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KOLONIE

- ein zu bebauendes Stück Erde, das von denjenigen bebaut wird, die in ihren ursprünglichen Heimat keinen Grund mehr fanden

Deutsche Kolonien

- Es wird dem Norddeutschen Bunde nicht gelingen, große Kolonien zu erwerben, schon aus dem einfachen Grunde, weil die Welt weggegeben ist, weil von Kolonien nicht mehr die Rede sein kann. (Adolph Weber)

Essay zur Kolonialfrage

Das Buch (Hans Grimm: Volk ohne Raum. Ungekürzte Ausgabe in einem Band. Albert Langen/Georg Müller-Verlag München 1926. S. 1286.) bot sich von Anfang an nicht als leichte und lachende Arbeit, die ganzen Notjahre legten sich auf das Buch, eines hinter das andere, so wie sie am deutschen Volke nun dauern und unabänderlich fortdauern werden, so lange gegen Gott und Natur dem einen Volke nicht Raum gegeben, sondern die sich verengende Enge nur besser oder schlechter verborgen wird.
Und auch mit einem Stücke Kolonie oder irgend einem anderen pfiffigen Betruge wird die Enge niemals zum Raume; das verstehe, es muß ganz Redlichkeit sein, nach Zahl und Leistungskraft, oder es ist nichts!
Oder es ist nichts, und dann wird es auch weitergehen, mit Vergewaltigung und Erfindung und Ersatz und Peinigung und Schmeichelei, was eben an die Reihe kommt, und auch mit Spiel und Liebe und Gelächter und Tanz und Kindern und Kino und selbst bei Flugzeug und Liedern der Einzelnen, aber immer geschwinder fort von Schön und Gut und Gesund und Adel und Deutschheit, und das heißt von der unerfüllten, wartenden Natur unseres Volkes, und immer rascher hinein in die Unmenschlichkeit.
Untergang? Die Frage ist ganz falsch gestellt. Kein Volk geht mehr unter. Es fragt sich was aus ihm wird für seine Kinder und an seinen Kindern. Sonst nichts.

Grimms Text gilt als eines der Standardwerke der nachträglichen Betrachtung der Kolonialepoche Deutschlands. Es fand besonders nach dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise Versailles 1919 in der Öffentlichkeit ein starkes Echo. Ein nachmaliges Verwerten dieses Textes steht nicht zu erwarten, da die Quelle einen ausführlichen Abschnitt aus einem Prosawerk beinhaltet, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgelegt wurde und höchstwahrscheinlich nicht wieder aufgelegt werden wird. Das liegt zum einen am Charakter des Quellentextes, den ich als psychologisierend-ästhetisierend bezeichnen möchte - was in seiner besonderen Verständlichkeit nur Zeitgenossen verständlich bleiben dürfte - und zum anderen an der Tendenz des damals geschriebenen Buches, das in die heutige politisch-korrekte Terminologie so gar nicht passen dürfte, die ja als Ausdruck einer dem westlichen Liberalismus verpflichtenden Denke Kolonialismus als Ausdrucksform rassistischen Denkens zumindestens damit affiziert.

Der Text ist quasi der Zusammenfassung, dem inhaltlichen Extrakt des gesamten Buches von Hans Grimm gleichzusetzen; ein Konzentrat der Absichten eines in kolonialen Dingen erfahrenen Mannes mittlerer Jahre, der sich selbst und anderen über Gedeih und Verderb der deutschen Kolonialgeschichte Auskunft gibt.

1926, im Erscheinungsjahr des Werkes, sind die deutschen Kolonien verloren, mithin die Arbeit derer, die sich für ihr Gedeihen einsetzten. Er zählt sich zu diesen Arbeitern und trägt schwer am Verlust seines bisherigen Lebenssinnes. Als Kompensationshandlung in bezug auf den Verlust gäbe es nunmehr zwei grundsätzliche Möglichkeiten:

  1. Anerkennung der historischen Bedingtheit von Besitz, historische Rechtsschule, oder
  2. Nichtanerkennung der historischen Bedingtheit von Besitz, Positivismus.

Hans Grimm entschied sich grundsätzlich für die zweite Möglichkeit. Er akzeptiert den Verlust seiner Besitzansprüche, seiner Verhaftetheit mit dem Boden, den er zum allgemeinen Nutzen ausbeutete, nicht. Er sucht nach einer Wiedergutmachung. Es bleibt zu prüfen, welche Möglichkeiten nunmehr für ihn Wirklichkeit werden könnten. Da sind zu nennen:

  1. Arrangement mit den neuen Herrschern oder
  2. Nichtarrangement mit den neuen Herrschern.

Die Quelle ist in vier Absätze aufgebaut, die unterschiedlich lang sind.

