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LOBOS

BUCH I Auf Samin

15.10.

1. Der Lehrer und seine Schüler

Wellen kräuselten sich. Eine Möwe kreischte. Der Wind blies, wie fast immer aus Nord-West. Lobos lag im Sand und spielte mit dem LICHT, das in seine AUGEn fiel. Er kniff wechselweise die Augen zu, suchte das Spektrum in seinem Kopf abzubilden. Ihm gefiel die Unentschiedenheit des Lichts, zwischen Körper-und Welleneigenschaften hin und her zu wesen. Die Sonne stand schon beinahe im Wendepunkt. Er hatte bis weit in den Tag hinein geschlafen oder vielmehr geträumt und stand erschlagen und nüchtern auf. Es war warm geworden. Die alte Gewohnheit, beim ersten Erwachen auf die Schwelle seines Hauses zu treten und auf die bewegte See zu sehen, um gleichsam eine Aufgabe für den Tag zu empfangen, schien ihm heute abhanden gekommen. Er stand also mühevoll auf und schlenderte gewohnheitsmäßig zur Brandung. Heute plätscherte die See müde ans Ufer, uneins, ob sie bleiben oder gehen sollte. Plötzlich fror ihn. Er zog sich den auf den Sand geworfenen Norweger-Pullover wieder über und ging die wenigen Meter zurück zum Haus.

20.10.98

Er bewohnte zusammen mit seiner Schwester Lobine und der Magd Herma ein zweistöckiges Haus im Norden der Insel. Die Geschwister teilten sich den unteren Teil des Hauses, Herma bewohnte eine kleine Dachkammer, doch ihr eigentliches Reich bestand aus den Wirtschaftsräumen am Haus, dem Keller und der Küche, die in einem Anbau beherbergt wurde. Dort in der Küche traf man sich nicht nur zum Essen, sondern auch zum schwatzen und arbeiten. Herma tat nichts lieber als eine Verbindung von beidem, Lobine dagegen war nur schwerlich für gemeine Tätigkeiten zu gewinnen. Ein Erziehungsfehler, vielleicht.
Das Haus besaß zudem einen großen Garten, der reichliche Frucht trug. Hermas ganzer Stolz. Die fünfzigjährige FRAU fungierte zugleich als Magd, Mutter und Marktfrau. Diese Multifunktionalität schien ihr aus Jahrhunderten überkommen. Sie versorgte ihre Lieben singend und emsig drandelnd mit der Liebe der Fürsorglichkeit und Zugeneigtheit ihres großen Herzens. Aus den rechtgläubigen Gebieten des Vaterlands stammend, hatte es sie durch die Kurreise ihre Herrin an die See verschlagen. Doch ein nichtsnutziger STREIT mit der schwierigen Herrschaft beendete das Dienstverhältnis. Sie saß an jenem Abend, der den Anfang ihrer Zukunft auf Samin bilden sollte, kümmerlich am Bahnhof, wartete auf den Zug, der sie von diesem Ort nur wegbringen sollte, als Lobos’ Vater dieses traurige Bündel flugs auf seinen Wagen lud und zum Hause fuhrwerkte. Herma streichelte die Tiere zum Dank. Seppus, der sonst störrische Wallach, ließ es sich wohlig-wiehernd gefallen. Da ward der Entschluß schnell gefaßt: Herma blieb.

26.10.98

Ihr wurde die Obhut über Haus und Garten übertragen. Das sollte niemand bereuen. Unter Hermas fürsorgender Hand gedieh bald das karge Sandgärtchen. Sie pflanzte und säte, sie jätete und goß, rupfte und sprengte, sie grub und schnitt. Aus dem einst fruchtlosen Boden entwuchsen bald Kürbisse, Geranien, Beeren aller Art, die Kirschbäume trugen reichlich Frucht und der Keller füllte sich mit eigenen Äpfeln und Bohnen für den Winter. Sie nahm das neue Heim schnell an, kam sich nicht lange allein und verlassen vor, was sie im Grunde doch war. Allein, die Früchte, die sie aus dem BODEN grub, stapelte sie vor dem Einwecken wie eine Volksmenge um sich herum, sie stand in einem persönlichen Verhältnis zu jedem Produkt ihrer Arbeit, es waren Verwandte, ihrem Wesen entsprungen und der neuen Erde entwonnen. Einzig der Weinanbau wollte zu Hermas großem Leidwesen nicht gelingen. Sie wollte schon verzagen und ihre gesamte ARBEIT in Frage stellen. Angesichts der NOTWENDIGKEIT, ein wenig Messwein herbeizuzaubern, dies jedoch nicht zu vermögen, glaubte sie sich nutzlos und wenig erwählt, hier länger zu bleiben. Sie machte das Vermögen, sandigem, trockenem Boden Weintrauben zu entlocken zur Existenzfrage ihres Daseins. Vielleicht hätte ihr ein Lächeln geholfen oder aber die Einsicht, daß der Norden eben nur zum kargen protestantischen Kirchlein, nicht jedoch zum barocken Pomp südlicher Tempel taugte.
Nun wollte er weiter Hand anlegen an seinem Inselreich, in diesem von Kräften durchflossenen Gemeinwesen eigener Herkunft, dem nur er in Verantwortung Form und Beschränkung verlieh.

20.10.98

Lobos stand auf der Anhöhe, die zwischen dem Strand und seinem Haus lag. Er schaute frei auf die klar strukturierte Landschaft seiner Insel, die das Werk seiner Väter war. Er lächelte. Mit seinen zwanzig Jahren war ihm bereits eine VERANTWORTUNG zugefallen, die er spielerisch wahrzunehmen gedachte. Heute hatte er sich entschieden, dort am Strand, als er den grünen Norweger-Pullover ausgezogen hatte, um ein wenig Sonne an seinen Körper zu lassen, eben in diesem Augenblick hatte er entschieden, die Stelle seines Vaters einzunehmen, die Funktion der Mutter aber wechselweise Herma und der in der fernen Metropole wohnenden Schwester seiner Mutter anzuvertrauen. Lobine mit ihren zehn Jahren war Kind genug, um der Mutter zu bedürfen, er würde sie wieder benötigen. An einen Kontakt über das Leben hinaus wollte er jetzt nicht glauben. Jetzt stand die banale Modellierung des Alltags vor seinem Auge. Er legte Hand an. Er wollte fähig sein. War ihm die Aufgabe auch jetzt schon zugefallen, so wollte er die Spitze seiner Familie nachwachsen lassen, wollte eine Aufgabe erfüllen, die er im tiefsten spürte. Wie könnte er anderes wollen dürfen? Genug.
Er ging zum Haus. Lobine lief ihm entgegen.
„Wo warst du so lange?“ wollte sie wissen.
„Ich habe Steine gesucht.“
„Wir haben genug. Komm ins Haus! Ich habe ein Bild gemalt von dir und Papa. Es muß dir gefallen!“
„Papa ist tot. Begreif es, Schwester!“
„Er lebt! Er lebt! Morgen kommt er wieder zurück!“
Lobos strich dem weinenden Kind sanft über den Kopf, drückte seinen sehnigen Körper an sich und tröstete es.
„Ich werde auf dich achtgeben. Solange, wie du das willst, Bine“, sagte er zärtlich. Hinter dem feuchten Schleier der Trauer leuchtete das Blau ihrer großen, beinahe schon fraulichen Augen. Sie glaubte es ihm, auch wenn er noch nie Gefallen an ihren Bildern gefunden hatte oder auch, wenn er sie mit dem Steinesuchen am Strand seit Jahren belog. Sie glaubte ihm diese Treue. Er war ihre Verbindung und der nächste Punkt im Universum. In der Weite ihrer Umwelt spürte sie seine Nähe. Das beruhigte Lobine. Sie hörte zu weinen auf und führte den Bruder ins Haus. das gemalte Bild legte sie beiseite, statt dessen wühlte sie aus Mutters Kiste in Allmaleins, bewies mit gekonnten Konstruktionen, daß sie die letzte Lektion gut gelernt hatte. Lobos lächelte. Er verstand, und sie imponierte ihm. Er hatte es seit Jahren nicht vermocht, seine Gefühle so schnell durch die Vernunft kanonisiert zu sehen. Das konnte er schon heute von ihr lernen.
Also nahm er ihr die kleinen Gefühlsexplosionen nicht weiter übel; sie störten seinen Rhythmus nicht, wuchteten seine SEELE aus dem Lot, um dieses neu zu bestimmen. Sie gehörten dazu. Sein Lächeln füllte den RAUM. Er legte den Pullover ab und ging auf sein Zimmer, den nächsten Tag in der SCHULE vorzubereiten.
Auf dem Schreibtisch stapelten sich unleserliche Zettel, imgleichen alte Rollen, die der Philologe nicht mehr zu enträtseln kam. Lobos griff nach einer, die das Bildnis des HERRN vorstellte, doch ohne tiefergreifende Symbolik schien. Nein, jetzt doch nicht. Für den morgigen Tag wollte er seinen Schülern etwas Neues mitbringen. ‚Ich muß ihnen Wege erschließen. Mit alter Emblematik verstelle ich nur die Türen. Aufschließen muß ich‘, dachte Lobos.
Die Schule, in die er täglich ging, bestand eigentlich nur aus einer Klasse, in der alle schulfähigen Kinder der Inselbewohner wochentags zusammenkamen, um auf ihre ZUKUNFT vorbereitet zu werden. Doch täusche sich der Leser nicht! Die Schüler entstammten nicht Bauern- und Fischerfamilien. Die hatte ihre historische Herkunft längst abgelegt, alte Bindungen gab es nicht und somit kannte man diese Berufsgruppe überhaupt nicht. Fast alle Bewohner waren Zugezogene – nimmt man einmal zurückgekehrte und städtisch verfeinerte Nachfahren der einstigen Ureinwohnerschaft aus-, Menschen aus den großen Städten des Festlandes, die kamen, als die fremdsprachigen Herren aus dem Norden gingen. Die Ureinwohner, der plötzlichen FREIHEIT ungewohnt gegenüberstehend, zogen daraufhin aufs Festland, so daß die Insel über eine Generation unbewohnt blieb, gleichsam zum militärischen Sperrgebiet wie zur Brutstätte wandernder Vögel wurde. Die später hier Ankommenden suchten ein Idyll, um ungezwungen aufzuwachsen, wollten allerdings auch nicht auf die Präliminarien des zivilisierten Gegenwartsmenschen verzichten, die klassisch-gegenwartsbezogene-humanistische BILDUNG und bestimmte moderne Errungenschaften wie Telephonleitungen und elektrischen Strom. So setzte unmittelbar mit der Neuerschließung des Eilands eine umfangreiche Bautätigkeit ein, außerdem engagierten die Inselbewohner den bestmöglichen Lehrer für eine Ausbildung mit differenzierendem Unterricht, Lobos’ Vater. Er, Lobos, wollte nunmehr dessen Fußstapfen füllen und des Vaters Weg weitergehen. Ein Unterfangen, zu dem ihm die Ratsversammlung der Inselbewohner für ein halbes Jahr ermächtigte, dann würde ein erfahrenerer Kollege ihn ablösen.
Die Menschen auf Samin waren im doppelten Sinne Rückkehrer, zum einen im wörtlichen Sinne, zum anderen erprobten sie die Rückkehr zur Vorvergangenheit. Eingespannt in die Naturkreisläufte und doch mit dem WISSEN der GEGENWART beschwert, suchten sie die Leichtigkeit des SEINs ihren Kindern in unbelasteter Natur zu vermitteln. Die Schule bildete hierbei einen Anker im sandigen Boden des Eilands, der die MÖGLICHKEIT zu neuer Verwurzelung schaffen sollte. Später einmal, so rechneten die Eltern, könne das Kind auf dem Festland erlernen, was zur Bewältigung des modernen Lebens – was sie sorgsam vom eigentlichen Leben unterschieden - unerläßlich schien: die Fertigkeiten eines Brotberufs.

25.11.

Lobos saß also vor seinen geerbten Schriftrollen und suchte nach einem Ansatzpunkt für den morgigen UNTERRICHT. Seine Schüler waren ein schwieriges Völkchen. Er hatte es nicht leicht mit ihnen. Den harten Ton des Vaters gewohnt, der mit straffer Hand die Renitenz in vorgezeichneten Bahnen halten konnte, blieb ihm nach der Übernahme der „Geschäfte“ nichts weiter übrig, als zunächst einmal den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Das Curriculum lag vor ihm. Nach Plinius nun „Griechische Geschichte, doch nichts überstürzen“, stand in der feinlinigen leserlichen Schrift des Verstorbenen. Eine Zeile tiefer las er laut „Römische Geschichte, nur kurz. - Und das soll mein Lehrplan sein? Nichts überstürzen!“ wiederholte Lobos das Gelesene.
Die Strenge war nicht erwiesen. Was immer auch damit gemeint sein konnte, er hatte seit Jahren keine andere Beschäftigung als GESCHICHTE und Geschichten. Da saß er vor den Rollen, auf einem Thron aus Marmor und Elfenbein und sog die Sonne des Südens aus staubiger Zellulose ein.

27.11.98

Er überlegte sich, wie eine Verbindung zum Heute herzustellen sei. ‚Sie lachen mich aus, wenn ich ihnen mit Schlagworten komme‘, dachte er verbittert. Es erschien ihm ruchlos, seinen neuen Schülern etwas vorzumachen. Er hatte schon in den ersten Stunden die ERFAHRUNG gemacht, daß seine Schüler vom Menschsein seiner Vorstellung ein gut Stück entfernt waren, vor allem dieser Selfur, eines Erstbesiedlers Sohn, widersprach ihm ständig und anscheinend in principum. Er hatte bislang kein Mittel gegen diese Renitenz gefunden und alle Anstrengungen in seine Ernsthaftigkeit… War er nicht selbst noch ein Werdendes? Wie durfte er ihnen da Zwischenprodukte seines Denkens auftischen und glauben, daß sie es fräßen?

17.12.98

Lobos beschloß, die morgige Ausbildung mit einem Vortrag über die Struktur des glücklichsten Staates fortzusetzen. Er blätterte in einem vergilbten Utopia-Buch:
Dort sollten diejenigen mit der geringsten physischen und materialen MACHT herrschen. Ihr Machtanspruch resultierte aus einer Negation: Weil nämlich die Menschen unter der nackten physischen GEWALT und unter der bloß materiellen Gewalt, also Formen der Herrschaft, die sich an Waffen und Geld ausrichteten und jedes Mitglied der Gesellschaft nach diesbezüglichem Besitz oder Mangel beurteilte, wenig Glück empfanden, kam der Berichterstatter dieses alten Büchleins auf den Gedanken, nein, er schlug vor, es mit der Macht des Geistes zu versuchen. Statt der bisherigen Form der Macht des Stärkeren sollte nunmehr der Klügere herrschen, klüger durch Beschluß der Mehrheit.
Lobos lächelte, als er diesen Gedanken las. Er sah einen Haufen Schweine in ihren Kojen quieken. Ihn rührte die VORSTELLUNG, daß er der Inselmächtigste sein müßte. Imgleichen jedoch rührte sich auch Widerspruch, denn er mußte sich fragen, wie er seine Herrschaft sichern sollte. Besaß er körperliche Macht? Besaß er die versichernde Gewalt des Besitzes? Nichts von beidem. Was konnte ein Wissender schon gegen die Algorithmen des praktischen Alltags tun? Er mußte sich ihnen selbst in der UTOPIE beugen, vom heutigen Reifezustand der Menschheit betrachtet. Doch wovon kann eine Utopie ausgehen als vom Status quo? Die Masse der Menschen fuhr gut damit, sich den Mächtigen oder dem System anzubiedern und einen Teil von Herrschaft im persönlichen Bereich zu sichern, um dort mit gleicher Münze heimzuzahlen, was selbst traumatisch an Begrenzung Alltag war. Dies führte zu prägenden Mustern bei den Kindern, die dann ihrerseits in ihren kommenden Familien ein gleiches taten, usw., usw., usf… Es brachte die Menschheit nicht weiter, doch in trockene Tücher.
Lobos blätterte in der vergilbten Schrift. Er wollte dem Verfasser zustimmen, konnte es jedoch nicht. Die Schweine aus den Kojen würden sich dem anschließen, der den vollsten Trog garantierte, nicht demjenigen, der sie zum Freiwild des lauernden Raubtieres machen würde. Der Geist-Reichen Herrschaft war nur eine Idee, die keine praktische Potenz besaß. Somit konnte sie zur fixen Idee werden. Das war gefährlich und ruchbar zugleich. Man dürfe sich niemals auf etwas versteifen, daß nicht ausführbar sei, hatte der Vater gelehrt. Er legte das Buch zur Seite. ‚Doch müßte man danach streben‘, dachte Lobos. ‚Aber wer ermöglichte dieses Streben nach dem Un-Reellen aus dem Geist der Utopie? - Ja, hier auf Samin ließe es sich verwirklichen. Vielleicht ist Vater deswegen hierher… Wir müßten uns abschließen, das uns umgrenzende Wasser als unser Schicksal bestimmen. Wir wollen die WELT nicht durch Wissenschaft und Technik vorantreiben, sondern durch die Macht unseres Geistes, den wir verstehen als ein inneres Gesetz, vielleicht von GOTT empfangen, doch nur, um es ins Praktische zu bringen, in ein Mitmenschliches in einem übersichtlichen Rahmen. Ja, das könnte es sein. Wir leugnen die planetarische Größenordnung und beschränken unsere Herrschaft auf einen überblickbaren Raum, den wir durch eine Rechtsordnung bestimmen. Diese Idee scheint mir nicht so waghalsig zu sein wie der raumlose Staat des Geistes aus diesem Büchlein. - So werde ich es meinen Schülern erklären, damit sie das Bewußtsein von ihrer Absonderlichkeit ausbilden. Später werden sie zwar einen Schock erleiden. Doch, was ist ein Später? Darauf kann ich mich nicht einlassen. Ich muß so tun, als ob wir hier in der Wirklichkeit einer kleinsten abgeschlossenen Welt lebten. Gut. So geht’s. Ich werde ihnen also von einem weit zurückliegenden Land erzählen, in dem ein Tyrann entschied, nicht länger als Tyrann zu herrschen. Er berief seinen Rat, der einen Wettkampf auslobte. Dort sollte gestritten werden über die bestmögliche Verfassung. Jedes Landeskind war aufgerufen, sich daran zu beteiligen, schließlich den besten Vorschlag zu wählen. Wählen? Vielen kamen und hofften auf die ewige Freiheit. Alle sollten frei sein, das Gesetz nicht länger notwendig, bis auf eine Ausnahme: Aus der Gemeinschaft wurde ausgeschlossen, wer Gewalt benutzte. Der mußte das Land verlassen…

