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hoelderlin

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hoelderlin [2015/01/28 18:16]
Robert-Christian Knorr
hoelderlin [2019/10/06 16:51] (aktuell)
Robert-Christian Knorr [Andenken]
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 ==== Andenken ==== ==== Andenken ====
-- benutzt den [[Imperativ]] als Leitmotiv - z.B. //geh//\\+- benutzt den [[Imperativ]] als [[Leitmotiv]] - z.B. //geh//\\
 - das [[Pneuma]] führt den Weg des Suchenden\\ - das [[Pneuma]] führt den Weg des Suchenden\\
 - Oxymorone - //dunkles Licht, wohnen einsam// - für die [[Unentscheidbarkeit]] des Sehnens\\ - Oxymorone - //dunkles Licht, wohnen einsam// - für die [[Unentscheidbarkeit]] des Sehnens\\
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 ==== Hölderlins Orient ==== ==== Hölderlins Orient ====
  
-Johann Wolfgang [[Goethe]] hat im //​West-östlichen Diwan// die kulturelle Selbsterkenntnis des abendländischen Dichters an den [[Orient]] gebunden. Dieser poetischen Selbstreflexion zufolge //„Wer sich selbst und andere kennt/ wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen.“//​ Aus der Perspektive der Hölderlinforschung hat dieser Spruch seinen [[Sinn]] in der These gefunden, daß der Orient für Hölderlin das Herkunftsland der griechischen und somit der abendländischen [[Kultur]] war. Er stellte sich - wie [[Herder]] oder [[Hegel]] – den Verlauf der [[Weltgeschichte]] von Osten nach [[Westen]] vor. (G.F. W. Hegel: Vorlesungen über die [[Philosophie]] der Weltgeschichte. Werke, Frankfurt/​Main 1970, S. 134.) Auch die [[Antike]], die Hölderlin lebenslang fesselte, sollte im Rahmen dieses Prozesses der //​translatio culturae// ihren Ort gefunden haben. Die [[Hymne]] //Am Quell der Donau// hat diesen Gang programmatisch formuliert:​\\+Johann Wolfgang [[Goethe]] hat im //​West-östlichen Diwan// die kulturelle ​[[Selbsterkenntnis]] des abendländischen Dichters an den [[Orient]] gebunden. Dieser poetischen Selbstreflexion zufolge //„Wer sich selbst und andere kennt/ wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen.“//​ Aus der Perspektive der Hölderlinforschung hat dieser Spruch seinen [[Sinn]] in der These gefunden, daß der Orient für Hölderlin das Herkunftsland der griechischen und somit der abendländischen [[Kultur]] war. Er stellte sich - wie [[Herder]] oder [[Hegel]] – den Verlauf der [[Weltgeschichte]] von Osten nach [[Westen]] vor. (G.F. W. Hegel: Vorlesungen über die [[Philosophie]] der Weltgeschichte. Werke, Frankfurt/​Main 1970, S. 134.) Auch die [[Antike]], die Hölderlin lebenslang fesselte, sollte im Rahmen dieses Prozesses der //​translatio culturae// ihren Ort gefunden haben. Die [[Hymne]] //Am Quell der Donau// hat diesen Gang programmatisch formuliert:​\\
  
 //So kam\\ //So kam\\
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 Die Ausbreitung des poetischen Raums läßt sich bei Hölderlin nicht auf die [[Suche]] nach dem eigenen Ursprung einschränken. Texte nach 1802 bezeugen Hölderlins Ansicht, daß die Wüstenlandschaft Arabiens vieles davon, was wir angesichts des [[Altertum]]s als Erratisches,​ als Enigmatisches fühlen, bewahrt hat. Hölderlins „Erinnerungsräume“ erstrecken sich in die arabische Wüste ([[Palmyra]]) und nach Palästina (Jerusalem). Arabien wird neben Ionien gestellt - als „Spenderin der göttlichgesendeten Gaben“. Arabien ist das „golderfüllte Land“, „die „lichtgetroffne Gegend“, das „glückliche Arabien“ des Dionysos, wie es in der Hölderlinschen