Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


hoelderlin

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen Revision Vorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
hoelderlin [2012/07/26 17:02]
Robert-Christian Knorr
hoelderlin [2019/10/06 16:51] (aktuell)
Robert-Christian Knorr [Andenken]
Zeile 7: Zeile 7:
 - trägt die [[Natur]] als [[Gottheit#​Gottheiten]] in sich, die unwandelbar im [[Sein]] wohnen, und sie regieren und bestimmen die [[konkret#​konkrete]] Natur, die ihn jeweils umgibt\\ - trägt die [[Natur]] als [[Gottheit#​Gottheiten]] in sich, die unwandelbar im [[Sein]] wohnen, und sie regieren und bestimmen die [[konkret#​konkrete]] Natur, die ihn jeweils umgibt\\
 - im [[Gegensatz]] zu seinen Kumpeln [[Hegel]] und [[Schelling]] blieb Hölderlin in der weichen [[Sehnsucht]]\\ - im [[Gegensatz]] zu seinen Kumpeln [[Hegel]] und [[Schelling]] blieb Hölderlin in der weichen [[Sehnsucht]]\\
-- die Versenkung in die [[Antike]] läßt ihn die ersehnte Einheit von [[Mensch]] und [[Umwelt]] als ein Lebendiges finden, raubt ihm aber zugleich die [[Kraft]] für die [[Realität]] und macht ihm das [[Dasein]] zur [[Qual]] → die Gräkomanie wird ihm zur tödlichen [[Krankheit]] \\+- die Versenkung in die [[Antike]] läßt ihn die ersehnte Einheit von [[Mensch]] und [[Umwelt]] als ein Lebendiges finden, raubt ihm aber zugleich die [[Kraft]] für die [[Realität]] und macht ihm das [[Dasein]] zur [[Qual]] → die Gräkomanie ​(Griechenfreund) ​wird ihm zur tödlichen [[Krankheit]] \\
 - glaubt an das staatenbewegende Tun großer Menschen - glaubt an das staatenbewegende Tun großer Menschen
  
Zeile 14: Zeile 14:
 - die Götterwelt Griechenlands,​ die alles vom tiefsten Schoß bis zum höchsten [[Äther]] in sich faßt, mit dem [[Christentum]],​ das nun einmal das [[Schicksal]] der neueren [[Menschheit]] geworden, zu versöhnen, also in ihren Zusammenhängen dichterisch zu durchdringen\\ - die Götterwelt Griechenlands,​ die alles vom tiefsten Schoß bis zum höchsten [[Äther]] in sich faßt, mit dem [[Christentum]],​ das nun einmal das [[Schicksal]] der neueren [[Menschheit]] geworden, zu versöhnen, also in ihren Zusammenhängen dichterisch zu durchdringen\\
 - man muß die Spuren der entflohenen [[Götter]] suchen und sehen - man muß die Spuren der entflohenen [[Götter]] suchen und sehen
 +=== literaturhistorische Einordnung ===
 +- Hölderlins dichterische [[Individualität]],​ die Spezifik seiner [[Weltanschauung]] und Poesie prägt sich ganz entschieden in jenem Zeitraum aus, der sich durch die Zäsuren 1792/3 und 1796/7 begrenzen läßt. In historischem Betracht sind es die Jahre des 1.Revolutions- bzw. Koalitionskrieges;​ für das politische [[Denken]] beinhalten sie einen entscheidenden Differenzierungsprozeß;​ philosophiegeschichtlich vollzieht sich zu dieser Zeit die Entwicklung von Kants Kritizismus über Fichtes "​Wissenschaftslehre"​ zu Schellings [[Naturphilosophie]];​ und für die deutsche [[Literaturgeschichte]] bezeichnet dieser Zeitraum die erste Phase frühromantischen Denkens und Dichtens, die entscheidenden Jahre revolutionär-demokratischer [[Literatur]] und die ästhetische Formierung der Weimarer [[Klassik]]. (Mieth)
  
  
 ==== Andenken ==== ==== Andenken ====
-- benutzt den [[Imperativ]] als Leitmotiv - z.B. //geh//\\+- benutzt den [[Imperativ]] als [[Leitmotiv]] - z.B. //geh//\\
 - das [[Pneuma]] führt den Weg des Suchenden\\ - das [[Pneuma]] führt den Weg des Suchenden\\
 - Oxymorone - //dunkles Licht, wohnen einsam// - für die [[Unentscheidbarkeit]] des Sehnens\\ - Oxymorone - //dunkles Licht, wohnen einsam// - für die [[Unentscheidbarkeit]] des Sehnens\\
Zeile 24: Zeile 26:
 - von [[Heidegger]] als „Bleiben des Dichters“ gelesen\\ - von [[Heidegger]] als „Bleiben des Dichters“ gelesen\\
 -  Heidegger unterstellt Hölderlin die [[Theorie]] vom Blick des Dichters → ansehen → andenken → Andenken; doch das Andenken ist nicht an den Ort gebunden -  Heidegger unterstellt Hölderlin die [[Theorie]] vom Blick des Dichters → ansehen → andenken → Andenken; doch das Andenken ist nicht an den Ort gebunden
- 
- 
-==== Hölderlin-Schiller ==== 
-- das Vernehmen des Wortes Gottes ist Schiller ein inferiores [[Vermögen]] des Menschen, Hölderlin ein konstituierendes 
- 
- 
-==== Hyperion ==== 
-- vom Affekt zur [[Vernunft]] → die Verinnerlichung führt vom äußeren Affekt zur [[Hoffnung]]\\ 
-- ist zu wenig heroisch und zu wenig skrupellos, was zur [[Katastrophe]] führt;\\ 
-- macht den finsteren Zug, der dem [[Antlitz]] des Lebens so tief eingegraben ist, sichtbar und deutet das Leben aus diesem [[selbst]] ([[Dilthey]]) ​ 
- 
- 
-==== Tod des Empedokles ==== 
-- die Todes[[utopie]] des Schweigens → der Eintritt in den Ätna ist der [[Tod]] im [[Licht]], der Eingang in die Einheit des Unbewußten,​ das die Natur, vorzüglich in anorganischer Naturschönheit,​ zu versprechen scheint (Bloch)\\ 
-- setzt das Seelendrama von [[Sophokles]],​ [[Racine]] und [[Goethe]] fort ([[Dilthey]])\\ 
-- der [[Held]] scheitert am Widerspruche der [[Wirklichkeit]],​ an der Zerstückelung der Welt um sich her (Fahrner) 
- 
  
 ==== Goethe über Hölderlin ==== ==== Goethe über Hölderlin ====
Zeile 49: Zeile 34:
 - Goethe glaubt, daß Hölderlin auf einem so hohen Standpunkt steht, daß er von den Dingen unter ihm nur noch schwache Umrisse bemerkt\\ - Goethe glaubt, daß Hölderlin auf einem so hohen Standpunkt steht, daß er von den Dingen unter ihm nur noch schwache Umrisse bemerkt\\
 - beraubt die Götter aller [[Persönlichkeit]] (sic!), aber bei Hölderlin schwebt der Geist der Liebe über allen [[Wasser#​Wassern]] statt daß der [[Eros]] über [[Meer]] und [[Land]] hinwandelt - beraubt die Götter aller [[Persönlichkeit]] (sic!), aber bei Hölderlin schwebt der Geist der Liebe über allen [[Wasser#​Wassern]] statt daß der [[Eros]] über [[Meer]] und [[Land]] hinwandelt
 +==== Hölderlin vs. Schiller ====
 +^ ^Hölderlin^Schiller^
 +|Gottes [[Wort]]|konstituierendes [[Vermögen]] des Menschen|inferiores Vermögen des Menschen|
 +|Zielstellung|- künftige Revolution der [[Gesinnung#​Gesinnungen]] und Vorstellungsarten|- die ästhetische [[Erziehung]] des Menschengeschlechts|
 +|Mythosbegriff|- [[Palingenesia#​Palingenesie]] des [[Mythos]] (z.B. Tithon und [[Aurora]]) im revolutionären [[Zeitalter]]|- ästhetisch und pädagogisch;​ bildungsbürgerlich|
  
 +Buch über [[http://​www.vonwolkenstein.de/​forum/​showthread.php?​t=7211|Hölderlins Zeit in Jena]], seine Begegnungen mit Schiller, [[Goethe]] und [[Fichte]]
  