Es klopfte am Fenster. FREUND Klabinke gestikulierte durchs Fensterglas. Lobos lächelte erfreut und eilte, ihm aufzutun. Klabinke sprang durch die Öffnung und strich sich mit zwei Fingern langsam durchs Haar, sein schweres rabenschwarzes Haar, das so gar nicht zu seinem hellen Gemüt passen wollte. Klabinke trug eine abgewetzte Lederjacke, braune halbhohe Stiefel, kniehohe Strümpfe und eine etwas zu große ledrige Hose, über die ein abgetragener Strickpullover ragte. Sein Gesicht war von eben der Frische, die einem lebhaften GEMÜT entspricht. Seine großen Augen konnten mitunter ruhig auf einem Gegenstand ruhen, doch ihr Wesen bestand in der Bewegung, wie seine ganze Gestalt drahtig und kurz zusammengebunden wirkte. Er hetzte durch seine Tage, immer auf der Suche, um nur nichts aus seinen Händen gleiten zu sehen. Alle glaubten, ihm das Wissenswerte anvertrauen zu müssen, ihre Lieben und ihre Leiden, ihre Hoffnungen und Alltäglichkeiten, denn Klabinke wußte bei seinen Mitmenschen diejenigen Knöpfe zu drücken, die ihm Neuigkeiten einbrachten, hatte zu allem und jedem eine MEINUNG, sich ausgenommen. Hatte er etwas erfahren, durch Intention oder auch de facto, sprang er auf und verabschiedete sich. Doch er kam wieder und hatte zumeist eine Lösung, eine Information oder einen Ratschlag, der helfen konnte. Zuweilen veröffentlichte er einen „Inselanzeiger“, der zusammenfaßte, was notierenswert schien und gern gelesen wurde. Lobos half ihm bei der Redaktion, doch hatte sich nicht daraus ihre FREUNDSCHAFT entwickelt, vielmehr bestand sie schon lange davor. Klabinke konnte Lobos’ Trübsinnigkeit vertreiben. Er nahm die Dinge gelassener und sah eben zuvörderst den informativen Gehalt einer Sache, nicht in einem pragmatischen Sinne –dies hätte zu Streitereien mit Lobos führen können-, sondern vielmehr in dem Sinne, daß er immer etwas suchte, das seine Gedanken in Schwung halten konnte. Daß manchmal seine Neugier dabei die Oberhand behielt, wollen wir ihm nicht verübeln.
„Mach Tee!“ forderte Klabinke mit tiefer Stimme. „Ich habe dir Neuigkeiten zu erzählen.“
Lobos trollte sich beinahe widerwillig in die Küche und setzte Wasser für eine Kanne Tee auf. Er zerrieb einigen Salbei und suchte nach Piment, den er gelegentlich beimischte. Kurze Zeit später goß er das dampfende Naß auf die großblättrigen Alkaloide. Klabinke fläzte sich in den Sessel am runden Tisch und legte seine Beine lang aus:
„Lobos, es wird KRIEG geben“, sagte er beiläufig.

Klabinke schwatzte vom Wetter, von den Leuten, dem Geradeheraus und von kleineren Vergehen, unbeugsam und alltäglich, mächtig in jeder Faser des Daseins, geboren daraus und in ihm vergehend. Die Geschichten waren eingängig und gewöhnlich, rührten im Gleichlauf des Lebens, kaum unterbrochen durch irgend etwas. Wodurch auch? Die Straße wurde gesäumt von allmählich älter werdenden Gesichtern, die beieinander blieben und nur von Herbst-, Frühjahrs- oder Sommerwind äußerlich zerzaust wurden, im Grunde genommen jedoch niemals mehr als minder gesprächig einander anschauten. Im tiefsten Inneren ihres Seins blieben sie unbehelligt, geradezu unberührt. Jedes Aufklärungspathos schien widerlegt. Diese Menschen auf Samin blieben die gleichen. Fragte Lobos Klabinke nach seiner Meinung, warum er glaube, daß seine Tätigkeit ein Bedürfnis befriedige, mithin gebraucht würde, so antwortete Klabinke damit, daß er die Maskeraden des Raubtiers namens Mensch aufsetze, sich an ihren Faxen ergötze, die aus Rachsucht, Langeweile oder Ichbezogenheit dem anderen immer nur das Ärgste an den Hals wünschte…
„Nein, diese Affekte spannen nur ein Dach über das eigentliche Wesen, daß sonst schutzlos wäre und verborgen werden muß“, entgegnete Lobos, irgendwann, bei irgendeinem Streit.
„Das Mißtrauen bleibt“, beendete Klabinke das damalige Gespräch.
Faktum. Klabinke war derjenige, der Lobos von den kleinen Veränderungen berichtete, sie ihm nahebrachte. Klabinke war angesehen als der Mittelsmann, selbst argwöhnisch genug, so daß man ihm die Verbreitung der Wahrheit zubilligte, auch zugestand.

Lobos stellte die Kanne auf den Tisch. Wenn das die Neuigkeit sein sollte, so wollte er sie nicht gehört haben. Er goß ein. Aus dem Schreibtisch holte er zwei Glimmstengel. Sie pafften. Die Wände rückten in weite Ferne, veränderten die Farbe, durchsichtige Luftgeister bevölkerten den Raum, tanzten. Lobos griff ins Nichts, es zersprang. Klabinke warf sein Schälchen an die Wand, auch das zersprang, nur mit mehr Lärm, griff nach der Mütze und verschwand durchs Fenster. Lobos blieb sitzen und wartete. Die Wirkung ließ allmählich nach.

20.12.98

War es die nachlassende Wirkung der Neuigkeit oder die fehlende Anwesenheit der durchsichtigen Luftgeister –wessen auch immer-, Lobos stand kurz darauf auf und wandte sich seiner vormaligen Tätigkeit zu. Er kramte im Schreibtisch seines Vaters. Die Schatulle mit den losen Zetteln war ihm heute noch weniger geheuer als sonst. Der Vater hatte zuviel Geheimniskrämerei darum gemacht. Sobald jemand Eingang in sein Arbeitszimmer fand, hatte er schnell die auf dem Schreibtisch liegenden Papiere zusammengerafft und sie in den Tiefen des schweren Holzmöbels verschwinden lassen. Lobos stellte befremdet fest, daß der Vater ihm den Zutritt hätte verwehren können. Er tat’s nicht! Heute nun wäre der Sinn der geheimen Schriftsätze zu erraten gewesen. Doch Lobos zögerte. Der erweiterte Gang der Dinge war noch nicht aufgebrochen, und Lobos verhielt sich still. Statt dessen bereitete er die Stunden für den morgigen Tag vor, um für das Gespräch gerüstet zu sein.
Am nächsten Morgen stand er beizeiten auf, trank eine Tasse heißen Cacao, schnappte sich Vaters Aktentasche und „trabte“ gemächlich in ein Gebäude am anderen Ende der Insel, das als Schulgebäude genutzt wurde. Seine Schüler warteten schon. Er stellte die Tasche auf den Lehrertisch und begrüßte seine Schüler persönlich-es waren im ganzen nur fünf Kinder-, und setzte sich auf den Stuhl hinter seinem Tisch, so wie die anderen auch.
„Was machen wir heute?“ fragte Selfur. Der Frager war ein sechzehnjähriger Bursche, der immer erst fragte, bevor er etwas tat.

27.12.98

Selfurs Gesicht sprießte vor Sommersprossen. Die struppigen roten Haare waren irgendwie seinem Kopf entwachsen. Auf der Nase saß die Brille seines Großvaters, die er seit dessen Tod nur unter Zwang abgenommen hatte. Er wühlte in mit seinen unsauberen Händen in einem Lederbeutel und warf nacheinander den Inhalt auf die Bank. Lobos antwortete nicht. Selfur blickte giftig, als er fragte: „Welches dieser schlauen Bücher müssen wir heute lesen, Meister?“ Die Stimme klang wie immer quäkig, hatte beinahe die normale Artikulationsebene verlassen und gab im ganzen gesehen ein recht jämmerliches Abbild ihres kräftigen Ursprungs.
„Wir werden uns heute nur ein wenig unterhalten, später Fußball spielen und dann eine längere Zeit Textarbeit betreiben. Wir alle. Kurz vor dem Mittagessen arbeiten wir im Garten. Ich denke, zu mehr sollten wir uns heute nicht erklären“, gab Lobos das Pensum bekannt.
Daß die Gartenarbeit erst kurz vor dem Mittagessen geleistet werden sollte, fand allgemeinen Widerspruch, also tauschte man Fußballspiel und Gartenarbeit. Selfur war auch damit nicht einverstanden, mußte sich jedoch fügen.
„Meine Tante sagt, du könntest uns nichts beibringen. Was du erzählst, hat mir mein Großvater schon besser erklärt. Du bist nur ein Hochstapler, Lobos!“ platzte es aus dem Rothaar hervor. Immerhin schien er, wenn man die Konstruktion seiner Aussage ernst nahm, einiges im Grammatikunterricht aufgeschnappt zu haben. Nichtsdestotrotz brachte er eigene und fremde Ansichten zu einem Gemisch zusammen und verkaufte es als Allgemeingültiges. Lobos schmunzelte. Nein, er nahm ihn schon ernst, doch differenzierte er die Wahrheiten seines struppigen Querulanten. Doch bevor er etwas sagen konnte, riß Hermynia das Unterrichtsgespräch an sich: „Worüber wollen wir uns unterhalten, Lobos?“ fragte sie mit Bestimmtheit.
Hermynia war das hübscheste Mädchen auf der Insel. Sie war siebzehn Jahre alt, von schlanker Gestalt. Sie verhüllte ihren Körper unter einem Wall langer Kleider. Ihr offenes Gesicht besaß einen erstaunlich ernsten AUSDRUCK. Sie lebte mit ihrem jüngeren Bruder, Selfur, und einer alten Tante in einem neuen Haus in der Nähe des Ufers. Was keiner außer ihr und ihren Eltern wußte: Es stammte von ihrem Geliebten, der vor Jahresfrist in einem Duell sein Leben verlor. Sie weinte um ihn, vielleicht noch mehr als um ihre in der Metropole lebenden Eltern, die nur gelegentlich zu Besuch kamen, nach schnellem Streit aber wieder gingen. Sie weinte um ihn und bestellte ihren Garten, genau wie Herma. Die beiden Frauen, die junge und die ältere, bestellten gemeinsam ihre Beete, gossen gemeinsam Setzlinge und Gartenblumen und schwatzten manchen Tag, in Korbsesseln sitzend über die Schwierigkeit, kargem Boden etwas abzuringen, über die Unmöglichkeit, in einer kalten und windigen Kirche Herzenswärme zu finden und über die Fülle ihrer Leiber. Dann lachten sie und schämten sich ihrer Offenherzigkeit. Also, das war Hermynia.
Der allmorgendliche Streit hatte sein Ende gefunden. Der Tagesplan stand fest. Lobos spürte den Haß des Rotschopfs beinahe körperlich. Der blickte mit dem Gift von tausend Skorpionen zum Lehrertisch, an dem Lobos über die passende Antwort grübelte. Hermynia hatte zwar die Situation entspannt, doch gewonnen hatte er damit nichts. Eher hatte er verloren.
„Selfur, was glaubst du, sei unser Weg? Was müssen wir tun, damit wir den Neid unseres Nachbarn nicht erregen?“
„Komm mir nicht so, Lobos! Du bist zu schwer für diese Insel, verstehst ja doch nicht, warum ich dich hassen muß. Deine krummen Wege sind nichts für mich. Andere kannst du vielleicht blenden. Ich durchschaue dich. Du weißt selbst nichts. Dein Wissen ist hohl; nur irgend so eine Form, von der du ständig redest. Die kann ich, wenn ich’s nur will mit einem Schlag umstoßen.“
„Warum tust du es nicht?“
„Weil ich großzügig bin und dich leben lasse. Aber von mir erfährst du nichts mehr. Denkst du vielleicht, ich lasse mich auf deine Fangfragen ein, damit du mir alles nimmst, worauf ich stolz sein kann?“
„Das gefällt mir, daß du stolz auf etwas bist.-Worauf bist du stolz, Caspar?“ fragte Lobos plötzlich Selfurs Nachbarn.
„Daß ich reiten kann und besser Fußball spiele als Selfur“, sagte der Angesprochene. Alles lachte.
„Mein Vater sagt, es gebe bald Krieg“, platzte Curdu, der jüngste Schüler auf Samin. in die lachende Schar. „Was hältst du davon, Lobos?“
„Ich habe auch davon gehört, doch glauben kann ich es nicht. Ich habe davon gehört, doch wollen wir jetzt keine ANGST haben. Man spricht von Zeit zu Zeit davon. Allerlei Leute glauben, daß wir einen Krieg nötig haben. Wir drohten zu verweichlichen, setzten Rost an, sagen sie. Es sind dieselben, die zuerst ihre Scherflein ins Trockene bringen. Sofern auch nur die Gefahr eines Besitzverlustes sich auftut, laufen sie. Ich glaube, Curdu, daß wir uns davor hüten sollten, diesen sogenannten Geschäftsleuten aufgesessen zu sein. Andererseits haben diese Leute eine empfindliche Nase, wenn es eben um die Bedrohung ihrer Interessen geht, also versuchen sie eine offensiv zu antworten und disponieren ihre Gemengelage um. Was auch immer. Doch genau davon ist nichts zu spüren, wenn ich die Zeitungen vom Festland richtig gelesen habe.
„Seit wann machen Geschäftsleute mit dem Krieg Geschäfte? Da ist doch alles kaputt?“ rief Selfur dazwischen.
„Mein Vater sagt, daß es auch Geschäftsleute gebe, die am Krieg verdienen“, antwortete Curdu statt Lobos.
„Welche denn?“
„Na, ist doch klar. Wer die Bomben herstellt und die Waffen, der wird am Krieg verdienen.“
„Du bist aber naiv, Curdu. Die verkaufen ihre Waffen zu Friedenszeiten genauso gut. Im Krieg müssen sie Angst haben, daß Anschläge des Feindes ihre Betriebe zerstören oder schlimmer noch, daß der Staat ihre Betriebe schluckt. Kannst du dir einen Geschäftsmann vorstellen, der auf eine unsichere Zukunft setzt?-Mir wäre ein Krieg viel zu unsicher für meinen Gewinn. Ich würde mich niemals darauf einlassen.“
„Das war klug gesagt, Selfur. Deine Gedankenkette hat etwas für sich. Doch solltest du auch versuchen zu verstehen, was dein Gesprächspartner zu sagen versucht. Curdus Vater meint das Gegenteil, Selfur! Versuchen wir der Sache auf den Grund zu gehen: Das macht man, indem man einen neuen Ansatz wählt und das Problem von einer dritten Seite aus angreift; wir bleiben sachlich und sind dennoch emotional an der Lösung unseres Problems interessiert.- Selfur hat insofern den Nagel auf den Kopf getroffen, als daß kein guter Geschäftsmann seine Einnahmequelle durch ein waghalsiges Geschäft aufs Spiel setzt. Er hat demnach zwei Möglichkeiten, dem Wagnis sorgend zu begegnen: 1. er schaltet Sicherungsmechanismen durch Lieferverträge und 2. er verteilt das Risiko auf möglichst vielen Schultern, ohne selbst auf einen möglichen Gewinn verzichten zu müssen.-Ihr Lieben, das können wir heute nicht im einzelnen prüfen. Es führt uns auch zu weit. Also werden wir eine ganz andere Betrachtungsweise ins Feld unseres Meinungsstreits führen. Was bedeutet Krieg und wann entsteht er?“

