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FELLACHENTUM

- agrarisches Ägypten nach dem Verfall
- diffamierender Ausdruck Spenglers für die offiziöse Politik der Weimarer Republik → nach seiner Auffassung wurde das Reich wegen des Diktats von Versailles seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke beraubt und in eine agrarische Gesellschaft zurückgestoßen

Geldgeschichten um 1900 - wie aus Deutschland ein Fellachenstaat gemacht wurde

Eine der Festlegungen im Diktat von Versailles betraf die Reparationsleistungen des Reiches gegenüber den Entente-Mächten. Reparation bedeutet die Überweisung von Geld an den Sieger zur Wiedergutmachung der vom Verlierer gemachten Schäden während der Auseinandersetzung mit dem Sieger. Ein Tribut. Geld ist als Papierschein oder (virtuelles) Giro etwas Abstraktes und bedarf deshalb eines materiellen Gegenwertes, andernfalls ist es nicht das wert, was es Wert zu geben vorgibt. Das ist der springende Punkt. Der Staat gibt den Wert der Banknote vor und geht damit zugleich die Verpflichtung ein, den ausgegebenen Wert auf der Banknote adäquat ersetzen zu können. Theorie. Die Praxis sah um 1920 anders aus und war dato eine der größten Betrügereien der Weltgeschichte. Das Reich entledigte sich nämlich vieler seiner Schulden bei der Entente in folgender Weise:
Es gab während des Krieges zwei grundsätzlich verschiedene Methoden, das notwendige Geld für die Rüstung zu beschaffen. Während sich die Westmächte viel Geld im Ausland (v.a. in den USA) borgten, war das für das Reich nicht möglich. Die USA verweigerten das von Anfang an dem Reich, was de facto schon 1914 einer Unterstützung der Entente gleichkam, zumal das geborgte Geld quasi durch die Entente postwendend in Form von Waffenkäufen wieder zurück nach USA floß und dort die Wirtschaft ankurbelte, was wiederum dem Staat Gewinne in Form prächtiger Steuererträge einbrachte.
Aber bleiben wir bei der Geldbeschaffe des Reiches. Heinrich Dietzel schreibt in seiner klugen Erörterung „Die Nationalisierung der Kriegsmilliarden“, 1919: „Unser Auslandsbezug an Lebensmitteln und Rohstoffen hatte sich vor dem Kriege mehr und mehr gesteigert; so war die Absicht Englands, uns durch dessen Unterbindung wirtschaftlich zu ruinieren, von seinem Standpunkt aus wohl berechnet; aber sie ist uns zum Segen ausgeschlagen. Das Geld bleibt im Lande, wandert nicht, wie in England, für Munition usw. nach Amerika; bei uns gelangt es nach einiger Zeit wieder zu denen zurück, die es dem Reich geborgt haben, macht, wie Nietzsche sagen würde, den Ring der Wiederkehr durch. Es liegt auf der Hand, daß man solches Verfahren beliebig fortsetzen kann. In kürzesten Zwischenräumen folgen einander Kriegsanleihen. Dem Leben erscheint es schwer begreiflich, wie das geschehen konnte, ohne daß eine den Geldumlauf behindernde Erschöpfung des Kapitalmarkts eintrat? Aber es wuchsen eben inzwischen immer neue Kapitalreserven heran. Unsere Gegner müssen ihre fortlaufenden Kriegsbedürfnisse größtenteils im Auslande decken; deren Kraftquellen versagen daher mit der Länge des Krieges mehr und mehr, während ihre geldlichen Verpflichtungen gegenüber dem Auslande sich zu drückenden Lasten steigern. Dagegen fließen die den Händen des Reiches überlieferten Milliarden wiederum auseinander, befruchten die verschiedensten Erwerbsgebiete, legen in hundertfachen Formen den Grund zu neuen Einsparungen; diese Aufwendungen sind also keine wirklichen Kriegskosten, vielmehr Triebkräfte des Wirtschaftslebens, wie andere kapitalistische Anlagen. So hat Deutschland eine unschätzbare Überlegenheit über die fremden Staaten.“
Diese von der Universität Breslau ausgezeichnete Denkschrift wirft ein neues Licht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse im Reich und hilft erklären, wie Deutschland eine autarke Wirtschaftsform über die Kriegsjahre hinweg durchhalten konnte. Es hilft auch erklären, warum die Entente nach dem Krieg gerade Geld von den Deutschen wollte; schließlich hatten die sich im Krieg nur bei sich selbst verschuldet, waren also im Vergleich zu Engländern und Franzosen, die Milliarden Schulden bei den Amerikanern besaßen, schuldenfrei. Es erklärt auch, warum es in den 30er Jahren eine starke Autarkie-Bewegung gab; es erklärt aber nicht, warum ausgerechnet nach 1936 diese Politik verlassen wurde.
