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JESUS CHRISTUS

6 v.Chr.-27
- die Lehre, die Jesus zum Pazifisten mutieren läßt, ist exegetisch und historisch völlig falsch (Berger)
- hatte den Sprung verlangt, frisch auf eine neue Erde → erst das paulinische Christentum verwandelte dieses Ansinnen in transzendente Vertröstung
- galt den Gnostikern als ganz primär Antidoton gegen den Tod: Jesus Christus hat vom Tod losgekauft, nicht nur von der Sünde, sondern auch vom astralisch verhängten Schicksal
- der neue Adam, durch den der suchende Mensch seine Unschuldigkeit, seinen Urzustand wiederfinden kann → Es ist vollbracht!, als er am Kreuze starb (Böhme)
- Frucht der Verbindung des Heiligen Geistes mit der Jungfrau → in mystischer Schau ist er die liebende Vereinigung selber (Boor)
- der ganze Mensch, wie er vom Schöpfer geschaut und gewollt war (Dacque)
- Nicht erst die kritische Analyse der Evangelien hat uns gelehrt, daß Jesus kein Religionsstifter war und keiner hat sein wollen. (Freyer)
- Erweiterung der Libidoverteilung auf alle Menschen (Freud)
- lebt ein Privatleben außerhalb aller Geschichte, und seine Lehre betrifft dasjenige, was dem einzelnen innerlich begegnet, es gehört zur zweiten Religion, zur Religion der Weisen (Goethe)
- das Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit
- wir sind verpflichtet, solange kein Gegenbeweis vorliegt, das untadelhafte Beispiel eines Lehrers zu dem, was er lehrt, keiner anderen als der lautersten Gesinnung desselben zuzuschreiben (Kant)
- war häßlich und hatte nur die Schönheit der Seele, als Schönheit des Leibes nur dessen Unsterblichkeit
- seine Häßlichkeit bedeutet ihm die zweckmäßigste Form, dem unsichtbaren und leiblosen Wesen Gottes zur irdischen Erscheinung zu dienen (Klemens von Alexandria)
- er handelt in der Gestalt der Erniedrigung, woraus die Majestät des Gottessohnes erst hervorstrahlt (Luther)
- durchbricht das Semitentum, die Tötung des Fleisches hin zur Auferstehung (Mereschkowski)
Gott muß Mensch werden, damit der Mensch wieder zu Gott komme
- zugleich das Ende und der Gipfel der alten Götterwelt → schließt die alte Götterwelt ab; absolut
Wenn Christo die heidnische und jüdische Theologie enden läßt, weil er als vollkommener Mensch, was die Schöpfung sein sollte!, selbst bestimmte, sein Leben zu verlieren und sich selbst zurückzugeben, wenn also so die Gottheit Freiheit darstellbar wurde in der Weltgeschichte, wieso kann man dann sagen, daß Jesus Christus frei handelte?
Wie hätte er anders handeln können, um eben dieses zu beweisen? Daß Freiheit ist?
- hat die Menschen von Spannungspotenzen frei gemacht → das Mögliche wurde dennoch nur in ein Mögliches potenziert
- das exoterische Prinzip, die natürliche Potenz
- seinem Tod ging die Verwirklichung voraus, die er nun der Menschheit überantwortete (Schelling)
- ein Gott der Mollusken (Strindberg)
- wies den Gedanken zurück, er selber sei in irgendeinem Sinne göttlich, in mindestens zwei überlieferten Äußerungen gibt er zu verstehen, daß er und Gott nicht identisch seien
- er wurde nicht beschuldigt, unaorthodox zu sein, aber die Juden entzweiten sich über dei Frage, ob jemand das Gesetz nach eigenem Ermessen deuten dürfe, also ohne Konsenseinholung durch die Rabbiner (Toynbee)