28.12.98

Keiner meldete sich. Selfur scharrte mit den Füßen, Hermynia schaute zum Fenster hinaus, Curdu nagte an seinen Fingern, Caspar malte und auch Myrna schien nicht recht bei der Sache zu sein. Die Schüler schienen gleichgültig, zumindest nicht interessiert zu sein. Doch Lobos war nicht beunruhigt. Er kannte diese Reaktion. Gleichgültigkeit kam bei seinen Schülern anders zur Sprache; sie wurde Wut. Die jetzt vorherrschende Stille dagegen war ein Zeichen äußerster Konzentration. Alle dachten angestrengt nach, denn ein kommender Krieg bedrohte aller Existenz. Die Eltern sprachen davon wie von einem zerstörerischen Unwetter. Die Nachkommenschaft malte sich aus, was ihr genommen werden könnte. In diese Richtung bewegten sich ihre trüben Gedanken.
„Ich habe noch nie gehört, daß ein Baum aus unserem Land einem anderen Baum aus einem anderen Land der Krieg erklärt hätte“, meldete sich Myrna, ein unscheinbares sechzehnjähriges Mädchen mit langen schwarzen zu einem Dutt zusammengebundenen Haaren. „Heißt Krieg nicht, daß ein Land einem anderen seinen Willen aufzwingen will?“ fragte sie nach kurzem Schweigen.
„Man sagt ‚Land‘ und meint etwas anderes, etwas Übergeordnetes, Myrna“, beeilte sich Lobos zu antworten. Er hatte offensichtlich vor, das Denken seiner Schüler in eine bestimmte Richtung zu lenken. „Der wirkliche Krieg findet natürlich nicht zwischen Bäumen oder anderen vereinzelten Dingen statt. Das habe ich euch schon letzte Woche versucht zu erklären, daß a…“
„…alles seine zugrundeliegenden Ursachen besitzt und eine Vereinzelung nur zu halben Wahrheiten führt“, antworteten die Schüler im Kanon. Nur Selfur wagte einen Einspruch: „Ein Baum hat Wurzeln, mehr nicht.“
„Doch wo wachsen sie? Wer säte den Baum, wer sorgte sich um ihn in seiner gefährdeten Kindheit? Wer schützte ihn vor Ungeziefer und Nagern? Es braucht seine Zeit, bis er stark und selbständig genug ist, etwas von der Fürsorge zurück zu geben.“
„Dein Bild hinkt. Überall wachsen Bäume und kein Mensch kümmert sich um ihren Zustand. Trotzdem wachsen sie. Warum es Kriege gibt, hast du uns nicht erklären können.“
„Doch, das hat er, Selfur. Ich kann es vor mir sehen, wie der eine sich um einen Baum kümmert. Der Baum gedeiht und wächst. Dann ist da noch der andere, der nur die Früchte essen will. Er behauptet, daß Gott keine Bäume schuf, um sie dem Menschen zu überantworten. Darauf hat der Gärtner keine Antwort und am Ende streiten sie sich. Der eine behauptet, daß er ein Recht darauf besäße, der andere glaubt, daß niemand ein Recht darauf habe, niemand außer dem Stärkeren.“
„Sie könnten teilen“, murmelte Myrna.
„Darin liegt das eigentliche Problem. Darauf kommen sie nämlich nicht. Deshalb ist ihr Krieg dumm.“
„Ist jeder Krieg dumm?“ fragte Curdu.
„Nein. Ich bin nicht eingebildet genug, um euch weismachen zu wollen, daß es keine gerechten Kriege gebe. Wer angreift, darf sich nicht beklagen, wenn er verjagt wird. Wer sich verteidigt, ist jedoch nicht immer im Recht. Doch darüber wollen wir uns ein anderes Mal unterhalten. Heute geht es erst einmal darum, wodurch es zu Kriegen kommt, nicht, wer wann welches Recht besitzt.“ Den folgenden Satz schrieb Lobos an die Tafel, dann las er ihn Wort für Wort vor und schwieg: „Krieg findet statt, wenn zwei Kräfte nicht gleichgerichtet sind und doch ein Ziel verfolgen.-Sie treten in einen Gegensatz, sammeln Gleichgesinnte, blasen sich auf; die aufgestaute Kraft kann nicht mehr auf das eigentliche Ziel konzentriert werden und richtet sich auf den Konkurrenten. Die Fronten verhärten sich, der Zwischenraum wird größer und, da sie ständig aufeinander stoßen bei ihrem gemeinsamen Ziel, empfindet die eine Kraftquelle die andere als unzumutbar und will ein Entwederoder. Vor dem Sowohlalsauch fürchtet sie sich, aus Anerkennung des Gegners, aus Minderwertigkeitsgefühlen, aus anderen Gründen. Jedenfalls ist dieses Sowohlalsauch außerhalb des Möglichen. Ja, leider.“
„War das immer so?“ fragte Curdu.
„Nein. In sehr viel früheren Zeiten traten die beiden Anführer gegeneinander an und fochten ihren Streit aus. Der Tote füllte den Zwischenraum und schloß gleichsam die Lücke zwischen den Streitenden. Die anderen strömten dem Sieger zu, bis es erneut zu Richtungskämpfen kam, die gleiche Stoßrichtung aufgebrochen wurde in mehrere sich bekämpfende. Das war lange vor unserer Zeit. Heute läßt sich die Sache nicht auf ein paar Anführer beschränken, sondern wird als Prinzipienkampf zwischen ganzen Völkern entschieden.“
„Du meinst, daß der Krieg bloß ein aufgeblasener Zweikampf ist?“ fragte Caspar.
„Kain und Abel aus der Flasche“, bellte Selfur.
„Bei zwei Menschen ist die Sache einfach zu prüfen“, überlegte Curdu, „doch wie ist es, wenn zwei Länder einander den Krieg erklären? Wie kommt es dazu und wer hat SCHULD?“
„Ich habe darauf keine einfache Antwort…“
„Dann laß sie uns nicht hören!“
„…doch könnten wir Verschiedenes überlegen.“
„Und dann?“ fragte der ewige Unruhestifter, bevor noch Lobos’ letzter Gedanke im Raum verklungen war.
„Selfur! Wie wäre es, wenn du vor deinen Einwänden nachdenkst, zumindest ein wenig Geduld aufbringst.“
„Warum?“
„Vielleicht lösen sie sich schon dann.“
„Gut, ich versuche es, doch verspreche dir nichts. Du weißt, daß ich nicht viel von dir und deinen Fähigkeiten halte und nur gezwungenermaßen hier bin.“
„Übe dich in Geduld, Selfur, dann wirst du den größten Gewinn aus diesem letzten Jahr ziehen!“
„Was du erzähltest, war Wischiwaschi, Lobos. Du hattest versprochen, die Sache tiefgründiger zu betrachten. Ich werde dir geduldig zuhören.“
„Wollen wir erst einmal eine kleine Pause machen?“
„Nein, wenn du es erklären kannst, dann nicht. Wenn nicht, kommen wir morgen nicht“, stellte sich Myrna auf Selfurs Seite. Lobos wurde rot.
„Gut, die Sache gilt“, sagte er belegt.

29.12.98

Lobos kramte in seinen Unterlagen, schneuzte sich und begann langsam zu erzählen. Es klang gar nicht exaltiert, seine gewöhnlich ins Schnöselige hinübergleitende Stimme war fest ohne starr zu wirken. Er stand vor seinen fünf Schülern, die ihm aufmerksam zuhörten. Sie hingen nicht an seinen Lippen, doch war ihre Neugier geweckt. Einerseits wollten sie die Antwort ihres Lehrers hören, andererseits befürchteten sie unliebsame Wahrheiten. Lobos hatte in ihnen schon den Boden bereitet, der sie empfänglich machte für ein Denken, das sich nicht am Detail aufhielt, sondern immer aufs Geratewohl ins Weite aufbrach.
„Was zu Streit zwischen größeren Menschengruppen führen kann, das sind die Grundsätze, die sich die jeweiligen Gruppen gegeben haben und von denen sie ausgehen, um gemeinsam miteinander leben zu können. Wir hier in unserem Klassenzimmer müssen das, wir alle auf unserer Insel müssen das, die drüben auf dem Festland müssen das. Wir schaffen uns Regeln, an die sich alle halten, ob sie es wollen oder nicht, das steht jetzt nicht zur Debatte. Sie tun es wohl oder übel. Gelegentlich ändern sich die Regeln, weil zwischen denjenigen, die sie aufstellten und denjenigen, die sie befolgen sollen, kein spürbares Band mehr besteht. Doch das interessiert uns heute nicht. Uns interessiert eines: Es gibt diese Regeln, die aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft reichen. Regeln bestimmen auch die Zukunft, unsere Ziele. Wir haben das Recht, uns neue Regeln zu schaffen, weil wir diejenigen sind, die ihre Zukunft bestimmen. Wir haben auch Sorge zu tragen, daß jeder einzelne genug Freiräume innerhalb dieser Regeln erhält, damit es nicht zu dauernden Konflikten kommt, die keinem nutzen. Eine dieser Regeln ist die Freiheit, die jeder besitzt, sich für die eine oder andere Gemeinschaft mit ihren Regeln zu entscheiden. Entscheidet er sich, gibt er ein Stück seiner Freiheit zugunsten der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft auf, die dafür Schutz und Sicherheit, je nach Zivilisationsfortschritt auch Wohlstand verspricht. Diese Entscheidung führt dazu, daß er mit ihr lebt, streitet, kämpft, liebt und stirbt. Und diese Dinge, die zu den Regeln dieser Gemeinschaft führten, nennt man Prinzipien.-Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, sich solche Prinzipien zu setzen. Das erste Prinzip sagt, der Mensch sei dazu bestimmt, glücklich zu werden. Er besitze Rechte und Pflichten. Sein Glück fuße auf dem Recht auf Selbsterhaltung, woraus sich alle weiteren Rechte und Pflichten ableiten. Der Lebenszweck für dieses Prinzip besteht darin, Nutzen für sich und die Gemeinschaft zu erwirtschaften und anderen dabei zu helfen, nützlich zu sein. Das ist das Prinzip! Was sich daraus ableitet, das werden wir zu einem späteren Zeitpunkt besprechen.
Jetzt will ich euch noch das zweite PRINZIP beschreiben, bevor ihr mir einschlaft. Das andere Prinzip will die Welt ganz anders erleben. Es geht ihm erst in zweiter Hinsicht um Glück und Güter; nein, es will zuerst Anerkennung. Alles, was erstrebt wird, Güter, GELD und GLÜCK dienen dazu, um von den Mitmenschen anerkannt zu werden. Das Glück dient der Anerkennung, ist ein Zeichen für die eigene Besonderheit – man ist etwas Besonderes!- und ein Mittel, von der Umwelt die Anerkennung zu erreichen. Dieses Prinzip sieht im Leben nicht das letzte Ziel, Selbsterhaltung hat nur dann Sinn, wenn es dem Ziel der Anerkennung dient. Dieses Prinzip will den Tod überwinden; es glaubt, die Anerkennung lebe weiter, auch wenn der Anerkannte bereits starb. Dieses Prinzip setzt die LIEBE und den WILLEN als vom Körperlichen unabhängig, will andere um ihret willen lieben und achten, nicht, weil sie dann glücklich sind oder Glück vermitteln, sondern weil sie da sind und der eigenen Freiheit GRUND, Wirkung und Anerkennung geben. Glücksgüter sind für dieses Prinzip Mittel, um dem Leben die Möglichkeit zu geben, überhaupt möglich zu sein. Da das Leben für dieses Prinzip nur ein GUT ist, braucht es sich keine andere Daseinsform zu suchen, um seine Existenz zu beweisen, d.h. sich selbst in die Welt zu bringen. Über das Leben gerät es in die Welt und ist jederzeit bereit, dieses Gut einzusetzen zugunsten seiner eigentlichen Bestimmung, nämlich sich selbst zu erproben, Anerkennung zu erzielen, die Evolutionsspirale weiter zu drehen für die Selbstverwirklichung seiner selbst. Der Mensch wird so nur zu einem Träger einer Idee, nicht die Idee selbst. Ausdrücke dieser IDEE sind Pokale, Speere, Fahnen, Hauptstädte, Medaillen, allerlei phantastische Errungenschaften menschlicher Genialität, die es zu erobern gilt, weil ihr Besitz in erster Linie Anerkennung verspricht und nur in zweiter auch einen Nutzen.
Ein letzter Nachsatz: Keines dieser Prinzipien tritt heute rein auf, doch wenn wir genau hinschauen, so können wir sie einzelnen Ländern zuweisen. Jedes Land bevorzugt entweder das eine oder das andere dieser beiden Prinzipien. Macht die Probe aufs Exempel! Zwei Hausaufgaben: 1. Überlegt, welchem Prinzip wir angehören! 2. Was hat meine Geschichte mit einem kommenden Krieg zu tun? Also, bis morgen.“
Selfur sprang nach dieser Entlassung aus dem Pflichtteil des Tages auf, nuschelte etwas, das wie eine Beleidigung klang, doch keiner reagierte. Also nahm er sein lose zusammengebundenes Bündel und stolzierte aus dem Zimmer. Die anderen folgten langsam, nur Hermynia blieb noch an ihrer Bank stehen.
„Wie lange willst du dir noch seine Frechheiten gefallen lassen?“ fragte sie liebevoll. Es sollte nicht wie ein Vorwurf klingen, eher so, als ob sie eine gewalttätige HANDLUNG befürwortete.
„Ich weiß nicht“, entgegnete Lobos, „ob er wirklich bösartig ist. Es ist vielmehr so, daß ich ihm mit seinen Vorwürfen zuweilen rechtgeben muß. Ich weiß es nicht genau.“
Hermynias Gesicht änderte seinen Ausdruck. Alle liebevolle Erwartung wich harter Verärgerung, die sich auch in ihrer Stimme kundtat: „Daß du diesem nörgelnden Neinsager auch noch Gründe gibst, dir zu widersprechen, nimmt mich nicht gerade für dich ein“, sagte sie schnippisch. Und wieder änderte sich ihre Mimik, wurde erneut weich und freundlich: „Ich will dich nicht ärgern. Du hattest es schwer genug. Hier, meine Karte. Ich erwarte dich!“
„Ich weiß, wo du wohnst“, brummte Lobos.
„Das glaubst du nur. Ich habe dir genau beschrieben, wie du zu mir kommst. Komm zum Sonnenuntergang, dann ist’s am schönsten.“ Lobos las die Legende auf der Rückseite der Einladungskarte, wendete sie nochmals und starrte auf das bunte Sprachfenster, das anscheinend ihn selbst darstellen sollte, wie er sich als junger Engel ohne Flügel mit einem weiblichen Fabelwesen küßte. Wurde er wieder rot? Hermynia lachte und schwebte aus dem Klassenzimmer, ihn mit seinen Hoffnungen und Erwartungen bis auf den Abend allein lassend.

2. Kapitel: Ordnungsgedanken

30.12.98

Lobos trat aus dem Schulgebäude in die strahlende Sonne. Sein BEWUßTSEIN war gesteigert. Er bemerkte auf dem Nachhauseweg jede vom Wege abweichende Fußspur und verfolgte sie mit den Augen, so weit es eben ging. Als er das schmale Stückchen Wald zwischen Schulgebäude und elterlichem Haus durchquerte, sah er jede Unebenheit der Baumrinden, verfolgte die Verästelungen der Birken und Eichen wie durch eine Lupe. Die Insel tat sich vor ihm auf in Breite und Größe. Er übersah mit Adleraugen das Ganze. Nein, das konnte doch nicht sein, daß er tagträumte! Er hielt inne, verschnaufte und legte sich kurze Zeit später unter einen am Wegrand stehenden Eichenbaum und schloß die Augen. Raum und Zeit verschmolzen. Er konnte Jahre überblicken, hörte ein sanftes Ticken, ein darüber gelagertes Rauschen und sah unter sich Felder grünen, blühen, Frucht tragen und welken. Wo war er? Wer war er? Die Geräusche fielen zusammen und wurden von einer hellen Tonfolge überlagert, die wie sein Kosename klang: „Pöppi!“ Als er wieder stand, schien ihm eine weißgrüne Frauengestalt entgegenzuschweben, die ihn sanft in einen milchigen Nebel hüllte. Er füllte sich leichter und lächelte, breitete die Arme aus, um zu dieser Gestalt aufzusteigen, doch sie verhängte sich die Augen und entschwand wie sie gekommen war, in einem NICHTS. Lobos war nicht unglücklich, wußte er doch, daß sie wiederkommen würde, diese dem Boden entstiegene herrliche Frau. Er brauchte nur durch das Wäldchen zwischen Schule und Elternhaus zu gehen und sie würde wieder kommen, sie, in diesem unnahbaren Sichnähern und in dieser hörbaren Schweigsamkeit. Daß sie einer Fabelwelt kurz entfliehen mußte, um ihm die Sicherheit des Unglaublichen zu schenken, war beschlossene Sache. Gestärkt lief er nach Hause.
Als er ankam, warf er seine Tasche in die Zimmerecke, ging dann auf sein Zimmer, fläzte sich in den alten Sessel in der Mitte des Zimmers und legte die Füße auf den abgewetzten Schemel. Was hatte er bloß falschgemacht? Seine Schüler hatten ihm nicht zugehört, ihn in Frage gestellt und Selfur, ja dieser Selfur widersprach auf eine gemeine und insubordinierende Art, die ihm Angst machte. Er sah sich schon die Straße in der Metropole fegen und Selfur hämisch in eine prächtige schwarze Limousine steigen: „Ich habe es geschafft, du nicht!“ schien dessen Miene zu sagen. Warum konnte er sich dieses Bilds nicht erwehren? Ihm war, als ob seine Gedanken den Raum noch nicht betreten hätten, Körper und Geist waren wieder einmal nebeneinander da. Wie er dieses geteilte Existieren haßte!