  1. Beweggrund für das Verfassen des Buches
  2. Polemische Zuspitzung der inhaltlichen Forderung des Buches
  3. Begründung derselben
  4. Ausblick.

Zum Inhalt: Im ersten Absatz bedeutet der Verfasser seine These von der „verengenden Enge“ des Lebensraumes der Deutschen. In dieser Enge sieht der Verfasser einen Frevel gegen Gott, wobei er in der Eingangsthese nicht deutlich macht, wer verantwortlich zu machen sei für dieses gegen Gott und den Menschen handelnde Etwas. Es ist die Verquickung von Raum und Zeit in bezug auf die verengende Enge angegeben. Die Kernworte des ersten Satzes beziehungsweise ersten Abschnitts lauten in dieser Reihenfolge:

Notjahre - deutsches Volk – dauern – unabänderlich - gegen Gott und Menschen - Raum - verengende Enge - verborgen.

Der zweite Absatz besteht wie der erste aus nur einem Satz, diesmal jedoch statt einer explikativen Aussage aus einem postuliden Aufruf. Schon an dieser Form läßt sich die Zuspitzung des geschlossenen Textes ersehen. Der Verfasser läutet durch eine konzessive Konjunktion mit der Nebenbedeutung des Kausalen, sondern, seine Forderung ein, so daß der kontextuale Zusammenhang zum ersten Abschnitt deutlich wird. Die Kernworte des zweiten Abschnitts lauten in dieser Reihenfolge:

Kolonie - pfiffiger Betrug – Enge – Redlichkeit - nach Zahl und Leistungskraft - oder nichts.

Der dritte Absatz beginnt ebenfalls mit einer Konjunktion, aber diesmal mit einer disjunktiven, woraus ersichtlich ist, daß der Verfasser nunmehr dazu übergehen will, seine im zweiten Absatz aufgestellte Forderung von der gegenteiligen Seite zu erhellen. Dazu bedient er sich einer Entgegensetzung, die dialektisch das Umfeld der Problematik umgrenzen sollen. Er bedient sich vieler Substantive, die antithetisch zusammengefaßt sind und bestimmte Lebenssituationen umreißen, schließlich kulminierend im Endwort des zweiten Absatzes enden, im nichts. Die Kernworte des dritten Absatzes lauten in dieser Reihenfolge:

nichts – weitergehen – Vergewaltigung – Schmeichelei – Spiel – Lieder – Deutschheit - unerfüllte Natur - Unmenschlichkeit.

Im vierten Abschnitt wird paradigmatisch ein Schlagwort der Entstehungszeit der Quelle an den Anfang der Betrachtung gestellt, Untergang. Die folgende kurze Auseinandersetzung zerfällt zwar in fünf Sätze, soll aber nur zusammenfassen, was zuvor auf 1285 Seiten erläutert wurde. Der auf Sukzession, auf das Immerwährende beziehungsweise Fortwährende ausgerichtete Grundcharakter der Geschichte, der sich in Entwicklungslinien darstellt, der vom Menschen und von Gott initiierte Wechselgesang des Zukünftigen, der sich aus dem Gegenwärtigen und Vergangenen speist, wird vom Verfasser in kurzen Sätzen ohne Einschränkung beziehungsweise Auslegungsvariante angezeigt.
Dadurch erreicht er eine konzentrierte, schlagwortartige Diktion, die sich als Zusammenfassung des gesamten Buches lesen läßt. Die Kernworte des letzten Absatzes lauten in dieser Reihenfolge:

Untergang – falsch – Volk – Kinder - sonst nichts.

Ich sehe zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Interpretation. Die erste liegt in einer Annäherung an den Text über die Biographie des Verfassers, die zweite in einer autorlosgelösten Betrachtung anhand des historischen Kontextes. Da mir eine für diese Arbeit befriedigende Biographie des Verfassers der Quelle vorliegt, möchte ich den ersten Weg beschreiten. Die Interpretation wird die Richtung anzeigen, in die ich bei einer ausführlicheren Interpretation vorginge.