Übersetzung des Prologs der //​Bacchantinnen//​ des [[Euripides]] heißt. Ionien und Arabien (sogar bis [[Persien]]) bilden jetzt eine zusammenhängende Kulturlandschaft,​ die inmitten des Mediterraneums liegt, und südwärts nach Palästina, nordwärts nach dem Kaukasus schaut. Je mehr sich Hölderlin vom Klassischen abkehrt, und sogar über den Höhepunkt der attischen Dramendichtung,​ über die [[Tragödie]]n des [[Sophokles]] zu sagen wagt, daß er ihre „Kunstfehler“ verbessern wolle und ihre Darstellungsart lebendiger zu machen gedenke, desto klarer wird die [[Tendenz]] einer neuen [[Poetik]], das Griechische auf seinen orientalischen Ursprung zurückzuführen. //„Ich hoffe// – schrieb Hölderlin 1803 an Wilmans - //die griechische Kunst, die uns [[fremd]] ist, durch Nationalkonvenienz und [[Fehler]], mit denen sie sich immer herum geholfen hat, dadurch lebendiger, als gewöhnlich dem [[Publikum]] darzustellen,​ daß ich das Orientalische,​ das sie verläugnet hat, mehr heraushebe, und ihren Kunstfehler,​ wo er vorkommt, verbessere.“//​ \\ Die Ausbreitung des poetischen Raums läßt sich bei Hölderlin nicht auf die [[Suche]] nach dem eigenen Ursprung einschränken. Texte nach 1802 bezeugen Hölderlins Ansicht, daß die Wüstenlandschaft Arabiens vieles davon, was wir angesichts des [[Altertum]]s als Erratisches,​ als Enigmatisches fühlen, bewahrt hat. Hölderlins „Erinnerungsräume“ erstrecken sich in die arabische Wüste ([[Palmyra]]) und nach Palästina (Jerusalem). Arabien wird neben Ionien gestellt - als „Spenderin der göttlichgesendeten Gaben“. Arabien ist das „golderfüllte Land“, „die „lichtgetroffne Gegend“, das „glückliche Arabien“ des Dionysos, wie es in der Hölderlinschen Übersetzung des Prologs der //​Bacchantinnen//​ des [[Euripides]] heißt. Ionien und Arabien (sogar bis [[Persien]]) bilden jetzt eine zusammenhängende Kulturlandschaft,​ die inmitten des Mediterraneums liegt, und südwärts nach Palästina, nordwärts nach dem Kaukasus schaut. Je mehr sich Hölderlin vom Klassischen abkehrt, und sogar über den Höhepunkt der attischen Dramendichtung,​ über die [[Tragödie]]n des [[Sophokles]] zu sagen wagt, daß er ihre „Kunstfehler“ verbessern wolle und ihre Darstellungsart lebendiger zu machen gedenke, desto klarer wird die [[Tendenz]] einer neuen [[Poetik]], das Griechische auf seinen orientalischen Ursprung zurückzuführen. //„Ich hoffe// – schrieb Hölderlin 1803 an Wilmans - //die griechische Kunst, die uns [[fremd]] ist, durch Nationalkonvenienz und [[Fehler]], mit denen sie sich immer herum geholfen hat, dadurch lebendiger, als gewöhnlich dem [[Publikum]] darzustellen,​ daß ich das Orientalische,​ das sie verläugnet hat, mehr heraushebe, und ihren Kunstfehler,​ wo er vorkommt, verbessere.“//​ \\
  
-Hölderlins „Korrektur“ kann man sicherlich aus der [[Erkenntnis]] herleiten, die er in seinem viel zitierten [[Brief]] an Casimir Böhlendorff formulierte. Hölderlin schrieb an seinen [[Freund]], daß er Homer deshalb für das höchste Genie der griechischen Dichtkunst hält, //„weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Nüchternheit für sein Apollonreich zu erbeuten//​“. Er war [[seele]]nvoll – d. h. feurig, [[lebendig]] im Geist, vom feurigen Sonnengott [[Apollo]] inspiriert, kurzum: orientalisch-griechisch genug – um das ihm ursprünglich fremde poetische Prinzip, das Hölderlin „abendländische Nüchternheit“ nennt, aneignen zu können, und zwar ohne die Gefahr hin, sich darin zu verlieren und sich selbst aufzugeben. Homers Genialität habe also das eigene