-==== Hölderlin als Übersetzer ​==== +==== Hyperion ​==== 
-seine [[Sophokles]]-Übersetzungen werden von Goethe abgelehnt, weil sich Hölderlin nicht an die Übersetzungsvorgaben [[Voß]]'​ hielt, sondern die mit Mühe gefundene und aufrechterhaltene [[Ordnung]] der Silbenmaße sprengt ​→ Hölderlin hielt sich nicht an die von dem Goethe-Kreis geforderten Normative des Übersetzers,​ sondern nahm den Text eigen an\\ +vom Affekt zur [[Vernunft]] → die Verinnerlichung führt vom äußeren Affekt zur [[Hoffnung]]\\ 
-- er bringt Provinzialismen an gehobener Stelle zu selbständiger und eigentümlicher ​[[Wirkung]] und verhöhnt durch unerhörte plastische Wucht der Bilder die Grenzen des Erlaubten (Voß) +- ist zu wenig heroisch ​und zu wenig skrupelloswas zur [[Katastrophe]] führt;\\ 
- +macht den finsteren Zug, der dem [[Antlitz]] des Lebens ​so tief eingegraben ​ist, sichtbar und deutet das Leben aus diesem ​[[selbst]] ([[Dilthey]]) 
- +
-==== Wertung/​Rezeption ==== +
-- ahnte das unter den Götternamen verborgene unendliche Leben ([[Bäumler]])\\ +
-beginnt mit [[Tieck]] und [[Novalis]] jene neue [[Lyrik]], welche den Überschwang des [[Gefühl]]s,​ die gegenstandslose [[Macht]] der Stimmung... die unendliche Melodie einer Seelenbewegung ausdrückt, die wie aus unbestimmten Fernen kommt und in sie sich verliert (Dilthey) → damit ist Hölderlins Lyrik in den Strudel des Romantischen hinausgestoßen,​ die [[Scheidung]] aufgegeben (Fahrner) \\ +
--  der große Vermittler zwischen Heidegger ​und [[Heraklit]]\\ +
--  man muß der Verrückung folgenum im [[Kunstwerk]] zu verweilen\\ +
- ​[[Sprung]] in das Sein vor den Menschen. Verwahrung in der Stimme des Dichters → Ahnungen\\ +
--  der letzte Dichter einer vergangenen [[Zeit]] - Heidegger bemüht sich um ihn -denn die Götter sind ihm unmittelbare Erfahrung, nicht Kulturgut, wie sie es Schiller sind → Hölderlin ist von ihnen betroffen und getroffen; ​der Spur der entflohenen Götter gilt es zu folgen\\ +
--  Hineinwurf seines Sagens in die Geschichte → [[Stoß]] des Seins als Erschütterung unseres [[Dasein]]s - nicht [[moralisch]] oder pädagogisch zu verstehen  +
- +
-__Frage__: Wie kann der Stoß weitergegeben werden?\\ +
--  wenn die Götter die [[Erde]] rufen und im Ruf eine Welt widerhallt und so der Ruf anklingt als Da-sein des Menschen, dann ist [[Sprache]] als GeschichtlichesGeschichte gründendes Wort. (Heidegger)\\ +
-- ihm war es wie keinem gelungen, in klassischer [[Form]] die [[Romantik#​romantische]] Seele zu binden, ohne daß sie von ihrer Würze verlor ([[Huch]])\\ +
-- Größter der Sehnsucht nach Urbarem\\ +
-- keine [[Kontemplation]]\\ +
-aus der Dumpfheit eines [[Allgemein]]gefühls in ein ästhetisch-willenhaftes Sehnsuchtsmotiv → Richtung spannen\\ +
-- elementar ​([[Rosenberg]])\\ +
-- eine heftig subjektive Natur, verzärtelt und eigensüchtig,​ nur in sich lebend (Schiller)\\ +
-- die [[Tapferkeit]] einer zarten Seele ([[Volkelt]]) +
  
 ==== Hölderlins Orient ==== ==== Hölderlins Orient ====
  
-Johann Wolfgang [[Goethe]] hat im //​West-östlichen Diwan// die kulturelle Selbsterkenntnis des abendländischen Dichters an den [[Orient]] gebunden. Dieser poetischen ​Selbst[[reflexion]] ​zufolge //„Wer sich selbst und andere kennt/ wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen.“//​ Aus der Perspektive der Hölderlinforschung hat dieser Spruch seinen [[Sinn]] in der These gefunden, daß der Orient für Hölderlin das Herkunftsland der griechischen und somit der abendländischen [[Kultur]] war. Er stellte sich - wie [[Herder]] oder [[Hegel]] – den Verlauf der [[Weltgeschichte]] von Osten nach [[Westen]] vor. (G.F. W. Hegel: Vorlesungen über die [[Philosophie]] der Weltgeschichte. Werke, Frankfurt/​Main 1970, S. 134.) Auch die [[Antike]], die Hölderlin lebenslang fesselte, sollte im Rahmen dieses Prozesses der //​translatio culturae// ihren Ort gefunden haben. Die [[Hymne]] //Am Quell der Donau// hat diesen Gang programmatisch formuliert:​\\+Johann Wolfgang [[Goethe]] hat im //​West-östlichen Diwan// die kulturelle ​[[Selbsterkenntnis]] des abendländischen Dichters an den [[Orient]] gebunden. Dieser poetischen ​Selbstreflexion ​zufolge //„Wer sich selbst und andere kennt/ wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen.“//​ Aus der Perspektive der Hölderlinforschung hat dieser Spruch seinen [[Sinn]] in der These gefunden, daß der Orient für Hölderlin das Herkunftsland der griechischen und somit der abendländischen [[Kultur]] war. Er stellte sich - wie [[Herder]] oder [[Hegel]] – den Verlauf der [[Weltgeschichte]] von Osten nach [[Westen]] vor. (G.F. W. Hegel: Vorlesungen über die [[Philosophie]] der Weltgeschichte. Werke, Frankfurt/​Main 1970, S. 134.) Auch die [[Antike]], die Hölderlin lebenslang fesselte, sollte im Rahmen dieses Prozesses der //​translatio culturae// ihren Ort gefunden haben. Die [[Hymne]] //Am Quell der Donau// hat diesen Gang programmatisch formuliert:​\\
  
 //So kam\\ //So kam\\
Zeile 99: Zeile 70:
 <​html> ​ <​html> ​
 <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​homersschule.jpg"​ alt = "​Homers Schule"​ align = "​right"​ <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​homersschule.jpg"​ alt = "​Homers Schule"​ align = "​right"​
-hspace="​35"​ vspace="​35"> ​+hspace="​35"​ vspace="​35" style="​margin-left:​5mm" > 
 </​html>​ </​html>​
  
Zeile 125: Zeile 96:
 <​html> ​ <​html> ​
 <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​ruinenathens.jpg"​ alt = "​Athens Ruinen"​ align = "​right"​ <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​ruinenathens.jpg"​ alt = "​Athens Ruinen"​ align = "​right"​
-hspace="​35"​ vspace="​35"> ​+hspace="​35"​ vspace="​35" style="​margin-left:​5mm" > 
 </​html>​ </​html>​
  