Historischer Kontext zur Lehre und zum Leben Jesu

Jesus, wie er anhand des turiner Grabtuchs gezeichnet werden kann In wirtschaftlicher Hinsicht ging es unter Herodes und seinem Sohn Herodes Antipas in Galiläa voran. Die beiden organisierten den Bau vieler öffentlicher Gebäude zwischen 40 v.Chr. und 30 n.Chr., auch das wurden keine Gebäude, die jüdischer Tradition, sondern eher welche, die dem hellenistischen Zivilisationsverständnis ihrer Bauherren ent-sprachen. Galiläa blieb Provinz, ohne wirtschaftliche oder politische Bedeutung; zudem lebten dort bestenfalls 30000 Menschen, einige Freischärler in den Bergen, sonst Bauern und ein paar Handwerker, deren zwein auch Jesus' Vater und er selbst waren: es ist wahrscheinlich, daß sie keine Juden waren, sondern wie die allermeisten der Galiläer, ein Gemisch aus allen möglichen durchziehenden Völkern: Syrern, Babyloniern, Griechen, Römern, Hethitern, Ägyptern, Juden…, was zweierlei erklären würde:

  1. daß Jesus in Jerusalem als Ausländer erkannt wurde, also einer, der nicht in der Lage war, die hebräischen Laute zu bilden, was wiederum darauf schließen läßt, daß er sie nicht muttersprachlich erlernte, wie es einem Juden gemäß gewesen wäre, der die Gebete hebräisch aussprechen muß, nicht aramäisch und
  2. daß Jesus sich wiederholt als „Menschensohn“ bezeichnete.

