Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


gespraechsanalyse

GESPRÄCHSANALYSE

I. Einleitung

  • Titel, Autor
  • Erscheinungsjahr / Erscheinungsort
  • Textart innert der das Gespräch geführt wird
  • Vorstellung der Gesprächspartner  äußere und innere Charakterisierung
  • Anbindung an dramaturgische Bestandheit: Abschnitt des Dramas

Interpretationshypothese → wird meist erst NACH dem Lesen des Gesamtgesprächs formuliert und muß nicht verifiziert werden

II. Hauptteil

  • Wer redet?
  • Welche gesellschaftlichen, psychologischen und dramaturgischen Besonderheiten sind den Personen des Gesprächs anfangs zuzuweisen?
  • Was haben die Gesprächspartner miteinander zu tun?
  • In welchem Verhältnis / in welcher Beziehung stehen sie zueinander?
  1. symmetrische Beziehung: Freunde, Geschwister, Kollegen, …
  2. asymmetrische Beziehung: Eltern-Kind / Lehrer-Schüler
  3. komplementäre Beziehung: sich gegenseitig bedingende Liebe/Haß

Gesprächsanlaß

  1. Umstände des Gesprächs: Ort, Zeit, Umfeld
  2. Grundstimmung am Anfang des Gesprächs (traurig, fröhlich, sachlich, entschlossen, wild, verwirrt, aggressiv…)
  3. Szene
  4. Welche Stimmung herrscht bei dem Gespräch?
  5. Welche Stimmung herrscht zwischen den Gesprächspartnern?
  6. Gibt es Störungen? Findet das Gespräch permanent statt?

Inhalt

  1. Was ist das Thema?
  2. Gesprächsart: Um welche Art des Gespräches handelt es sich? Konfliktgespräch, Streitgespräch, Interview, Diskussion, Zufallsgespräch, Verkaufsgespräch, Alltagsgespräch, Grundsatzgespräch, etc.

Entwicklung

  1. Wie verläuft das Gespräch?
  2. Gibt es Überraschungen? Welche? Warum ist das eine Überraschung?
  3. Gibt es Wendepunkte?

Gesprächsführung

  • Wer redet viel / wenig? Wer dominiert? → Redeanteile fixieren, auch rechnerisch
  • Wer führt das Gespräch? → wechselt die Gesprächsführung?
  • Welche Absichten haben die Gesprächspartner am Anfang? Ändert sich das Gesprächsverhalten, ändern sich die jeweiligen Absichten?
  • Welche Strategien nutzen sie, um ihre Ziele zu erreichen? → direkt, indirekt, verlogen, unterwürfig, faktisch, allgemein, speziell, sehr detailliert, verworren
  • Ist etwas im Gespräch oder Verhalten auffällig? → sprachliche Besonderheiten; Tobsucht, Traurigkeit, Einsatz mimischer Mittel
  • Was denken / fühlen Sie über den jeweils anderen? → deutet das Verhalten auf wechselnde Bewertungen hin? Bleibt der Status jeweils erhalten? Gibt es ein Gesprächsergebnis?

Konflikt

  • Was ist der Streitpunkt?
  • Welchen Standpunkt haben die Gesprächspartner?
  • Funktion des Gespräches
  • Was soll das Gespräch in dem Text bewirken?

Stil

  • Gibt es stilistische Auffälligkeiten?
  • Werden rhetorische Mittel verwendet?
  • Welche Art der Sprache wird verwendet? Umgangssprache, viele Fremdwörter, Fachbegriffe, förmliche Formulierungen, Emotionen

→ Anbindung analysierter Bestandteile an die Wirkung und die inhaltliche Aussage des ATs; auf die Aufgabenstellung achten

III. Schluß

  • An wen richtet sich der Text?
  • Warum ist der Dialog in dem Text?
  • Welche Rolle spielt das Gespräch für den gesamten Text?
  • Welche Konsequenz hat der Gesprächsausgang?
  • Was soll er verdeutlichen?

literaturhistorischer Hintergrund

  1. Haben die geschichtlichen, politischen, religiösen Lebensumstände des Autors eine Bedeutung?
  2. Welchen Bezug hat die Szene zu der Zeit, in der sie stattfindet?
  3. Gibt es eine Verbindung zwischen den Lebensumständen des Autors und dem Text?

Fazit

  • Was will der Text bewirken?
  • Warum ist das Gespräch so verlaufen?
  • Wenn in der Einleitung eine Behauptung oder These aufgestellt wurde: wurde sie bestätigt oder widerlegt? Wie? Warum?