12.1.99

Lobos konnte die Einheit seines Gefühls nicht finden; ihm schwollen zwecklose Auswüchse zu wulstigen Worthülsen, die den Bezug zum Ursprungsort längst verloren hatten und in einem Irgendwo seines Hirns Faxen veranstalteten, die nur er, schlimmstenfalls nur er, in einem Labyrinth gefangen halten konnte. Gegen die Gefahr einer zunehmenden Raserei der Gefangenen mußte er etwas tun. Er sprang aus dem Sessel und suchte im Hause nach jemandem, um ein Gespräch herzustellen, das die bösen Trennwände einreißen würde durch die Wucht des Neuen. Lobos haftete allein in einer habhaften Zukunft, einer, die ihm einstig in aller Doppeldeutbarkeit erschien. Soviel war gewiß. Wenn er es nicht schaffen würde, Ordnung in seine Gedanken zu bringen, geriet er in Gefahr, seine Zukunft zu verspielen. Also riß er sich zusammen, allein. Hilfe war nicht zu erwarten. Sein Vater hatte ihm aufgetragen, sich stets und stetig zu entwickeln. Er straffte den Körper wie in Erwartung einer Züchtigung, weil er sich so gehengelassen hatte. Doch der Vater war tot. Er konnte sich nur selbst strafen!-Wenigstens war die Sonne heute hinter den Wolken, so daß er ausfluchtsweise das Spektrum nicht blinzelnd erzeugen konnte. Er nahm sich den Kessel und füllte ihn mit Wasser. Das Pfeifen durch die enge Schluchze des eisernen Wasserbehältnisses würde ihm ein Signal sein, ein Signal, die Dinge in ihrer Ordnung zu acceptieren, auch wenn es ihm nicht passen würde.
Später nahm er sich einen Stift und versuchte, eine ORDNUNG zu beschreiben.

Sein Platz war definiert; seine Rolle zwar schlecht gespielt und noch schlechter vorgestellt, doch immerhin war sie akzentuiert und besaß so die Potenz eines möglichen Raums zur Durchführung, in dem er sich selbst vor-stellen konnte, tapsig und vielleicht auch im schleppenden vagen Bodenkontakt eines unsicher Suchenden. Vielleicht. Was hemmte seine Unübersichtlichkeit, daß sie durch die Widerspenstigkeit eines spätpubertären Naseweis in Frage gestellt werden könnte? Er mußte bitter zugeben, daß es die eigene Unsicherheit war, die ihm immer wieder Fallen stellte. Jetzt fand er doch Platz für ein Lächeln, ein beruhigendes Lächeln: ‚Unsicherheit ist ein Zeichen für BEWEGUNG, Bewegung eines für SPIEL, Spiel eines für den Willen zu ERNST und Lauterkeit, für Schönheit und überhaupt etwas Erstrebenswertes. Dann habe ich noch nicht verloren‘, dachte er erleichtert. Immerhin schien er immer noch im Entwicklungsstadium eines Befragten ohne Schablone zu perpetuieren. Das sollte auch ein Zustand höchster EWIGKEIT sein! Er hatte seine kasuistischen Momente, doch die blieben Selbstschutz und gerierten sich nur als Mittel, drangen nicht bis an den Kern seines Seins vor. Er war offen und in Bewegung, daher die Unsicherheit. Sie drohte nicht zum Exempel zu mutieren, erst dann würde seine Gehemmtheit fragwürdig und skrupulös werden. Also mußte er bloß dafür Sorge tragen, daß die Unsicherheit an der Oberfläche bliebe und er sie als einen produktiven Prozeß hüten könne. Beschämt bemerkte er, daß seine opportunistischen Neigungen… Konnte er nicht die Perspektive wechseln, ohne Gefahr zu laufen, den Standort zu ändern? Das war eine Notwendigkeit, um die HIERARCHIE nicht zu stören, eine Denkvoraussetzung für die Ausarbeitung, für Zuordnungsgrundsätze. Er ahnte sein Gebot und die Zäsur, die er würde vornehmen müssen. Da schienen selbst die Mißerfolge als Erfahrungswerte verbuchbar! Ja, es war doch alles ein seltsam Spiel, voll von Drehungen und Wendungen, die nur einen standortfaulen Begriffslosen verwirren konnten. Ihn jedenfalls nicht!

13.1.99

Er gefiel sich jetzt wieder. Diese vielen Könntes, dieses Eventuelle war ihm wesensverwandt. Er fühlte sich als Werdendes und suchte immer einen Angelpunkt, um den seine Gedanken dann Kreise ziehen konnten, bei Gelegenheit auszurutschen suchten und aus dem Bestimmen eines Wahrheitsmäßigen ins nur Mögliche hinüberglitten. Diesen Spannungszustand zwischen den Welten wollte er genauer bestimmen, suchte ihn immer wieder in einem Kanon merk-würdig zu machen. Hatte er das Gefühl, daß ihm dies an einem Tag gelang, breitete sich umgehend ein wohliges Gefühl in ihm aus, dem er mit einem warmen Tässchen Tee nachhalf. So auch heute. Er stolzierte in die Küche und bereitete sich sein Lieblingsgetränk.
Als die Tasse ausgetrunken war, stand er auf und beschloß Hermynias Einladung anzunehmen.

3. Liebe auf Samin

Lobos hielt Hermynias Einladungskarte in den Händen und versuchte, die Wegbeschreibung zu entziffern. Als ob er nicht wüßte, daß es gleich hinter der nächsten Wegbiegung liege! Er fragte sich, warum sie ihm so genaue Anweisungen gab. Punkt sechs sollte er von seinem Hause aus aufbrechen, nicht den kürzeren Weg zwischen ihren Häusern benutzen, sondern über den Berg steigen, dann den Serpentinenweg hinunter-und schließlich die lange Gerade vom Walde aus auf Hermynias Haus langsam zugehen. Langsam!!! stand da. Er blickte sich um. Die Sonne schien, wie seit Tagen schon, ununterbrochen vom frühen Morgen bis zur Abendstunde. Er steckte sich eine Aster ins Knopfloch, strich sich mit einer Haarbürste über den Kopf, wobei ihm die Außenfenster als Spiegel dienten, dann nahm er sich eine andere Bürste, die seinen Anzug von Flusen reinigen sollte.-Lobine stand plötzlich in der Tür und schenkte ihm ein Lächeln. Sie wollte nicht wissen, wohin er ginge, nur, wann er wiederkomme. Lobos wollte beides nicht sagen, woraufhin sie beinahe maulte, doch dann küßte er sie zärtlich, was bei der Kleinen ein kokettes Augenzwinkern auslöste, und ging den vorgeschriebenen Weg seinem Ziel entgegen.

14.1.99

‚Die kleine Frau weiß genau, daß ich nicht zu einem Freund gehe‘, dachte Lobos belustigt. Ihre distanzierte Anteilnahme wäre ein sympathischer Charakterzug, meinte er. Sie drängte sich nicht auf, doch Lobos spürte ihr Interesse als eine Art von wohlwollendem Dabeisein. Konnte er noch irgendwann zu irgendwem gehen, ohne sie bei sich zu tragen? Vielleicht hatte er diese Möglichkeit durchs Leben zu gehen mit ihrer Geburt verloren; jedenfalls nach dem ersten zärtlichen Gutenachtkuß, den das Mädchen vor sieben Jahren auf den Elfjährigen drückte, als der gerade in der Badewanne saß, noch damals in der Metropole. Er spürte damals all ihre ihm entgegenströmende Herzlichkeit, ein glucksendes und quietschvergnügtes Menschenkind, nur geboren, um Freude zu schenken. Lobos hielt immer noch die Einladungskarte in den Händen und trug sie wie eine Wünschelrute vor sich her. In seinem Kopf hallte der Klang der Standuhr aus dem Vorraum, die eben sechs schlug, als er losgegangen war. Beim letzten Schlag hatte er den Türknauf ergriffen und das väterliche Haus verlassen, ganz so, wie es die Liebste haben wollte. Der glückliche junge Mann besaß ein gedoppeltes Liebchen, denn die kleine Schwester gab ihm einen Kuß mit auf den Weg, wohl wissend, daß am Bestimmungsort eine andere Art von Kuß auf den großen Bruder wartete.
Lobos bestieg den Inselberg, 124 m über NN. Die Höhe war erstaunlich angesichts der Winzigkeit des Eilands. Er stieg und stieg. Der Boden wurde zunehmend dunkler, kaum noch Sand, wie am Fuße des Anstiegs. Er griff in den nassen Moder eines schattigen Stück Wegs und zerrieb ihn zwischen den Fingern. Nur hier oben gab es diesen Boden. Eine Anomalie. Eine Blume wuchs einsam andernorts. Er pflückte sie. Plötzlich war er kein gieriger Liebhaber mehr, sondern gab sich ganz kindlichem Abenteurergeist hin. Irgendwo hier warteten die Abenteuer auf ihn, die ihn gefangen nehmen könnten; doch nur als eine begrenzte Gefangenschaft, aus der er sich natürlich wieder befreien würde, sich und eine Prinzessin unbestimmten Aussehens und exotischer Herkunft. Er schnalzte mit der Zunge, denn er war am Akazienhain angekommen und die Luft besaß ein sattes Aroma. Die ätherischen Öle hatten sich ausgebreitet und blieben in diesem windgeschützten Teil des Berges unzerstoben. Und die Sonne lachte. Wann geht sie wohl unter? Niemals! Ihr Schein war ihr Wesen. Niemals würde sie untergehen. Selbst in der Nacht schien sie seine Seele zu beleuchten und schenkte ihm KRAFT. Lobos fragte sich, warum ihm Hermynia diesen weiten Weg aufgegeben hatte. Er fühlte sich wie ein Trottel, der machte, was man ihm sagte.

17.1.99

Lobos blieb auf der Anhöhe stehen und schaute auf die hinabhängende grünende Fläche, an deren Begrenzungen Nadelbäume standen, in deren Schatten das Grün besonders dunkel und feucht erschien. Aus einem dieser dunklen Schattengebiete löste sich ein weißer Flecken, der langsam auf ihn zukam. Er wartete und erkannte ein Schaf. Es bewegte sich langsam, aber stetig. Als es nur noch einige Menschenschritte von ihm entfernt war, beschleunigte es, um kurz vor Lobos erschrocken-staunend inne zu halten: ‚Als säh’s in mir den ersten Menschen!‘ dachte Lobos belustigt und erschrak im nachhinein ob der Zielstrebigkeit des Angriffs, der vielleicht nur zufällig abrupt sein Ende gefunden hatte, als das Schaf instinktiv „erkennen“ mußte, daß gegen den Eindringling kein Kampf siegreich sein konnte. Nun standen sie sich still gegenüber. Keiner wagte, die eingenommene Position zu verlassen. Unendliche Sekunden später streckte Lobos zaghaft die Hand aus. Das dunkle Maul wich nicht, biß aber auch nicht zu. Lobos strich mit dem Fingerrücken darüber. Und schwieg. Sprache würde es vertreiben, dieses erste Schaf, geringstenfalls befremden; dem Schaf war’s genug: Es trollte sich. Und Hermynia wartete.
Lobos haftete seinen Blick auf den Weg und lief bis zur Spitze des Berges. In der ferne konnte er das Ziel sehen. Zur Rechten lag sein Haus, zur Linken Hermynias. Ihr Haus war in Sonnenlicht getaucht und schien beinahe darin verschwunden. Er sollte sich vielleicht beeilen. Glücklicherweise verlief der Abstieg weniger beschwerlich als der Gang auf die Höhe. Er balancierte von Stein zu Stein in den Regenrinnen vom letzten Schlechtwetter.
Sein Gang wurde zunehmend sicherer und stolzer; erhobenen Hauptes nahm er sein Ziel aufs Korn, das Haus der Freundin. Es war nicht mehr so deutlich zu sehen wie noch auf der Anhöhe. Irgendetwas schien ihn zu blenden. Er wunderte sich darüber, denn die Sonne stand ihm im Rücken, nachdem er den Berg hinter sich gelassen und den Weg zwischen Hermynias und seinem Haus betreten hatte. Je näher er seinem Ziel kam, um so verschwommener und unwirklicher erschien ihm das vertraute Haus der Freundin. Plötzlich sah er einen Mann auf sich zukommen. Der Mann trug wie er selbst eine kniehohe Lederhose, ein Hemd unbestimmbarer FARBE, besaß kurze Haare unbestimmbarer Farbe und hatte einen schleppenden Gang. Mehr war nicht zu erkennen, denn Lobos hatte seine Brille zu Hause gelassen. Ungefähr fünfzig Schritte vom Ziel entfernt wunderte er sich über diese Gestalt, die er noch nie zuvor auf der Insel gesehen hatte, und blieb stehen. Sein Vis-a-vis schien das gleiche zu tun. Er konnte es nicht genau sehen, denn die Sonne hatte die Abendwolke beiseite geschoben und setzte die Straße in gleißendes Licht. Er lief weiter. Die Gestalt kam ihm weiter entgegen. Wo wollte sie hin? Das war die Straße zu seinem Haus. Er würde fragen. Kurz darauf erkannte er den Passanten. Wütend nahm er einen Stein und warf ihn gegen die Glasscheibe, die Hermynias Bruder vor das Haus gestellt und mit einer Bleikristallspritzpistole beschossen hatte. Das Glas zerbrach und der Gegenüber verschwand.-Unzerreißbare Entitäten aus Geist und MATERIE gibt es nicht: Wir sind entweder oder.