Zurück zu historischen Umständen: Fünf Kilometer von Nazareth befand sich die hellenistische Stadt Sepphoris (diese für den Alltag des Jesuskindes wichtige Stadt wird im Neuen Testament nicht erwähnt, was bezeichnend für die Interpolation des Lebens Jesu ist), in der es Banken und Bäder, Theater, ein Gericht, Schulen und allerlei Lustbarkeiten gab. Wahrscheinlich wuchs Jesus in dieser Stadt auf, besuchte dort die Schule und lernte das zivilisierte Leben kennen, zu dem auch der Umgang mit Geld gehörte. Daß Jesus praktische Kenntnisse mit dem Rechtssystem hatte, ist in Lk. 12, 58 nachzulesen. In dieser Stelle wird das Gericht einer Stadt beschrieben, wenn von einem Richter, einem Gerichtsdiener und einem angeschlossenen Gefängnis die Rede ist. Das kann Jesus in Sepphoris erfahren haben, muß aber nicht, denn es ist nicht unbedingt nur hellenistische Rechtspraxis.
Die galiläischen Juden waren in der Zeit nach Jesu Tod patriotische Freischärler, fester im Glauben und freiheitsliebender als die südlicher lebenden Kernjuden. Sie wurden von diesen verachtet; es gab nicht wenige, die von den Kernjuden aus Dünkel getötet wurden, hingerichtet oder verraten. Ezekia, Menahem, Johannes von Gischala sind Namen damals berühmter galiläischer Freischärler, die samt und sonders an die römischen Besatzer verraten oder von kernjüdischen Prokuratoren hingerichtet wurden. Das Verbrechen dieser Galiläer? „Gott allein ist der Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles“, ist von Ezekia überliefert. Es paßte den Kernjuden (Sadduzäern, Essenern, Pharisäern) nicht, daß die Heiden aus dem Norden ihnen hier erklärten, was an Gott zu glauben bedeutet, was Freiheit ist… Sie waren Ausländer, Gojim, keine Auserwählten. Die weit verbreitete Meinung, daß in Galiläa vor allem Zeloten westen, ist sicherlich dadurch naheliegend, daß ein Galiläer namens Judas und ein Kernjude namens Zadok in Galiläa ihre Basislager besaßen; allerdings wollte Jesus nichts mit den Zeloten zu tun haben, die eine kleine Randgruppe bildeten und mit Gewalt messianische Erwartungen zur Wirklichkeit bringen wollten. Das lehnte Jesus ab. In Galiläa fanden sie dennoch Unterstützung, v.a. deshalb, weil hier pharisäische und sadduzäische, auch essenische Bewegungen nicht existierten, da die Kernjuden Galiläa als Ausland betrachteten und aufgrund ritueller Vorschriften dort nicht leben konnten.
Das Verhältnis zwischen Galiläern und Kernjuden läßt sich mit dem früheren Verhältnis von Deutschen und Franzosen vergleichen: man stelle sich vor, ein Franzose würde sich als Franke bezeichnen und den Deutschen erklären, was deutsch sei. Das würden die Deutschen nicht ernst nehmen. Es würde schon ein wenig bizarr wirken, wenn ein Deutscher im umgekehrten Falle nach Frankreich ginge, in Paris ein Sauerkraut-und Bötel-Restaurant aufmachte und die Franzosen in seinem deutschen Akzent darüber belehrte, wie man kochen und essen müsse. Die Franzosen würden wahrscheinlich unfreundlich reagieren. Das Aramäische der Galiläer ist eine dem Hebräischen der Thora (Altes Testament) ähnliche Sprache und war auch seinerzeit Verkehrssprache in Palästina. Altjüdische Rabbiner aber betrachteten das Aramäische als Sprache der Heiden und bedachten diejenigen, die es sprachen, mit der entsprechend abfälligen Achtung. In Judäa erkannte man den Galiläer an seiner Aussprache als Fremden. Mosaische Galiläer wurden beim Vorbeten nicht zugelassen, weil ihre Aussprache