1. Theoretischer Teil: Sprache und soziale „Wirklichkeit“

Hier soll ein spezifisches sprachliches PHÄNOMEN qualitativ untersucht werden, welches meist ein KONSTITUTIVer Bestandteil von Interaktionen ist, die sich durch die symbolische KONSTRUKTION von Hierarchien im Sinne einer Herstellung von Machtgefällen charakterisieren lassen. Das sprachliche Phänomen, um das es hierbei gehen soll, ist das der Drohung beziehungsweise Bedrohung. In Folge einer konversationsanalytischen Betrachtung einer ausgewählten SZENE sollen hierbei wesentliche Bedingungen für den ERFOLG einer solchen Konstruktion sozialer Ordnung herausgestellt werden. Hierzu werden zunächst im theoretischen Teil der ARBEIT einige bedeutsame AUSSAGEn zu symbolischen Interaktionen und deren Potenzial, Wirklichkeit und soziale Ordnung konstruiert, wobei sich auf die Autoren Anselm Strauss und Paul WATZLAWICK bezogen werden wird. Im sich anschließenden empirischen Teil soll rückbezüglich auf die soeben getroffenen theoretischen Aussagen ein fiktives Fallbeispiel analysiert und ausgewertet werden.
Nach Anselm Strauss kommt der SPRACHE eine entscheidende ROLLE für das menschliche VERHALTEN zu, und sie ist keinesfalls nur als eine weitere Verhaltensweise des Menschen zu verstehen. Vielmehr vertrete ich die Ansicht, daß Sprache und SPRECHEN, ja jedwede KOMMUNIKATION, unsere Wirklichkeit zu maßgeblichem Anteil „formt“. So kann der Sprache zum einen die FUNKTION der Benennung zukommen. Benennung, die Bezeichnung eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, impliziert gleichzeitig, daß man diesen in die wahrgenommene Wirklichkeit einordnen kann und mit ihr inhaltlich, d.h. von Sinnhaftigkeit durchsetzt, zu verknüpfen fähig ist. Somit hat der AKT der Benennung die Funktion von Einstufung und Klassifikation inne. Mit der Benennung beispielsweise einer SITUATION oder auch einer PERSON hat man diese als etwas Bestimmtes identifiziert, was gleichzeitig beinhaltet, daß man sie auch kategorisierte. In diesem Sinne wird die WELT in Klassen eingeteilt, die aus der Abgrenzung der verschiedenen Klassen untereinander gewonnen werden. Und da die Klassen in unterschiedlichster Weise zueinander in Beziehung gesetzt werden können, ergeben sich MÖGLICHKEITen der definitorischen Abgrenzung der Dinge.
Dementsprechend liegt das Gemisch von Eigenarten, welches ein bestimmter Sachverhalt aufweist, nicht in der „NATUR der Dinge“ per se, sondern eben in der Bedeutung, die man diesem Sachverhalt mit dessen Benennung entgegenbringt. Indem Dinge und Sachverhalte benannt und damit einordnet werden (kulturell symbolisiert), hegt man gewisse Erwartungshaltungen bezüglich der Interaktion mit dem bezeichneten OBJEKT. Gewissermaßen läßt sich sagen, daß ein Akt der Benennung bestimmte Handlungsmuster vorgibt, die aus den antizipierten Erwartungen gegenüber dem Objekt herrühren. Erfahrungen können hierbei entscheidenden konstitutiven Einfluß auf die spezifischen Erwartungshaltungen ausüben und somit der Konstruktion von Interaktionen der Individuen einen konkreten Bezugsrahmen gegenüberstellen. Wenn wir beispielsweise die Situation einer Geiselnahme betrachten, wird dies besonders deutlich. Der institutionelle Akteur POLIZEI definiert eine andere Person aufgrund deren Verhaltens als Geiselnehmer. Dieser NAMENSGEBUNG, die gleichzeitig die Situation kategorisiert, folgt seitens der Polizei, die aus institutionellen Gründen mit dieser Situation umzugehen hat, ein Handlungsablauf, der die Erwartungen der Staatsorgane in bezug auf einen Geiselnehmer ganz allgemein widerspiegelt. Diese Erwartungshaltung, d.h. das Handlungsmuster, ist in diesem Beispiel sogar in Form polizeilicher Dienstvorschriften schriftlich festgehalten und rührt her aus ERFAHRUNGswerten und allgemeinen Annahmen zur Schlichtung derartiger Situationen, die über die Jahre hinweg angesammelt wurden.
In ganz ähnlicher Weise nimmt auch der Geiselnehmer die Situation aus seiner eigenen, aus Erfahrungen resultierenden Perspektive war. Gleich, was auch immer ihn zu der Aktion bewogen haben mag, er konstruiert eine Form symbolischer Definitionsmacht durch sprachliche Gesten, indem er zum Beispiel den gewöhnlichen Handlungsabläufen der Kunden in einer Bank durch sprachliche Mitteilung einen neuen Bezugsrahmen gegenüberstellt und ihre Rolle nun als Geisel und die seinige als Geiselnehmer definiert, wobei in diesem Beispiel eine WAFFE das Medium sei, das das nunmehr derart hergestellte Machtgefüge plausibel visualisiert.
Den Anwesenden in der Bank wurde durch den Mann, der eben in den Vorraum gestürmt kam, höchst glaubhaft mitgeteilt, daß sie ab sofort seine Geiseln seien. Im ALLGEMEINen führt eine solche Benennung einer Situation zu Erwartungshaltungen in den Betroffenen, die in eher passiven Verhaltensweisen, wie zum Beispiel ausharren und den gegebenen Anweisungen Folge leisten, münden. Erreicht wird so ein aus der Sicht des Geiselnehmers „kooperatives“ Verhalten durch den Einsatz von Drohungen, demnach verbalen Mitteilungen, die auf eventuell eintretende Handlungen verweisen, wobei deren Inhalt im Adressaten wiederum Erwartungen negativer Natur wecken sollen.
Allerdings stellt der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick fest, daß eine Drohung nur dann ihr ZIEL zu erreichen im Stande ist, wenn dem Empfänger deren Eintreten auch plausibel gemacht werden kann. Hat die Drohung Erfolg, werden die Geiseln ihren Handlungshorizont entsprechend der Definitionsgebung, die ja implizit eine bestimmte Palette von möglichen Handlungsmustern enthält, einstellen. So ist es leicht einzusehen, daß eine sehr gespannte Interaktion bezüglich des Geiselnehmers und seiner Geiseln weitaus andere Handlungsopportunitäten mit sich bringt als ein unter diesen Umständen in „entspannter Atmosphäre“ angesiedeltes Verhältnis.
Richtungweisend für den CHARAKTER des Verhältnisses zwischen Täter und OPFER in diesem Beispiel ist, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, zu großem Anteil die Interaktion zwischen Geiselnehmer und Polizei als dritten Interaktionspartner.
Meist gibt der dienstvorschriftliche Handlungsrahmen in bezug auf Situationen wie Geiselnahmen die kommunikative Auseinandersetzung mit dem Täter vor. Zielsetzung: den Tatbestand zu einem „glimpflichen“ Ende bringen. Hierbei wird durch sprachliches Einwirken, teilweise unter psychologischer Aufsicht, gehandelt, indem die Seite der Staatsgewalt, beispielsweise durch einen Telefonanruf, ihrerseits die Situation aus der eigenen Perspektive benennt, einordnet und definiert. Darin sind, wie bereits oben erwähnt, Erwartungshaltungen bezüglich der Handlungen des Geiselnehmers eingebettet, die vom selben in Form seiner eigenen Handlungen gegenüber den Geiseln und der Polizei reflektiert werden. Daraus ergibt sich aus dem gesamten Interaktionsgeflecht „Polizei – Geiselnehmer – Geiseln“ eine durch kommunikative MITTEL gesteuerte Handlungsgeschichte, in der die interaktive Verbalisierung zu spezifisch definierten Handlungshorizonten führt. Dies geschieht in Folge von Benennung, Einordnung und Antizipation bezüglich der Situation und der an ihr Beteiligten. Die eigene Handlungsweise wird hierbei stark davon beeinflußt, wie man sich selbst wahrnimmt und in Reflexion auf die anderen einschätzt. Letztendlich gibt die Sprache die Kategorien vor, in denen sich unsere WAHRNEHMUNG, Selbstwahrnehmung und damit auch unsere Handlungsdimensionen einfügen.
In Anlehnung an die Arbeiten Strauss' betont auch Paul WATZLAWICK das realitätskonstitutive POTENTIAL symbolischer Interaktionen, daß er auch in nonverbalem Verhalten, wie beispielsweise der Gestikulation oder auch der „Nicht-Reaktion“ offen manifestiert sieht. Da jedes wahrgenommene Verhalten andere in ihrer Konstruktion der subjektiven sozialen Wirklichkeit beeinflußt, können diese nicht nicht reagieren in der Form, als daß sie von dem Sprachereignis in keiner Weise tangiert werden würden. Folglich ist es nach Watzlawick nicht MÖGLICH, nicht kommunikativ zu handeln, da alles Verhalten gleichzeitig auch Kommunikation im Sinne des Austauschs sozialer Symbole ist und demnach selbst Nichtbeachtung oder Schweigsamkeit als Elemente sozialer Interaktion aufzufassen sind. Insofern trägt Kommunikation stets einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt in sich.
Der inhaltliche Aspekt ist hierbei in dem Transfer von Daten, also der Informationsweitergabe zu SEHEN, während der Beziehungsaspekt der Kommunikation Auskunft darüber gibt, welches Verhältnis zwischen Sender und Empfänger die Kommunikation prägt. Dieser weniger augenscheinliche Aspekt ist letztlich dafür verantwortlich, wie die Informationen einer Mitteilung vom Empfänger im Sinne des Senders verstanden werden sollen. Diese der Kommunikation immanente Form der Sinnzuschreibung kann auf diese Weise symbolische Reglements schaffen, die den folgenden symbolischen Austausch konstitutiv arrangieren können.