und das fremde dichterische Prinzip in sich vereint, er als angeborener „Mäonide“,​ Orientale, wurde zum ersten griechischen,​ das heißt europäischen Dichter, zum [[Stifter]] der abendländischen Kultur. Seine Gabe, solche [[Gegensatz#​Gegensätze]] in sich harmonisch vereinigen zu können, fand in seiner vollkommensten künstlerischen [[Schöpfung]],​ im Charakter des [[Achill]], ihre Erfüllung, in dem der ionische Dichter einander durchaus widersprechende Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen vermochte. Die Tragödie des Sophokles konnte nicht mehr dieses Gleichgewicht halten. Es hat sich einigermaßen schon im Schönen verflacht, in der Einseitigkeit der junonischen,​ nüchternen Darstellungsgabe. Im [[Kontext]] des Homerbildes Hölderlins,​ wie ich es zu verstehen versuchte, ist man auch genötigt, Hölderlins [[Argument]] für die [[Notwendigkeit]] einer „orientalischen“ Korrektur an Sophokles, mit anderen Akzenten zu lesen. \\+Hölderlins „Korrektur“ kann man sicherlich aus der [[Erkenntnis]] herleiten, die er in seinem viel zitierten [[Brief]] an Casimir Böhlendorff formulierte. Hölderlin schrieb an seinen [[Freund]], daß er Homer deshalb für das höchste Genie der griechischen ​[[Dichtkunst]] hält, //„weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische Nüchternheit für sein Apollonreich zu erbeuten//​“. Er war [[seele]]nvoll – d. h. feurig, [[lebendig]] im Geist, vom feurigen Sonnengott [[Apollo]] inspiriert, kurzum: orientalisch-griechisch genug – um das ihm ursprünglich fremde poetische Prinzip, das Hölderlin „abendländische Nüchternheit“ nennt, aneignen zu können, und zwar ohne die Gefahr hin, sich darin zu verlieren und sich selbst aufzugeben. Homers Genialität habe also das eigene und das fremde dichterische Prinzip in sich vereint, er als angeborener „Mäonide“,​ Orientale, wurde zum ersten griechischen,​ das heißt europäischen Dichter, zum [[Stifter]] der abendländischen Kultur. Seine Gabe, solche [[Gegensatz#​Gegensätze]] in sich harmonisch vereinigen zu können, fand in seiner vollkommensten künstlerischen [[Schöpfung]],​ im Charakter des [[Achill]], ihre Erfüllung, in dem der ionische Dichter einander durchaus widersprechende Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen vermochte. Die Tragödie des Sophokles konnte nicht mehr dieses Gleichgewicht halten. Es hat sich einigermaßen schon im Schönen verflacht, in der Einseitigkeit der junonischen,​ nüchternen Darstellungsgabe. Im [[Kontext]] des Homerbildes Hölderlins,​ wie ich es zu verstehen versuchte, ist man auch genötigt, Hölderlins [[Argument]] für die [[Notwendigkeit]] einer „orientalischen“ Korrektur an Sophokles, mit anderen Akzenten zu lesen. \\
 Aufgrund der bereits festgestellten Zusammenhänge zwischen dem Orientalischen ​ und dem Hesperischen können wir weiterhin feststellen,​ daß mit dem Orientalisieren des Sophoklesschen Dramas weit mehr gemeint ist als es wieder mit Lebendigkeit zu erfüllen. Eine Annäherung an die „Nationalkonvenienz“ des hesperischen Deutschlands ist auch mitgemeint. Das Hesperische ist in diesem Kontext das christliche [[Abendland]],​ welches nicht nur nach Hegels, sondern auch nach Hölderlins Ansicht in einer „positiven“ Religion aufging. Der ursprünglich feurig orientalische Geist der Hebräer, an dem Hölderlin im [[Gegensatz]] zu Hegel festhielt, wurde zum toten [[Buchstabe]]n,​ zum [[Gesetz]] und [[Ritual]]. Mit dem Sichtbarmachen des Orientalischen in der Sophoklesschen Tragödie wird also jene Urschicht des Hesperischen