Lachen erregte. Man stelle sich einen Chinesen in einer deutschen Kirche vor, der sagen müßte: HERR, GROßE KRÄFTE TRAGE HIER MIT MIR. Das hörte sich folgendermaßen an: Hell, gloße Kläfte tlage hiel mit mil. In der Bibel liest sich das so: „Nach unserem Gesetz können wir keinen verurteilen, ohne daß wir ihn verhört haben. Erst muß festgestellt werden, ob er sich strafbar gemacht hat. – Du kommst anscheinend auch aus Galiläa“, erwiderten sie. „Lies die heiligen Schriften genauer, dann wirst du sehen, daß aus Galiläa niemals ein Prophet kommen kann.“ (Johannes 7, 52) Andernorts wird es noch deutlicher, wie strenggläubige Juden das Erscheinen Jesu bewerteten: „Der Retter kommt doch nicht aus Galiläa! In den heiligen Schriften steht, daß er von David abstammt und in Bethlehem geboren wird, wo David lebte.“ (Johannes 7, 42)
Der Galiläer war in der Lage, sieben verschiedene Zungenlaute zu bilden, aber nur sechs echte Gutturale (Gaumenlaute). Der Judäer dagegen konnte zehn Gutturale bilden. Der Galiläer konnte nur einen Hauchlaut bilden, der Judäer dagegen fünf. Als Jesus in Jerusalem vor den Kernjuden sprach, erkannten sie an seiner Aussprache, daß er kein Prophet sein dürfe, und wir wissen, daß in den meisten Fällen nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie verstanden nicht alles, was Jesus sagte, weder phonetisch noch semantisch. Jesus galt ihnen nicht als einer der ihren. Sie schlossen ihn aus.
Jesus reagierte mit der Selbstbezeichnung „Menschensohn“ auf seine Ausschließung. Er nahm schlichtweg einen Paradigmenwechsel vor. Gottes Wort war fortan nicht für ein erwähltes Volk, wie das noch im Alten Testament behauptet wurde, sondern konnte von allen Menschen gehört werden. Die Juden konnten und wollten das nicht akzeptieren und opferten ihn, als sie die Möglichkeit hatten, ihn, den Fremden, um den eigenen, den Kernjuden Barnarbas, zu retten, der ihnen eine sehr viel verständlichere Version des kommenden Reichs versprach: Tod den Römern!
Aber Jesus griff den Kern des Judentums nicht nur durch den Entzug der Exklusivität an, sondern traf es auch dadurch bis ins Mark, daß er rituelle Gewohnheiten hinterfragte. Er lehnte es ab, eine bestimmte Fastenordnung aufzustellen: Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleid, und der Riß wird ärger. (Matth. 9,16) Das bezieht sich auf die Frage der Jünger, warum sie nicht wie die Juden fasteten und sich nicht des Fleisches enthielten. Die neue Lehre verträgt die alten Rituale eben nicht, das Fasten gehört zum alten Glauben. Ähnlich Lukas 5, 33. Das Fasten ist nicht dazu angetan, ein gutes Werk abzugeben; allerdings verbietet Jesus das Fasten auch nicht. Das soll jeder mit sich und seinen Stimmungen ausmachen; wenn einer glaubt, durch Fasten die Welt besser zu machen, auch sich selbst gesundheitlich zu reinigen, dann solle er es tun.
Jesus kennt die Geheimnisse unserer Seele, weiß, daß es hartnäckige Geister, Wünsche, Zynismen im Menschen gibt, die durch Übungen und Beschwörungen, Konzentrationen im Wort, ausgetrieben werden können. Wer die Macht über das Wort hat, hat die Macht über die Welt, heute wie damals. Das gesprochene Wort wird zur Macht: Politiker, Ärzte, Lehrer, Werbefachleute, Schriftsteller