Hans Grimm, 1875 bis 1959, war selbst von 1897 bis 1910 und nach 1928 längere Zeiträume in Afrika. 1917 erhielt er vom „Kolonialamt“ den Auftrag, ein sogenanntes afrikanisches Tagebuch für die Frontsoldaten zu verfassen. Es erschien 1918 unter dem Titel „Der Ölsucher von Duala“ und beinhaltete den vergeblichen Kampf eines Deutschen gegen Franzosen und diesen wohlgesinnten Afrikanern, die nur als Faktum genannt, nicht jedoch genauer benannt werden sollen. 1926 erschien ein vielschichtiger angelegter Roman mit einer ähnlichen Thematik, der genannte Roman, aus dem die Quelle stammt. Darin vertritt H. Grimm die Meinung, daß die weißen Nationen sich den schwarzen Kontinent aufteilen sollen, vor allem England und Deutschland sollen sich zusammenfinden zur Verteidigung ihres 'Rechts'.

Grimms weltanschaulicher Ästhetik liegt die naturrechtliche Auffassung zugrunde mit dem Recht des Stärkeren und Entwickelteren, in dem Gedanken, daß Selbstbehauptung an Machtexpansion gekoppelt sei, mithin nur der Expansive Lebensraum verdiene, Sicherheit als Komplex erfahre und die Gegner abdrängen müsse, wenn er könne. Dazu bedürfte es einer ausgewiegelten Vertragspolitik im Sinne Hobbesscher Konvenienz. Deswegen der Bezug auf England, wo dieser Weltmachtgedanke zu Hause ist. Allerdings aber schwingen in der Antithetik von weißen und schwarzen Nationen auch rassistische Töne mit, die rechtlichen Gedanken eine Richtung geben, die nicht auf kulturelle Eroberung, sondern herrenmenschlicher Unterdrückung Vorschub leisten und die von Hans Grimm nicht ausgesondert werden, weswegen sich der Verdacht erhärtet, daß Besagter diese menschenverachtende Ideologie nicht genügend verwirft.
Der im zweiten Absatz genannte pfiffige Betrug, durch den ein Ausgleich der Lebensrauminteressen herbeigeführt werden könnte, fußt ebenso auf dem vertragsrechtlichen Gedanken angelsächsischer Konvenienz. Schon, daß Leben an Raum gekoppelt wird, ist ein bedenklicher Vorgang im Sinne friedlichen Beieinanders. Es sei hier auch auf die Lebensraumphilosophie Kjellens und Haushofers verwiesen, die in dem Begriff Geopolitik einen politischen Ausdruck für eine zusammenhängliche Beziehung zwischen Leben und Raum schuf. Letztlich muß eine solche Ausrichtung der Politik auf die macht des Stärkeren hinführen, auf die Einsetzung dieser Macht und den damit verbundenen Schäden zugunsten eben dieser Starken. Diese Politik kann – früher oder später - nur zum Krieg führen.
Andererseits aber ist es an dem Starken, sein Auge nicht von der Not abzuwenden und Hilfe zu gewähren, die doch aber nicht machtpolitischer, gar weltmachtpolitischer Intention diene. Doch wäre dieser Ansatz für einen Europäer von 1920 vielleicht ein wenig zuviel verlangt?!

Ich will es am Beispiel deutlich machen:

  • Absatz II: Begriff Redlichkeit
  • Absatz III: keine Redlichkeit → Vergewaltigung oder Spiel und fort von der Deutschheit durch Vergewaltigung der Sieger, d.h. von der unerfüllt wartenden Natur dieses Volkes!

Das bedeutet, daß die Unerfülltheit des Volkes zwar durch innere Begriffe umschrieben wird, doch nicht im Inneren erfüllt werden würde, denn nun dringt es nach außen, d.h. in die Welt, in den Raum der Welt. Hans Grimm vermeidet eine Umschreibung dessen, was deutsch sei. Er würde schnell dahinterkommen, daß sich dahinter nicht ein raumpraktischer Begriff verbirgt. Brächte man es auf die Ebene der Redlichkeit in bezug auf das, was erobert wurde und nun Besitz hieße und mäße es mit der von ihm vorgeschlagenen Ellenbreite des Vertragsrechts beziehungsweise des Stärkeren, so käme man nicht umhin, den Siegern des Ersten Weltkrieges ein derartig zumutbares Recht zuzugestehen. Weil aber Hans Grimm glaubt, daß sich Lebensrecht an Lebensraum mißt, kann er nicht umhin, ein Recht auf Raum zu fordern. Das ist für ihn logisch, aber ich muß es so deutlich sagen: Er irrt! Die größte Maßlosigkeit begeht er, indem er an diese Raumtheorie den Gedanken der Deutschheit bindet und zweifellos Kultur mit Machtpolitik verwechselt beziehungsweise zusammenbindet.