Ein diesen Aspekt der Kommunikation besonders gut illustrierendes Beispiel ist das sprachliche Phänomen der Drohung, welches auch THEMA dieser Arbeit ist. Nach Watzlawick definiert sich die Äußerung einer Drohung in der FORDERUNG nach einem bestimmten Verhalten mit der Ankündigung bestimmter, meist negativ konnotierter Folgen bei Nichtausführung der eingeforderten Verhaltensweise. Damit eine Drohung als solche überhaupt realisiert werden kann und somit die Option auf potentiellen Erfolg entwickelt, müssen drei Vorraussetzungen erfüllt sein:

  1. Zunächst muß eine in diesem Sinne erfolgende Handlung den Rezipienten erreichen können, um überhaupt die Option zu haben, sich als Drohgebärde darstellen zu können.
  2. Des weiteren müssen die in einer Drohhandlung erwähnten Konsequenzen inkooperativer Reaktionen hinlänglich plausibel sein, so daß deren symbolische Zuschreibungskraft im Rezipienten einen dem KONTEXT angemessenen HORIZONT potentieller Handlungsopportunitäten eröffnet. Einfacher ausgedrückt: Die Drohung muß einen Kontext entspannen, der die Chance birgt, daß sie ernstgenommen werden kann.
  3. Ein drittes Charakteristikum, das die erfolgintendierte Drohung auszeichnet, ist der Umstand, das der Bedrohte in jedem Falle die Chance haben muß, der in der Drohung zum Ausdruck gelangten HANDLUNGsaufforderung nachkommen zu können. Erst die Erfüllung dieser drei Vorraussetzungen, ermöglichen die symbolische Konstruktion der Sinnzuschreibung, die innerhalb der Drohhandlung transportiert werden soll.

Um noch einmal das Beispiel des Geiselnehmers in der Bank aufzugreifen, so wird hier leicht ersichtlich, daß die Nichterfüllung der drei von Watzlawick herausgestellten Bedingungen die weiteren Abläufe und damit verbunden Realitätskonstruktionen aller Beteiligter tangieren würde, beispielsweise wenn das drohende INDIVIDUUM statt einer Waffe eine Banane zur Unterstreichung seiner Drohgebärde verwenden würde.

Nach dem nun einige Aussagen über sprachliche Interaktionen im Allgemeinen und dem Phänomen der Drohung im speziellen getroffen wurden, sollen nun anhand eines Beispiels entsprechende Mechanismen herausgearbeitet werden, die als solche innerhalb von Interaktionen eine Beziehung zwischen symbolischen Formationen und sozialen Sachverhalten herstellen und so die Konstruktion sozialer WIRKLICHKEIT konstitutiv beeinflussen.

2. Empirischer Teil: qualitative Betrachtung einer Drehbuch-Konversation

Ich habe mich im Rahmen der in dieser Arbeit zu erfolgenden empirischen UNTERSUCHUNG des spezifischen interaktionalen Phänomens der Drohung für einen Dialog aus einem Drehbuch entschieden. Auf der SUCHE nach geeignetem narrativem Untersuchungsmaterial kam mir der Gedanke, daß sich ja gerade die für ein Massenpublikum aufbereitete Karikierung sozialer Wirklichkeit in FORM des Hollywood-Films besonders reichhaltig an auffälligen kommunikativen Mitteln zur Konstruktion sozialer Sachverhalte bedient. Da üblicherweise bei der Produktion von Filmen in Hollywood deren nachherige weltweite Vermarktung angestrebt wird, sind Drehbuchautoren und Dramaturgen aufgrund des materiellen Sachzwangs, dem sie im Rahmen einer erfolgreichen Teilnahme an der Filmindustrie ausgesetzt sind, gezwungen, möglichst interkulturell unabhängige SYMBOLiken und daher eine eher allgemeinverständliche Metaphorik in Filmdialogen anzuwenden. Dies vorrausgesetzt kann davon ausgegangen werden, daß gerade im kommerziellen Filmsektor höchst pointierte und zum Teil auch drastifizierte Austauschhandlungen zwischen Individuen in scheinbar stereotypen Kontexten konstruiert werden, die gerade aufgrund ihrer INTENTION, nämlich der Abbildung menschlichen Handelns, wesentliche Merkmale interindividueller Kommunikation aufweisen und diese ebenso verwenden wie im „Alltagsleben“.