Jesus nun hat für Ostern, Pfingsten, Weihnachten keine Fastenzeit angeordnet, das war fürderhin Angelegenheit der Kirche, die hier soziale und hygienische Aspekte benutzte. Zu festgelegten Zeiten mußte auf etwas verzichtet werden, gefastet werden. Das reinigt den Körper und führt zu einem höheren Lebensgenuß – wenn die Fastenzeit mit einem Fest beendet wird. Man nimmt hierfür Jesu Aufenthalt in der Wüste zum Anlaß. Auch glauben viele, da manche der urchristlichen Gemeinden – Satorniler, Mareiten oder Ebioniten seien genannt – zumeist vegeta¬risch orientiert waren, daß Jesus das auch gewesen sein muß.
Die sexuelle Enthaltsamkeit dagegen wird von allen betont, wenngleich es hierbei auch Differenzierungen gibt, wohl auch allerlei Wunschdenken. semnothz und agneia wird es beschrieben. Das bedeutet: ehrenvoll handeln, Würde ausstrahlen; agneia bedeutet „ohne Weib sein“, „ledig sein“. Aber bedeutet das auch, sexuell enthaltsam gelebt zu haben, fleischliche Genüsse gemieden zu haben?
Verstiegene Evangelisten wie der Apokryphiker Julius Cassianus behaupteten, Jesus habe die Selbstkastrierten selig gepriesen. (Klemens von Alexandria; III 13,91) Das hätte Jesus, sofern er in die Gelegenheit gekommen wäre, sicherlich getan, aber in diesem Falle tat er es nicht, weil sie sich selbstbestimmt durch Kastration der Fortpflanzung entzogen, sondern weil Jesus alle Menschen als Kinder Gottes pries, auch Ausgestoßene und Entwurzelte, auch körperlich Versehrte; gerade die! Andererseits soll Jesus Salome auf deren Frage nach dem Ende der Herrschaft des Todes geantwortet haben, daß erst das Ende des Gebärens das Ende des Todes mit sich bringe.
Nun ist das auch nicht weiter verwunderlich, wie die ersten Christen (bis ins dritte Jahrhundert hinein meist Gnostiker) ihren Heiland beschrieben: er müßte schlichtweg nach ihren Vorstellungen ohne Schuld und Sünde sein, ein reiner und unbefleckter Licht-Mensch, eben das, was sie darunter verstehen zu müssen glaubten. Aber wir wollen und müssen das nicht für bare Münze nehmen, was hier als Jesusbild durch die Jahrhunderte geisterte. Wir wollen statt dessen aus dem Munde des Meisters hören, ob er diesem Bild entsprach: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ (Markus 10,18 resp. Lukas 18,19) Jesus ist kein sündenfreier Gott, sondern ein Menschensohn, ein Mensch, der erst nach der Taufe im Jordan seine Mission erfüllt, aber nicht ohne Sünde oder sexuelle Freuden (was nicht das gleiche ist!) lebt, jedenfalls nach dem, was gnostische oder keuschheitsgeile Epigonen der Lehre Jesu nach seinem Tode dazu erklärten oder was in der Vorstellung der jüdischen Tradition als Reinheitskredo galt.
Aus all dem erhellt, daß viele Juden eher ein Interesse daran haben konnten, Jesus aus dem Wege zu räumen als daran, ihn als das anzusehen, was er eigenem Ermessen nach zu sein vorgab: der Messias, der Erwählte zur Rettung der Welt. Und das bringt uns zu weitreichenden welthistorischen Fragen um den Tod des Messias: Sind die Juden schuld am Tode Jesus'? – Im Mittelalter wurden sie ganz eindeutig als Tätervolk gebrandmarkt. Heute tut man sich heute schwer damit, Juden als ursächlich Schuldige an der Anzeige und Verurteilung Jesus' zu benennen. Eine Kollektivschuld ist hier aber nicht von der Hand zu weisen; zwar waren es einzelne Juden, die anzeigten, aber eine vieltausendstimmige Entscheidung zugunsten Barrabas' belegt, daß die Kirchenoberen ihre Leute diesbezüglich eingeschworen hatten, kann aber auch so gedeutet werden, daß der gemeine Jude in Jesus eher eine Bedrohung als einen Heilsbringer sah. Das bedeutete für Jesus den Tod, den die Masse forderte, das Kollektiv.