Kreislauf des Geldes: Das ist das Zauberwort. Die Deutschen gaben Staatsanleihen heraus, die vom Volk gekauft wurden. Womit? Mit dem Geld, das durch Einsatz in rüstungsrelevanten Bereichen verdient wurde. Geld: Arbeit: Produkt: Verkauf: Gewinn: neues Produkt: Staatsanleihe: Abkauf des Produzierten → Kreislauf. Die notwendigerweise daraus resultierende Verschuldung des Staates wird durch die Hoffnung auf Reparationsleistungen nach dem Sieg im Gleichgewicht gehalten. Der Kreislauf ist also gar keiner, sondern eine Mär.
Die Deutschen vermieden (notwendigerweise) eine Verschuldung im Ausland (wie England und Frankreich) und deckten die Kriegsbedürfnisse ihres Heeres mit eigenen Mitteln. Diese Methode führte zu einer Effizienzbewegung im Reich, trieb die Wirtschaft an und steigerte in zahlreichen Wirtschaftsbereichen die Arbeitsproduktivität. Die Deutschen, die sich vor dem Krieg anstrengten, für die Welt zu arbeiten, eine Exportnation zu werden, die mit allen Handel trieb, kehrten um und arbeiteten fortan für den eigenen Bedarf. Das führte zu Engpässen insbesondere bei der Versorgung mit Lebensmitteln, da das Reich zu dieser Zeit auf den Import von Lebensmitteln angewiesen war. Englands Blockade blieb in dieser Hinsicht wirkungsvoll. Aber das war bloß Terror gegen die Bevölkerung, denn die Produktion von Kriegsgütern konnte durch die Blockade nicht unterbunden werden, was den Briten schon 1915 klargeworden war. Daß sie dennoch ihre Blockade aufrecht hielten, zeugt von deren Geist und Absicht, die Deutschen selbst zu zerstören. (Die gleiche Terrorpolitik zeigte sich auch im Weltkrieg zwei, als ohne militärische Ziele Terror gegen die Zivilbevölkerung ausgeübt wurde: man denke nur an die Zerstörung Dresdens und Magdeburgs.) Andererseits führte die Ausschaltung des Reiches als Wirtschaftsfaktor im internationalen Handel letztlich auch dazu, daß die Deutschen sich nicht nur auf sich selbst zurückziehen, sondern auch darauf verzichten mußten, sich am internationalen Gedankenaustausch zu beteiligen, auf technologische Fortschritte, die außerhalb Deutschlands sich Weg brachen, weniger oder gar keinen Einfluß zu besitzen bzw. davon zu profitieren. Es bedeutete auch, daß vor dem Kriege im Reich errichtete Anlagen aus dem Ausland nicht mehr mit Ersatzteilen u.ä. beliefert wurden, also veralteten.
Je länger also der Krieg dauerte, um so mehr schwand das Volkseinkommen, denn letztlich wird aus diesem geschlossenen Kreislauf des Wirtschaftens immer etwas herausfallen, ein Weniges nur, der Staat aber muß Geld nachdrucken, für das es immer weniger zu kaufen gibt, da der Krieg Güter verschlingt, zwar Arbeit und Auskommen schafft, aber das Erarbeitete wird vom Krieg verschlungen - ganz abgesehen davon, daß auch zahlreiche Arbeiter aus dem Produktionsprozeß herausfallen. Rathenau sagte: Die Zeit arbeitet für niemanden, sondern gegen jeden. Es gibt keinen Kreislauf des Geldes, sondern dieser Kreislauf muß in Kriegszeiten dem Prinzip der Wertvernichtung folgen.
Eines aber ist auch richtig: das englische und französische Prinzip, sich den Krieg über ausländische Kredite bezahlen zu lassen, ist teurer als das deutsche Prinzip, den Krieg mit eigenen Kräften zu bestreiten.
Das vor dem Krieg zunehmend praktizierte Prinzip der Arbeitsteilung muß im Reich neu konfiguriert werden. Das bedeutet, daß zahlreiche Arbeitsvorgänge, die im Reich nicht mehr ausgeführt wurden, weil es dafür billigere Spezialisten im Ausland gab, nunmehr wieder neu angelernt werden mußten, was zwangsläufig dazu führen muß, daß die Ap sinkt. In England und Frankreich dagegen konnte nach wie vor auf Zuarbeit vom Ausland gebaut werden. Andererseits mußten die Arbeitsprozesse neu durchdacht werden, waren also Ingenieur- und Verfahrenstechniken gefragt, was diesen Wissenschaften und fürderhin der Industrie zugute kommen mußte.
Die Weichen für die Geldpolitik des 20. Jahrhunderts allerdings wurden in Amerika gestellt. Es geht um das Prinzip einer Zentralbank, d.i. eine Institution, die das gesamte Geld innerhalb ihres Währungsgebietes, meist ein Staat, kontrolliert. Sie verfügt dazu über zwei Kernkompetenzen:

  1. das Festlegen des Ausgangszinssatzes (Leitzins), zudem sich alle anderen Banken bei ihr Geld borgen müssen und
  2. sie legt die Menge des Geldes fest, das in Umlauf sein darf.

Die Macht besitzt, wer diese Zentralbank kontrolliert. Alle anderen geraten früher oder später in ein Schuldverhältnis, aus dem sich mancher befreien kann, die meisten jedoch nicht. Kritiker der Zentralbankidee verweisen darauf, daß jede von der Zentralbank herausgegebene Banknote gegen Zinsen weiterverliehen wird, die vom Schuldner bezahlt werden müssen. Sofern der Schuldner durch den Einsatz des geliehenen Geldes einen Mehrwert erwirtschaften kann, wird ihm die Begleichung seiner Schulden plus Zinsen leicht fallen, sofern Gier und Geiz die Begleichung nicht unterbinden. Mehrwert entsteht durch Arbeitsleistung. Die Kritiker des Zentralbanksystems verkennen die Dynamik der Arbeit und betrachten das Hin- und Hergeschiebe der Gelder statisch. Der statische Blick kann nur zu dem Ergebnis der Schuldsklaverei kommen. Die Kritiker erhalten starke Argumente dadurch, daß Schulden nicht als Investition genutzt, sondern zur Begleichung anderer Schulden oder zur Bestreitung des Lebensunterhalts gemacht werden. Die Schuldenfalle. Für diesen Fall ist das Zentralsystem ein schlechtes, denn dann kann der Schuldner der von den Kritikern beschriebenen Versklavung nicht entgehen.
Kurzum: eine Zentralbank ist jedenfalls etwas Positives für die Finanzwirtschaft, denn Kontrolle über Geldmenge und Leitzins verschafft Planungssicherheit und damit Rationalität. Es wundert also nicht, daß seit Entstehen von Finanzmärkten in der frühen Neuzeit die Idee der Zentralbank immer wieder zur Sprache kam. Nachdem diesbezügliche Versuche im 19. Jahrhundert in Amerika scheiterten, unternahmen die Rockefellers, Warburgs, Morgans und Rothschilds 1907 den nächsten ernsthaften Versuch. Eine Zentralbank ließ sich in den USA nur auf Gesetzesgrundlage einrichten. Gesetze werden durch Bedarf auf den Weg gebracht. Bedarf nach einer Zentralbank entsteht, wenn das bestehende Bankensystem nicht mehr in der Lage ist (jedenfalls in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit), die Einlagen der Bürger zu sichern oder die für wirtschaftlichen Aufschwung notwendigen Kredite bereitzustellen. Es bedurfte also einer Meinungsänderung der amerikanischen Öffentlichkeit. Der einflußreiche Bankier Morgan streute das Gerücht von der bevorstehenden Pleite eines seiner Konkurrenten. Das Gerücht verbreitete sich. Jeder Kleinsparer holte seine Einlagen, was die Bank nun wirklich in Schwierigkeiten brachte und dazu zwang, ihre Schuldner zur vorzeitigen Rückzahlung zu bewegen, was wiederum mit Verlusten erfolgte, was wiederum… Kurzum: am Ende war die Bank wirklich pleite und etliche Kleinsparer hatten ihre Ersparnisse verloren, etliche Betriebe wegen der vorzeitigen Rückzahlung ihre Liquidität eingebüßt und einer hatte nun die Möglichkeit, das amerikanische Parlament von der Notwendigkeit der Einsetzung einer Zentralbank zu überzeugen.
Der Kongreß setzte einen Untersuchungsausschuß unter dem republikanischen Senator Aldrich ein, dessen Tochter mit dem einzigen Sohn des reichsten Mannes der Welt verheiratet war, John D. Rockefeller jr.. Wie günstig! Nelson Aldrich, der sich aus einfachen Verhältnissen nach oben gearbeitet hatte, schlug dem Kongreß nach Ablauf der Untersuchung des Ausschusses vor, eine Zentralbank einzurichten, die künftig mögliche Paniken am Finanzmarkt unterbinden würde und so die Einlagen der kleinen Leute sichere.