Eine QUELLE für Drehbücher vor allem US-amerikanischer Filmproduktionen findet sich unter http://www.scriptfly.com/screenplays/, eine andere unter http://www.script-o-rama.com/table.shtml.

Bei dem im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchenden Beispiel handelt es sich um einen Drehbuchausschnitt aus „Pulp Fiction“ von Quentin Tarantino aus dem Jahre 1995. Die genaue Szene, in der die hier näher zu untersuchende KONVERSATIONssituation spielt, ist die 8. Szene, welche für die ANALYSEtätigkeiten von mir umgeschrieben wurde und in der ich mein Hauptaugenmerk auf die Betrachtung der ersten vier Segmente richten werde, um den Rahmen dieser konversationsanalytischen Erörterung angemessen zu halten.

Die beiden Protagonisten Jules und Vincent betreten in dieser Szene ein Hotelzimmer, in denen sich mehrere junge Männer („Jungs“) aufhalten. Wie die Filmhandlung in weiteren, im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht näher zu erörternden Szenen erkennen läßt, sollen Jules und Vincent im Auftrag ihres offenkundig der organisierten Kriminalität zugetanen „Boss“ Marsellus Wallace hier eine nicht näher bezeichnete Tasche beziehungsweise einen Koffer wiederbeschaffen, derer sich die besagten jungen Männer in dem Hotelzimmer illegitim bemächtigt zu haben scheinen. Innerhalb dieser situativen Ausgangsgegebenheiten entspannt sich im Folgenden eine symbolische Interaktion zwischen den Beteiligten, die im wesentlichen zwischen Jules und Brett, dem „Sprecher“ der im Hotelzimmer befindlichen Personen stattfindet, jedoch auch alle anderen (insgesamt fünf Personen) in dem RAUM gleichermaßen einschließt.

Zur weiteren Betrachtung der in dieser Kommunikation zum Tragen kommenden sprachlichen Bedingungsgefüge, ist es NOTWENDIG, den in der Filmszene dargestellten Handlungsverlauf zu segmentieren und in seinen kommunikativen Aussagen strukturell zu beschreiben. Hierfür habe ich die Szene der Drehbuchfassung entnommen und in neun Segmente aufgeteilt, deren Beschreibung im weiteren erfolgen soll:

Segment I (S.1/1 – 40): standardisierte Begrüßung / Einleitung der Kommunikation

Es ist am Morgen. Die Zimmertür wird geöffnet, Jules und Vincent betreten mit den Händen in den Taschen den Raum mit den drei relativ überraschten jungen Männern namens Brett, Roger und Marvin, die gerade an einem Tisch sitzen und essen. Jules sagt sinngemäß „Hey, kids.“ Und weiter: „How you boys doin?“ Es erfolgt keine Antwort. Jules wendet sich in Wahrnehmung der Nichtreaktion auf seine Frage direkt an den vor ihm sitzenden Brett und stellt die rhetorische Frage, ob er nicht gerade eine Frage gestellt hätte, was Brett zum Anlaß nimmt, die als Höflichkeitsfrage anmutende Äußerung „How you boys doin?“ mit der standardisierten Höflichkeitsantwort „We re doin okay.“ zu beantworten. Derweil bewegt sich Vincent im Raum hinter die jungen Männer.

Segment II (S.1/42 – S.2/4): Intensivierung / Kontextualisierung der Kommunikation

Der aufgebaute Kontakt wird nun intensiviert, indem Jules per Frage-Antwort-Spiel mit Brett zur Sprache bringt, daß sie im Auftrag eines gewissen Marsellus Wallace handeln, der offenbar auch Geschäftspartner der „Jungs“ ist, denn die von Jules gestellte Frage, ob sie (die „Jungs“) sich an ihren Geschäftspartner erinnern würden, beantwortet Brett nach Zögern mit „I remember him.“. Außerdem „errät“ Jules im Zuge dieses Austauschs den Namen von Brett, die Kommunikation erhält also eine persönlichere Nuance.

Segment III (S.2/6 – S.3/15): Vermehrte Intensivierung / Ablenkung: ein Cheeseburger als Medium sozialer Strukturierung

Das GESPRÄCH wird nun auf GROTESKe Weise von Jules umgelenkt. Er nimmt aufgrund der Speisen auf dem Tisch an, die jungen Männer beim Frühstück gestört zu haben („Looks like me and Vincent caught you at breakfast, sorry bout that.“). Es entspinnt sich wiederum ein Frage-Antwort-Spiel mit Brett, das sich um Cheeseburgers dreht und dessen Ergebnis ist, daß Jules von Brett erfragt, ob er von seinem (Bretts) Cheeseburger abbeißen dürfe, was Brett zuläßt und Jules hierauf tut. Hierdurch wird die Kommunikation weiter intensiviert, indem nunmehr ein gewisser physischer Kontakt durch das „Teilen der Speisen“ hergestellt wird. Jetzt versucht Jules seinen Partner Vincent zu involvieren, indem er ihn fragt, ob auch er schon einmal einen Burger dieser Sorte gehabt hätte. Vincent verneint dies und lehnt im weiteren das Angebot Jules ab, selber einen Bissen von Bretts Cheeseburger zu nehmen, da er nicht hungrig sei.
Hierauf erzählt Jules in einer kurzen EPISODE, daß seine Freundin Vegetarierin sei, was ihn selbst zu einem solchen machen würde („Me, I can t usually eat em [cheeseburgers – d. Verf.], cause my girlfriend s a vegetarian. Which more or less makes me a vegetarian, …“)
Daraufhin wendet er sich wieder Brett zu und fragt: „You know what they call a Quarter Pounder with Cheese in France?“, was Brett verneint. Jules fordert Vincent auf, die Antwort „Royale with Cheese“ Brett zu sagen, dem er nachkommt. Als hierauf Brett auf Jules Frage „You know why they call it that?“, mit dem Hinweis auf das metrische SYSTEM in Europa richtig antwortet, bezeichnet ihn Jules als „smart motherfucker“. Im weiteren erfragt er von Brett, von einem auf dem Tisch befindlichen Fast-Food-Getränk trinken zu dürfen, was Brett wiederum zuläßt.