Thesen:

  1. Jesus mußte als Konkurrent ausgeschaltet werden, denn er kündigte sein Kommen als das desjenigen an, der gekommen sei, das Wort zu erfüllen. Das war eine klare Kampfansage an die obwaltende Auslegung der Schrift durch die Oberpriester in Jerusalem.
  2. Die Römer hatten kein Interesse an einer Tötung Jesus' (er war einer von vielen Propheten, den sie als Gefahr für ihre politische Macht nicht ernst nahmen), was dadurch belegt werden kann, daß sie ihn aus ihrem Amtsbezirk zu Herodes schicken ließen. Erst die Androhung eines Aufstandes, den die Oberpriester bei Weigerung der Römer, Jesus zu kreuzigen, androhten, ließ sie umschwenken.

Einige Aspekte gegen die These einer jüdischen Kollektivschuld: Die Anklage, das jüdische Volk habe Gott ermordet, entstammt frühchristlicher Tradition. Sie ist nachweisbar bei Bischof Melito von Sardes aus der Mitte des 2. Jahrhunderts („Gott ist getötet worden, der König Israels beseitigt worden von Israels Hand“) und gehört zum festen Arsenal christlicher Judenfeindschaft. Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ von 1965, nostra aetate, nahm die im Vorwurf des Gottesmordes geäußerte These der jüdischen Kollektivschuld zurück, hielt aber weiter an der Aussage fest, die jüdischen Obrigkeiten hätten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen.
Im Wortlaut liest sich das so: Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben (Joh. 19, 6), kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. Der Inhalt der vier neutestamentlichen Evangelien bestätigt, daß das von der jüdischen Führung aufgepeitschte Volk den Tod Christi verlangte. Allerdings sind die Evangelien zuerst Werbeschriften für das Christentum und keine auf Exaktheit bedachte historische Berichte. Zudem bestand für die Frühchristen ein Abgrenzungsverdikt gegenüber den Juden. Als Historiker interessiert uns der Ursprung: welches Evangelium ist das älteste? Hierfür ergab die Forschung: Matthäus, Lukas und in einem geringeren Maße Johannes benutzten das Markusevangelium.
Die Leidensgeschichte des Markus wird vorbereitet aufgrund dreier Leidensweissagungen Jesu, die das Evangelium strukturieren. Ihr antijüdischer Inhalt: Jesus zieht nach Jerusalem, um (!) von den Juden zu Tode gebracht zu werden. Die Hohepriester verweigern Jesus die Gefolgschaft und liefern ihn der weltlichen Macht aus, Rom. Pilatus, der Arm der weltlichen Macht, will Jesus loswerden und sich nicht von den Hohepriestern vereinnahmen lassen, zumal er „erkannte, daß ihn die Hohepriester aus Neid überstellt hatten“ (Markus 15, 10). Pilatus kann sich nicht durchsetzen. Als er erkennt, daß das jüdische Volk die Kreuzigung Jesu verlangt, nimmt er Wasser, wäscht sich vor dem Volk die Hände und sagt: „Ich bin unschuldig an diesem Blut; seht ihr zu!“ Aber die aufgeputschte Menge läßt nicht locker. Die Hohepriester drohen Pilatus nicht nur mit Aufstand, sondern bezweifeln Pilatus‘ Treue zum Kaiser, solange er in Palästina einen selbsternannten König dulde. Um Jesus loszuwerden, schrecken sie nicht einmal davor zurück, den messianischen Anspruch der Juden preiszugeben. Sie unterwerfen sich dem heidnischen Kaiser: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ (Joh. 19, 15) Pilatus muß sich geschlagen geben, denn täte er das nicht, würde er die Macht seines Herrn, des Kaisers, anzweifeln. Also tut er, was die Hohepriester und das jüdische Volk ihn heißen.

