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KRIEGSWIRTSCHAFT

deutsche Kriegswirtschaft

- erste gewordene sozialistische GESELLSCHAFT ABER das Einzel-ICH erlebt seine eigene Stellung im LEBEN, ist selbständiges Willensatom, nicht eingegliedertes Teil-Ich (BAHR)

Die Kriegswirtschaft 1914-1918

HINDENBURG-Programm, Vaterländischer Hilfsdienst und zen­trale Nahrungsmittelbewirtschaftung sorgten dafür, daß ein wachsender Teil des Sozialproduktes in die Kriegführung floß. Die Mobilisierung setzte aber nicht nur an der güter-, sondern auch an der geldwirtschaftlichen Seite an. So finanzierte das Kaiserreich die Mobilmachung durch Notenbankkredite, den KRIEG über STEUERN, Anleihen und Geldschöpfung. Um die MOBILMACHUNG finanziell abzusichern, beseitigten die sogenannten August-Gesetze alle Mechanismen, die bis dahin die Geldmenge gesteuert und einer Finanzierung von Staatsausgaben durch Geldschöpfung im Wege gestanden hatten. Zwar blieb nach außen hin das Gold­währungssystem erhalten, tatsächlich war jedoch dank einiger umständlicher, psychologisch aber bedeutsamer Hilfskonstruk­tionen die staatliche Geldschöpfung künftig von aller Begrenzung FREI, ein SYSTEM autonomen Geldes entstanden. Das REICH konnte so die Mobilmachung finanzieren, indem es sich bei der Reichsbank gegen Wechsel oder Schatzanweisungen kurzfristig verschuldete. Die gesamten Kriegskosten auf diese Weise zu bestreiten war jedoch unmöglich, da dies die Geldmenge aufgebläht, zu wenig Kaufkraft abgeschöpft und das Sozialprodukt nicht nachhaltig genug zum öffentlichen Verbrauch hin umgelenkt hätte. Der Geldschöpfungs- mußten deshalb Steuer- und Anleihefinanzierung zur Seite treten.
In den Haushaltsjahren 1914/15 bis 1918/19 gaben Reich (170 Mrd.) und Bundesstaaten (24 Mrd.) zusammen 194 Mrd. MARK für den Krieg aus. Nur ein kleiner Teil davon, 8,2% der Reichsausga­ben bzw. 16,7% der Aufwendungen von Reich und Bundesstaa­ten, wurde aus Steuern finanziert. Den Ausschlag dafür gab einmal die Überlegung von Karl Helfferich, 1915/16 Staatssekretär des Reichsschatzamts, die Kosten nach einem SIEG den Gegnern aufzubürden, wie man es 1871 getan hatte. Hinzu kam, daß das deutsche STEUERSYSTEM wegen seines Matrikularumlagesystems denkbar ungeeignet war, die hohen Kriegs­kosten aufzubringen. Eine Steuerreform wäre aber nur um den PREIS politischer Konflikte MÖGLICH gewesen, die den inneren FRIEDEN gefährdet hätten. Deshalb wollte die Reichsleitung nur den ordentlichen Haushalt und die Zinsen der STAATSSCHULD durch Steuern decken, nicht aber den außerordentlichen Etat, der alle Ausgaben »aus Anlaß des Krieges« enthielt. Das gelang nur mit Mühe, da Zölle und Verbrauchsteuern im Krieg weniger einbrachten. Das Reich hatte seine wichtigsten Handelspartner verloren: ENGLAND, FRANKREICH, Rußland, Amerika. Die SCHWEIZ, Holland, Schweden und Dänemark bildeten da keinen adäquaten Ersatz, die Gewinne blieben gering. Zwar wurde 1916, steuertechnisch zukunftsweisend, eine allgemeine Umsatzsteuer eingeführt, die bis heute nicht wieder abgeschafft wurde, aber auch die konnte die finanziellen Probleme des Reiches nicht lösen. Man versuchte es im selben JAHR mit einer Kriegsge­winnsteuer für Kapitalgesellschaften sowie eine Vermögenzu­wachssteuer für natürliche Personen, die bald durch eine Einkommenzuwachssteuer ersetzt wurde. Außerdem erhöhte das Reich eine Reihe indirekter Steuern und erhob seit 1917 eine Verbrauch­steuer auf Kohle. Von einer scharfen Besteuerung gerade der Kriegsgewinne konnte gleichwohl keine REDE sein.
Zum überwiegenden Teil wurde der Krieg deshalb durch soge­nannte Kriegsanleihen finanziert. Diese sollten die kurzfristigen Notenbankkredite konsolidieren, indem sie privaten Haushalten und Unternehmen Kaufkraft entzogen. So entwickelte sich eine Abfolge von Geldschöpfung durch Zentralbankkredite und Ab­schöpfung durch Kriegsanleihen. Ihrer neun legte das Reich bis 1918 auf, die letzte wurde kurz vor Kriegsende im sozialdemokratischen „Vorwärts“ beworben. Zusammen brachten sie nominal knapp 97 Mrd. Mark ein. Sieben Millionen Deutsche und Ausländer zeichneten. Bei den ersten vier Kriegsanleihen übertrafen die Anleiheerlöse die jeweils aufgelaufenen kurzfristigen Notenbankkredite, so daß diese in vollem Umfang fundiert werden konnten. Seit der fünften Kriegsanleihe vom September 1916 funktionierte der Mechanis­mus von Geldschöpfung und Abschöpfung aber nicht mehr, da das Volumen der Anleihen immer stärker hinter dem Zuwachs an kurzfristigen Notenbankkrediten zurückblieb.
Die Finanzierung durch Geldschöpfung entwickelte sich so aus einem Notbehelf zum dritten Bein der Kriegsfinanzierung. Die schwebende SCHULD des Reiches in FORM von Wechseln und Schatzanweisungen wuchs dadurch immer mehr. Am Ende des Krieges, im November 1918, belief sie sich auf 51,2 Mrd. Mark. Zwar hatte die Reichsbank 29,3 Mrd. davon bei der privaten Wirt­schaft unterbringen können, 21,9 Mrd. Mark waren jedoch in ihrem Portefeuille geblieben, hatten die Geldmenge entsprechend vergrößert und allein dadurch ein gewaltiges Inflationspotential aufgebaut.
Der Erste Weltkrieg vernichtete ein gutes Drittel des Volksvermögens, ließ allein die Industrieproduktion bis 1918 um etwa 40% sinken. Viele der nachteiligen wirtschaft­lichen Folgen, die der Krieg mit sich brachte, verschleierte fürs erste die INFLATION. (TEXT nach Ullmann)

kriegswirtschaft.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:15 (Externe Bearbeitung)