 Hölderlin hebt das Klassische in Hellas nicht hervor. Dieses wird nicht als absoluter Höhepunkt, als der Inbegriff des Hellenischen überbewertet,​ ja man neigt sogar dazu, aus dem Lob die spätere Sicht Hölderlins schon herauszuhören,​ daß Athen im unmäßigen [[Trieb]] nach Kunst aufging, also im Gestalteten seine [[Natürlichkeit]],​ seine Lebendigkeit verlor. Der Polyzentrismus der griechischen Antike, die den Hyperion kennzeichnet,​ wird sogar in Archipelagus,​ in Hölderlins feierlichster Hymne an Athen, auf vielfältige Weise veranschaulicht. Das [[Thema]] des Gedichts – der heroische [[Sieg]] der Athener über die Perser, die [[Wiedergeburt]] der Stadt Athen aus ihrer Asche - bringt es zwar mit sich, daß diese Polis „die geliebteste“ (V. 63) genannt wird, in der üppigen Fülle der Erinnerungsbilder fällt jedoch der [[Echo]] der dreifältigen geokulturellen Landschaft auf. Athen ist ein „herrlich Gebild“, „des Genius Werk“ (V. 179-83), die Stadt der Kunst und der freudigen [[Fest]]e, Sparta wird um seiner Taten willen (V. 271) erwähnt. Und Ionien, welches mit seinen Kolonien zur westlichen [[Grenze]] der [[Ökumene]] reicht und Asien bis [[Ägypten]] einschließt,​ es gibt mit seiner allgegenwärtigen Natur, mit seinen Bergen, „Gärten“ (V. 279) und Flüssen den Schauplatz historischer Ereignisse um, und „des Orients [[Kind]]“,​ „die Sonne des Tages“ windet dem Alten Archipelagus den [[Kranz]], als Liebes- und Siegeszeichen (V. 35-42).41 Diese drei Charakterbilder bilden gemeinsam „das liebende [[Volk]]“,​ den „Einen Geist“ (V. 239-240, ganz im Sinne des heraklitischen Prinzips des Hen diaferon heauto, des Einen in sich Unterschiedenen. \\ Hölderlin hebt das Klassische in Hellas nicht hervor. Dieses wird nicht als absoluter Höhepunkt, als der Inbegriff des Hellenischen überbewertet,​ ja man neigt sogar dazu, aus dem Lob die spätere Sicht Hölderlins schon herauszuhören,​ daß Athen im unmäßigen [[Trieb]] nach Kunst aufging, also im Gestalteten seine [[Natürlichkeit]],​ seine Lebendigkeit verlor. Der Polyzentrismus der griechischen Antike, die den Hyperion kennzeichnet,​ wird sogar in Archipelagus,​ in Hölderlins feierlichster Hymne an Athen, auf vielfältige Weise veranschaulicht. Das [[Thema]] des Gedichts – der heroische [[Sieg]] der Athener über die Perser, die [[Wiedergeburt]] der Stadt Athen aus ihrer Asche - bringt es zwar mit sich, daß diese Polis „die geliebteste“ (V. 63) genannt wird, in der üppigen Fülle der Erinnerungsbilder fällt jedoch der [[Echo]] der dreifältigen geokulturellen Landschaft auf. Athen ist ein „herrlich Gebild“, „des Genius Werk“ (V. 179-83), die Stadt der Kunst und der freudigen [[Fest]]e, Sparta wird um seiner Taten willen (V. 271) erwähnt. Und Ionien, welches mit seinen Kolonien zur westlichen [[Grenze]] der [[Ökumene]] reicht und Asien bis [[Ägypten]] einschließt,​ es gibt mit seiner allgegenwärtigen Natur, mit seinen Bergen, „Gärten“ (V. 279) und Flüssen den Schauplatz historischer Ereignisse um, und „des Orients [[Kind]]“,​ „die Sonne des Tages“ windet dem Alten Archipelagus den [[Kranz]], als Liebes- und Siegeszeichen (V. 35-42).41 Diese drei Charakterbilder bilden gemeinsam „das liebende [[Volk]]“,​ den „Einen Geist“ (V. 239-240, ganz im Sinne des heraklitischen Prinzips des Hen diaferon heauto, des Einen in sich Unterschiedenen. \\
 Im Kleeblatt des Hellenischen erhält also die ionische Kultur einen eigenartigen Akzent, der im Kontrast zu den einseitigeren Griechenlandkonstrukten der Zeitgenossen besonders auffällt. Herder, [[Wolf]], Schiller oder sogar die Gebrüder Schlegel haben in Homer eher eine halb barbarische,​ mündliche Volkspoesie gebilligt, das orientalische Element der ionischen Kunst haben sie für ihren Nachteil gehalten, und die ionische [[Naturphilosophie]] als bescheidenen Anfang des wissenschaftlichen [[Denken]]s gebilligt, der aber im Vergleich zu [[Plato]]n und [[Aristoteles]] unterentwickelt sei. Sie waren nicht wie Hölderlin vom Vorteil einer kulturellen Mischung begeistert, die diese Region kennzeichnete,​ haben von der feinen und vielschichtigen kulturellen Erfahrung der Ionier mit dem Fremden kaum Kenntnis genommen, die sie durch Seefahrt, Handel und durch die begünstigte Lage, an der Grenze zweier Welten angesiedelt zu sein, für sich erwerben dürften, und dadurch unterschiedliche Kulturen in sich integrierten.\\ Im Kleeblatt des Hellenischen erhält also die ionische Kultur einen eigenartigen Akzent, der im Kontrast zu den einseitigeren Griechenlandkonstrukten der Zeitgenossen besonders auffällt. Herder, [[Wolf]], Schiller oder sogar die Gebrüder Schlegel haben in Homer eher eine halb barbarische,​ mündliche Volkspoesie gebilligt, das orientalische Element der ionischen Kunst haben sie für ihren Nachteil gehalten, und die ionische [[Naturphilosophie]] als bescheidenen Anfang des wissenschaftlichen [[Denken]]s gebilligt, der aber im Vergleich zu [[Plato]]n und [[Aristoteles]] unterentwickelt sei. Sie waren nicht wie Hölderlin vom Vorteil einer kulturellen Mischung begeistert, die diese Region kennzeichnete,​ haben von der feinen und vielschichtigen kulturellen Erfahrung der Ionier mit dem Fremden kaum Kenntnis genommen, die sie durch Seefahrt, Handel und durch die begünstigte Lage, an der Grenze zweier Welten angesiedelt zu sein, für sich erwerben dürften, und dadurch unterschiedliche Kulturen in sich integrierten.\\
-Als Hölderlin im östlich-griechischen Dichter Homer den kulturstiftenden [[Geist]] der Griechen bewunderte, hat er zugleich die herkömmliche Orientierung nach Ost und West transzendiert. Er war sich darüber im klaren, daß die Richtungsbestimmungen wie Osten und Westen relativ sind, als Konstrukte unserer kulturellen Orientierung zu betrachten sind, die je nach Standort, Epoche und Perspektive sich wandeln. Diese Wandlungen hängen auch mit der Eigenart des kulturstiftenden Geistes zusammen, daß der Geist - wie es in //Brod und Wein// heißt – „Kolonien“ (Pflanzstätten) „liebt“. [[Mimnermos]] oder [[Herodot]] zufolge entstand auch Ionien als Folge aiolischer [[Kolonisation]] in der vorhomerischen Zeit. Eine umgekehrte Richtung der Kulturströmung erkennt man in der Bevölkerung Siziliens durch die Ionier. Merkmale dieses Kulturtransfers erkennt man auch in Hölderlins Sizilien. So gehört der Ätna schon in //​Hyperion//​ zu den Urlandschaften der [[Entgrenzung]],​ der für den Osten charakteristische Begeisterung und kühner Lebenslust, die nach einer [[Vereinigung]] mit dem Urelement, mit der Arche Feuer drängt: //​„Gestern war ich auf dem Aetna droben. Da fiel der große Sizilianer mir ein, der einst des Stundenzählens satt, vertraut mit der Seele der Welt, in s einer kühnen Lebenslust da hinabwarf, in die herrlichen Flammen, denn der kalte Dichter hätte müssen am Feuer sich wärmen, sagt ein Spötter nach ihm.“// Dieses emphatische Entflammtsein für die Allgegenwart göttlicher Natur ist bei [[Empedokles]] ein Homerisches,​ östliches Erbe, das Hölderlins //​Empedokles//,​ im [[Gegensatz]] zum unsterblichen „Mäoniden“,​ durch Nüchternheit,​ Beobachtungsgabe und Maß nicht zu korrigieren wußte.+Als Hölderlin im östlich-griechischen Dichter Homer den kulturstiftenden [[Geist]] der Griechen bewunderte, hat er zugleich die herkömmliche Orientierung nach Ost und West transzendiert. Er war sich darüber im klaren, daß die Richtungsbestimmungen wie Osten und Westen relativ sind, als Konstrukte unserer kulturellen Orientierung zu betrachten sind, die je nach Standort, Epoche und Perspektive sich wandeln. Diese Wandlungen hängen auch mit der Eigenart des kulturstiftenden Geistes zusammen, daß der Geist - wie es in //Brod und Wein// heißt – „Kolonien“ (Pflanzstätten) „liebt“. [[Mimnermos]] oder [[Herodot]] zufolge entstand auch Ionien als Folge aiolischer [[Kolonisation]] in der vorhomerischen Zeit. Eine umgekehrte Richtung der Kulturströmung erkennt man in der Bevölkerung Siziliens durch die Ionier. Merkmale dieses Kulturtransfers erkennt man auch in Hölderlins Sizilien. So gehört der Ätna schon in //​Hyperion//​ zu den Urlandschaften der [[Entgrenzung]],​ der für den Osten charakteristische Begeisterung und kühner Lebenslust, die nach einer [[Vereinigung]] mit dem Urelement, mit der Arche Feuer drängt: //​„Gestern war ich auf dem Aetna droben. Da fiel der große Sizilianer mir ein, der einst des Stundenzählens satt, vertraut mit der Seele der Welt, in s einer kühnen Lebenslust da hinabwarf, in die herrlichen Flammen, denn der kalte Dichter hätte müssen am Feuer sich wärmen, sagt ein Spötter nach ihm.“// Dieses emphatische Entflammtsein für die Allgegenwart göttlicher Natur ist bei [[Empedokles]] ein Homerisches,​ östliches Erbe, das Hölderlins //​Empedokles//,​ im [[Gegensatz]] zum unsterblichen „Mäoniden“,​ durch [[Nüchternheit]], Beobachtungsgabe und Maß nicht zu korrigieren wußte.
  