Segment IV (S.3/17 – S.3/49): Positionierung von Jules / „Grund“ der Kommunikation wird geborgen

Der kommunikative Austausch über die im Raum vorhandenen Speisen wird nun abrupt von Jules beendet, indem er sich nach dem Trinken Roger (einem der „Jungs“) mit der Anrede „You, Flock of Seagulls, you know what we re here for?“ zuwendet, was dieser nickend bejaht. Jules fragt Roger rhetorisch: „Then why don t you tell my boy here Vince, where you got the shit hid.” Hierauf schaltet sich Marvin ein (der dritte der “Jungs” von der Zimmertür) und versucht zu sagen, wo „the shit“ versteckt ist, jedoch wird er hierbei von Jules arg unterbrochen, der feststellt, sich nicht erinnern zu können, Marvin zum Reden aufgefordert zu haben, was nunmehr offensichtlich macht, daß er (Jules) für sich in diesem Kontext die handlungsleitende Position für alle anwesenden Subjekte als gegeben wahrnimmt. Da er gleich darauf Roger wieder direkt zum Reden auffordert, unterstreicht er diese Wahrnehmung seiner selbst, auch wiederum gegenüber den anderen. Roger gibt das Versteck an, woraufhin Vincent es dort hervorholt und nach Zögern ob des anscheinend paralysierenden Inhalts der gefundenen Aktentasche Jules Frage: „We re happy?“ mit „We re happy. beantwortet.

Segment V (S.3/51 – S.4/17): drastische Symbolisierungen und Dramatisierung der Situation / Rekontextualisierung der Kommunikation

Jetzt spricht Brett Jules an und versucht in höflichem Ausdruck dessen Namen zu erfahren, der ihm ja noch immer unbekannt ist. Dem entgegnet Jules rüde: „My name s Pitt, and you ain t talkin your ass outta this shit.“, was Brett wiederum zum Anlaß nimmt, sein Bedauern darüber auszudrücken, daß die Dinge zwischen ihnen (den „Jungs“) und ihrem Geschäftspartner Mr. Wallace regelrecht „fucked up“ im Sinne von „ins Arge“ geraten sind. Er wird jedoch in seinen diplomatischen Bemühungen unterbrochen, als Jules eine Pistole zieht und Roger von seinem Stuhl schießt.
Brett ist nun sehr ängstlich und zittert am ganzen KÖRPER. Jules „entschuldigt“ sich bei Brett dafür, daß „er seine Konzentration gestört“ habe und fordert ihn auf, in seiner REDE fortzufahren. Brett ist jedoch vor Angst unfähig zu sprechen.

Segment VI (S.4/19 – 4/52): erneute groteske Ablenkung / Drastifizierung und Personalifizierung der Kommunikation

Jules spricht nun emotional erregt und wird zynisch, indem er so tut, als ob er keine Erklärung für Bretts sprachliches Unvermögen habe und gibt zu verstehen, daß er Brett Unvermögen fortzufahren als ihn provozierende Beendigung des Gesprächs betrachtet und nunmehr von ihm verlangt, das Aussehen Mr. Wallace zu beschreiben. Doch Brett bekommt noch immer kein WORT heraus, was Jules dazu animiert, den zwischen ihn und Brett befindlichen Tisch gewaltsam umzustoßen, so daß er keine Barriere mehr zwischen beiden darstellt und Jules somit vor dem sitzenden Brett steht.
Jules fragt Brett, aus welchem LAND er stamme, dieser reagiert jedoch eher apathisch als RATIONAL mit „What?“ Jules sagt nun, daß er kein Land namens „What“ kenne und fragt, ob man in diesem Land Englisch spräche, woraufhin Brett wiederum nur ein „What“ hervorstammelt. „English-motherfucker-can-you-speak-it?“ entgegnet Jules nun in rüder Manier dem noch immer paralysierten Brett, der auf diese Frage endlich mit “Ja“ antwortet. Erneut soll er nun beschreiben, wie Mr. Wallace aussieht. Wiederum entgegnet Brett auf diese Aufforderung mit „What?“
Jules nimmt nun seine Pistole, preßt sie Brett gegen die Wange und sagt: „Say What again! C mon, say What again! I dare ya, I double dare ya motherfucker, say What one more goddamn time!” Die Durchdringung des räumlichen Abstandes durch die BERÜHRUNG Bretts mit einem GEGENSTAND seitens Jules (in diesem Fall eine Waffe) personalifiziert den situationsspezifischen Kontext durch Überwindung persönlicher Distanz.

Segment VII (S.5/1 – 5/30 bis „fuck im“): Definition der Ausweglosigkeit

Hieraufhin sinkt Brett in seinem Stuhl zusammen. Erneut die Aufforderung Jules , Mr. Wallace zu beschreiben. Brett bemüht sich und versucht nun sein Bestes und vermag zu sagen, daß besagter Mr. Wallace schwarz und groß sei. Da unterbricht Jules ihn und fragt KONKRET: „ –does he look like a bitch?“ Irritiert fragt Brett „What?“, was Jules zum Anlaß nimmt, ihm in die SCHULTER zu schießen, woraufhin Brett verwundet im Sessel verharrt und spasmischen Anfällen unterliegt. Jules fragt erneut: „Does-he-look-like-a-bitch?“, was Brett verneint. Jedoch scheint Jules ihm das nicht zu glauben, denn er fragt ihn nun: “Then why did you try to fuck im like a bitch?!“ und Brett entgegnet, daß er dies nicht getan hätte. Doch Jules beharrt auf seiner Ansicht und sagt, daß Brett genau dies versucht hätte zu tun.

Segment VIII (S.5/30 ab “You ever” – 5/51): Bahnung der Beendigung der Kommunikation und deren Kontextualisierung

Jules beginnt in einem längeren MONOLOG eine Bibelstelle zu rezitieren, während sich Vincent neben Jules in Front von Brett begibt. Im Anschluß an den letzten SATZ des Bibelzitats: „And you will know my name is the Lord when I lay my vengeance upon you.“ erschießen Jules und Vincent den sitzenden Brett.
Marvin ist derweil noch immer in der Nähe der Zimmertür und murmelt Unverständliches angesichts der Ereignisse.