20.01.99

Hermynia trug ein samtiges weißes Kleid. Es fiel an ihr glatt herunter. Im streng nach hinten zusammengebundenen dunklen Haar steckte seitlich eine kleine weiße ROSE. Sie hatte die Augenbrauen schwarz bemalt, den Mund kräftig karmesinrot kartuschiert, so daß er größer wirkte, als er es tatsächlich war, und ihre Fingernägel rosa lackiert. Sie begrüßte ihn, indem sie mit einem Fingernagelrücken zärtlich über seine Wangen strich. Ihr Gesicht schien von unendlicher Weite und unergründlicher Tiefe. Lobos spürte den Drang, sich darin festzuhalten. Daß sie zartschimmernd ihm verläßlich schien, nahm er offenen Herzens auf. Nicht Selfur hatte sich den bösen Streich mit dem Spiegel erlaubt, sondern sie; sie hatte ihn bloßgestellt als das, was er war: ein Ignorant. „Das warst doch du gewesen, der dir da entgegenkam! Erkanntest du dich nicht?“ Ihre Stimme hatte jenen moderaten Ton, der er so sehr an ihr liebte. Doch lachen konnte er nicht. Das ERLEBNIS hatte ihn verschreckt. Sie gingen Hand in Hand ins Haus und Hermynia gab ihm etwas zu lesen, während sie auftischte.
„Ist das ein Lügentext?“ stellte er fragend beiläufig fest und wendete einzelne Blätter.
„Ich schreibe nichts auf, was ich mir nicht auch vorstellen könnte.-Wie langweilig du sein kannst“, entgegnete Hermynia, ihre Arbeit fortsetzend. Jetzt war Lobos’ Aufmerksamkeit geweckt.
„Denkst du, ich hätte etwas gegen Lügen?“ fragte er ernst.
Hermynia steckte ihren Kopf durch die Tür. Sie zog die Augenbrauen nach oben. Ihr Mund wurde schmal und breit, dann lächelten die Mundwinkel: „Manchmal denke ich, du bist so erfüllt vom höheren Flug in deinen Sprachwelten, daß du vor lauter Sternäugigkeit gar nichts anderes mehr wahrnimmst als richtig oder falsch ausgesprochene Worthülsen.“ Lobos fühlte sich plötzlich in seinem Sessel unwohl: „Nein, nein. Ich habe überhaupt nichts dagegen“, beeilte er sich zu sagen.
„Und ob du das hast! Warum bist du nicht ein ganz normaler junger Mann und stiehlst anderen Zeit mit Nichtstun? Warum bist du so schrecklich ernst mit allem, was du sagst und uns beizubringen versuchst?“ sagte sie ernst und verschwand wieder im Nebenraum. Lobos hörte sie mit Geschirr klappern.
„Weil ich nicht anders kann“, sagte er leise. In diesem Augenblick fiel ein Teller im Nebenraum zu Boden. Lobos stand auf und ging zu ihr.
„Jetzt siehst du, was du anrichtest“, rief Hermynia Lobos verzweifelt entgegen, „du machst mich wütend mit deiner Erhabenheit und deiner Ignoranz“, schluchzte sie. Er nahm sie in die Arme.
„Ich gebe mir Mühe. Ich wußte nicht, daß es dir so viel ausmacht, was ich denke. Denkst du, ich bin immer glücklich mit mir?“ „Es ist schon vorbei. Vielleicht übertreibe ich auch ein wenig. Das hat mich eben einen Teller gekostet“, sagte sie jetzt ruhig und beinahe schon wieder mit der gewohnt schelmischen Attitüde. Lobos athmete auf. Hermynia stellte sorgfältig einige Gegenstände aus dem alten Schrank aus Eichenholz auf den Tisch, einen dreiarmigen Kerzenständer aus Messing, einen Serviettenhalter und eine schmale Vase aus Bleiglas. Diese Dinge entschwanden dem endlosen Dunkel hinter der schweren Tür, die zudem noch von mehreren Schlössern bewacht wurde. Diese Handlung schien ihr wichtig zu sein, der Text nicht. Lobos verstand. Jetzt bloß keine Ursachenforschung betreiben! Er war nicht hier, um den Lehrer vom Vormittag zu spielen. Diese Rolle hatte sich für den heutigen Tag erledigt. Erledigt. Und da saß sie. Das Essen stand auf dem Tisch. Sie streckte Lobos ihre langen geraden Beine entgegen und kokettierte, jede Faser ihres Körpers ins Spiel bringend: „Sei nicht so verkrampft! Denkst du, ich wollte mich über dich lustig machen?“
„Das würde dir dein Hang zum Amüsement schon schnell verbieten.“
„Du bist streng mit deiner artigen Schülerin! Was kann man nur gegen ein wenig Schabernack haben?“
„Vielleicht scharfe Krallen und runde Steine… Komm her!“ Und Hermynia kam. Sie setzte sich auf seinen Schoß. Langsam zog er den Reißverschluß ihres Kleides auf und streifte es ihr vom Körper. Er streichelte sanft die kleinen Erhebungen vor dem Herzen. Hermynia schloß die Augen und spitzte die Lippen zum unschuldigen Kuß. Lobos nahm das Geschenk an, sie. Er preßte seinen Mund auf den ihren und stieß mit der Zunge bis auf den Grund, fand ihre Zunge und strich kräftig an ihr entlang. Dann erst berührte er bewußt die weichen und straffen Lippen. Sie waren wie das andere ihres Körpers. Er trank alle Unschuld aus ihr heraus und spürte sie am ganzen Körper erröten. Das befahl ihm, inne zu halten. Und er gehorchte. Sie rutschte von seinen Knien und stand nackt vor ihm.
„Danke“, hauchte er, küßte ihre Augen und lehnte sie zurück. Hermynia schaute ihn ungläubig an. Ihr Blick wandelte sich von einem ungläubigen in einen verwunderten. Doch sie schwieg. Es war die andere Seite Hermynias, die tugendhafte. Lobos spürte keinen Vorwurf. Nur Verwunderung.
Später schnitt sie das Brot. Diese altväterliche Tätigkeit wollte sie sich dann doch nicht nehmen lassen.

4. Kapitel Zweifel am GLÜCK

24.1.99

Einige Tage später herrschte auf Samin heller Aufruhr. Alles war vor dem einzigen öffentlichen Gebäude, dem Schulhaus, zusammengekommen, um der eigenen Unsicherheit, dem Unmut und der Neugier eine Möglichkeit zu geben, sich vollends zu entfalten. So stand eine gestikulierende, murrende und verunsicherte Menge von ungefähr einhundert Menschen auf dem Schulhof und versuchte, in sich Klarheit zu schaffen. Nein, eigentlich hatte die Menge keine genaue VORSTELLUNG davon, was sie wollte, doch jeder hielt es für seine PFLICHT, hier zu erscheinen. Sie alle hatten den Bericht in der letzten Ausgabe des Inselkuriers gelesen, in dem Klabinke von einem Anschlag berichtete: Ein Königssohn sei von einer Verschwörertruppe mittels Bombe getötet worden. Der Vater des Sohnes, der ein alter Mann war und des Regierens schon ein wenig müde schien, schwöre Rache. Man könne Auswirkungen bis auf Samin befürchten, schrieb Klabinke. Außerdem vermutete Klabinke als gutunterrichteter Verfasser des Artikels, daß schon bald ein Truppen-Aushebungskommando vom Festland komme, um wehrpflichtige Saminer in den Schlachtenlärm zu führen. Klabinke forderte zum Schluß seines Artikels alle Insulaner auf, über die Frage zu entscheiden, ob sie noch zum Festland gehören wollten oder sich lieber wieder unter die Herrschaft des nördlichen Nachbarn begeben sollten, was hieße, dem kommenden Kriege auszuweichen.
Es hatte sich noch keiner gefunden, der den Vorsitz dieser abendlichen Versammlung übernehmen wollte. Gewöhnlich kam zu den Versammlungen, die Angelegenheiten der Saminer betrafen, vom Festland ein eigens dafür eingesetzter Beamter, der alle Beschwerden und Vorschläge aufnahm, um sie weiterzuleiten. Bei Festlichkeiten, dem alljährlichen Fest des Meeres, der Sommersonnenwende oder dem Reformationstag, selbst zum Osterfest, mußte der Lehrer den Vorsitz übernehmen, doch Lobos’ Vater war tot. Die immer wilder durcheinander schreiende Menge konnte sich nicht darüber einigen, wie und mit welchem Resultat man überhaupt zusammentreten könne. Man wollte ein Resultat, irgendwie erwartete das jeder. Es war Curdus Vater, Curdo, ein 55jähriger Arbeiter, der in der Metropole für einen Elektro-Konzern jahrelang schwere Arbeit im Drahtziehen geleistet hatte, der das Wort schließlich an sich riß: „Ruhe! Ruhe noch mal!“ rief er. Er hatte sich das Rednerpult aus dem Schulgebäude geholt, das Lobos’ Vater einst dazu benutzt hatte, die Zeugnisübergabe an seine Schüler mit einem Schleier des Besonderen zu versehen. Auch jetzt verlieh dieses Pult bei den Versammelten dem Dahinterstehenden Respekt. Es kehrte Ruhe ein.
„Warum seid ihr hier?“ wollte Curdo stirnrunzelnd wissen. Das war unklug. Alles rief durcheinander. „Du, Myrnio, warum bist du hergekommen?“ sprach er einen ihm Nächststehenden an, einen Mann von ca. 40 Jahren, der einen gepflegten Bart trug und an dessen Äußerem nur die schwarz gefärbten Fingerkuppen auffielen. Doch die Modulation seiner Stimme schien überhaupt nicht zu seinem Äußeren zu passen, denn er war der Wildesten einer:
„Ich will Klarheit!“ schrie er, „was wird aus uns? Müssen wir in den Krieg?“
„Genau diese Frage werden wir jetzt klären, Myrnio. Doch zuvor laßt mich noch eines sagen. Habt ihr eine Ahnung, wie lange es dauert, bis überhaupt ein Krieg losgehen kann? Nein? Zuerst einmal muß eine Mobilmachung erfolgen. Habt ihr davon gehört? Die dauert Wochen, in manchen Ländern Monate. Bei uns ist noch nicht einmal ein Werbekommando gewesen. Wir haben also sehr sehr viel Zeit, uns zu allem zu entscheiden.“
„Ja, er hat recht, wir haben viel Zeit und können in Ruhe überlegen, was zu tun ist“, rief Caspars Mutter, eine vierzigjährige Frau von beachtlichem Aussehen, nur ihre Lippen waren dünn, was der ansonsten ansehnlichen Erscheinung etwas Zickiges gab. Man stimmte allgemein zu und Curdo fühlte seine Brust schwellen. Er hatte gesiegt und setzte seine Rede fort:
„Ich schlage euch folgendes vor: Zuerst werden wir klären, ob es überhaupt Krieg geben wird, dann, ob und inwieweit uns ein solcher Krieg beträfe und schließlich, wie wir, sofern wir überhaupt Krieg bekommen, uns davor schützen können. Seid ihr damit einverstanden?“ Ein allgemeines Zeichen der Zustimmung folgte.
„Du hast vergessen, uns zu fragen, ob wir über eine Lösung vom Festland abstimmen sollten“, rief Klabinke dazwischen.
„Das haben wir schon vor fünfzehn Jahren entschieden, Klabinke.“
„Aber heute herrschen andere Bedingungen. Wir sollten wenigstens darüber sprechen. Nicht wahr, Lobos, wenn einer einen Tagesordnungspunkt einführen will, muß darüber abgestimmt werden?“
„…sofern er wenigstens zehn Stimmen auf sich vereinen kann“, verbesserte Lobos.
„Hast du die zehn Stimmen?“ fragte Curdo. Im Nu gingen wenigstens zwanzig Hände nach oben, die über diesen Punkt abstimmen wollten. „Gut, dann nehmen wir diese Frage als vierten Punkt noch auf. Du, Klabinke wirst alles notieren und morgen in der Frühe auf der Insel nebst den Einladungen zu unserer Versammlung verteilen.-Doch jetzt, liebe Saminer, laßt uns eine Nacht darüber schlafen, bevor wir uns die Köpfe einschlagen. Es ist schon beinahe dunkel, außerdem ist mir kalt. Morgen wird Lobos den Vorsitz halten, und wie ich weiß, wird er uns zur ersten Frage einiges erzählen können, was uns vielleicht die ganze Sache nicht so verbissen sehen läßt.“
„Warum klären wir das ganze nicht jetzt?“ rief Selfur laut aus der Menge.
„Selfur, du wirst dich auch daran halten. Wir alle wissen, daß es noch nie gut ging, wenn man aufgeregt Entscheidungen trifft“, entgegnete Hermynia.

Am nächsten Abend hatte sich alles an der gleichen Stelle versammelt, weit weniger aufgeregt, dazu mit Weinflaschen und Bierkrügen versehen. Die Versammlung der Saminer glich heute eher einem riesigen Picknick als einem Kolloquium mit ungewissem Ergebnis. Lobos schwitzte, als er sein Glöckchen schellen ließ und zur Aufmerksamkeit mahnte:

25.1.99

„Ich möchte die Versammlung eröffnen. Wir halten uns an das Protokoll vom 14. Juli vergangenen Jahres, als wir uns entscheiden mußten, eine Polizeistation zu beantragen. Klabinke hat heute morgen die Einladungen zur Bürgerversammlung ausgeteilt. Darauf habe ich euch die Punkte im einzelnen erläutert. Hat jemand keine Einladung erhalten?“ Keine Hand rührte sich.
„Nun fang schon an!“ ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen, die zustimmendes Grollen auslöste.
„Gut. Wer mit der Tagesordnung einverstanden ist, den bitte ich um das Handzeichen!“
Alle Hände gingen nach oben. Die Stimmung war gelöst, doch erwartungsfroh. Die Saminer wollten eine Entscheidung fällen und sie wußten, daß sie heute zu einer Entscheidung kommen würden. Die meisten wußten auch, zu welcher, doch hatten sie noch keine Worte dafür gefunden. Diese oblagen Lobos und dieses Amt sollte er erfüllen. Lobos nahm die Einhelligkeit mit gemischten Gefühlen auf. Sein Nacken schwitzte und im Halse bildete sich ein dumpfer Druck, doch er wollte standhalten und der Erwartung entsprechen. Er blickte in die Menge und sah die ihm zugewandten Gesichter, selbst Selfur schaute zu ihm herauf. Also konnte er beginnen: „Die Ordnung sieht vor, daß wir fünf Meinungen zu der Frage des ersten Tagespunktes hören. Er betrifft die Frage, ob wir uns auf einen Krieg überhaupt vorbereiten müssen. Wer möchte dazu etwas sagen?“ fragte er in die Menge.
Es meldete sich eine unscheinbare FRAU mittleren Alters, allen Saminern bekannt als Witwe eines Generals, die seit einigen Jahren ein ruhiges Leben auf Samin führte, regelmäßig unterbrochen vom alljährlichen Sommerball im Garten ihres Hauses, zu dem dann vom Festland höchststehende Militärs kamen und auch sämtliche Saminer Einladung fanden. Man feierte und tanzte dann die Nacht hindurch zur Musik eines kleinen Orchesters, das extra eingeladen werden mußte, dann aber noch einige Tage blieb und bei diversen anderen Festivitäten aufspielte. Diese Witwe hatte in keiner der bisherigen Volksversammlungen jemals gesprochen und ihr Handzeichen erregte Aufsehen. Lobos rief sie auf:
„Frau Lempho! Sie möchten sich als erste zu unserer Frage äußern?“
„Ja, ich habe gestern einen Brief aus Karlsbad von meinem guten Freund, dem Generalquartiermeister, bekommen, den ich jetzt teilweise vorlesen möchte“, sagte sie mit ihrer unterkühlt-manierierten Stimme, stand auf und begab sich zum Rednerpult, wie es bei den Saminern üblich war. Sie schaute über ihre Brillengläser hinweg in die Menge der Versammelten, rümpfte die Nase und verzog den Mund spitz. Lobos reichte ihr ein Glas Wasser, setzte sich auf den Stuhl neben dem Rednerpult und verschränkte die Arme. Frau Lempho trank das halbe Glas leer, schaute nochmals wichtig und streng in die immer noch unruhige Menge und begann zögerlich zu lesen:
„Karlsbad, den 21. Juli 19.. Liebe Lempho! Seit einigen Tagen spricht man hier von einem Gerücht, daß es Krieg geben solle. Sämtliche Salons sind voll davon. Man getraut sich schon gar nicht mehr, von etwas anderem anzufangen… Da ich incognito hier bin und mich sehr zurückgezogen habe, bin ich bisher von neugierigen Fragern verschont geblieben. Allein, ich habe doch das Bedürfnis, mich dazu zu äußern, vielleicht auch, um Ihre zuweilen allzu ängstliche Natur zu beruhigen, die sicherlich schon längst dieses Thema, selbst im fernen Samin, aufgreifen mußte, weil man Sie bedrängte, dort im fernen Samin. Lassen Sie sich also versichert sein, daß es in bälde keinen Krieg geben wird. Sicherlich werden wir nicht umhin kommen, Krieg zu führen. Irgendwann. Wenn Sie auf die Landkarte schauen und die Bündnissysteme in ihrer jeweiligen Zusammensetzung sehen, werden Sie zu keinem anderen Schluß kommen können, als daß Krieg nur allzu wahrscheinlich ist. Und wenn Sie noch ein wenig darüber nachdenken, welche Handlungsmöglichkeiten wir in einem solchen Falle haben werden, so dürfte unser Handeln im Fall des Falles fest umrissen sein. Schließlich gab uns Ihr Gatte ein entsprechendes Muster vor, an dessen instinkthaftem, ja wohldurchdachtem Ansatz heute kein Stabsoffizier grundsätzlich etwas auszusetzen hat. Doch das will ich Ihnen nicht in einer langweiligen Argumentation auseinanderdividieren. Ich möchte Sie vielmehr beruhigen, indem ich Ihnen eine rhetorische Frage stelle: Müßte man mich nicht eiligst zurückrufen, mich den Generalquartiermeister, wenn wir unmittelbar vor einem Krieg stünden? Bisher jedoch ist noch kein Befehl an mich erteilt worden; außerdem beabsichtige ich, mich in der nächsten Woche zu meiner Frau Gemahlin zu begeben, die in Bad Krypto auf mich wartet, wo wir, wie Sie es vielleicht noch wissen, gelegentlich einige Tage im Hochsommer zu verbringen pflegen. Und dann ist es auch bald wieder an der Zeit, daß wir uns auf Samin treffen, liebe Frau Generalin, und unser alljährliches Sommerfest am Meer verbringen. Apropos Meer. Ihre Majestät wollte auch in diesem Jahr wieder im Nordmeer fischen gehen, doch habe ich mich für diesen Kuraufenthalt in Karlsbad von ihm beurlauben lassen, werde ihn allerdings Anfang September auf Usborlm treffen. Truppeninspektion und Schiffstaufen. Meine Frau läßt fragen, ob Sie Interesse hätten, die Patin eines Schiffes zu sein. Sie wissen, daß sie diese Dinge für mich regelt. Sie sehen also, wir werden um ein Treffen nicht umhinkommen, vielleicht auf Usborlm, was nun auch schon wieder fast vor Ihrer Haustür liegt, sicherlich jedoch bei Ihnen auf Samin in fünf Wochen am Samstag. Bis dahin, liebe Frau Generalin, seien Sie von mir herzlichst gegrüßt, Ihr M.“

Man schwieg.