  
 === II. Der Weg nach Arabien === === II. Der Weg nach Arabien ===
  
-Die Lyrik nach 1800 einbegreift noch kühner neue Kulturräume über Griechenland hinaus. In der Hymne //Am Quell der Donau// wird eine Pilgerschaft aus der Heimat über Ionien nach Arabien imaginär vollzogen: //„Auch eurer denken wir, ihr Thale des Kaukasos,/ So alt ihr seid, ihr Paradiese dort“// Das betonte Alter des Kaukasus, sowie sein Beiwort „[[Paradies]]“ deutet an, daß das Gebirge als Urheimat, als Land des Ursprungs betrachtet wird. Die Wanderung verstärkt noch diese Sehnsucht, man könnte sagen: Heimweh, nach Osten („Ich aber will dem Kaukasus zu!“), zum mythischen Ort am Schwarzen Meer, wo einst die Urgermanen mit den „Kindern der Sonne“ (mit den Kolchern) ihre Hochzeit feierten, und die [[Urgriechen]],​ die Ionier, auf die Welt brachten. Die Mythe ist eine Erfindung des Dichters, sie könnte aber von den neuesten anthropologischen Studien des Göttinger Physikers, Anthropologen [[Blumenbach#​Johann Friedrich Blumenbach]] inspiriert sein. Blumenbach hat in seiner durchaus bekannt gewordenen Studie die Menschen anthropologisch in fünf Klassen geteilt und den [[Terminus]] von der „kaukasischen“ [[Rasse]] geprägt, die in der bunten Vielfalt der Rassen am ältesten und am schönsten sei. Ob Hölderlin damit die deutsche nationale [[Identität]] auf Rassenverwandtschaft gründete, wie es dann in den kommenden Jahrzehnten von einer natürlichen Verwandtschaft der Deutschen mit den Griechen die Rede war, oder ob er mit der Mythe noch einen poetischen, ästhetischen [[Zweck]], die [[Grazie]]n vom Asien nach Deutschland einzuladen, verfolgte, sei dahingestellt. ​+Die Lyrik nach 1800 einbegreift noch kühner neue Kulturräume über Griechenland hinaus. In der Hymne //Am Quell der Donau// wird eine Pilgerschaft aus der Heimat über Ionien nach Arabien imaginär vollzogen: //„Auch eurer denken wir, ihr Thale des Kaukasos,/ So alt ihr seid, ihr Paradiese dort“// Das betonte Alter des Kaukasus, sowie sein Beiwort „[[Paradies]]“ deutet an, daß das Gebirge als Urheimat, als Land des Ursprungs betrachtet wird. Die Wanderung verstärkt noch diese Sehnsucht, man könnte sagen: Heimweh, nach Osten („Ich aber will dem Kaukasus zu!“), zum mythischen Ort am Schwarzen Meer, wo einst die Urgermanen mit den „Kindern der Sonne“ (mit den Kolchern) ihre Hochzeit feierten, und die [[Urgriechen]],​ die Ionier, auf die Welt brachten. Die Mythe ist eine [[Erfindung]] des Dichters, sie könnte aber von den neuesten anthropologischen Studien des Göttinger Physikers, Anthropologen [[Blumenbach#​Johann Friedrich Blumenbach]] inspiriert sein. Blumenbach hat in seiner durchaus bekannt gewordenen Studie die Menschen anthropologisch in fünf Klassen geteilt und den [[Terminus]] von der „kaukasischen“ [[Rasse]] geprägt, die in der bunten Vielfalt der Rassen am ältesten und am schönsten sei. Ob Hölderlin damit die deutsche nationale [[Identität]] auf Rassenverwandtschaft gründete, wie es dann in den kommenden Jahrzehnten von einer natürlichen Verwandtschaft der Deutschen mit den Griechen die Rede war, oder ob er mit der Mythe noch einen poetischen, ästhetischen [[Zweck]], die [[Grazie]]n vom Asien nach Deutschland einzuladen, verfolgte, sei dahingestellt. ​
 Die Ausbreitung des poetischen Raums läßt sich bei Hölderlin nicht auf die [[Suche]] nach dem eigenen Ursprung einschränken. Texte nach 1802 bezeugen Hölderlins Ansicht, daß die Wüstenlandschaft Arabiens vieles davon, was wir angesichts des [[Altertum]]s als Erratisches,​ als Enigmatisches fühlen, bewahrt hat. Hölderlins „Erinnerungsräume“ erstrecken sich in die arabische Wüste ([[Palmyra]]) und nach Palästina (Jerusalem). Arabien wird neben Ionien gestellt - als „Spenderin der göttlichgesendeten Gaben“. Arabien ist das „golderfüllte Land“, „die „lichtgetroffne Gegend“, das „glückliche Arabien“ des Dionysos, wie es in der Hölderlinschen Übersetzung des Prologs der //​Bacchantinnen//​ des [[Euripides]] heißt. Ionien und Arabien (sogar bis [[Persien]]) bilden jetzt eine zusammenhängende Kulturlandschaft,​ die inmitten des Mediterraneums liegt, und südwärts nach Palästina, nordwärts nach dem Kaukasus schaut. Je mehr sich Hölderlin vom Klassischen abkehrt, und sogar über den Höhepunkt der attischen Dramendichtung,​ über die [[Tragödie]]n des [[Sophokles]] zu sagen wagt, daß er ihre „Kunstfehler“ verbessern wolle und ihre Darstellungsart lebendiger zu machen gedenke, desto klarer wird die [[Tendenz]] einer neuen [[Poetik]], das Griechische auf seinen orientalischen Ursprung zurückzuführen. //„Ich hoffe// – schrieb Hölderlin 1803 an Wilmans - //die griechische Kunst, die uns [[fremd]] ist, durch Nationalkonvenienz und [[Fehler]], mit denen sie sich immer herum geholfen hat, dadurch lebendiger, als gewöhnlich dem [[Publikum]] darzustellen,​ daß ich das Orientalische,​ das sie verläugnet hat, mehr heraushebe, und ihren Kunstfehler,​ wo er vorkommt, verbessere.“//​ \\ Die Ausbreitung des poetischen Raums läßt sich bei Hölderlin nicht auf die [[Suche]] nach dem eigenen Ursprung einschränken. Texte nach 1802 bezeugen Hölderlins Ansicht, daß die Wüstenlandschaft Arabiens vieles davon, was wir angesichts des [[Altertum]]s als Erratisches,​ als Enigmatisches fühlen, bewahrt hat. Hölderlins „Erinnerungsräume“ erstrecken sich in die arabische Wüste ([[Palmyra]]) und nach Palästina (Jerusalem). Arabien wird neben Ionien gestellt - als „Spenderin der göttlichgesendeten Gaben“. Arabien ist das „golderfüllte Land“, „die „lichtgetroffne Gegend“, das „glückliche Arabien“ des Dionysos, wie es in der Hölderlinschen Übersetzung des Prologs der //​Bacchantinnen//​ des [[Euripides]] heißt. Ionien und Arabien (sogar bis [[Persien]]) bilden jetzt eine zusammenhängende Kulturlandschaft,​ die inmitten des Mediterraneums liegt, und südwärts nach Palästina, nordwärts nach dem Kaukasus schaut. Je mehr sich Hölderlin vom Klassischen abkehrt, und sogar über den Höhepunkt der attischen Dramendichtung,​ über die [[Tragödie]]n des [[Sophokles]] zu sagen wagt, daß er ihre „Kunstfehler“ verbessern wolle und ihre Darstellungsart lebendiger zu machen gedenke, desto klarer wird die [[Tendenz]] einer neuen [[Poetik]], das Griechische auf seinen orientalischen Ursprung zurückzuführen. //„Ich hoffe// – schrieb Hölderlin 1803 an Wilmans - //die griechische Kunst, die uns [[fremd]] ist, durch Nationalkonvenienz und [[Fehler]], mit denen sie sich immer herum geholfen hat, dadurch lebendiger, als gewöhnlich dem [[Publikum]] darzustellen,​ daß ich das Orientalische,​ das sie verläugnet hat, mehr heraushebe, und ihren Kunstfehler,​ wo er vorkommt, verbessere.“//​ \\
  