Segment IX (S.5/53 – 6/28):

Nun befinden sich noch drei Personen im Raum, Jules, Vincent und der paralysierte Marvin, der von Jules die Empfehlung erhält: „Marvin, I d knock that shit off if I was you“, nachdem Vincent, den die Geräusche Marvins offensichtlich „nerven“, Jules hierzu aufgefordert hat. In diesem Augenblick springt die Badezimmertür auf, überraschenderweise stürmt ein vierter junger Mann heraus und schießt sein Magazin auf Jules und Vincent leer. Da diese jedoch ungetroffen stehen bleiben, weicht die Angriffslust des vierten jungen Mannes von einer „ vengeance is mine -expression to a What the fuck -blank-look“, er ist also selber überrascht über die Wirkungslosigkeit seiner Handlung und äußert dies in FORM von „I don t understand“. Hierauf schießen Jules und Vincent, ihrerseits ebenfalls überrascht, auf den vierten jungen Mann und töten ihn.
An dieser Stelle ist die Szene beendet.

Was ist hier geschehen?

Daß Jules und Vincent, die in dieser Filmszene gemeinsam eine der beiden anwesenden Interaktionsparteien darstellen, mit den Händen in den Taschen den Raum betreten, während Jules sagt: „Hey Kids.“ und weiter: „How you boys doin ?“ kann im Rahmen des hier objektiv erfolgenden Gesprächsauftaktes nur als Geste der Vermittlung gewisser familiärer Vertrautheit in Form der Inszenesetzung taktisch plazierter Lockerheit gewertet werden. Es ist unverkennbar, daß hierdurch aus Sicht der drei „Jungs“, die in dieser Szene neben Jules und Vincent die zweite der beiden Interaktionsparteien verkörpern, gewissermaßen kontextuell entspanntere Handlungsopportunitäten verbleiben, als begegnete man ihnen durch aggressivere Gesten. Dennoch schließen sich die so angesprochenen „Jungs“ der leger gestellten Eröffnungsfrage nach dem Befinden nicht an. Ob dies als Indiz für deren Überraschung angesichts des morgendlichen Besuchs zu werten ist oder aber auch als Ausdruck eines „schlechten GEWISSENs“ in Vorahnung des Besuchshintergrundes der ihnen unbekannten Männer kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Jedoch ergibt sich aus dem Ausbleiben der Antwort seitens der „Jungs“ für Jules die im Zuge der Herstellung von Machtgefügen nicht unwesentliche Option, mit Hilfe der das Rederecht innehabenden Interaktionspartei Macht zu definieren, indem er schlichtweg äußert, ob er den „Jungs“ nicht gerade eine Frage gestellt hätte, um hiermit den „Jungs“ die Übernahme des second-pair-parts zuzuweisen. Es ist unschwer zu erkennen, daß interaktionale Formulierungen dieser Art zum einen die offen zu Tage tretende Aufforderung zur Annahme der eröffneten Kommunikation beinhalten. Unterschwellig transportieren sie jedoch gleichzeitig im MOMENT ihrer Verlautbarung seitens des sich so äußernden Interaktanten die Information, daß dieser derjenige ist, der die nun stattfindende Kommunikation zu lenken gedenkt. Dieses wird von ihm im Wege der schlichten Zuweisung von Rederechten erreicht. Hierdurch erringt Jules für sich die Option den weiteren Interaktionsverlauf in maßgeblicher Weise zu strukturieren, indem er für sich herausstellen kann, daß ER die Fragen stellen wird.
Nachdem Brett gewissermaßen die Rolle des Sprechers der „Jungs“ zu übernehmen scheint und die standardisiert anmutende Antwort „We re doin okay“ äußert, wird die solchermaßen initiierte Kommunikation in Form des „Abfragens“ seitens Jules fortgesetzt. Er ist scheinbar daran interessiert, die antagonistische Interaktionspartei langsam auf den ZWECK des Besuchs hinzulenken und fragt, ob die „Jungs“ wüßten, wer sie (Jules und Vincent) seien, was Brett kopfschüttelnd verneint und Jules zu der Aussage bringt, daß sie Partner eines gewissen Marsellus Wallace, seinerseits Geschäftspartners der „Jungs“, seien und von ihm im selben Atemzug in die erneute an die „Jungs“ gerichtete Fragestellung überführt wird, ob sie sich an ihren Geschäftspartner erinnern würden, worauf er keine Antwort erhält.
Diese Interaktionssequenz baut das Machtgefälle innerhalb des stattfindenden Austausch aus, indem die Konstruktion der „die-Fragen-stellenden“ Interaktionsposition unterstrichen wird und somit auch gewisse Definitionsmacht gegenüber der somit angestrebten Gesprächsrichtung eröffnet. Anstatt sich sozusagen „faktenorientiert“ vorzustellen, formuliert Jules die simpel erscheinende Frage, ob die „Jungs“ wüßten, wer er und Vincent seien. Es kann davon ausgegangen werden, daß ob der scheinbar mangelnden beidseitigen persönlichen Kenntnis der Interaktionsparteien voneinander die Verneinung dieser Frage von Jules erwartet wurde. Gleichzeitig gibt die für den bisher sichtbar gewordenen Kontext des Gesprächs eigentlich zu kurze REAKTION Bretts Anlaß zu der Vermutung, daß zumindest dieser sich bereits der die Interaktion strukturierenden Position Jules untergeordnet hat. Daß dies als eine Intention der Fragestellungen Jules interpretiert werden kann, liegt in Betrachtung des im Weiteren von ihm praktizierten Frageschemas auf der Hand, denn zum einen gelingt es ihm innerhalb der Fragen zwar vage, aber dennoch eindrückliche Anspielungen auf den realen Hintergrund des Besuchs zu kommunizieren, zum anderen überläßt er den so Angesprochenen gleichwohl nur binäre Ja-Nein-Antworten als deren Beitragsmöglichkeit zum Gespräch. Die Nennung eines Namens sowie eine erste Inbeziehungsetzung der einzelnen Interaktionsparteien zu der mit dem Namen korrelierenden spekulativen Konnotationen stellt eine solche vage, aber eindringliche Anspielung seitens Jules dar, vor allem in der Annahme des Vorwissens Jules, daß die angesprochenen