8.3.99

Der Brief des Generalquartiermeisters schien das Gerede vom kommenden Krieg ad absurdum zu führen. Wie sollte man Krieg führen ohne ihn? Zwar gab es genug Stimmen im Land, die meinten, daß Kriege demnächst nur noch zwischen Generalen und Königen abzuhalten wären – dies sei besser für die Volksgesundheit -, doch nun wollte man nicht mehr daran glauben, daß es soweit wäre. Die Saminer standen vor einer Aporie; sie zurrten innerlich an den Festen des Objektiven, das hier vielmehr in der Tatsache bestand, daß ein Objektives gestaltendes Subjekt sich von ihrer objektiven Wirklichkeit auszuschließen schien. Wenn der Volksmund vom notwendig kommenden Kriege sprach, dann hatten die Anführer ihn schnellstmöglich und erfolgreich zu führen und sich nicht auf Schusters Rappen zu begeben. Eine Unverschämtheit, den gesunden Volksverstand so zu ignorieren! Waren sie nun wütend, daß der General nicht in den Krieg ziehen wollte und lieber Urlaub mit seiner Frau machte, sich über das Salongerede sogar amüsierte? Waren sie ungehalten, weil doch ihr Instinkt ihnen schon längst befohlen hatte, sich auf Mangeljahre einzurichten, denn an eine so lange Friedenszeit wie die gegenwärtige konnte sich auch der älteste Saminer nicht erinnern. Nun, sie waren starr und schwiegen. Es war Selfur, der das Schweigen brach.
„Der Brief ist eine Woche alt. Inzwischen ist viel geschehen“, rief er in die Menge. Daraufhin erhob sich Geschrei aus vielen Mündern. Lobos ließ die Glocke schellen und wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Es meldete sich Curdu und erhielt das Wort. „Für uns stellt sich die Frage nicht, ob der General noch wandern geht und somit vielleicht die erste Woche des Krieges verpaßt. Bleiben wir bei den Tatsachen und prüfen für uns, für uns hier auf Samin, inwiefern wir überhaupt von einem Krieg betroffen wären! Das ist es doch, was uns wirklich interessiert, oder?“ fragte der Aufgerufene.
„Ja, das ist wirklich die Frage“, bestätigte Myrnio und alle stimmten zu. Lobos schrieb in das Protokoll, daß man überein gekommen sei, nicht die Frage zu erörtern, ob der General rechtzeitig im Kriege, sondern, ob Samin von einem kommenden Kriege betroffen sei. An den Rand des Protokolls schrieb er, daß die Saminer stillschweigend von einem kommenden Kriege ausgingen, nicht zuletzt, weil der General das nicht ausgeschlossen hatte. Damit war man bereits beim dritten Tagesordnungspunkt, zu dem sich Ylen meldete, ein ungefähr 60jähriger Bankier im Ruhestand, der ein prächtiges Haus auf der Insel hielt.
„Ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht“, sagte er aufstehend und trat ans Rednerpult. Die Aufmerksamkeit war wieder hergestellt, denn Ylen besaß wegen seiner moderaten und doch bestimmenden Art sehr viel Respekt bei den Inselbewohnern.

29.03.99

„Liebe Landsleute! Ihr hört mir zu, weil ich derjenige von uns bin, der am meisten zu verlieren“, er unterbrach sich und schaute in die Runde, „aber auch im Falle eines Sieges am meisten zu gewinnen hat. Zu wem werden die Regierenden kommen, Geld verlangen und auch erhalten? Zu denen, die es haben oder darüber verfügen. Da bin ich am springenden Punkt, warum ich glaube, daß ein Krieg unvermeidlich ist und wahrscheinlich eher heute als morgen beginnt. Unser Land hat im Vergleich zu den anderen Ländern erheblich weniger Reserven. Wir sind reich geworden, weil wir fleißig waren und mit dem wenigen, das wir hatten, zu wuchern verstanden. Disziplin und Augenmaß in geschäftlichen als auch politischen Fragen kennzeichnen uns. Machen wir uns nichts vor, das Ausland schaut neidisch auf uns, darauf, wie wir in den letzten Jahren zunehmend einflußreicher wurden und oftmals die Bedingungen bei Geschäftsabschlüssen bestimmen konnten. Ich will das jetzt nicht vertiefen, denn ihr erwartet von mir eine Antwort darauf, ob wir auf Samin unmittelbar von einem Kriege betroffen wären. Ich will es kurz und deutlich sagen: Ja! Und ich will euch noch etwas sagen: Wir können nur verlieren. Selbst die grandiosesten militärischen Siege werden uns nicht helfen, bestenfalls können wir behalten, was wir bereits haben. Doch angesichts der Kräfteverhältnisse wage ich zu bezweifeln, daß wir auch nur das schaffen können. Wie also sollten wir uns verhalten, um unser Hab und Gut zu sichern, ohne zugleich als Vaterlandsverräter oder Feiglinge zu gelten? Wir haben keine Möglichkeiten, sind nicht frei in unserer Entscheidung, die dadurch keine ist. Wir müssen alles opfern und kämpfen, um wenigstens eine kleine Chance darauf zu haben, dasjenige zu behalten, was wir heute besitzen. Wir können, wie gesagt, nicht gewinnen. Allein in dem großen Land jenseits des Meeres, besitzt ein einflußreiches Bankinstitut mehr als dreimal so viel Reserven wie unser gesamtes Land. Früher oder später wird es gegen uns sein, um seine Macht auf uns auszudehnen. Die Verlockung ist für sie zu groß. Sie suchen nur nach einem geeigneten Vorwand, am besten einer, der auch in unserem Lande Zweifel an der Gerechtigkeit unserer Sache säht, vielleicht ein Rechtsbruch oder dergleichen. Auch das werden wir nicht verhindern können, aus historischen und aus wesensverwandten Gründen unserer potentiellen Gegner nicht. So bleibt uns nur übrig, unser Hab und Gut in den Dienst unseres Vaterlandes zu stellen und an der Front Dienst zu tun, auch zu sterben, damit wir nicht in das Diktat einer Lebensart gebunden werden, gegen die wir seit einigen Jahrzehnten erfolgreich angekämpft haben, die aber jetzt, da sich das Blatt zusehens zu unseren Gunsten wendet, nichts anderes mehr zu tun weiß, als einen Krieg vom Zaune zu brechen. Ich sage es noch einmal deutlich: Jeder stelle sich zur Verfügung und suche seine Aufgabe. Es gilt zu kämpfen, machen wir uns nichts vor. Wenn nicht heute, dann morgen.-Versteht mich nicht falsch: Mir wäre es lieber, ich könnte hier meinen Lebensabend in Ruhe und Beschaulichkeit, hier auf unserem schönen Samin verbringen, doch ich kenne unsere Feinde genug. Dreißig Jahre Arbeit mit und gegen sie haben mich dazu gebracht, zu erkennen, daß sie sich niemals mit verlorenen Macht- und Marktpositionen abgeben werden, also alles versuchen, diese zurückzugewinnen. Jetzt scheint die Situation günstig. Unsere Politiker haben versagt. Sie haben uns in eine hoffnungslose Lage gebracht. Wir stehen im Zentrum und sind isoliert. Rings um uns ziehen die Feinde ihr Netz immer dichter. Wir haben nur die Chance, das Netz zu zerhauen, wenn wir blitzschnell zuschlagen und dann Frieden machen.-Ihr wolltet meine Meinung hören. Ich habe sie gesagt. Entscheidet!“
Die Saminer waren wegen dieser Worte wie vor den Kopf geschlagen. Sie hatten eine verschmitzte und trickreiche Antwort erwartet, etwas, daß sie vor eine Wahl gestellt hätte, zumindest in Gewissenskonflikte. Ylen hatte ihnen jedoch deutlich gemacht, daß sie keine Wahl besaßen: Der Krieg war da. Es war Selfur, der manchem Gedanken Ausdruck gab, als er fragte:
„Warum halten wir nicht still und tun so, als ob der Krieg uns nichts anginge, Ylen?“
„Schau Dir unsere Lage an, mein Junge! Wo liegen wir? Unsere kleine Insel ist ein idealer Ausgangsplatz für feindliche Schiffe. Selbst wenn wir uns neutral erklärten oder uns unserem nördlichen Nachbarn anschlössen, könnte das Festland das niemals hinnehmen, schon aus militärischen Gründen nicht. Wir werden ganz egal, wie wir uns entscheiden, nicht um eine Besatzung herumkommen. Die können wir freundlich aufnehmen oder aber bekämpfen. Jetzt frage ich dich, warum sollten wir unsere eigenen Leute bekämpfen? Oder ich frage anders: Mit wem machen wir hier unsere Geschäfte? Du, Myrnio, wo bekommst du deine Aufträge her? Vom Festland, keine Frage. Wer versorgt uns mit Nahrung und Kleidung. Durch wen haben wir Elektrik und Wasser? Vielleicht könnten wir uns das alles selbst installieren, vielleicht. Doch wären das Gründe, uns gegen unser Vaterland zu stellen, nur weil wir hier die Absicht haben, in Ruhe gelassen zu werden? Wie dumpf wäre unser Gewissen, wenn wir versuchten, in dem Lebenskampf unserer Leute außen vor zu stehen, nur, weil wir vor der ZIVILISATION flohen. Ja, ich bin auch davor geflohen, doch es enthebt mich nicht einer VERANTWORTUNG gegenüber meinem Land. Ich trenne eben sorgsam zwischen Land und POLITIK. Die Politik mag sich ändern, die sie tragenden Grundsätze durch das Volk bleiben. Also sage ich zwar nein zur Politik dieser Versager, denen wir diesen Krieg zu verdanken haben, doch als Patriot muß ich jetzt meinen Mann stehen, weil eine Niederlage für uns verheerende Folgen hätte. Ich bin der festen Meinung, daß unser Lebensgefühl sich in einer Art ändern würde, die uns heute unvorstellbar erscheint; jedenfalls uns unserer Aufgabe, weshalb es uns überhaupt gibt, entfremden würde… Nein, so weit will ich heute gar nicht denken. Ich bin nicht nur Saminer! Ich kann den Kopf nicht in Sand stecken und hoffen, daß der Sturm mich ungeschoren läßt. Also, das ist meine Meinung, von der ich hoffe, daß sie euch nicht allzu pathetisch vorkommt. Sicherlich seid ihr überrascht, von einem alten Graukopf wie mir so klare und unzweideutige Worte zu hören. Seid es, aber handelt!“
Ylen hatte mit jenem Grundgestus des Pessimismus und jenem pragmatischen Kalkül gesprochen, das Menschen der Tat zumeist gegen Menschen des Wortes einsetzen. Der Boden war sicher geworden, die Gedanken trugen sich ebenerdig dar und breiteten sich im Raum aus. Wenn Lobos jetzt Furchen schlüge durch geistreiche Einwände, so hätte er Feinde, ganz sicher.

29.4.99

Lobos blickte in die Menge. Sie schienen ihm bedrückt zu sein: nicht ob des Gesagten, vielmehr schienen sie seine Einwände zu fürchten. Nein, den Gefallen wollte er ihnen dann doch nicht tun. Er schwieg nicht und überließ sie ihrem oberflächlichen Dasein, jenem Vogel Strauß-DASEIN, das die Staubwolke in der Ferne zwar mit eigener künftiger Not verbindet, doch nach dem Suchen eines feuchten Nahrungsgrundes im gar trockenen Sand erschrocken die versenkten Schwanzfedern betrachtet und das zerstampfte Ei als unabwendbares Fatum hinnimmt. Lobos räusperte sich und stand auf. Man blickte zu ihm. So jung er war, so viel Verantwortung lastete auf seinen Schultern. Nun, es galt. Er kramte in seinem Hirn nach dem passenden Plan, aber letztlich redete er nicht wohlüberlegt, sondern so, wie er es dem Namen seines Vaters schuldig zu sein glaubte:
„Also, ich kann Ylen nicht zustimmen. Ich habe anderes gelernt und empfinde nicht wie er. Niemand kann uns zwingen, Krieg zu führen. Alles ist in einem Ganzen gewoben, alles lebt und wirkt im anderen. Gott selbst hat eine Verbindung zu jedem Einzelnen von uns, reicht uns seine Hand im Gebet, füllt uns die Tröge und Schatullen. Fühlen wir nicht oftmals seinen Segen, seinen Duft, der uns befreit und lächeln macht? Alles wird durch ihn durchdrungen, unser Wollen und unser Dasein, jeden Tag aufs neu. Fühlen wir einen Bruch der Kette, die uns mit ihm verbindet? Nein. Es sind Nachrichten von weit weg, die unsere Kraft zwingen wollen, einen längst umgewandelten alten Akt der Barbarei zurückzuverwandeln und zu töten, andere Menschen zu töten, aus welchem Grund auch immer. Ich sage Nein. Zerstörten wir nicht unseren Wesensgrund, unsere Zuversicht fürs Kommende, wenn wir uns beugten vor einem grauenvollen Etwas, Scheingründen, denen nur etwas Eventuelles anhaftet? Hier, wo wir leben, da ist die Wirklichkeit. Verweigern wir uns dem Krieg! Kommt er zu uns, so werden wir ihm trotzen durch Stolz und Unbeweglichkeit. Glaubt Ihr, sie töten uns für diese Meinung? Ich glaube kaum. Kommt der Feind bis hierher, so ist’s eh zu spät fürs Vaterland, kommt er nicht, so danken wir Gott und leben weiter, bauend an unserem Haus.“
Lobos’ Rede hielt nicht, was sie versprach. Man stimmte ab, sofern das Festland auf Samin zurückgreifen wollte, dem nicht im Wege zu stehen und den Krieg zu führen.

5. Kapitel: Abschied von Samin

Eine Woche später fand ein rauschendes Fest statt. Alle Saminer waren eingeladen, im Hause der Generalswitwe den Beginn des diesjährigen Sommers zu feiern.
Manche hatten behauptet, daß er eben auf diesen Abend gefallen wäre. Man lachte wie üblich über den Witz, der in jedem Jahre erneut erzählt wurde. Groß und Klein hatte sich herausgeputzt. Das Volk strömte seit den frühen Abendstunden in den Garten der Witwe. An den Bäumen wippten, sanft vom Wind bewegt, Lampione und Glitzerketten. Sie tauchten den Garten in einen schwebenden Umhang, unter dem die Saminer eine Gemeinschaft bildeten. Es gab keinen Saminer, der diesen Abend nicht unter dem Lichterdach gewesen wäre. Man stand in kleinen Grüppchen, die in ihrer Zusammensetzung wechselten. Es waren einige ältere Herren da, die wie Drohnen um die Generalswitwe herumschwirrten, die für die ebenfalls betagten Herren sicherlich keine andere Verwendung haben konnte als das belanglose Gespräch, zumeist Themen der Vergangenheit berührend. Doch das hielt die Herren nicht ab. Es mußte etwas da sein, daß ihr Interesse wachhielt und aufs Heute richtete. Lobos kniff die Augen zusammen und versuchte aus der Entfernung in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen. Nein, grimmige eigene Gedanken ließen ihn heute die Herzen der Mitanwesenden nicht anschauen und so lehnte er sich auf seinem Gartenstuhl zurück und rauchte. Auf dem Tischchen vor ihm stand ein Glas Punschwein. Er wartete auf Klabinke. Klabinke war hier irgendwo; man konnte ihn deklamieren hören. Er war Feuer und Flamme angesichts der nahen Ereignisse.
Ein Mann schien nicht zu den übrigen angegrauten Herren zu gehören. Seinem Alter nach war er in den sogenannten besten Mannesjahren. Die Uniform saß perfekt, und er trug sie mit einer Eleganz, die sich auszeichnete. Die Gestik war verhalten, doch mit einer Spur Grandezza, die den übrigen nordischeren Herren fehlte. Er hielt sich wie Lobos abseits und betrachtete lächelnden Auges die Umgebung. Lobos stand auf und stellte sich vor.
„Ehrmann!“ sagte der Mann mit einem bemühten H. „Ich bin Austrasier“, kam es wie eine Entschuldigung für das abwartende Verhalten. Lobos fragte nach dem Grad seiner Verbundenheit mit Samin und erhielt zur Antwort, daß er schon zu den graumellierten Herren gehöre, vielleicht auch wieder nicht, schließlich sei er ein Austrasier, was heutigentages beinahe als Schimpfbezeichnung herhalten müsse. Als Lobos noch nach einer passenden Antwort suchte, lächelte der Mann schon wieder kokett in den Raum hinein.