Er hätte nur bei unseren Klassikern nachzulesen brauchen

- Goethe verwahrte sich immer gegen Weltverbesserungspläne und legte die Verantwortung in den einzelnen Bürger zurück, was guter protestantischer Tradition entspricht; Schiller nannte die ganze Welt seine Heimat und selbst Künstler, die heute ehern dem rechten politischen Spektrum zugeordnet werden wie Wagner oder der verfemte und mißverstandene Nietzsche sahen im machtpolitischen Geheul eklige Tendenzen, die man nur ästhetisch bekämpfen könne etc.pp. -,

um zu begreifen, daß Kultur sich mit Politik gar mit machtpolitischen Fragen nicht vereinbaren läßt. Kultur und Kunst, Redlichkeit, Spiel und Liebe sind Begriffe, die jeder Mensch für sich erfahren muß und keine objektiv bestimmbaren Obliegenheiten. Der pfiffige Betrug hält sich nicht, wenn es ein Betrug ist: Man könnte ihn propagandistisch ausschlachten, wird es aber nicht erreichen, daß Propaganda zur Kultur erhoben wird. Redlichkeit und Adel sind an Vorstellungen des Gruppen-Selbst geknüpft, es sind dennoch in erster Linie irrationale und subjektiv verhaftete Begriffe, die eine allgemeine politische Konnotation nichts angehen. Werden sie jedoch in den Pfuhl derselben geworfen, kann es nur zu Mißverständnissen oder zu Ungenauigkeiten, schlimmstenfalls zu Unwahrheiten kommen.
Unterstellte ich Hans Grimm propagandistische Absichten, so gäbe es ein starkes Argument dafür: Eine Kränkung des Selbstverständnisses führt zu Aufruhr desselben. Man müßte also nur ein wenig an des deutschen Selbstverständnis kratzen und ihn behende dahin bringen, sein Altes wiederhaben zu wollen, dann käme es irgendwann schon dahin…

Ein anderer Aspekt:
Hans Grimm ist Schriftsteller. Als solcher gibt er eine Befindlichkeit wieder. Diese ist empfindlich gestört in ihrer Selbstverständlichkeit durch eine von ihm als ungerechtfertigt angesehene betrügerische Machtausübung der Sieger, die niemals als solche benannt sind, aber immer als vermeintliche Gegner im Raume stehen, den es eben zurückzuerringen gilt. Das verstärkt das Unrecht der Sieger und die Märtyrerposition der Besiegten. Indem nun Grimm diese psychologisch aufrührende Position wiedergibt, macht er auf zwei Dinge aufmerksam, die den Historiker angehen:

  1. die Wirklichkeit dieses Empfindens beziehungsweise das allgemeine Bewußtsein eines erlittenen Unrechts und
  2. die Position der Beschuldigten sind zu erfragen.

Am Ende der Interpretation sollen einige Bemerkungen zur Kriegsschulddiskussion und zur Daseinsberechtigung eines Buches wie „Volk ohne Raum“ stehen.

Zur psychologischen Ausgangsposition des Ersten Weltkrieges gehörte das Selbstverständnis des unvermeintlichen Untergangs durch Abwarten. Man mußte den anderen zuvorkommen; eine gewissen Unruhe herrschte angesichts des sich zusammenziehenden diplomatischen Netzes um Kaiserdeutschland. H.U. Wehler faßt diese Situation so zusammen, daß in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg zwei Hauptströmungen in der Globalpolitik bestanden:

  1. der Griff nach der Weltmacht, die bewußte Planung und Vorbereitung des Krieges, belegt durch die aggressive Außenpolitik und Machtdemonstrationen und
  2. der Defensivcharakter der tatsächlichen Entscheidungen vor dem Krieg und die Zwangslage im Krieg, die keine anderen Entscheidungen ermöglichte, was gegen Punkt 1 spricht.