zum Vorschein gebracht, die das Abendland jäh von sich ausschloß. Es handelt sich also meines Erachtens bei Hölderlin nicht um einen (zeitgenössischen,​ präsenten) christlichen Umweg, der den modernen Leser den Griechen, die ihm fremd sind, näher bringen sollte. Obwohl einige Ähnlichkeiten mit Hegels diesbezüglichen Auffasssungen unverklennbar zu konstatieren wären, denkt Hölderlin vom Orientalischen,​ vom Christlich-Orientalischen anders als sein Studienfreund. Hölderlin benutzt das Orientalische nicht als Vermittler, als Medium, das die „wahre“ Antike, das Griechische,​ dem Abendland erschließen sollte. Umgekehrt: das Orientalische als elementare Naturwelt, als noch nicht zu menschlichen Gebilden herabwürdigte,​ zu purer Kunst gewordene Naturreligion,​ wie Hölderlin etwa [[Spinoza]] folgend sogar das Alte Testament lesen durfte, besitzt sogar eine klare Priorität. Sein Vorrang ist nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern auch poetisch-mythisch. Das Orientalische kehrt also in die abendländische Übersetzung der griechischen Dichtung in der [[Form]] einer „neuen Mythologie“,​ in der Gestalt einer neuen abendländischen Naturreligion wieder ein, die nicht nur im Dionysos die Urschicht des Griechischen bildet, sondern nach Hölderlins Ansicht dem Geist des alten Judentums und des Christentums (als einer Art Sonnenkultes) auch entsprechen sollte. Im Sinne dieser unorthodoxen Christentums schrieb Hölderlin an Auguste, die Prinzessin von Homburg: Er habe mit seiner Sophokles-Übersetzung von dem „unbegreiflich Göttlicheren unserer heiligen Religion in seiner Originalität“ zeugen wollen. Die übersetzerische Erfahrung hat – wie Walter [[Benjamin]] zeigte - Hölderlin gelehrt, daß wahre Dichtung immer aus einer interkulturellen Erfahrung, in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Anderen entsteht. Dieses [[Andere]] ist aber bei Hölderlin noch nicht beliebig, sondern hängt mit den Quellen eng zusammen, bleibt mit dem verdrängten Ursprung in nächster Verbindung. Genau von dem [[Moment]] an, als in schrankenloser Offenheit eine Beliebigkeit der geokulturellen Bezüge seine Texte zu überlagern beginnt, läßt sich seine Dichtung nicht mehr verfolgen.\\ Aufgrund der bereits festgestellten Zusammenhänge zwischen dem Orientalischen ​ und dem Hesperischen können wir weiterhin feststellen,​ daß mit dem Orientalisieren des Sophoklesschen Dramas weit mehr gemeint ist als es wieder mit Lebendigkeit zu erfüllen. Eine Annäherung an die „Nationalkonvenienz“ des hesperischen Deutschlands ist auch mitgemeint. Das Hesperische ist in diesem Kontext das christliche [[Abendland]],​ welches nicht nur nach Hegels, sondern auch nach Hölderlins Ansicht in einer „positiven“ Religion aufging. Der ursprünglich feurig orientalische Geist der Hebräer, an dem Hölderlin im [[Gegensatz]] zu Hegel festhielt, wurde zum toten [[Buchstabe]]n,​ zum [[Gesetz]] und [[Ritual]]. Mit dem Sichtbarmachen des Orientalischen in der Sophoklesschen Tragödie wird also jene Urschicht des Hesperischen zum Vorschein gebracht, die das Abendland jäh von sich ausschloß. Es handelt sich also meines Erachtens bei Hölderlin nicht um einen (zeitgenössischen,​ präsenten) christlichen Umweg, der den modernen Leser den Griechen, die ihm fremd sind, näher bringen sollte. Obwohl einige Ähnlichkeiten mit Hegels diesbezüglichen Auffasssungen unverklennbar zu konstatieren wären, denkt Hölderlin vom Orientalischen,​ vom Christlich-Orientalischen anders als sein Studienfreund. Hölderlin