Die Juden bildeten wie eh und je keine homogene politische Einheit. Das mit dem Hochkommen der Makkabäer aufkommende jüdische Staatsbewußtsein trat in den Gegensatz zum geistlichen Wesen der jüdischen Gemeinde. Die Sadduzäer regierten und vertraten pragmatische Grundsätze: sie arrangierten sich mit der Macht resp. den Mächtigen. Dagegen traten die Pharisäer auf, die eine strikte Trennung von Religion und Alltäglichem forderten, die Macht des Wortes der Macht politischer Willensbekundung vorzogen. Die Pharisäer wollten nur dem mosaischen Gesetz leben, die regierenden Sadduzäer dagegen die politische Macht sichern/erringen, um dann erst den jüdischen Staat aufbauen zu können. Die Römer schlugen sich auf die Seite der Sadduzäer, die in Gestalt des Herodes aus dem Hause der Idumäer mit ihnen paktierten. Herodes versuchte, klug zu sein und verband sich nicht nur mit den Römern, sondern auch ehelich mit der pharisäischen Hasmonäerin Mariamme. Die Römer ihrerseits betrieben keine konsequente Politik. Mal bestimmten sie einen König, dann wieder nahmen sie ihm die Verwaltung weg und ließen einen Statthalter mit weitgehenden Befugnissen walten, dem sie dann doch wieder die Flügel stutzten.
Die Juden trugen im Schatten der politisch Mächtigen ihre Grabenkämpfe aus, ein Opfer davon war Jesus Christus. Die Römer waren generös genug, den Juden die Kaiserverehrung als Gott zu dispensieren, allerdings zeigt sich hier wieder das Phänomen, daß das Reichen des kleinen Fingers meist zum Greifen nach der ganzen Hand führt. Die Spannungen im Land stiegen, die Juden waren nicht bereit, sich der römischen Herrschaft zu beugen, wahrscheinlich ist, daß sie den Dispens für ein Zeichen der Schwäche gegenüber ihrem einzigen Gott sahen, der ihnen im Falle einer Auflehnung gegen die heidnische Herrschaft beistehen würde. Der Aufstand war somit religiös motiviert, aber richtete sich nicht gegen die Praxis der römischen Verwaltung. Die Juden wollten sich nach langen Jahren politischer Unselbständigkeit von der Fremdherrschaft befreien. Sie erhoben sich in Palästina, vereinzelt auftretende Scharmützel weiteten sich aus, bis ganz Palästina ein einziger Brandherd war, und erschlugen die Heiden, wo sie ihrer habhaft werden konnten. Die Heiden wehrten sich und erschlugen dort, wo sie die Mehrheit bildeten, die Juden. Im Jahre 70 drangen die Römer unter ihrem Feldherrn Titus bis Jerusalem vor, verbrannten den Tempel und lösten die jüdischen Gemeinden in Palästina auf.
Es entspricht allerdings einer heute gängigen Legendenbildung ums Judentum, wenn behauptet wird, daß mit der Zerstörung des Tempels der Anfang der Diaspora zu sehen seI. Bereits vor der Zerstörung des Tempels lebten weit mehr als 5/6 Anhänger des mosaischen Glaubensbekenntnisses außerhalb Palästinas.