Interaktanten sehr wohl in der in der Fragestellung formulierten Beziehung zu der ebenda genannten Person stehen. Diese Annahme bekräftigend kann sicherlich die ausbleibende Antwort seitens der „Jungs“ gewertet werden. Ebenso tut sich erneut die Mutmaßung auf, daß die kommunikative Nichtreaktion in einem in der Filmszene amorphen und nicht näher beschreibbaren Schuldbewußtseins der „Jungs“ begründet sein könnte. Was nun folgt, ist die regelrechte Identifizierung Bretts seitens Jules, wiederum in eine Frage verpackt, in der Jules zum Ausdruck bringt, den Namen Bretts zu erraten. Anzunehmen ist hier, daß Jules bereits Kenntnis über die voraussichtlich an der Interaktion teilnehmenden Personen hat, was im Zuge der Umsetzung der Benennung Bretts als solchen sicherlich auch von den „Jungs“ erkannt wird. Dieses gereicht zum einen der machtkonstitutiven Position Jules im Gespräch zu verstärkter Evidenz, während es zugleich der Interaktion einen Hauch der PERSÖNLICHKEIT im Sinne der Bezugnahme auf die angesprochenen Individuen verleiht. Das direkte Angesprochenwerden von einer sich als handlungsmächtig kommunizierenden Interaktionspartei verstärkt für gewöhnlich den handlungsmächtigen Eindruck, den der so Angesprochene von diesem Interaktanten aufnimmt. Gleichermaßen verhält es sich mit Brett, der als solcher von Jules angesprochen erfolgreich aufgefordert wird, sich seines namentlich erwähnten Geschäftspartners zu erinnern. Gewissermaßen ließe sich hierin auch ein Einschüchterungsaspekt gegenüber den anderen Mitgliedern der Interaktionspartei der „Jungs“ sehen, indem ihnen von Jules suggeriert wird, daß zunächst ihr „Gruppenmitglied“ Brett alleinverantwortlicher Teilnehmer der sich entfaltenden Interaktion ist.
Während die beiden hier bisher besprochenen Segmente ihrem Inhalt nach im wesentlichen der Einleitung und einer ersten Kontextualisierung der Interaktionssituation zu dienen scheinen, so scheint das sich nun anschließende Segment zunächst im Dienste einer weiteren Kontaktintensivierung zu stehen. Hier fällt zunächst auf, daß im UNTERSCHIED zu dem vorangegangen artikulierten „normalen“ Englisch, dessen sich Jules bedient, augenblicklich ein code-switch zum eher figurativen Black English zur Herbeiführung einer „small-talk“-artigen Kommunikationssituation vollzogen wird, die sich nur recht schwierig in das Gesamtbild der die Interaktion eigentlich bestimmenden Objektivitäten, wie beispielsweise dem realen Hintergrund des Besuchs, einordnen läßt.
In Feststellung der auf dem Tisch befindlichen Speisen äußert Jules hier die Annahme, die „Jungs“ beim Frühstück gestört zu haben und erfragt, was sie essen würden, woraufhin Brett in gewohnt binärer Manier antwortet. Es ist nun zwar nicht länger mehr die Rede von etwaigen gemeinsamen „Bekannten“ und hieraus folgenden Besuchsabsichten, dafür gelingt es jedoch Jules, seine dominante rederechtinnehabende Position gegenüber sämtlichen Interaktanten weiter auszubauen, indem er einerseits fortfährt, verhörartig die eigentlich belanglose Thematik der Small-Talk-Situation auf Cheeseburger zu lenken. Andererseits behauptet er seine Position des Interaktionsführers, indem er sich nunmehr des einen dominanten Interaktanten auszeichnenden Rechts der persönlichen Kommentarnahme bedient. Dieser Eindruck wird ebenso sensuell gegenüber den Anwesenden bekräftigt, indem Jules die zwischen einander fremden eigentlich höchst unübliche Maßnahme einleitet, von Bretts Cheeseburger abzubeißen, wobei durchaus angenommen werden kann, daß dieser der durch Jules recht höflich formulierten Bitte („Mind if I try one of yours?“) nachkommt, da er die in den vorrangegangenen Segmenten machtstrukturierenden kommunikativen Mittel wahrgenommen und ob dem nur angedeuteten Grund der für die „Jungs“ überraschenden Interaktion möglicherweise aus einem somit evozierten „schlechten Gewissen“ heraus um Schlichtung der offensichtlich ein Machtgefälle beherbergenden Situation bemüht ist. Insofern kann sicherlich spekuliert werden, daß der sich solchermaßen bedroht fühlende Brett , der ja auch stets in „Vertretung“ der „Jungs“ agiert, die Frage nach seinem Cheeseburger als eine rhetorische verstehen muß, deren Verneinung unkalkulierbare Konsequenzen bergen würde. Ebenso scheint es nicht abwegig anzunehmen, daß die Symbolik der Überbrückung von Fremdheit, gewissermaßen die Durchdringung persönlicher Distanzzonen durch das „Teilen der Speisen“ die bedrohlich wahrgenommene Interaktionssituation auf diffuse Weise verstärkt - dieser Aspekt kommt am Ende dieses Segments erneut zum tragen, als Jules einen Schluck von Bretts Sprite erfragt.
Es fällt auf, daß sich die Handlungen Vincents in seiner Rolle als Jules „Partner“ bislang darauf beschränkten, im Zuge der bisherigen Interaktionen seine Person im Hintergrund zu halten, auch, was die von den „Jungs“ wahrgenommene physische Präsenz seiner Anwesenheit angeht. Ein erster, wenngleich unwesentlicher Durchbruch dieser Haltung Vincents erfolgt innerhalb dieses Segments, indem er von Jules aufgefordert wird, seinerseits einen Bissen von Bretts Cheeseburger zu nehmen, was zwar von Vincent abgelehnt wird, jedoch als ein Handlungsmoment gedeutet werden kann, der Jules Handlungsmächtigkeit ein weiteres Mal in das Gesichtsfeld aller Beteiligten rückt, da er die Position des Fragenstellenden somit auch auf Vincent ausweitet, der sich Jules beugt, sicherlich in wissender Einsicht über die Konstruktion einer HERRSCHAFT gebietenden Interaktionssequenz seitens Jules.