benutzt das Orientalische nicht als Vermittler, als Medium, das die „wahre“ Antike, das Griechische,​ dem Abendland erschließen sollte. Umgekehrt: das Orientalische als elementare Naturwelt, als noch nicht zu menschlichen Gebilden herabwürdigte,​ zu purer Kunst gewordene Naturreligion,​ wie Hölderlin etwa [[Spinoza]] folgend sogar das Alte Testament lesen durfte, besitzt sogar eine klare Priorität. Sein Vorrang ist nicht nur zeitlich zu verstehen, sondern auch poetisch-mythisch. Das Orientalische kehrt also in die abendländische Übersetzung der griechischen Dichtung in der [[Form]] einer „neuen Mythologie“,​ in der Gestalt einer neuen abendländischen Naturreligion wieder ein, die nicht nur im Dionysos die Urschicht des Griechischen bildet, sondern nach Hölderlins Ansicht dem Geist des alten Judentums und des Christentums (als einer Art Sonnenkultes) auch entsprechen sollte. Im Sinne dieser unorthodoxen Christentums schrieb Hölderlin an Auguste, die Prinzessin von Homburg: Er habe mit seiner Sophokles-Übersetzung von dem „unbegreiflich Göttlicheren unserer heiligen Religion in seiner Originalität“ zeugen wollen. Die übersetzerische Erfahrung hat – wie Walter [[Benjamin]] zeigte - Hölderlin gelehrt, daß wahre Dichtung immer aus einer interkulturellen Erfahrung, in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Anderen entsteht. Dieses [[Andere]] ist aber bei Hölderlin noch nicht beliebig, sondern hängt mit den Quellen eng zusammen, bleibt mit dem verdrängten Ursprung in nächster Verbindung. Genau von dem [[Moment]] an, als in schrankenloser Offenheit eine Beliebigkeit der geokulturellen Bezüge seine Texte zu überlagern beginnt, läßt sich seine Dichtung nicht mehr verfolgen.\\
 Die an Wilmans mitgeteilte neue Poetik Hölderlins setzt also voraus, daß das Orientalische einen gemeinsamen Kulturraum für das Griechische (Dionysoskult,​ [[Orphik]] etc.) und für die biblische Poesie bildete. Der [[Ausdruck]] „biblische Poesie“ würde dann im Sinne der Göttinger Bibelkritik (Michaelis, Eichhorn) verstanden, also als östlicher poetischer Mythus und nicht als dogmatische Religion. Hölderlin will aber im Gegensatz zur Orientalistik nicht das orientalische Erbe der Hebräer rationalisieren,​ sondern er versucht aus dem „Behälter“ moderner [[Rationalität]] (Nüchternheit) die elementare, belebende feurige Phantasie, die dichterische Kraft des Orients zu befreien. Durch diese Wiederbelebung gewinnt die Rationalität,​ die ohne ihre Korrektur entstellt wurde, ihre ursprüngliche [[Funktion]] als genuine poetische Kraft der Darstellungsgabe,​ als Beobachtungskunst zurück. \\ Die an Wilmans mitgeteilte neue Poetik Hölderlins setzt also voraus, daß das Orientalische einen gemeinsamen Kulturraum für das Griechische (Dionysoskult,​ [[Orphik]] etc.) und für die biblische Poesie bildete. Der [[Ausdruck]] „biblische Poesie“ würde dann im Sinne der Göttinger Bibelkritik (Michaelis, Eichhorn) verstanden, also als östlicher poetischer Mythus und nicht als dogmatische Religion. Hölderlin will aber im Gegensatz zur Orientalistik nicht das orientalische Erbe der Hebräer rationalisieren,​ sondern er versucht aus dem „Behälter“ moderner [[Rationalität]] (Nüchternheit) die elementare, belebende feurige Phantasie, die dichterische Kraft des Orients zu befreien. Durch diese Wiederbelebung gewinnt die Rationalität,​ die ohne ihre Korrektur entstellt wurde, ihre ursprüngliche [[Funktion]] als genuine poetische Kraft der Darstellungsgabe,​ als Beobachtungskunst zurück. \\