Lehre Jesu

nach der Auffassung Harnacks

drei Kreise-Lehre: (nach Adolf von Harnack)

  1. das Reich Gottes und sein Kommen;
  2. Gott der Vater und der unendliche Wert der Menschenseele und
  3. die bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe.

nach dem Johannes-Evangelium

  • I, 46: Was kann von Nazareth Gutes kommen? → in Nazareth resp. Galiläa (Heidengau) lebten kaum (ca. 3% der Bevölkerung) Juden, zudem mußte der Messias in der Nachfolge Davids aus Bethlehem stammen; nach der ersten Vertreibung aus Jerusalem (Joh. 5) bleibt Jesus im weitgehend judenfreien Galiläa, da die Juden ihm nach dem Leben trachteten (Joh. 7, 1)
  • I, 51: …und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn. → die erste Selbstbeschreibung Jesu: Menschensohn
  • 2, 18: da antworteten nun die Juden → Nachdem Jesus die Kaufleute aus dem Jerusalemer Tempel gejagt hatte, wird hiermit der Gegensatz der Juden zu Jesus deutlich, der dadurch in Hinsicht der Anredeform zu einem Nichtjuden wird.
  • 2, 19: Brechet diesen Tempel… → auch hier fehlt ein deutlicher Bezug zu den Juden; ein Jude hätte UNSEREN Tempel gesagt
  • 3, 11: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir [dem Nikodemus, einem Pharisäer]: Wir [Menschen] reden, was wir wissen und zeugen, was wir gesehen haben; und ihr [Juden] nehmt unser Zeugnis nicht an. → die Kernbotschaft des Evangeliums deutet sich hier an: Jesus kam für alle Menschen; den Juden wird der Anspruch, Gottes Volk zu sein, genommen und ihnen ein Platz in Gottes Herde zugewiesen.
  • 3, 22: Jesus kam in das jüdische Land und hatte daselbst sein Wesen mit ihnen und taufte. → ein weiterer Beleg dafür, daß Galiläa kein jüdisches Land war und Jesus selbst nun Umgang mit Juden fand, den er zuvor offensichtlich nicht hatte
  • 4, 9-10: Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib? Jesus antwortet: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser. [frisches Brunnenwasser eines öffentlichen Wasserspenders statt des in Palästina üblichen privaten und meist abgestandenen Zisternenwassers) → die Samariterin denkt, da Jesus aus dem Süden (Judäa) kömmt, er sei Jude, Jesus erklärt ihr aber, daß er ein Mensch sei und nicht den Dünkel der Juden besitze, die mit den Samaritern im Streit lagen
  • 4, 21-22: Weib [zu einer Samariterin], glaube mir, es kömmt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jeruslaem werdet den Vater anbeten. Ihr wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten, den das Heil kömmt von den Juden (zu uns). → der heilsgeschichtliche Prozeß: die Juden besaßen das Heil, aber nun wird es von ihnen genommen und allen Menschen gegeben; Jesus führt diesen Auftrag Gottes aus
  • 5, 15-16: Der Mensch [ein seit 38 Jahren krüppliger Jude vor den Toren Jeruslaems] ging hin und verkündigte es den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesum und suchten ihn zu töten, daß er solches getan habe am Sabbat. → Jesus brach das jüdische Gesetz des Sabbats, als er den Kranken heilte: Störung der Sabbatruhe wurde seinerzeit mit dem Tode bestraft; offenbar waren Jesus die jüdischen Gesetze gleichgültig: Was hätte Ihn (den Sohn Gottes) daran hindern können, die Heilung des Kranken einen Tag später vorzunehmen?
  • 5, 22: Denn der Vater richtet niemand; sondern alles Gericht [das Jüngste Gericht] hat er dem Sohn gegeben… → die heilsgeschichtliche Erneuerung des Gotteswortes im Neuen Testament: der Sohn übernimmt die Menschheit (und ihre Sünden) vom Vater
  • 6, 53-58: Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken.Abendmahlslehre
  • 7, 14-15: Aber mitten im Fest [Jesus war zum Laubhüttenfest nach Jerusalem geeilt, wie es seine Jünger wollten] ging Jesus hinauf in den Tempel und lehrte. Und die Juden wunderten sich und sprachen: Wie kann dieser die Schrift, so er sie doch nicht gelernt hat? → Jesus wurde als Ausländer erkannt und insofern als Lehrer (Rabbi) nicht akzeptiert; andererseits hatte Jesus in der ersten Begegnung mit den Juden schon den Unterschied zwischen den von sich selbst redenden Propheten und Lehrern unter den Juden, zu denen Jesus von den Juden subsumiert wurde, und dem Anspruch des Gottessohnes, nur der Vermittler der Gottesbotschaft zu sein, also selbst (!) keine Lehre vertreten zu wollen/können
  • 8, 14-15: …ich weiß, woher ich gekommen bin [aus dem Heidengau, aus Galiläa] und wo ich hin gehe [ins Himmelreich]; ihr aber wisset nicht, woher ich komme [Menschensohn] und wo ich hin gehe. Ihr richtet nach dem Fleisch [nur ein David-Nachgeborener aus Bethlehem darf nach der jüdischen Überlieferung der Messias sein und kein Menschensohn aus Galiläa]; ich richte niemand. → die Juden verlieren ihre Erwähltheit
  • 10, 7-8: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle [!], die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Mörder; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. → Jesus bricht mit der jüdischen Tradition und bezeichnet alle Propheten und Priester vor ihm als Diebe und Mörder, als Mietlinge, also auch Moses, Abraham, Jesaja oder David
  • 10, 26: Aber ihr glaubet nicht [daß Jesus und der Vater eins sind und Jesus deshalb die guten Taten tun kann]; denn ihr seid von meinen Schafen nicht, wie ich euch gesagt habe. → das Heil ist von den Juden genommen, aber jeder einzelne Jude besitzt die Möglichkeit, seinen alten und ihm von Mördern und Dieben vermittelten Erwähltheitsdünkel (siehe 10, 7-8) abzulegen und sich Jesus anzuschließen
  • 11,9: Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht, denn er sieht das Licht dieser Welt. → das unbescholtene Herz hat nichts zu verbergen und schreitet frei im Sinne seiner Absichten aus
  • 12. Kapitel: Ist Jesus selbst Gott oder nur der Vermittler von Gottes Wort? → Jesus nennt sich Menschensohn und nicht Sohn Gottes; er gibt weiter, was ihm gesagt worden ist

Leib Christi

- Christus entnahm beim Abstieg aus dem Himmel die einzelnen Teile des Universums, derer er zur Komposition seines irdischen Körpers bedurfte, das Heiße und Kalte, Feuchte und Trockene

Tod Jesu

- in Christo war auch der große Pan gestorben, indem er die Macht aller außergöttlichen kosmischen Gewalten als solche aufhob, war das gemeinschaftliche Ende des Heidentums und des Judentums, welche ebenfalls noch kosmischen Elementen unterworfen waren (Schelling)

 
jesus_christus.txt (1398 views) · Zuletzt geändert: 2016/07/13 15:43 von aerolith
 
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