-Hölderlins „Korrektur“ kann man sicherlich aus der [[Erkenntnis]] herleiten, die er in seinem viel zitierten [[Brief]] an Casimir Böhlendorff formulierte. Hölderlin schrieb an seinen [[Freund]], daß er Homer deshalb für das höchste Genie der griechischen Dichtkunst hält, //„weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Nüchternheit für sein Apollonreich zu erbeuten//​“. Er war [[seele]]nvoll – d. h. feurig, [[lebendig]] im Geist, vom feurigen Sonnengott [[Apollo]] inspiriert, kurzum: orientalisch-griechisch genug – um das ihm ursprünglich fremde poetische Prinzip, das Hölderlin „abendländische Nüchternheit“ nennt, aneignen zu können, und zwar ohne die Gefahr hin, sich darin zu verlieren und sich selbst aufzugeben. Homers Genialität habe also das eigene und das fremde dichterische Prinzip in sich vereint, er als angeborener „Mäonide“,​ Orientale, wurde zum ersten griechischen,​ das heißt europäischen Dichter, zum [[Stifter]] der abendländischen Kultur. Seine Gabe, solche [[Gegensatz#​Gegensätze]] in sich harmonisch vereinigen zu können, fand in seiner vollkommensten künstlerischen [[Schöpfung]],​ im Charakter des [[Achill]], ihre Erfüllung, in dem der ionische Dichter einander durchaus widersprechende Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen vermochte. Die Tragödie des Sophokles konnte nicht mehr dieses Gleichgewicht halten. Es hat sich einigermaßen schon im Schönen verflacht, in der Einseitigkeit der junonischen,​ nüchternen Darstellungsgabe. Im [[Kontext]] des Homerbildes Hölderlins,​ wie ich es zu verstehen versuchte, ist man auch genötigt, Hölderlins [[Argument]] für die [[Notwendigkeit]] einer „orientalischen“ Korrektur an Sophokles, mit anderen Akzenten zu lesen. \\ +Hölderlins „Korrektur“ kann man sicherlich aus der [[Erkenntnis]] herleiten, die er in seinem viel zitierten [[Brief]] an Casimir Böhlendorff formulierte. Hölderlin schrieb an seinen [[Freund]], daß er Homer deshalb für das höchste Genie der griechischen ​[[Dichtkunst]] hält, //„weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Nüchternheit für sein Apollonreich zu erbeuten//​“. Er war [[seele]]nvoll – d. h. feurig, [[lebendig]] im Geist, vom feurigen Sonnengott [[Apollo]] inspiriert, kurzum: orientalisch-griechisch genug – um das ihm ursprünglich fremde poetische Prinzip, das Hölderlin „abendländische Nüchternheit“ nennt, aneignen zu können, und zwar ohne die Gefahr hin, sich darin zu verlieren und sich selbst aufzugeben. Homers Genialität habe also das eigene und das fremde dichterische Prinzip in sich vereint, er als angeborener „Mäonide“,​ Orientale, wurde zum ersten griechischen,​ das heißt europäischen Dichter, zum [[Stifter]] der abendländischen Kultur. Seine Gabe, solche [[Gegensatz#​Gegensätze]] in sich harmonisch vereinigen zu können, fand in seiner vollkommensten künstlerischen [[Schöpfung]],​ im Charakter des [[Achill]], ihre Erfüllung, in dem der ionische Dichter einander durchaus widersprechende Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen vermochte. Die Tragödie des Sophokles konnte nicht mehr dieses Gleichgewicht halten. Es hat sich einigermaßen schon im Schönen verflacht, in der Einseitigkeit der junonischen,​ nüchternen Darstellungsgabe. Im [[Kontext]] des Homerbildes Hölderlins,​ wie ich es zu verstehen versuchte, ist man auch genötigt, Hölderlins [[Argument]] für die [[Notwendigkeit]] einer „orientalischen“ Korrektur an Sophokles, mit anderen Akzenten zu lesen. \\ 
-Aufgrund der bereits festgestellten Zusammenhänge zwischen dem Orientalischen ​ und dem Hesperischen können wir weiterhin feststellen,​ daß mit dem Orientalisieren des Sophoklesschen Dramas weit mehr gemeint ist als es wieder mit Lebendigkeit zu erfüllen. Eine Annäherung an die „Nationalkonvenienz“ des hesperischen Deutschlands ist auch mitgemeint. Das Hesperische ist in diesem Kontext das christliche [[Abendland]],​ welches nicht nur nach Hegels, sondern auch nach Hölderlins Ansicht in einer „positiven“ Religion aufging. Der ursprünglich feurig orientalische Geist der Hebräer, an dem Hölderlin im [[Gegensatz]] zu Hegel festhielt, wurde zum toten [[Buchstabe]]n,​ zum Gesetz und [[Ritual]]. Mit dem Sichtbarmachen des Orientalischen in der Sophoklesschen Tragödie wird also jene Urschicht des Hesperischen zum Vorschein gebracht, die das Abendland jäh von sich ausschloß. Es handelt sich also meines Erachtens bei Hölderlin nicht um einen (zeitgenössischen,​ präsenten) christlichen Umweg, der den modernen Leser den Griechen, die ihm fremd sind, näher bringen sollte. Obwohl einige Ähnlichkeiten mit Hegels diesbezüglichen Auffasssungen unverklennbar zu konstatieren wären, denkt Hölderlin vom Orientalischen,​ vom Christlich-Orientalischen anders als sein Studienfreund. Hölderlin benutzt das Orientalische nicht als Vermittler, als Medium, das die „wahre“ Antike, das Griechische,​ dem Abendland erschließen sollte. Umgekehrt: das Orientalische als elementare Naturwelt, als noch nicht zu menschlichen Gebilden herabwürdigte,​ zu purer Kunst gewordene Naturreligion,​ wie Hölderlin etwa [[Spinoza]] folgend sogar das Alte Testament lesen durfte, besitzt sogar eine klare Priorität. Sein Vorrang ist nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern auch poetisch-mythisch. Das Orientalische kehrt also in die abendländische Übersetzung der griechischen Dichtung in der [[Form]] einer „neuen Mythologie“,​ in der Gestalt einer neuen abendländischen Naturreligion wieder ein, die nicht nur im Dionysos die Urschicht des Griechischen bildet, sondern nach Hölderlins Ansicht dem Geist des alten Judentums und des Christentums (als einer Art Sonnenkultes) auch entsprechen sollte. Im Sinne dieser unorthodoxen Christentums schrieb Hölderlin an Auguste, die Prinzessin von Homburg: Er habe mit seiner Sophokles-Übersetzung von dem „unbegreiflich Göttlicheren unserer heiligen Religion in seiner Originalität“ zeugen wollen. Die übersetzerische Erfahrung hat – wie Walter [[Benjamin]] zeigte - Hölderlin gelehrt, daß wahre Dichtung immer aus einer interkulturellen Erfahrung, in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Anderen entsteht. Dieses [[Andere]] ist aber bei Hölderlin noch nicht beliebig, sondern hängt mit den Quellen eng zusammen, bleibt mit dem verdrängten Ursprung in nächster Verbindung. Genau von dem [[Moment]] an, als in schrankenloser Offenheit eine Beliebigkeit der geokulturellen Bezüge seine Texte zu überlagern beginnt, läßt sich seine Dichtung nicht mehr verfolgen.\\+Aufgrund der bereits festgestellten Zusammenhänge zwischen dem Orientalischen ​ und dem Hesperischen können wir weiterhin feststellen,​ daß mit dem Orientalisieren des Sophoklesschen Dramas weit mehr gemeint ist als es wieder mit Lebendigkeit zu erfüllen. Eine Annäherung an die „Nationalkonvenienz“ des hesperischen Deutschlands ist auch mitgemeint. Das Hesperische ist in diesem Kontext das christliche [[Abendland]],​ welches nicht nur nach Hegels, sondern auch nach Hölderlins Ansicht in einer „positiven“ Religion aufging. Der ursprünglich feurig orientalische Geist der Hebräer, an dem Hölderlin im [[Gegensatz]] zu Hegel festhielt, wurde zum toten [[Buchstabe]]n,​ zum [[Gesetz]] und [[Ritual]]. Mit dem Sichtbarmachen des Orientalischen in der Sophoklesschen Tragödie wird also jene Urschicht des Hesperischen zum Vorschein gebracht, die das Abendland jäh von sich ausschloß. Es handelt sich also meines Erachtens bei Hölderlin nicht um einen (zeitgenössischen,​ präsenten) christlichen Umweg, der den modernen Leser den Griechen, die ihm fremd sind, näher bringen sollte. Obwohl einige Ähnlichkeiten mit Hegels diesbezüglichen Auffasssungen unverklennbar zu konstatieren wären, denkt Hölderlin vom Orientalischen,​ vom Christlich-Orientalischen anders als sein Studienfreund. Hölderlin benutzt das Orientalische nicht als Vermittler, als Medium, das die „wahre“ Antike, das Griechische,​ dem Abendland erschließen sollte. Umgekehrt: das Orientalische als elementare Naturwelt, als noch nicht zu menschlichen Gebilden herabwürdigte,​ zu purer Kunst gewordene Naturreligion,​ wie Hölderlin etwa [[Spinoza]] folgend sogar das Alte Testament lesen durfte, besitzt sogar eine klare Priorität. Sein Vorrang ist nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern auch poetisch-mythisch. Das Orientalische kehrt also in die abendländische Übersetzung der griechischen Dichtung in der [[Form]] einer „neuen Mythologie“,​ in der Gestalt einer neuen abendländischen Naturreligion wieder ein, die nicht nur im Dionysos die Urschicht des Griechischen bildet, sondern nach Hölderlins Ansicht dem Geist des alten Judentums und des Christentums (als einer Art Sonnenkultes) auch entsprechen sollte. Im Sinne dieser unorthodoxen Christentums schrieb Hölderlin an Auguste, die Prinzessin von Homburg: Er habe mit seiner Sophokles-Übersetzung von dem „unbegreiflich Göttlicheren unserer heiligen Religion in seiner Originalität“ zeugen wollen. Die übersetzerische Erfahrung hat – wie Walter [[Benjamin]] zeigte - Hölderlin gelehrt, daß wahre Dichtung immer aus einer interkulturellen Erfahrung, in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Anderen entsteht. Dieses [[Andere]] ist aber bei Hölderlin noch nicht beliebig, sondern hängt mit den Quellen eng zusammen, bleibt mit dem verdrängten Ursprung in nächster Verbindung. Genau von dem [[Moment]] an, als in schrankenloser Offenheit eine Beliebigkeit der geokulturellen Bezüge seine Texte zu überlagern beginnt, läßt sich seine Dichtung nicht mehr verfolgen.\\
 Die an Wilmans mitgeteilte neue Poetik Hölderlins setzt also voraus, daß das Orientalische einen gemeinsamen Kulturraum für das Griechische (Dionysoskult,​ [[Orphik]] etc.) und für die biblische Poesie bildete. Der [[Ausdruck]] „biblische Poesie“ würde dann im Sinne der Göttinger Bibelkritik (Michaelis, Eichhorn) verstanden, also als östlicher poetischer Mythus und nicht als dogmatische Religion. Hölderlin will aber im Gegensatz zur Orientalistik nicht das orientalische Erbe der Hebräer rationalisieren,​ sondern er versucht aus dem „Behälter“ moderner [[Rationalität]] (Nüchternheit) die elementare, belebende feurige Phantasie, die dichterische Kraft des Orients zu befreien. Durch diese Wiederbelebung gewinnt die Rationalität,​ die ohne ihre Korrektur entstellt wurde, ihre ursprüngliche [[Funktion]] als genuine poetische Kraft der Darstellungsgabe,​ als Beobachtungskunst zurück. \\ Die an Wilmans mitgeteilte neue Poetik Hölderlins setzt also voraus, daß das Orientalische einen gemeinsamen Kulturraum für das Griechische (Dionysoskult,​ [[Orphik]] etc.) und für die biblische Poesie bildete. Der [[Ausdruck]] „biblische Poesie“ würde dann im Sinne der Göttinger Bibelkritik (Michaelis, Eichhorn) verstanden, also als östlicher poetischer Mythus und nicht als dogmatische Religion. Hölderlin will aber im Gegensatz zur Orientalistik nicht das orientalische Erbe der Hebräer rationalisieren,​ sondern er versucht aus dem „Behälter“ moderner [[Rationalität]] (Nüchternheit) die elementare, belebende feurige Phantasie, die dichterische Kraft des Orients zu befreien. Durch diese Wiederbelebung gewinnt die Rationalität,​ die ohne ihre Korrektur entstellt wurde, ihre ursprüngliche [[Funktion]] als genuine poetische Kraft der Darstellungsgabe,​ als Beobachtungskunst zurück. \\
 Sollte Hölderlin seit der Elegie //Brod und Wein// die griechische [[Mythologie]] „synkretistisch“ mit der [[Symbolik]] biblischer Texte verbunden haben, handelt es sich um 1803/4 schon um einen neuen Ansatz. Wir wissen nicht, was Hölderlin veranlaßt hat, das Christentum und Christus selbst in den Mittelpunkt einiger seiner späten Hymnen zu stellen. Ich vermute, daß ihn vielleicht der biblische Glaube des Landgrafen Friedrich V. Ludwig von Homburg während seines zweiten Aufenthalts auch berührt hätte. Es ist aber zugleich auffallend, daß diese Hymnen doch nicht auf das Christliche gerichtet sind, sondern eher mit Hölderlins poetischer Fragestellung nach dem Orientalischen übereinstimmen. Im Gegensatz zu den so genannten „synkretistischen“ Momenten erkennt man in der letzten Fassung des //Patmos// einen Versuch, das [[Schicksal]] Christi auratisch mit den Orten seines Lebens zu verbinden:​\\ Sollte Hölderlin seit der Elegie //Brod und Wein// die griechische [[Mythologie]] „synkretistisch“ mit der [[Symbolik]] biblischer Texte verbunden haben, handelt es sich um 1803/4 schon um einen neuen Ansatz. Wir wissen nicht, was Hölderlin veranlaßt hat, das Christentum und Christus selbst in den Mittelpunkt einiger seiner späten Hymnen zu stellen. Ich vermute, daß ihn vielleicht der biblische Glaube des Landgrafen Friedrich V. Ludwig von Homburg während seines zweiten Aufenthalts auch berührt hätte. Es ist aber zugleich auffallend, daß diese Hymnen doch nicht auf das Christliche gerichtet sind, sondern eher mit Hölderlins poetischer Fragestellung nach dem Orientalischen übereinstimmen. Im Gegensatz zu den so genannten „synkretistischen“ Momenten erkennt man in der letzten Fassung des //Patmos// einen Versuch, das [[Schicksal]] Christi auratisch mit den Orten seines Lebens zu verbinden:​\\
Zeile 171: Zeile 142:
 Ein Kleeblatt.//​\\ Ein Kleeblatt.//​\\
  