2.6.99

„Sind Sie in Gewissensnöten, wenn es zum Marsch nach Westen kommt, Monsieur?“ fragte Lobos.
„Wenn man aus dem schweren Nässe unserer Breiten zu der sandigen Trockenheit des Nordens kommt, dann spürt man ganz besonders die Fremde zwischen den einzelnen Volksstämmen unseres Vaterlandes“, wich der Befragte aus.
„Diesen Spagat im Fühlen müssen wir aushalten. Wir sind das Volk der Mitte. Finden wir einen gemeinsamen Nenner zu unserem Verständnis?“
„Die Sprache vielleicht. Vielleicht die Methodik des Argumentierens, oder was meinen Sie?“
„Die Sprache taugt nichts. Selbst ich mit meinen geringen Erfahrungen kann sie drehen und wenden, wie es mir beliebt, kann den schönen Mädchen Beeren suchen oder aufbinden, kann mich ducken und hinter öligen Körpern aus Buchstaben winden, wie's mir beliebt. Damit wäre gar nichts gesagt. Was auch eine Antwort auf den zweiten Teil Ihres aufgesetzten Versuchs ist, mir vorzuheucheln, daß sie suchen.“
„Junger Mann! Urteilen Sie nicht ein wenig voreilig über mich?“
„So, wie Sie sich gerieren, Monsieur, wie Sie Ihren General grüßten beispielsweise, so scheinen Sie sich die Welt zurechtzulegen, ohne Bedauern und sehr vernünftig.„
„Was meinen Sie?“
„Hinter kleinen Gesten verstecken sich oft grundsätzliche Entscheidungen, die den CHARAKTER verraten. Sie grüßen mit der Handinnenfläche vom Körper weg. Warum? Weil Sie den Dienst als einen von Ihrem eigenen Inneren wegführenden betrachten, als die Aufgabe Ihres Subjekts in einem Objekt, dem Staat. Wir aber grüßen mit der Handfläche zu uns gekehrt, weil wir den Dienst als ein Hereindringen des objektiven Geistes in unser Subjekt begreifen und dementsprechend ganz in diesem Dienst aufgehen. Das ist eine Form des Ernstes, die Ihnen offensichtlich abgeht. Ja, lächeln Sie. Genau diese abwartende und distanzierte Heuchelei meine ich, wenn ich sage, daß Sie Ihren Dienst nicht ernst meinen. Sie haben zuviel Grandezza, Monsieur.“
„Sie müssen es aushalten, schließlich haben Sie es so gewollt.“
„Ja. Das ist das Schöne. Ich will es auch aushalten, denn Ihr Widerspruch macht unserem Denken Beine. Dafür könnte ich Sie lieben.“ „Lieben Sie nicht mich, sondern meine Tochter, die ich Ihnen vorstelle möchte, da Sie gerade Ihren alten Papa besucht. Hallo, mein Kind. Hast Du schon genug von der hiesigen Jugend?“
„Papa! Die Leute hier essen toten salzigen Fisch und trinken fast das ganze Jahr Tee aus vierter Lese. Ich verstehe nicht, warum ich mitkommen mußte“, maulte die Angesprochene kokett.
„Um diesen sehr aufgeweckten zornigen jungen Mann kennenzulernen. Sagen Sie, wie war doch Ihr Name?“
„Lobos. Ich habe die EHRE, junge Dame.“
„Claudia von Ottilienberg. Ich bin die Tochter dieses alten zausligen Generals.“
„Oh!“ Lobos schämte sich. Der General war bekannt dafür, sich besonders um die Versöhnung zwischen den verschiedenen Stämmen des Vaterlandes einzusetzen. Er war geradezu Programm.

5.6.99

„Herr General!“ stammelte Lobos verlegen. „Ich wollte nicht vorurteilen.“
„Das haben Sie aber getan. Ich will es Ihrer Jugend zuschreiben. Und nun werde ich mich mit dem alten Grimsbart neben unserer Gastgeberin ein wenig über unsere Chancen im kommenden Krieg unterhalten. Er möchte mich in den Osten beordern. Wollen Sie glauben, daß ich mich einfach so wegschicken lasse?“
„Nun geh schon!“ forderte die Tochter. Es schien, als sei sie ihrem Vater zwar herzlich zugetan, doch ebenso pikiert ob seiner zuweilen despektierlichen zivilen Indiskretion. Kurz darauf waren Lobos und Claudia von Ottilienberg ohne generellen Beistand. Auf Claudias Gesicht verharrten immer noch die Nachschwingungen eines erzürnten Gedankens. Als ob sie niemals weichen würden, sich auflösten in Wohlgefallen angesichts einer herrlicheren Wahrnehmung! Lobos versuchte, in dem unbekannten Gesicht zu lesen. Er sah große, schwarz ummalte Augen, die ruhig und freundlich auf ihm ruhten, was so gar nicht zur zuweilen spöttischen Mimik passen wollte. Die Augen sprachen mit ihm, der Mund mochte sagen, was er wollte. Lobos spürte ein Verhängnis über sich. In diesem Augenblick wußte er, daß er diesen Augen überall hin folgen würde; nein, diese Augen würden ihn überall hin ziehen, ob er’s wollte oder nicht. Es war die dunkle Umrandung, die ihn ins Innere ihres Kerns hineinzog. Er ließ es geschehen und fühlte sich unendlich wohl. Sie schwebte tänzelnd zum nächsten Tisch und holte zwei Gläser Punsch. Lobos erinnerte sich plötzlich nicht einmal mehr der Farben ihrer Augen. Als sie zurücktänzelte, blickte er ihr fest in die Augen und versuchte sich jede Einzelheit dieses merkwürdigen Gesichts einzuprägen.
„Warum starren Sie mich fortwährend an, Lobos?“
„Ich habe noch nie ein so schönes Mädchen wie Sie gesehen.“
„Es ehrt Sie, daß Sie hier in Ihrem Dorf nicht den Sinn für Nonchalance verloren haben, wenn Ihr Kompliment auch plump wirkt“, entgegnete die Bezeichnete schnippisch. Sie setzte hinzu, daß in ihrer Heimat tausend Schwestern schöner als sie seien, was Lobos nicht glauben mochte.
Sie stießen an und tranken den lauwarmen Punschwein, was keiner von beiden bemerkte. Dann gingen sie tanzen. Sie stürzten sich, an den Händen haltend, in ein wüstes Gedränge einer aufgewühlten Menge. Groß und Klein wollten sich vergnügen, im rauschhaften Zustand faßte man einander die Hände und johlte, durcheinander und miteinander. Das war schon etwas anderes als die Spielchen der virtuellen Geliebten vom Hinterberge, er glühte und ergriff die Gestalt aus Fleisch und Blut! Und er spürte das Rauschen seines Blutes, das ihm in den Kopf schoß wie ein Malstrom. Es strömte die trüben Gedanken weg; ach, einmal so zu leben und die Liebe wie in traumwandlerischer Unsicherheit als ein netzloses Schreien erleben! Der Zauber der Nacht umfing die Menschen, die sich ineinander wiederfanden nach den Mühen harter Tage Arbeit: der Wein, der laue Sommerwind, die Nachrichten, die Veränderungen brachten, die großen Herren, die wichtig miteinander sprachen, die fremden Gäste, die einen Hauch von den Weiten der Welt und des großen und mächtigen Vaterlandes herüberbrachten auf die Insel derjenigen, die eigentlich umgestiegen waren von einer großen Kogge auf die kleine Schaluppe vom Bug derselben. Sie feierten das Leben und den Tod, den sie um eines Größeren willen billigend in Kauf nahmen. Sie alle.
In einer Tanzpause saßen sich Lobos und Claudia keuchend und überglücklich gegenüber. Sie lachten sich ins Gesicht. Lobos stand auf und wurde ernst. Doch bevor er ein Wort sagen konnte, wurde er von hinten gestoßen:

6.6.99

„Lobos, ich habe Gleichgesinnte getroffen“, sprudelte es aus Klabinke, dem Stupser.
„Was hast du vor?“ fragte Lobos, nichts Gutes ahnend.
„Wir werden ausziehen und große Taten vollbringen. Nicht wahr, Jungs? Wir zeigen es den Austrasiern und sind Weihnachten wieder zu Hause!“ rief Klabinke, beinahe brüllend-beschwörend. „Und du? Wirst du dich hinter deinem Amt verstecken oder kommst du mit?“ Die Runde johlte und Lobos wußte im Moment nicht, ob sie sich über die kommenden Streiche vorab freuten oder sich über ihn lustig machten. „Ja, und jeder Stoß…“ sang die Meute lachend und grunzend und ahnungslos. Sie hatten das verdutzte Gesicht des Lehrers gesehen und ihren Spaß gehabt. Jetzt suchten sie ein neues Opfer, noch als Schattenspuk. Bald würden die Schatten sie jagen, soviel war gewiß.
Da trat der General auf den Plan. Die Jungen verstummten und nahmen instinktiv Haltung an. Einige hatten Mühe, aus dem Bauch aufsteigende Gärungsnebenprodukte zu kanalisieren und drucksen und glucksen, mühselig eine propädeutende Körperstellung bewahrend, die sie sich als Haltung bestimmt hatten. Der General blickte jeden einzelnen streng an.
„Nichts da mit Verhöhnung, meine Herren Freiwilligen. Auch in der Heimat wird gekämpft oder was glauben Sie, wer Ihnen das Brot bäckt und Ihnen die Post zuschicken wird oder den Dampf abläßt? Nun lassen Sie schon!-Abgesehen davon, Lobos wird in meinen Stab berufen. Er wird einen tüchtigen Sekretär abgeben. Das wäre Ihnen doch recht, junger Mann?“

9.6.99

Lobos spürte sich erröten, als er mit einem zögerlich-verwunderten Kopfnicken die Frage bejahte. Claudia lächelte verschmitzt, aber ihre Augen hatten nichts Spitzbübisches mehr an sich, sondern verloren an Anspannung, wurden sanft und tiefgrün, ein warmes und aufnehmendes Leuchten. Und da wußte Lobos, daß er auch würde aufbrechen müssen, Samin verlassen müßte, um sein Glück in der ferne zu suchen. Hermynia, das war einmal. Claudia stand vor ihm in ihrer ganz konkret fordernden Schönheit und rieb sich am Arm ihres Vaters und für einen kurzen Augenblick hatte Lobos das Gefühl, daß sie nicht ganz unschuldig an dieser „Beförderung“ gewesen war. Doch schließlich schob er es seiner Ausstrahlung zu; ein von Ottilienberg ließ sich nicht vom Lächeln seiner schelmischen Tochter in Entscheidungen beeinflussen! Der Abend hatte mehr nicht zu bieten. Das Sommerfest bei der Generalswitwe! Gemeinschaft, Diskussion, Liebe, Krieg, Zukunft… Ein Abend veränderte das Leben der Inselbewohner.
Am nächsten Morgen versammelten sich alle wehrfähigen Männer vor dem Schulhaus. Die Frauen standen düster und strahlend dabei, hielten ihre Liebsten und wußten nicht, ob sie sich freuen, oder ob sie weinen sollten. Jeder Mann hielt eine mehr oder weniger große Tasche in einer Hand, manche hatten den alten Tornister des Großvaters aus dem letzten Kriege vom Boden geholt und auf den Rücken geschnallt. Die wenigen Kinder der Insel bildeten einen Kreis und sangen ein Ringelreihn:

Wir ziehen in den Krieg
und finden bald den Sieg;
wir kehren wieder heim
und werden Helden sein!

Die einzigen Menschen, die ungebrochen von fröhlichem Übermut traurig waren, das waren die Alten. Sie ahnten wohl, daß der Krieg kein Altweibersommerabenteuer werden würde, denn zu stark waren die Gegner, die Welt. Es war schon ein ungewohntes Bild für die Inselbewohner, diese jungen Männer mit den gepackten Taschen zu sehen, die nicht auf ein paar Tage die Insel verließen, auch nicht zum Fischfang oder zu einer Reise aufs Festland, sondern die WELTGESCHICHTE machen wollten, die auszogen, um zu töten. Sie schauten sich in die Augen, die versprachen, bei der Rückkehr zu lächeln und vergewisserten, daß es keine gäbe. Der Tod wartete in unbestimmter Ferne, weit im Süden oder Südwesten oder im Osten. Der TOD fuhr mit im Gepäck, Erinnerungen an den Frieden würden für heute hierbleiben müssen, notgedrungen.
Von Ottilienberg hatte am späten Abend noch davon gesprochen, daß die Insel evakuiert werden müssen; sonst könne man die Sicherheit der Bewohner nicht gewährleisten, denn die Insel läge im Einzugsbereich des mächtigen östlichen Nachbarn, der wahrscheinlich über Norden kommend den einen oder anderen Fischzug auf die Insel machen würde, dessen könne man sicher sein. Doch es sei noch ein Monat Zeit für solche Maßnahmen. Der Feind könne nicht so schnell vor Ort sein; außerdem sei es vielleicht nur unnötige Übervorsichtigkeit und abgesehen davon beabsichtige man, den Feind erst gar nicht zu Ausflügen ermuntern, sondern schlagen zu wollen. Das brachte Beifall und Bestürzung zugleich. Die Saminer spürten aus den Worten des Generals die Nähe der Gefahr. In vielen Erzählungen hatte sich die Furcht vor den barbarischen Eindringlingen aus dem Norden und Osten im Bewußtsein der Saminer gehalten, die, obwohl sie selbst erst eine Generation auf der Insel lebten, sich diese Borniertheit und Inselmentalität schnell angenommen hatten. Wenn es bis zu dieser Nachricht ZWEIFEL an der Notwendigkeit des Eintritts der Saminer in den Krieg gegeben hätte, so waren sie durch die Bemerkung einer notwendigen Evakuierung schnell beiseite geräumt. Und so war in diesem Sommer SCHICKSAL

exkursion historique I: Der Krieg lag seit langem in der Luft. Die diplomatischen Sportler hatten den Körper trainiert und den VERSTAND verkümmern lassen. Auf der Spielfläche tummelten sich mehr und mehr Leichtathleten, die allesamt gegen den Ball traten, dabei jedoch nur das Spielfeld zerwühlten in Interessengegensätzen. Derweil waren’s eigentlich bloß zwei Streithähne, die sich nicht auseinanderbringen ließen. Der Schiedsrichter, ein ebenso eitler wie selbstgerechter Gockel hatte schon längst entschieden, wer das Spiel gewinnen sollte, doch schob er noch lange bis nach der Halbzeit eine Ordnung als Gradmesser seiner Entscheidungen vor, bis daß er genötigt wurde, klare und unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen, die nur noch erklärt werden mußten, wenn alles vorüber sein würde.
Der Krieg entzündete sich auf dem Balkan. Der gockelnde und grobe Thronfolger eines niedergehenden Herrscherhauses spielte mit seinen eingefallenen Muskeln und bezahlte den Übermut einer Provokation in Ansehung einer Mißdeutung der Machtverhältnisse mit dem Tode. Der Tod kam durch der serbischen Regierung nahestehende Geheimbündler, die ebensoviele Feinde wie Freunde in der serbischen Regierung hatten. Nichtsdestoweniger, nach dem Selbstverständnis des vergangenen Jahrhunderts mußte der Mord durch Krieg gesühnt werden. Der Krieg sollte ein für allemal renitente Anarchisten aus der Welt schaffen, d.h. aus dem unmittelbaren Einflußbereich der alten MONARCHIE. Das serbische Königshaus, selbst durch Mord und Intrigen 1904 an die Macht gekommen, schien nicht geeignet, den Frieden in dieser Region zu bewahren. Es mußte zu einem militärischen Ausschritt kommen, früher oder später. Nun, früher. Der Mordanschlag gab Gelegenheit, ein für allemal, ich sagte es schon, mit den Insurgenten und Dunkelmännern aufzuräumen. Es war üble Uneinsicht, daß die Dunkelmänner der Schwarzen Hand ihrerseits überaus starke Hintermänner besaßen, die ihrerseits nur darauf warteten, daß die schwächelnden Habsburger den Krieg wagten. Der Krieg fand Eingang über die Köpfe. Die Habsburger verboten serbische Propaganda und forderten uneingeschränkte Aufklärung der Attentatshintergründe. Sie wollten die Bloßstellung des serbischen Herrscherpaares, was zweifelsohne geschehen wäre. Doch sie verkannten, daß ihre Zeit vorbei war. Sie hatten im 20. Jahrhundert nichts mehr auf dem Balkan verloren, allen Erneuerungsversuchen und multinationalen Vermittlungsversuchen zum Trotz: Die habsburgische Monarchie war einerseits zu altmodisch und andererseits zu weit fortgeschritten in ihrem theoretischen Wollen. Die folgende Tabelle indiziert den Minderheitenschutz und die Mitbestimmung, die der Staat ÖSTERREICH seinen Untertanen zubilligte. Es spielt diesbezüglich keine Rolle, ob der BEGRIFF BÜRGER oder Untertan benutzt wird, auch nicht, ob die Bürger ihre Rechte erkämpfen oder sie ihnen gegeben wurden. Fakt ist, daß der STAAT Österreich eine beispiellose politische Mitbestimmung praktizierte, was de facto auch häufig zu Selbstauflösungserscheinungen im Kronrat/Parlament führte.

