hände daran zu hindern, nackte und waffenlose Hände von drüben zu ergreifen.“
Die im Buch nur erahnbare TATSACHE, daß die legendäre Rebellion der beiden wehrlosen Regimenter nicht ohne Blutvergießen vor sich ging, erhält hier den Status trauriger GEWIßHEIT. In dem kriegsbedingten Wirrwarr von Nicht-Ich und Gegen-Wir tritt Faulkners humanistische Grundhaltung auf: Faulkner verabscheut den Krieg aus tiefstem Inneren, daß ist eine aus eigenem Erleben geschöpfte Verneinung.
Der Aufrührer wird, wie Jesus vor Pilatus, vor den Oberbefehlshaber geführt, der ZUFÄLLIG sein Vater, nun die Stärke der MOTIVATION testen möchte und dem Korporal, dem Anstifter, die FLUCHT ermöglichen möchte, um ihn zu verderben, und letztendlich als nicht besser dagestanden zu wissen:

„Nimm meinen Wagen - du kannst doch fahren, nicht wahr?“ „Ja“, sagte der Korporal. „Wegfahren?“ „Jetzt sofort“, sagte der alte General. „Nimm meinen Wagen. Wenn du überhaupt fahren kannst, wird dich der Stander auf seinem Kühler hinbringen, wohin in Europa westlich der deutschen Front du willst…Nein, nein“, sagte er rasch, „denke bitte nicht eine SEKUNDE, ich schätzte deinen Charakter so niedrig ein oder verstünde dich falsch ­ du, dem es Montag gelang, den Krieg in fünf Minuten null und nichtig zu machen, den selbst die Deutschen, die besten Soldaten Europas, vier Jahre lang nie ganz aus der Erstarrung lösen konnten… Ich will dich nicht mit Geld bestechen. Ich gebe dir die Freiheit.“ „Um sie im Stich zu lassen“, sagte der Korporal. „Wen? Sieh noch einmal hin… Warum haben sie nicht mit ihren bloßen Händen, von denen sie ja genug haben, die Mauern Stein um STEIN niedergerissen, die von viel weniger Händen errichtet wurden, oder die eine Tür, die zu verschließen eine einzige Hand genügt, aus den Angeln gehoben und euch, die ihr für sie STERBEN wolltet, befreit? Wo sind die tausendneunhundertsiebenundachtzig anderen, die du Montag bei Tagesanbruch auf deiner Seite hattest ­ oder zu haben glaubtest?“

Der IDEALIST kämpft gegen Teile der NATUR des Menschen, aber er tut es. An dieser Stelle des Romanes könnte noch am ehesten von einem neutestamentlichen Bezug die Rede sein; allein, Faulkner geht es nicht um eine theologische, sondern vielmehr um eine mythologische Frage, nämlich: Inwiefern besteht das Menschliche vor der Übermacht unmenschlicher Verhältnisse?
Kurz darauf macht Faulkner sein Anliegen noch unter einem anderen Aspekt deutlich:

„Es war in AMERIKA, in irgendeinem Ort mit einem, glaube ich, indianischen Namen - Mississippi - ein Mann, der aus irgendwelchen niederen Motiven gemordet hatte ­ Geld oder RACHE, oder vielleicht auch nur, um sich von einer Frau freizumachen und eine andere zu heiraten; es kommt im einzelnen nicht darauf an ­ der während des Verhörs schreiend seine Unschuld beteuerte und für schuldig befunden und verurteilt wurde, und der Welt seine Unschuld ins Ohr schrie, auch noch in der vom GALGEN überschatteten Todeszelle, bis schließlich ein Priester zu ihm kam; nicht beim ersten Mal, natürlich, auch nicht beim zweiten oder dritten Mal, aber nach einer Weile doch und auch noch zeitig genug gestand der Mörder sein VERBRECHEN ein und machte so seinen FRIEDEN mit GOTT, so daß es nun fast so war, als Mörder und Priester ihre Rollen vertauscht; nicht der Priester, sondern der Mörder war nun der Starke, die Ruhe selbst, er war nicht von banger Hoffnung sondern von Überzeugung und unerschütterlichem Glauben erfüllt, der feste, ruhige, beharrende Fels, von dem KRAFT und Mut ausging, und an dem der Priester Halt finden konnte…“

SCHULD oder Unschuld ist nicht die Frage, es geht Faulkner um das Überleben menschlicher Grundwerte in unmenschlichen Situationen. Der alte General ist Ausdruck der AMBIVALENZ des Buches: Er ist wissend um die Stärken und Schwächen des Menschen, aber doktrinär und zynisch.
Faulkner entläßt seinen Leser im Zwiespalt: der Großartigkeit einzelner Vertreter des Menschengeschlechts steht der Massenmensch gegenüber: brutal, zynisch und triebhaft. Vielleicht also ist die Legende doch ein Schlüsselroman, den jeder Leser selbst finden und benutzen muß?

faulkner.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:10 (Externe Bearbeitung)