-Ich wage nun hervorzuheben,​ daß die Wüste nicht nur allegorisch,​ ja sogar eher ganz konkret zu lesen ist. Es handelt sich um eine topographische Region, um die syrische Wüste, in die Hölderlin Dionysos und Christus, aber diesmal auch Herakles, der durch den Feuertod unter die Himmlischen aufgenommen wurde, gehört. Dies ist die gleiche Wüste, die unter der heißesten Sonne liegt, ihre Charakteristik wird aber hier anders vertieft. Sie scheint der Ort der extremen Horizontalität und zugleich der extremen Vertikalität zu sein. In der Wüste blickt man ja gewöhnlich ganz weit, rundherum bis zum [[Horizont]],​ man sieht die Sonne morgens vom Horizont beginnend aufgehen und abends unter den Horizont sinken. Und die Himmelskörper sind auch des nachts auf eine besondere Weise sichtbar, als ob der Himmel sich mit der Erde berührte: //​„Nemlich Christus ist ja auch allein / Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn“//​. Diese unheimliche Vertikalität wird dann noch mit dem durchaus anschaulichen Bild des Abgrunds gesteigert. Herakles, Dionysos und Christus werden zu dritt am Rande eines Abgrunds gestellt: „Die stehn allzeit, als an einem Abgrund, einer neben / Dem andern.“ Die Landschaft des heroischen Schicksals, die Wüste, ist nicht nur nach oben geöffnet („Nemlich immer jauchzet die Welt / Hinweg von dieser Erde“), sondern auch nach unten, sie ist abgründig, bodenlos. Sie ist den Elementen, der Sonne, dem [[Wind]], horizontal und vertikal, ausgesetzt, sie ist eine Landschaft jenseits der Grenze des Menschlichen überhaupt. In anderen Gedichten Hölderlins erscheint sie aber zugleich als eine wüste Kulturlandschaft. Der Nachtgesang //​Lebensalter//​ führt den Leser wiederum in die syrische Wüste und befragt ihre Ruinen: \\+Ich wage nun hervorzuheben,​ daß die Wüste nicht nur allegorisch,​ ja sogar eher ganz konkret zu lesen ist. Es handelt sich um eine topographische Region, um die syrische Wüste, in die Hölderlin Dionysos und Christus, aber diesmal auch Herakles, der durch den Feuertod unter die Himmlischen aufgenommen wurde, gehört. Dies ist die gleiche Wüste, die unter der heißesten Sonne liegt, ihre Charakteristik wird aber hier anders vertieft. Sie scheint der Ort der extremen Horizontalität und zugleich der extremen Vertikalität zu sein. In der Wüste blickt man ja gewöhnlich ganz weit, rundherum bis zum [[Horizont]],​ man sieht die Sonne morgens vom Horizont beginnend aufgehen und abends unter den Horizont sinken. Und die Himmelskörper sind auch des nachts auf eine besondere Weise sichtbar, als ob der Himmel sich mit der Erde berührte: //​„Nemlich Christus ist ja auch allein / Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn“//​. Diese unheimliche Vertikalität wird dann noch mit dem durchaus anschaulichen Bild des Abgrunds gesteigert. Herakles, Dionysos und Christus werden zu dritt am Rande eines Abgrunds gestellt: „Die stehn allzeit, als an einem [[Abgrund]], einer neben / Dem andern.“ Die Landschaft des heroischen Schicksals, die Wüste, ist nicht nur nach oben geöffnet („Nemlich immer jauchzet die Welt / Hinweg von dieser Erde“), sondern auch nach unten, sie ist abgründig, bodenlos. Sie ist den Elementen, der Sonne, dem [[Wind]], horizontal und vertikal, ausgesetzt, sie ist eine Landschaft jenseits der Grenze des Menschlichen überhaupt. In anderen Gedichten Hölderlins erscheint sie aber zugleich als eine wüste Kulturlandschaft. Der Nachtgesang //​Lebensalter//​ führt den Leser wiederum in die syrische Wüste und befragt ihre Ruinen: \\
  