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 Ein Kleeblatt.//​\\ Ein Kleeblatt.//​\\
  
-Ich wage nun hervorzuheben,​ daß die Wüste nicht nur allegorisch,​ ja sogar eher ganz konkret zu lesen ist. Es handelt sich um eine topographische Region, um die syrische Wüste, in die Hölderlin Dionysos und Christus, aber diesmal auch Herakles, der durch den Feuertod unter die Himmlischen aufgenommen wurde, gehört. Dies ist die gleiche Wüste, die unter der heißesten Sonne liegt, ihre Charakteristik wird aber hier anders vertieft. Sie scheint der Ort der extremen Horizontalität und zugleich der extremen Vertikalität zu sein. In der Wüste blickt man ja gewöhnlich ganz weit, rundherum bis zum [[Horizont]],​ man sieht die Sonne morgens vom Horizont beginnend aufgehen und abends unter den Horizont sinken. Und die Himmelskörper sind auch des nachts auf eine besondere Weise sichtbar, als ob der Himmel sich mit der Erde berührte: //​„Nemlich Christus ist ja auch allein / Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn“//​. Diese unheimliche Vertikalität wird dann noch mit dem durchaus anschaulichen Bild des Abgrunds gesteigert. Herakles, Dionysos und Christus werden zu dritt am Rande eines Abgrunds gestellt: „Die stehn allzeit, als an einem Abgrund, einer neben / Dem andern.“ Die Landschaft des heroischen Schicksals, die Wüste, ist nicht nur nach oben geöffnet („Nemlich immer jauchzet die Welt / Hinweg von dieser Erde“), sondern auch nach unten, sie ist abgründig, bodenlos. Sie ist den Elementen, der Sonne, dem [[Wind]], horizontal und vertikal, ausgesetzt, sie ist eine Landschaft jenseits der Grenze des Menschlichen überhaupt. In anderen Gedichten Hölderlins erscheint sie aber zugleich als eine wüste Kulturlandschaft. Der Nachtgesang //​Lebensalter//​ führt den Leser wiederum in die syrische Wüste und befragt ihre Ruinen: \\+Ich wage nun hervorzuheben,​ daß die Wüste nicht nur allegorisch,​ ja sogar eher ganz konkret zu lesen ist. Es handelt sich um eine topographische Region, um die syrische Wüste, in die Hölderlin Dionysos und Christus, aber diesmal auch Herakles, der durch den Feuertod unter die Himmlischen aufgenommen wurde, gehört. Dies ist die gleiche Wüste, die unter der heißesten Sonne liegt, ihre Charakteristik wird aber hier anders vertieft. Sie scheint der Ort der extremen Horizontalität und zugleich der extremen Vertikalität zu sein. In der Wüste blickt man ja gewöhnlich ganz weit, rundherum bis zum [[Horizont]],​ man sieht die Sonne morgens vom Horizont beginnend aufgehen und abends unter den Horizont sinken. Und die Himmelskörper sind auch des nachts auf eine besondere Weise sichtbar, als ob der Himmel sich mit der Erde berührte: //​„Nemlich Christus ist ja auch allein / Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn“//​. Diese unheimliche Vertikalität wird dann noch mit dem durchaus anschaulichen Bild des Abgrunds gesteigert. Herakles, Dionysos und Christus werden zu dritt am Rande eines Abgrunds gestellt: „Die stehn allzeit, als an einem [[Abgrund]], einer neben / Dem andern.“ Die Landschaft des heroischen Schicksals, die Wüste, ist nicht nur nach oben geöffnet („Nemlich immer jauchzet die Welt / Hinweg von dieser Erde“), sondern auch nach unten, sie ist abgründig, bodenlos. Sie ist den Elementen, der Sonne, dem [[Wind]], horizontal und vertikal, ausgesetzt, sie ist eine Landschaft jenseits der Grenze des Menschlichen überhaupt. In anderen Gedichten Hölderlins erscheint sie aber zugleich als eine wüste Kulturlandschaft. Der Nachtgesang //​Lebensalter//​ führt den Leser wiederum in die syrische Wüste und befragt ihre Ruinen: \\
  