Kurzum, wo immer man die Kontinuität der Ziele prüft, muß man sich klarmachen, daß es vor 1914 unleugbar eine Fülle teils konkreter, teils bizarrer Erwägungen gab, eine gerade Linie zum politischen Entscheidungshandeln im Sommer 1914 aber nicht gezogen werden kann. Die fraglos beabsichtigte Ausdehnung des wirtschaftlichen Einflusses darf keineswegs mit territorialen Annexionszielen gleichgesetzt werden.
Dieses Fehlen eines Kriegsziels bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges mag bis 1916 gegolten haben - eine öffentliche Diskussion war verboten -, spätestens dann aber stellte sich die Oberste Heeresleitung auf die Seite derer, die in Deutschland lauthals schrien, immer neues Land für die großen Opfer forderten, die Annexionisten im, z.B., Alldeutschen Bund! Daran zerbrach die Einheit, das Urerlebnis der Einheit des Volkes von 1914, als man sich eingeengt und gedemütigt empfand und Sühne forderte! Was muß das für ein Volk noch gewesen sein, 1914! Es war ein einzigartiges Volk, diese Deutschen vor 1916. „In welchem anderen Land gab es überhaupt, wie in Deutschland eine Kriegszieldiskussion?“ Der Zusammenhang von Kriegsschuld und Kriegszielen mag nicht deshalb so ausgelegt werden, daß sie zur Schuldzuweisung gereichten. Die Gründe liegen tiefer und sollen jetzt nicht weiter erörtert werden. Ich verweise hier auf den entsprechenden Ordner.
Zieht man zudem in Betracht, daß die westlichen Siegermächte Deutschland die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg zuschrieben und dementsprechend Reparationszahlungen forderten, so mag sich, u.a., Hans Grimms apodiktische Ablehnung dieser Schuld, mithin des Verlustes der Kolonien, erklären lassen. Das ist legitim und nur allzu verständlich.
Warum sich Hans Grimm England als Bündnispartner zuwandte, läßt sich aus der Verflechtung der englischen und deutschen Wirtschaft erklären. Beide Länder standen an erster Stelle in den Auftragsbüchern der Industrie. Abgesehen davon spielten offensichtlich auch rassische Aspekte eine Rolle bei der Auswahl des „natürlichen“ Partners. Man darf nicht vergessen, daß Grimm in England eine Lehre als Bankkaufmann absolvierte und in Afrika viele Kontakte mit Engländern gehabt haben dürfte. Auch sind rassistische Vorstellungen keine deutsche Erfindung, sondern fußen auf einem Konvolut Darwinscher, Gobineauscher und Chamberlainscher Vorstellungen über die natürliche Auslese und das Durchsetzen des Stärksten, den Chamberlain vor allem im arischen Europäer verkörpert sah.

Fassen wir die Ergebnisse zusammen!

Hans Grimm ist als ein Schriftsteller von teilhumanistischer Gesinnung zu bezeichnen. Sind einerseits seine Bemühungen um eine Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse durch Versailles in schriftstellerischer Weise zu loben, so muß sich der Historiker fragen, ob eine Verquickung der Geistesströmungen in den 20er Jahren zwangsläufig in faschistische Blut- und Bodenmetaphorik - hier als europäisches Phänomen der 20er Jahre begriffen - führen muß, die immer auch den Hintergedanken der Wiedergutmachung in sich trägt und von Hans Grimm nicht abgeleugnet, gar verworfen wurde. Offensichtlich war er sich dessen bewußt, daß Forderungen nach Raum mit einem Krieg nur schlußfolgernd zu handhaben wären. Zwar war den Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg ein Unrecht geschehen, als man ihnen die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg mit allen Folgen zuschrieb, doch sollte dies nicht dazu führen, Gebietsforderungen an die Zuschreiber zu stellen.
Das Ende des Buches „Volk ohne Raum“ hinterläßt beim Leser nicht ein befreiendes Gefühl, das einer Aufarbeitung von traumatischem Material folgen sollte, sondern die Dumpfheit des Nochnicht, der unbefriedigten Aufgabe, des Rast- und Ratlosen angesichts einer moralischen Ungerechtigkeit. Wenn man mit diesen Ingredienzen spielt, ergeben sich unerfüllbare Forderungen von selbst und pervertieren letztlich die Aufgabe des Schriftstellers, ein Befreier und Humanist zu sein.
Aus diesem Grunde muß ich die sogenannte Zusammenfassung der 1286 Seiten „Volk ohne Raum“ als pränationalsozialistisches Manifest ansehen, worin handwerklich gekonnt mit vertrauten Worten ein Geflecht von demoralisierenden und Unruhe stiftenden Aussagen gesponnen wird, das letztlich nur dazu dienen kann, den Leser in einer unbefriedigenden Spannung zurückzulassen, die ihn mürbe macht und den Boden bereitet für etwaige Erlösermetaphorik, wie sich der Nationalsozialismus selbst verstand!

 
kolonie.txt (945 views) · Zuletzt geändert: 2017/12/22 08:48 von aerolith
 
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