 //Ihr Städte des Euphrats!\\ //Ihr Städte des Euphrats!\\
Zeile 181: Zeile 152:
 Der Sprechende wendet sich in direkter Anrede an die Städte des Euphrat, um sie zu fragen: „Was seid ihr?“ Diese im Spätwerk ungewöhnliche konkrete dialogische Sprechsituation braucht eine Erklärung. Der direkte Bezug des Sprechenden zum Ruinenfeld in der syrischen Wüste wurde gewöhnlich mit dem Bildmaterial der Reiseberichte erklärt. Die große Anzahl von Stichen aus dem 18. Jahrhundert gibt die kaum vorstellbare Monumentalität dieser Ruinen wieder. Sie durften den Dichter noch weit mehr als einst die Ruinen Athens, die er mit einem Schiffbruch verglich, in eine atemlose Verwunderung angesichts der ungeheuren Verwüstung versetzen. Welche Bilder er genau gesehen hat, welchen Text er dazu zu lesen vermochte, ist in der [[Forschung]] durchaus umstritten und unsicher geblieben. <​html> ​ Der Sprechende wendet sich in direkter Anrede an die Städte des Euphrat, um sie zu fragen: „Was seid ihr?“ Diese im Spätwerk ungewöhnliche konkrete dialogische Sprechsituation braucht eine Erklärung. Der direkte Bezug des Sprechenden zum Ruinenfeld in der syrischen Wüste wurde gewöhnlich mit dem Bildmaterial der Reiseberichte erklärt. Die große Anzahl von Stichen aus dem 18. Jahrhundert gibt die kaum vorstellbare Monumentalität dieser Ruinen wieder. Sie durften den Dichter noch weit mehr als einst die Ruinen Athens, die er mit einem Schiffbruch verglich, in eine atemlose Verwunderung angesichts der ungeheuren Verwüstung versetzen. Welche Bilder er genau gesehen hat, welchen Text er dazu zu lesen vermochte, ist in der [[Forschung]] durchaus umstritten und unsicher geblieben. <​html> ​
 <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​palmyra.jpg"​ alt = "​Palmyra"​ align = "​right"​ <img src = "​http://​www.vonwolkenstein.de/​images/​palmyra.jpg"​ alt = "​Palmyra"​ align = "​right"​
-hspace="​35"​ vspace="​35"> ​+hspace="​35"​ vspace="​35" style="​margin-left:​5mm" > 
 </​html>​ </​html>​
 Man hat auch die Beweiskraft des Hölderlinschen Vergleichs zwischen Säulengang und [[Wald]] durchaus überschätzt. So wurde Woods Reisebericht,​ insbesondere sein [[Kommentar]] bis jetzt kaum beachtet, obwohl das Werk in mehreren Ausgaben, unter anderem in Französisch und auch in deutschen Sammelbänden erschien. \\ Man hat auch die Beweiskraft des Hölderlinschen Vergleichs zwischen Säulengang und [[Wald]] durchaus überschätzt. So wurde Woods Reisebericht,​ insbesondere sein [[Kommentar]] bis jetzt kaum beachtet, obwohl das Werk in mehreren Ausgaben, unter anderem in Französisch und auch in deutschen Sammelbänden erschien. \\
Zeile 214: Zeile 185:
 Hölderlin sieht den Grund des Untergangs im Versäumen des Vaterländischen,​ d. h. in der Unfähigkeit,​ die ursprüngliche orientalische Natur in den durchformten Lebensverhältnissen der Polis aufrechtzuerhalten“. Dies traf das „schönste“ Griechenland,​ die Polis der schönen Künste, Athen, vom der schon in Archipelagus hieß, daß sie zum „Gebilde“,​ zum Kunstwerk wurde. So hat sie das Feurig-Lebendige,​ das sie einst beseelt hat, eingebüßt,​ wurde zum Schiffbruch der Geschichte, zur Stätte eines unermeßlichen Scheiterns.\\ Hölderlin sieht den Grund des Untergangs im Versäumen des Vaterländischen,​ d. h. in der Unfähigkeit,​ die ursprüngliche orientalische Natur in den durchformten Lebensverhältnissen der Polis aufrechtzuerhalten“. Dies traf das „schönste“ Griechenland,​ die Polis der schönen Künste, Athen, vom der schon in Archipelagus hieß, daß sie zum „Gebilde“,​ zum Kunstwerk wurde. So hat sie das Feurig-Lebendige,​ das sie einst beseelt hat, eingebüßt,​ wurde zum Schiffbruch der Geschichte, zur Stätte eines unermeßlichen Scheiterns.\\
 Wie verhält es sich aber mit dem Abendland, welches Geschick ist ihm angesichts der unterschiedlichen Wege der Antike beschieden? „Wohl hat es andere Bewandtnis jezt.“ – heißt es im gleichen Fragment. Mit Deutschland verhält es sich ja wirklich anders, sagt Hölderlin, weil es fern davon steht, schon ein Reich der Kunst gebaut zu haben. Die Fortsetzung des Fragments ist aber zu sehr bruchstückhaft,​ um die „Bewandtnis“ mit [[Sicherheit]] eruieren zu können. Jede Erschließung zieht deshalb andere Textfragmente hinzu. Auch mein Gedankengang stützt sich auf die umgebenden Fragmente im Homburger Folioheft.\\ Wie verhält es sich aber mit dem Abendland, welches Geschick ist ihm angesichts der unterschiedlichen Wege der Antike beschieden? „Wohl hat es andere Bewandtnis jezt.“ – heißt es im gleichen Fragment. Mit Deutschland verhält es sich ja wirklich anders, sagt Hölderlin, weil es fern davon steht, schon ein Reich der Kunst gebaut zu haben. Die Fortsetzung des Fragments ist aber zu sehr bruchstückhaft,​ um die „Bewandtnis“ mit [[Sicherheit]] eruieren zu können. Jede Erschließung zieht deshalb andere Textfragmente hinzu. Auch mein Gedankengang stützt sich auf die umgebenden Fragmente im Homburger Folioheft.\\
-Als erster Anhaltspunkt bieten sich die Verse, die Deutschland als Land der „Frommen“ bezeichnen: //„Es sollten nämlich die Frommen … und alle Tage wäre das Fest“.// Außer einer kritischen Anspielung auf die Feste der [[Französische Revolution#​Französischen Revolution]] wird hier klar das christliche Abendland angedeutet. Sie ist es mit ihren „Frommen“,​ die das Fest der Himmlischen profanieren. Mit der Alltäglichkeit des Festes wird auch das [[Wunder]] gemein gemacht, das Erratische, das Verhüllte nüchtern rationalisiert:​\\+Als erster Anhaltspunkt bieten sich die Verse, die Deutschland als Land der „[[Frommen]]“ bezeichnen: //„Es sollten nämlich die Frommen … und alle Tage wäre das Fest“.// Außer einer kritischen Anspielung auf die Feste der [[Französische Revolution#​Französischen Revolution]] wird hier klar das christliche Abendland angedeutet. Sie ist es mit ihren „Frommen“,​ die das Fest der Himmlischen profanieren. Mit der Alltäglichkeit des Festes wird auch das [[Wunder]] gemein gemacht, das Erratische, das Verhüllte nüchtern rationalisiert:​\\
  
 //Wenn aber alltäglich\\ //Wenn aber alltäglich\\
Zeile 220: Zeile 191:
 Das Wunder scheinen will.// (…)\\ Das Wunder scheinen will.// (…)\\
  