Im letzten hier zu betrachtenden Segment der Interaktionssequenz wird das Gespräch über Cheeseburger von Jules beendet, indem er sich nunmehr erstmalig an Roger wendet und ihn in Bezugnahme auf dessen Frisur als „Flock of Seagulls“ anspricht und ihn schlichtweg fragt, ob er wisse, weswegen Jules und Vincent dort wären, was Roger nickend bejaht und von Jules zum Anlaß genommen wird, ihm gegenüber die auffordernd anmutende Fragestellung zu formulieren, warum dieser dann „seinem Jungen Vince“ nicht sagen würde, wo „the shit“, ein Aktenkoffer, versteckt ist. Offensichtlich bestätigen sich hier die schon weiter oben angesprochenen Spekulationen hinsichtlich eines „schlechten Gewissens“ seitens „der Jungs“ ob des eigentlichen Besuchshintergrundes der ihnen fremden Männer Jules und Vincent. Die kommentarlose Bejahung Rogers auf die Frage, ob er wisse, weswegen dieser morgendliche Besuch stattfindet, läßt kaum einen anderen SCHLUß zu, vor allem auch, da Jules in Folge dieser Bejahung den Hintergrund des Besuchs objektiviert, indem er sinngemäß auffordert zu sagen, wo „das ZEUG“ versteckt ist, was die Anwesenden darüber aufklärt, daß man nunmehr zum „geschäftlichen“ Teil der Interaktion gekommen sei, was durchaus die Annahme zuläßt, daß es aus Sicht „der Jungs“ sehr ratsam wäre, sich ob der offensichtlich ihrerseits erfolgten illegitimen Aneignung des Koffers spätestens jetzt kooperativ zu verhalten. Anlaß hierzu gibt sicherlich auch die in dieser Interaktionssequenz von Jules verbalisierte Objektivierung des alleinigen Rederechts seiner Person, indem er den sich bislang bedeckt gehaltenen Marvin (der dritte der „Jungs“) in dessen Versuch der Beantwortung der von Jules an Roger gerichteten Frage jäh unterbricht. Mit der sarkastisch anmutenden und lautstarken Feststellung Jules , sich nicht erinnern zu können, Marvin etwas gefragt zu haben, sowie seiner sofortigen Rückbesinnung auf Roger, verbunden mit der Aufforderung, in seiner Antwort fortzufahren, gelingt es Jules, den interaktionalen STIL der Begegnung zu definieren, wobei sehr wahrscheinlich anzunehmen ist, daß der in diesem Segment fast schon „militärische Verhörstil“ sehr wohl dazu geeignet ist, gegenüber den Anwesenden letzte etwaige ZWEIFEL an der Position Jules' innerhalb der so konstruierten sozialen Ordnung auszuräumen. Da sein Partner Vincent (ebenso wie die „Jungs“) nur auf Weisung von Jules agiert und diese ihm zugewiesene Rolle in der gesamten Szene nicht in Frage zu stellen scheint, unterstützt er Jules in dessen kommunikativen Programm zur Herstellung einer diffusen Bedrohungssituation unter Konstruktion einer sozialen Hierarchie, die ihm alleiniges Rederecht und dessen Zuweisung ermöglicht und somit im weiteren zur Umsetzung der Zielsetzung, nämlich der Bergung des Aktenkoffers, gereicht.
In der Betrachtung der formalen Gesamtgestalt des Interaktionsverlaufes der Szene ist unschwer zu erkennen, daß das dort konstruierte soziale Machtgefälle keineswegs zufälligen Ursprungs ist, was sich gewissermaßen „von selbst“ aus den unausgehandelten Interpretationen der Interaktion heraus entwickelt, sondern daß es vielmehr durch den Einsatz taktisch plazierter symbolischer Inszenierungen gezielt hergestellt wird und in programmierter Weise zur Ausführung kommt. Die programmierte Ausführung der Interaktionsleistung seitens der an sozialer Hierarchisierung interessierten Akteure ist in diesem Sinne als absichtsvolles HANDELN zu verstehen, was dem solchermaßen ausführenden SUBJEKT in instrumenteller Weise zur Machtkonstruktion gedient. Ähnlich einem formalisierten Abfragesystem kann vom Mächtigsten in der kommunikativen Bannmeile somit im Rahmen eines Abgleichs eintreffender sozialer Informationen mit intentional „geplanten“ Interaktionszielsetzungen aus einem SPEKTRUM potentieller Handlungsopportunitäten das ihm wirksamste Reaktionsmuster der eigentlichen Handlungsabsicht zugeführt werden. Jules weiß, was er will und wie er es erreichen kann. Bezogen auf das vorliegende Fallbeispiel ist daher die Annahme zulässig, daß vor allem der durch seine sprachliche Dominanz immer wieder SIGNIFIKANT ins Gesichtfeld tretende Protagonist Jules sich jener programmatischen Abläufe machtkonstituierender Interaktionen in höchstem Maße bewußt ist und auch planvoll einzusetzen weiß, was sicherlich auf eine entsprechende Erfahrungsaufschichtung innerhalb seiner Lebensgeschichte zurückgeführt werden kann und gleichfalls durch die szenische Bemerkung im Drehbuch „Jules is the one who does the talking” nicht von der Hand zu weisende Evidenz erhält.
Bemerkenswerterweise vollzieht sich die Konstruktion der sozialen Ordnung in dieser Szene bislang ohne den Einsatz aggressiver SYMBOLIK, dennoch ist ein gewisses sich aufbauendes Bedrohungspotential, welches sozusagen „zwischen den Zeilen“ seitens Jules aufgebaut wird, nicht zu leugnen. Indizien hierfür sind sicherlich in dem dezenten Hinweis auf den „Geschäftspartner“ der „Jungs“, Marsellus Wallace und den hierauf folgenden Identifikationen Jules', was die Namen der „Jungs“ betrifft, zu sehen. Auch der Zugriff Jules' auf das Frühstück der „Jungs“ und die letztendliche lautstarke Benennung desjenigen, der das Versteck des zu bergenden Aktenkoffers aufzeigt, können durchaus in diesem Sinne ausgelegt werden, da letztendlich jener Aufbau, Abfall und wiederholte Aufbau des Bedrohung suggerierenden kommunikativen Programms Jules', das sich durch die besprochenen Segmente zieht, zur Erfüllung seiner Zielsetzung führt.

gespraechsanalyse.txt · Zuletzt geändert: 2019/08/31 14:17 von Robert-Christian Knorr