 //Ihr Städte des Euphrats!\\ //Ihr Städte des Euphrats!\\
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 - ahnte das unter den Götternamen verborgene unendliche Leben ([[Bäumler]])\\ - ahnte das unter den Götternamen verborgene unendliche Leben ([[Bäumler]])\\
 - beginnt mit [[Tieck]] und [[Novalis]] jene neue [[Lyrik]], welche den Überschwang des [[Gefühl]]s,​ die gegenstandslose [[Macht]] der Stimmung... die unendliche Melodie einer Seelenbewegung ausdrückt, die wie aus unbestimmten Fernen kommt und in sie sich verliert (Dilthey) → damit ist Hölderlins Lyrik in den Strudel des Romantischen hinausgestoßen,​ die [[Scheidung]] aufgegeben (Fahrner) \\ - beginnt mit [[Tieck]] und [[Novalis]] jene neue [[Lyrik]], welche den Überschwang des [[Gefühl]]s,​ die gegenstandslose [[Macht]] der Stimmung... die unendliche Melodie einer Seelenbewegung ausdrückt, die wie aus unbestimmten Fernen kommt und in sie sich verliert (Dilthey) → damit ist Hölderlins Lyrik in den Strudel des Romantischen hinausgestoßen,​ die [[Scheidung]] aufgegeben (Fahrner) \\
- der große Vermittler zwischen Heidegger und [[Heraklit]]\\+Seitentrieb ​der romantischen ​[[Poesie]] (Haym)\\
 -  man muß der Verrückung folgen, um im [[Kunstwerk]] zu verweilen\\ -  man muß der Verrückung folgen, um im [[Kunstwerk]] zu verweilen\\
 -  [[Sprung]] in das Sein vor den Menschen. Verwahrung in der Stimme des Dichters → Ahnungen\\ -  [[Sprung]] in das Sein vor den Menschen. Verwahrung in der Stimme des Dichters → Ahnungen\\
 -  der letzte Dichter einer vergangenen [[Zeit]] - Heidegger bemüht sich um ihn -, denn die Götter sind ihm unmittelbare Erfahrung, nicht Kulturgut, wie sie es Schiller sind → Hölderlin ist von ihnen betroffen und getroffen; der Spur der entflohenen Götter gilt es zu folgen\\ -  der letzte Dichter einer vergangenen [[Zeit]] - Heidegger bemüht sich um ihn -, denn die Götter sind ihm unmittelbare Erfahrung, nicht Kulturgut, wie sie es Schiller sind → Hölderlin ist von ihnen betroffen und getroffen; der Spur der entflohenen Götter gilt es zu folgen\\
--  Hineinwurf seines Sagens in die Geschichte → [[Stoß]] des Seins als Erschütterung unseres [[Dasein]]s - nicht [[moralisch]] oder pädagogisch zu verstehen ​ +-  Hineinwurf seines Sagens in die Geschichte → [[Stoß]] des Seins als Erschütterung unseres [[Dasein]]s - nicht [[moralisch]] oder pädagogisch zu verstehen ​\\
 __Frage__: Wie kann der Stoß weitergegeben werden?\\ __Frage__: Wie kann der Stoß weitergegeben werden?\\
- wenn die Götter die [[Erde]] rufen und im Ruf eine Welt widerhallt und so der Ruf anklingt als Da-sein des Menschen, dann ist [[Sprache]] als Geschichtliches,​ Geschichte gründendes Wort. (Heidegger)\\+- wenn die Götter die [[Erde]] rufen und im Ruf eine Welt widerhallt und so der Ruf anklingt als Da-sein des Menschen, dann ist [[Sprache]] als Geschichtliches,​ Geschichte gründendes Wort. (Heidegger)\\
 - ihm war es wie keinem gelungen, in klassischer [[Form]] die [[Romantik#​romantische]] Seele zu binden, ohne daß sie von ihrer Würze verlor ([[Huch]])\\ - ihm war es wie keinem gelungen, in klassischer [[Form]] die [[Romantik#​romantische]] Seele zu binden, ohne daß sie von ihrer Würze verlor ([[Huch]])\\
 - Größter der Sehnsucht nach Urbarem\\ - Größter der Sehnsucht nach Urbarem\\
hoelderlin.1422465374.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/07/28 13:44 (Externe Bearbeitung)