-Dem Untergang der schönen Antike wird also eine säkularisierte hesperische Welt entgegensetzt,​ die - einer Randnotiz folgend – „orbis ecclesiae“ – genannt werden kann. Die griechische Welt ging zwar an eigener [[Schuld]] zugrunde, war aber doch das Land der Schönheit. Selbst die Griechen, die die größte Schönheit hervorbrachten,​ konnten nicht mit der Zerbrechlichkeit der von ihnen hervorgebrachten Schönheit umgehen. Sie haben nicht erkannt, wie „apokalyptisch“ sie ist, das heißt wie sehr sie ihren Untergang in sich selbst birgt: //„Das bist Du ganz in deiner Schönheit apocalyptica“//​ – dieser ohne Kontext dastehende [[Vers]] Hölderlins trifft auf sein Griechenland genau zu. Griechenland hat das Schöne mitsamt seiner apokalyptischer Natur der Welt offenbart: Es zeigte das Schöne in seinem Untergang und eben nicht in der [[Unsterblichkeit]] als ewige [[Norm]] (wie Winckelmann oder Schiller dachten).\\ +Dem Untergang der schönen Antike wird eine säkularisierte hesperische Welt entgegensetzt,​ die - einer Randnotiz folgend – „orbis ecclesiae“ – genannt werden kann. Die griechische Welt ging zwar an eigener [[Schuld]] zugrunde, war aber doch das Land der Schönheit. Selbst die Griechen, die die größte Schönheit hervorbrachten,​ konnten nicht mit der Zerbrechlichkeit der von ihnen hervorgebrachten Schönheit umgehen. Sie haben nicht erkannt, wie „apokalyptisch“ sie ist, das heißt wie sehr sie ihren Untergang in sich selbst birgt: //„Das bist Du ganz in deiner Schönheit apocalyptica“//​ – dieser ohne Kontext dastehende [[Vers]] Hölderlins trifft auf sein Griechenland genau zu. Griechenland hat das Schöne mitsamt seiner apokalyptischer Natur der Welt offenbart: Es zeigte das Schöne in seinem Untergang und eben nicht in der [[Unsterblichkeit]] als ewige [[Norm]] (wie Winckelmann oder Schiller dachten).\\ 
-Der Dichter ist in seinem hesperischen [[Vaterland]] also auf doppelte Weise mit den „Ruinen der Antike“ konfrontiert:​ Er ist einerseits genötigt, eine [[Lehre]] aus dem Untergang des Griechischen zu ziehen und die Brechungen, die Verzerrungen des Schönen, seine apokalyptische Natur zu akzeptieren. Diese Akzeptanz der verzerrten, zerteilten, ja sogar kranken Schönheit, die aus den Trümmern der klassisch-griechischen Antike uns noch zugekommen ist, und was Hölderlin selbst noch hervorzubringen fähig war, war ihm anscheinend leichter, als sich mit dem Zerrbild einer einst leidenschaftlichen,​ feurigen, lebensvollen orientalischen,​ hebräischen Kultur zu begnügen. Diese gegenwärtige hesperische Kultur hat Hölderlin in seinem Brief an Böhlendorff mit einem Sarg verglichen, der zugleich an die Charakterisierung Ägyptens als leblose Kultur der Demütigung,​ Tyrannei und Häßlichkeit erinnert. Hier, im zitierten Fragment ist das Vaterländische mit dem Profanieren des Wundervollen mit Dürftigkeit anstatt ursprünglichen Reichtums, mit Eintönigkeit und mit belanglosem Geschwätz gleichgesetzt. Aus dem feurig Orientalischen asiatischen Ursprungs wurde eine despotische,​ formelhafte „ägyptisch“ starre Kulturwelt. Die Orientalisierung des Sophokles sollte also nicht nur das griechische Kunstwerk von der Rigidität seiner Schönheit befreien, sondern das teils verdrängte,​ teils „ägyptisch“ verzerrte Erbe des Abendlandes im Orient neu beleben.\\+Der Dichter ist in seinem hesperischen [[Vaterland]] also auf doppelte Weise mit den „Ruinen der Antike“ konfrontiert:​ Er ist einerseits genötigt, eine [[Lehre]] aus dem [[Untergang]] des Griechischen zu ziehen und die Brechungen, die Verzerrungen des Schönen, seine apokalyptische Natur zu akzeptieren. Diese Akzeptanz der verzerrten, zerteilten, ja sogar kranken Schönheit, die aus den Trümmern der klassisch-griechischen Antike uns noch zugekommen ist, und was Hölderlin selbst noch hervorzubringen fähig war, war ihm anscheinend leichter, als sich mit dem Zerrbild einer einst leidenschaftlichen,​ feurigen, lebensvollen orientalischen,​ hebräischen Kultur zu begnügen. Diese gegenwärtige hesperische Kultur hat Hölderlin in seinem Brief an Böhlendorff mit einem Sarg verglichen, der zugleich an die Charakterisierung Ägyptens als leblose Kultur der Demütigung,​ Tyrannei und Häßlichkeit erinnert. Hier, im zitierten Fragment ist das Vaterländische mit dem Profanieren des Wundervollen mit Dürftigkeit anstatt ursprünglichen Reichtums, mit Eintönigkeit und mit belanglosem Geschwätz gleichgesetzt. Aus dem feurig Orientalischen asiatischen Ursprungs wurde eine despotische,​ formelhafte „ägyptisch“ starre Kulturwelt. Die Orientalisierung des Sophokles sollte also nicht nur das griechische Kunstwerk von der Rigidität seiner Schönheit befreien, sondern das teils verdrängte,​ teils „ägyptisch“ verzerrte Erbe des Abendlandes im Orient neu beleben.\\
 Was Hölderlin unter Aufdecken des wahren gemeinsamen orientalischen Fundaments des Griechischen und des Hesperischen meint, würde also in diesem Kontext heißen: Mit dem griechisch verlautbarten aber ursprünglich hebräischen Begriff des „Apokalyptischen“ wird sowohl der griechischen Kultur als auch dem Abendlands jeweils ein neuer Sinn gegeben. Die Erkenntnis von der apokalyptischen Natur der Schönheit kann das Griechentum von ihren falschen modernen Konstrukten befreien, etwa von seiner Wiederbelebung als überzeitlicher Menschlichkeit,​ die durch die deutsche [[Klassik]] und durch neohumanistische Strömungen immer wieder inszeniert wurde. ​ Was Hölderlin unter Aufdecken des wahren gemeinsamen orientalischen Fundaments des Griechischen und des Hesperischen meint, würde also in diesem Kontext heißen: Mit dem griechisch verlautbarten aber ursprünglich hebräischen Begriff des „Apokalyptischen“ wird sowohl der griechischen Kultur als auch dem Abendlands jeweils ein neuer Sinn gegeben. Die Erkenntnis von der apokalyptischen Natur der Schönheit kann das Griechentum von ihren falschen modernen Konstrukten befreien, etwa von seiner Wiederbelebung als überzeitlicher Menschlichkeit,​ die durch die deutsche [[Klassik]] und durch neohumanistische Strömungen immer wieder inszeniert wurde. ​
 In bezug auf das Abendland gewinnt das Apokalyptische einen anderen Sinn. In Anbetracht des orientalischen Flammentods,​ der mit den Städten der ganzen kleinasiatischen Kultur ein Ende setzte, lernt der moderne Dichter eine neue Ernsthaftigkeit. Rauch und Feuer setzten ihm prophetisch ein Zeichen: //„Gott rein und mit Unterscheidung/​ Bewahren, das ist uns vertrauet,/ Damit nicht, weil an diesem/ Viel hängt, über der Büßung über einem Fehler/ Des Zeichens/ Gottes Gericht entstehet.“//​ \\ In bezug auf das Abendland gewinnt das Apokalyptische einen anderen Sinn. In Anbetracht des orientalischen Flammentods,​ der mit den Städten der ganzen kleinasiatischen Kultur ein Ende setzte, lernt der moderne Dichter eine neue Ernsthaftigkeit. Rauch und Feuer setzten ihm prophetisch ein Zeichen: //„Gott rein und mit Unterscheidung/​ Bewahren, das ist uns vertrauet,/ Damit nicht, weil an diesem/ Viel hängt, über der Büßung über einem Fehler/ Des Zeichens/ Gottes Gericht entstehet.“//​ \\
Zeile 231: Zeile 202:
 Aber heißen\\ Aber heißen\\
 Des Menschen Herz betrüblich//​.\\ Des Menschen Herz betrüblich//​.\\
 +==== Tod des Empedokles ====
 +- die Todes[[utopie]] des Schweigens → der Eintritt in den Ätna ist der [[Tod]] im [[Licht]], der Eingang in die Einheit des Unbewußten,​ das die Natur, vorzüglich in anorganischer Naturschönheit,​ zu versprechen scheint ([[Bloch]])\\
 +- setzt das Seelendrama von [[Sophokles]],​ [[Racine]] und [[Goethe]] fort ([[Dilthey]])\\
 +- der [[Held]] scheitert am Widerspruche der [[Wirklichkeit]],​ an der Zerstückelung der Welt um sich her (Fahrner)
 +
 +
 +==== Hölderlin als Übersetzer ====
 +- seine [[Sophokles]]-Übersetzungen werden von Goethe abgelehnt, weil sich Hölderlin nicht an die Übersetzungsvorgaben [[Voß]]'​ hielt, sondern die mit Mühe gefundene und aufrechterhaltene [[Ordnung]] der Silbenmaße sprengt → Hölderlin hielt sich nicht an die von dem Goethe-Kreis geforderten Normative des Übersetzers,​ sondern nahm den Text eigen an\\
 +- er bringt Provinzialismen an gehobener Stelle zu selbständiger und eigentümlicher [[Wirkung]] und verhöhnt durch unerhörte plastische Wucht der Bilder die Grenzen des Erlaubten (Voß)
 +
 +
 +==== Wertung/​Rezeption ====
 +- ahnte das unter den Götternamen verborgene unendliche Leben ([[Bäumler]])\\
 +- beginnt mit [[Tieck]] und [[Novalis]] jene neue [[Lyrik]], welche den Überschwang des [[Gefühl]]s,​ die gegenstandslose [[Macht]] der Stimmung... die unendliche Melodie einer Seelenbewegung ausdrückt, die wie aus unbestimmten Fernen kommt und in sie sich verliert (Dilthey) → damit ist Hölderlins Lyrik in den Strudel des Romantischen hinausgestoßen,​ die [[Scheidung]] aufgegeben (Fahrner) \\
 +- Seitentrieb der romantischen [[Poesie]] (Haym)\\
 +-  man muß der Verrückung folgen, um im [[Kunstwerk]] zu verweilen\\
 +-  [[Sprung]] in das Sein vor den Menschen. Verwahrung in der Stimme des Dichters → Ahnungen\\
 +-  der letzte Dichter einer vergangenen [[Zeit]] - Heidegger bemüht sich um ihn -, denn die Götter sind ihm unmittelbare Erfahrung, nicht Kulturgut, wie sie es Schiller sind → Hölderlin ist von ihnen betroffen und getroffen; der Spur der entflohenen Götter gilt es zu folgen\\
 +-  Hineinwurf seines Sagens in die Geschichte → [[Stoß]] des Seins als Erschütterung unseres [[Dasein]]s - nicht [[moralisch]] oder pädagogisch zu verstehen \\
 +__Frage__: Wie kann der Stoß weitergegeben werden?\\
 +- wenn die Götter die [[Erde]] rufen und im Ruf eine Welt widerhallt und so der Ruf anklingt als Da-sein des Menschen, dann ist [[Sprache]] als Geschichtliches,​ Geschichte gründendes Wort. (Heidegger)\\
 +- ihm war es wie keinem gelungen, in klassischer [[Form]] die [[Romantik#​romantische]] Seele zu binden, ohne daß sie von ihrer Würze verlor ([[Huch]])\\
 +- Größter der Sehnsucht nach Urbarem\\
 +- keine [[Kontemplation]]\\
 +- aus der Dumpfheit eines [[Allgemein]]gefühls in ein ästhetisch-willenhaftes Sehnsuchtsmotiv → Richtung spannen\\
 +- elementar ([[Rosenberg]])\\
 +- eine heftig subjektive Natur, verzärtelt und eigensüchtig,​ nur in sich lebend (Schiller)\\
 +- die [[Tapferkeit]] einer zarten Seele ([[Volkelt]])
 +
 +
 +
 +<​html> ​
 +<img src = "​http://​vg06.met.vgwort.de/​na/​b91cb50ba0f04042a2210b52b6aa51d7"​ width="​1"​ height= "​1"​ alt=""></​html>​
hoelderlin.1343314933.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/07/28 13:44 (Externe Bearbeitung)