[..] Der erfolgreich von Wilson durchgebrachte FRA (Federal Reserve Act) hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Höhe der Geldmenge. Zwischen 1914 und 19 erhöhte die Fed (Zentralbank der USA) die Geldmenge um 100%, das meiste zur Finanzierung des Krieges. Nach dem Krieg wurde die Geldmenge wieder reduziert, klar, denn nun gab es keinen Krieg mehr, der finanziert werden mußte. Statt dessen lohnte sich die Deflationspolitik, denn das viele nach Europa gebrachte Geld und von dort wieder zurücktransferierte Geld für Waffenkäufe (die nun aber zerschlissen und wertlos waren) stand in den Büchern der amerikanischen Bankiers, reduzierte man die Geldmenge, gewann es an Wert und zugleich wurden die Sachwerte (konkurrierende Unternehmen, Land, ausländische Aktien) für die Fed billiger. Zugleich half es der Fed, im Inland konkurrierende Banken und -systeme aus dem Geschäft zu drängen. 1920 brachen nach der Bargeldreduzierung durch die Fed allein in Amerika 5400 Banken zusammen (das gleiche Spiel wie 1907), die Fed (Rockefeller, J.P. Morgan, Rothschild und Warburg samt Genossen) sammelte lukrative Reste zusammen und verteilte sie unter den Töchtern der vier großen Bankensysteme, die die Fed ausmachten.
Das Wirtschaftsdenken des Imperialismus wird, wie im Merkantilismus, vom Geld bestimmt. Der Kapitalismus begann um 1800 im Reich nicht merkantilistisch. Fichte , bald ähnlich auch Hegel und Adam Müller, beschrieb den Handelsstaat als vernunftgemäßen (ratio), der die Wünsche ALLER seiner Bürger erfüllt, was materialiter jedem den Anspruch auf den gleichen Teil des im Staat erzeugten Gesamtwertes der Güter bedeutet: der Staat wird nicht zum Bewahrer, sondern dazu bestimmt, Eigentum gerecht zu verteilen, allerdings nicht zu vergesellschaften oder den Staat zum größten Unternehmer zu machen. Das war NICHT Fichtes Intention.
Diese Vorstellung hatte sich im Reich durchgesetzt und erklärt die bis heute anhaltende Affinität der Deutschen zu ihrem Staat, den sie eben daran messen, inwiefern er in der Lage ist, ein gerechter Sachwalter des Erwirtschafteten zu sein.
Im Westen gab es einen anderen Ansatz, den des aus dem individuell Erwirtschafteten zu guter Letzt allen Zugutekommens. Adam Smith. Der Staat fungiert als Korrelat zur Bändigung und Erziehung der Masse und NICHT, wie die Deutschen das verstanden, als Hort der Freiheit und Gerechtigkeit, die AUCH Sicherheit schafft.
Das ist ein fundamentaler Unterschied, der die Stellung Deutschlands in der Welt markierte. Der Krieg besaß einen Kriegsgrund in diesem Ansatz, der die Macht des Westens bedrohte.
Nach dem Krieg brach das neue Wirtschaftssystem vollends durch: Während das persönliche Leben der meisten Menschen gegenständlich blieb (Ware-Geld-Arbeit-Land), umflossen Ströme von Geld den Erdball, heute Tokio, morgen Berlin, übermorgen Neuyork. Verschreibungen, Mutmaßungen über zu leistendes, unklare Wertsetzungen, die Krieg, Politik und der Willen der Mächtigen bestimmten, setzten fest, daß ein Haus in München hundert Mal weniger wert sein sollte als eines in Oklahoma. Die Gelder flossen unsichtbar in Sekundenschnelle; ein Telegramm, ein Anruf… Das Geld verlor seine Raumgebundenheit und wurde virtuell. Eine Parallelwirtschaft, die abstrakt Wert bestimmte und darüber tatsächliche Urteile abgab, die mittels des Oberbaus auf die Besitzarmen zurückwirkte und ihnen Handlungen vorschrieb: Enteignung, Verschuldung, Wertsetzung, Hamsterrad…
Und aus dem freien und wertschöpfenden Deutschen wurde so ein Fellache, ein in Abhängigkeit von anderen stehender workaholic. - Oder?

 
fellachentum.txt (2808 views) · Zuletzt geändert: 2016/05/13 22:16 von aerolith
 
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