MACHTVERHÄLTNISSE Steuereinnahme 1907 in Deutsch-Österreich im Vergleich zur Machtverteilung im politischen Gremium - Mandatsabrechnung im Verhältnis zur Steuerleistung der Bevölkerung:

Bevölkrg. [Wähler]Steuerntatsächl. Mandatemögl. Mandate in bezug auf Bevölkergsanteilmögl. Mandate in bezug auf Steueranteiltimokratisches Mandatsprinzip [Vermittlung]Steuer pro MandatSteuer pro Wähler
D2230975205583123233
Cz1374308 62326537107
Pl 908724 22835442 82
Ruth 751908 11840829 33
Slowe 287952 931713624
Kroa 166621 257836813
Rumä 51980 10728805
Ital 176244 862493619
Ges.5948712324179251516516516,01516,01 [419648,25] [36,97]

Verhältnistabelle: tatsächlich erbrachte Steuerleistung im Vergleich zur politischen Macht

Anteil an GesamtbevölkerungAnteil an Gesamtsteuertatsächl. Anteil an MandatenKoeffizient Steuer/MandatKoeffizient politische Macht auf stärkste politische Macht bezogen
D1
Cz
Pl
Ruth
Slowe
Kroa
Rumä
Ital

Doch mit MODERNE war’s im Juni/Juli 1914 nicht weit her: Man wollte RACHE und endgültige Klärung. Man war es in Wien leid, immer wieder den Balkan als eine bedrohliche Flanke wahrnehmen zu müssen. Und, man war sich des deutschen Bündnispartners sicher, der nur die Unklarheit einer Situation wahrnahm, ansonsten aber sich Urlaubsgelüsten hingab. Es ist bis heute nur eine bislang marginal wahrgenommene Tatsache, daß der deutsche Stab bis beinahe Ende Juli überhaupt nicht daran dachte, daß es eine Kriegsgefahr für Deutschland gäbe. Man machte Kur in Marienbad oder in Bad Ems, fuhr zum Fischen in die Nordsee bis nach Norwegen, der Balkan war weit; es war eine österreichische Angelegenheit, keine deutsche. Einen Großkrieg konnte man in Berlin nicht ausmachen. Der Kaiser dekretierte seinem Verbündeten, daß man ihn unterstützen werde, was sollte er auch sonst nach Wien schicken? Sollte er den Österreichern vorschreiben, was sie tun sollten? Die Situation war bekannt; seit Jahren schon kochte der Balkan. Vielleicht war die Situation reif für eine ENTSCHEIDUNG, doch in Berlin wollte man damit eigentlich nichts zu tun haben; nur durfte man es sich nicht mit dem einzig verbliebenen Bündnispartner verscherzen, also bestätigte man ihm in der Stunde der Not, angesichts des gewaltsamen Ende des Thronfolgers, daß man beistehen werde, komme, was da wolle. Ein anderes Wort als Nibelungentreueschwüre vom deutschen KAISER hätte die Welt nicht verstanden. Nur wäre es dieses Mal klüger gewesen, die Nibelungentreue auf die Bewahrung des Schatzes zu lenken, d.h. auf den Frieden. Doch hinterher ist man immer klüger.
Wilhelm wollte den Krieg nicht. Deutschland wuchs auch ohne Krieg. Jedes JAHR wurde es ein wenig mächtiger. Bedrohlich war der Ring, den die Russen und Franzosen um Deutschland gezogen hatten. Doch Nikolaus II. würde ihn um eines Thronfolgermörders nicht den Krieg erklären. Da blieben die Franzosen. Die waren gefährlich, sannen seit 43 Jahren auf Rache für die Schmach von Sedan. Sie hatten ihm schließlich auch den russischen Verwandten abspenstig gemacht und etwas möglich gemacht, vor dem Bismarck immer gewarnt hatte, die Zange. Nun saß er dazwischen. Aber das Reich, es war stark, expandierte und machte mit dem ärgsten Konkurrenten, den Briten, die besten Geschäfte. Ein Krieg würde die zerstören. Ein Krieg aber würde den Franzosen und Russen den meisten Gewinn bringen, aber Nikolaus würde nicht… Gut, also los, zeigen wir’s den Serben und schaffen Klarheit im Südosten. Die Beute könne man nicht aufteilen, aber man könne sich einen Posten in diesem Raum verschaffen, der ausbaufähig wäre. Wie’s die Briten seit Jahrhunderten machen…
Die großen Österreicher stellten den Serben also nach wuseliger vierwöchiger ministerieller Arbeit ein Ultimatum, dessen Nichtannahme einen Krieg nach sich zöge. Doch Serbien gerierte sich schon längst nicht mehr als kleine Macht, die man herumkommandieren konnte, und weigerte sich, österreichische Behörden auf serbischem Territoritum nach den Attentätern und deren Hintermännern suchen zu lassen.

11.6.99

Nun die Schuldigen genannt, die Treiber. Machten wir es uns einfach, so stünden jetzt hier Namen wie Conrad, Berchthold oder Wilhelm, machten wir es uns noch einfacher Namen wie ROTHSCHILD, Nikolaus oder Petain. Gehen wir ein wenig in die Tiefen, so stoßen wir auf BARRES auf der einen Seite, LENIN auf der anderen, finden wir Krupp oder Morgan.
Fest steht, daß keiner dieser Genannten allein schuldig gesprochen werden kann; vielmehr sind es Strukturen und Mechanismen, die Handlungen herbeizwingen. So auch hier. Das Ultimatum der Österreicher konnten die Serben nicht erfüllen. Sie hätten es erfüllen können um den Preis der Selbstaufgabe. Die Erfüllung hätte die verfehlte Politik Serbiens aus den letzten dreißig Jahren international bloßgestellt, dazu Rußland und Frankreich. Es hätte dem kranken Mann vom Bosporos Trümpfe in die Hand gegeben, die zu weiteren Ultimaten geführt hätten und es hätte dem Balkan längst keinen Frieden gebracht. Vielleicht hätte Österreich stillgehalten –wohl kaum!-, sicher nicht hätten sich die Russen und Franzosen auf der einen Seite und die Türken auf der anderen Seite, ganz zu schweigen von den bereits kurz zuvor Blut leckenden Bulgaren und Griechen, die sich weiter mit Neuland bedienen wollten, stillgehalten. Europa wollte sich bewegen, seine angestaute Kraft entfalten und suchte einen Angriffspunkt. Die Beliebigkeit des ersten Drehmoments läßt sich schon damit begründen, daß dieses Gebiet um Serbien, Makedonien und Albanien im Verlauf des Krieges bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielte. Andere Kriegsschauplätze nahmen immer eine wichtigere Rolle ein, was von Anfang an feststand. Es war allen beteiligten klar, daß die großen Schlachten des Krieges vor Verdan/Sedan und in den weißrussischen Sümpfen geschlagen werden würden. Doch zurück zur Entstehung des Zwists: Die Russen mischten sich ein, als die Serben das Ultimatum erhielten. Das bedeutete, sie artifizierten das habsburgische Sinnen als Vergewaltigung eines schutzbedürftigen Volkes und mobilisierten ihre Streitkräfte. Jetzt griffen die Bündnissysteme. Bethmann-Holweg versuchte die politische Lösung, also mäßigte er die Österreicher und suchte Wege und Instanzen einer Vermittlung. Die Militärs sahen das ganz anders. Moltke hatte den Schlieffenplan vor Augen, auf den sich der deutsche Generalstab 1905 endgültig für den Kriegsfall geeinigt hatte. Um die Umklammerung zu durchbrechen mußte man einen schnellen Stoß nach Westen führen, um dann, nach dem schnellen Sieg, die Kräfte gegen das langsam seine Kräfte entfaltende Rußland werfen zu können. Nur im Falle einer schnellen Bündelung der Kräfte könne man den Krieg gewinnen. Also drängte Moltke auf die schnelle Mobilmachung, während Bethmann-Holweg diplomatische Lösungen anstrebte. Das lief dann so nebeneinander her und verwirrte die Instanzen. Wer hatte nun das Sagen?
Am 1. August nahm der Kaiser die Herausforderung des russischen Verwandten an. Deutschland und Rußland führten also Krieg. Der Westen? Konnte Frankreich neutral bleiben? Es konnte nicht, schließlich hatte es das größte Interesse daran, daß Deutschland den Krieg gegen Rußland verlor. Anfragen aus Deutschland, wie sich Frankreich verhalten würde, wurden unzweideutig beantwortet: Frankreich werde tun, was seine Interessen erforderten. Es gab kein Wort der Versicherung, daß man stillhalten wolle. Deutschland konnte das Wagnis, einen mächtigen Gegner im Rücken zu haben, wenn der Sturm auf Rußland begann, nicht eingehen. Es fühlte wegen der fehlenden Versicherung der Franzosen, neutral zu bleiben, brüskiert und beging den diplomatischen Fehler, zuerst den Krieg zu erklären. Die Mechanismen griffen und Moltke setzte sein Heer durch Belgien in Marsch, was ENGLAND auf den Plan rief, das lange zögerte. Was England gegen Deutschland trieb, kann nur geahnt, nicht jedoch gewußt sein.
Fassen wir zusammen:
Ein österreichischer Thronprätendent fällt durch einen Attentäter. Österreich will Rache und fordert AUFKLÄRUNG. Das Herkunftsland des Attentäters verbietet diese es selbst brüskierende Aufklärung und erwartet den Krieg, auch, um endlich einen Traum mit Leben zu erfüllen. Österreich kann sich das nicht gefallen lassen, sofern es weiter seine längst überlebte Rolle in Europa spielen will. Zu dieser Amnesie gehört die Überzeichnung: Österreich fordert also Unannehmbares, quasi die Selbstauflösung eines renitenten Emporkömmlings. Der Emporkömmling hat einen Hintermann, durch den es emporgekommen ist, der nun ins Spiel gebracht wird. Der Hintermann ist der alte Feind Österreichs. Da der Hintermann mit dem besten und einzigen Verbündeten Österreichs familiär verbandelt ist, glaubt man allseits an eine Begrenzung der Auseinandersetzung, schlimmstenfalls diplomatische Invektiven. Das ist der Punkt, an dem Frankreich ins Spiel kommt. Es würde nie eine Revanche geben, hatte Bismarck gemeint, solange Deutschland sich Rußlands versichern kann. Deutschland konnte sich im Sommer 1914 nicht mehr Rußlands versichern. Kapitalmangel in Deutschland und das fehlende Gespür für russische Empfindlichkeiten [Polenfrage, Baltikum] seit den 90er Jahren hatten den Einfluß Deutschlands in Rußland schwinden lassen. Den Platz nahmen nur allzugerne die Franzosen ein, die spätestens ab 1905 nach Rußland Milliarden Franken pumpten, um einerseits Geschäfte in einem rasant wachsenden Markt zu machen und andererseits die russische POLITIK maßgeblich bestimmen zu können. Kriegsvorbereitung? Wenn Frankreich also vor der Wahl stand, im Falle einer Neutralität eventuell nur zusehen zu sollen, wie die deutschen Soldaten von französischen Investitionen Besitz ergriffen, so haben sich die französischen Interessen gerade selbst erklärt. Und England? England hatte eine starke pazifistische Bewegung. Man wollte wie seit jeher das Zünglein an der Waage abgeben und letztlich auf der Seite der Sieger in den großen europäischen Verwicklungen stehen. Daß die Deutschen aber eine der wichtigsten englischen Errungenschaften auf dem Festland, Belgien nämlich, so mir nichts dir nichts, zu überrollen trachteten, das stieß auf den erbitterten Widerstand der Briten, die vor nichts mehr Angst hatten, als einen feindlichen Hafen direkt vor der Nase zu haben. Die Belgier ließen sich den Durchmarsch des deutschen Heeres nicht gefallen-womit man in DEUTSCHLAND gerechnet hatte, schließlich wollte man keinen Krieg gegen Belgien führen-, sondern bekämpften die deutschen Truppen, die sich mühsam nach Nordwesten zum Kanal durchschlagen mußten. Da halfen auch die Beteuerungen Bethmann-Holwegs nichts, daß die Deutschen das begangene Unrecht des Durchmarschs nach dem militärischen Siege wieder gutzumachen gedachten. Der Krieg war da und die Briten waren auf Seiten Rußlands und Frankreichs dabei. Und das war die erste Katastrophe des Jahrhunderts. Daß Amerika wenige Jahre später auf Seiten der Entente eintreten würde, war weitblickenden Geistern schon 1914 klar gewesen. Es war kaum anzunehmen, daß die Amerikaner die andere aufstrebende Macht unterstützen würden, zumal die politisch-ethnische Äquivokizität mit England augenscheinlich war, die Inkompatibilität, um ein modernes Wort zu benutzen, zum deutschen System sogar noch augenscheinlicher.

Buch II In der Metropole

1. Kapitel: Der Ball

14.07.99

„Dreiundzwanzig rote Sklaven paddelten das Kanu, das den Häuptlingssohn Keanu zu dem Fort der Weißen bringen sollte. Keanu lag in sein Bärenfell gehüllt allein an der Bugspitze, betrachtete verträumt das auseinanderperlende kalte blaue Wasser und-“ Nach diesen Worten fielen der Kleinen die Augen zu. Die Eltern sahen sich lächelnd an, Lobos küßte seiner Tochter auf die Wange und Claudia legte das Buch in den Bücherschrank zurück. Bei diesem Geräusch schlug die Kleine die Augen auf und tastete nach der Stelle, an der das Buch gerade noch gelegen hatte.
„Es ist acht Uhr“, sagte Lobos streng, „und Zeit zum Schlafen.“ Er beugte sich nochmals zu dem Kinde hinab, um es zärtlich zu liebkosen, als ihm eben da Claudias Blick begegnete. Sie bildeten einen Kreis zu dritt, ein unentwegbares Beieinander. Claudia bewegte sich, magisch angezogen, auf Tochter und Ehemann zu, da trat Herma ein und mahnte die Kleine, den Eltern nun endlich eine gute Nacht zu wünschen. Man küßte sich auf den Mund und Herma führte die Kleine aus dem elterlichen Zimmer zur Schlafstatt. Claudia und Lobos blieben allein zurück. Sie berührten zärtlich einander an den Armen und setzten sich auf zwei aneinandergrenzende Sessel, auf die das Licht einer Stehlampe fiel. Sie spannen das Gespräch vom Abendbrot fort:
Es geschah auf dem ersten Ball des Jahres, den sie kürzlich besucht hatten. Zwar verhielt man sich in diesem Landesteil gegenüber karnevalistischem Scherzen recht bedeckt, dennoch hatten einige Zugezogene ihre regionalen Gebräuche auch in der Metropole mit Gleichgesinnten erhalten können. Und so hatte sich Lobos von einer Einladung verführen lassen. Als er den Eingangssaal der Vorstadtvilla betrat, wurde er von zwei verkleideten Hausdienern begrüßt, die ihn neckten und so gar nicht wieder aus ihrem Kreise entlassen wollten. Sie zupften an seinem Kostüm, zogen ihn schnurstracks auf die erste Empore und radebrachten dabei ein Kauderwelsch, von dem Lobos nichts Deutliches verstand, doch immerhin Einzelheiten aus seiner Sekretärs-und Studienzeit aufschnappte, die ihn erstaunten. Also ließ er sich ziehen. Dann verließen die Maskierten ihn plötzlich, versprachen aber demaskiert zurückzukommen. Lobos blickte vom Balkon auf das Tanzparkett, auf dem sich mehrere hundert Menschen in aufschäumender Beherztheit an den Händen hielten und eine Polonaise versuchten. Es war ausgeschlossen, daß er hier Claudia finden würde. Nun denn. Er stieg nach einigen Minuten Abwartens von der Empore hinab in den Empfangssaal, die unverständlichen Kostümierten dort erhoffend. Doch so angestrengt er auch umherspähte, nirgends vermochte er sie auszumachen. Da hakte sich in seinem Arm eine wohlbekannte weibliche Hand ein, Claudia.
Claudia hatte den frühen Abend mit einem Fremden verbracht, dessen charmantes Wesen sie angezogen hatte, bis er eine derbe Anzüglichkeit nicht unterlassen konnte, die aus wohlwollender warmer Neugier kalte Distanziertheit ständete. Sie wandte sich ab und suchte im Gewühl mißratener und geglückter Verkleidungen die bekannte Hand ihres Gatten und so saßen sie nun beide, enttäuscht vom girrenden Gehabe des Karnevals, auf hölzernen Stühlen im Großen Saal einer Jugendstilvilla der Vorstadt, vertrieben sich die Zeit mit unbeschwertem Gekicher und Geplauder, als ob sie sich soeben erst kennengelernt hätten, als ob sie alles vom anderen zu wissen begehrten, und aßen Reste vom kalten Büffet. Nach einem langen Walzer faßten sie den Entschluß, eines der vor der Villa wartenden Taxis zu benutzen und den Abend unmaskiert miteinander zu beenden. Sie hielten nach dem Tanze einander fest an den Händen und marschierten schnurstracks durch den nassen Schnee zur nächsten Laterne, worunter ein bärtiger Altanarchist sie devot anlächelte, ihnen den Platz seines Chaiselonges reinigte und kurz darauf blitzschnell durch die menschenentleerten nächtlichen Straßen der Metropole ihrem Heim zuführte.

22.07.99

Claudia striff Haut um Haut ab, wiegte sich im Walzertakt in den Hüften, derweil das Mondlicht ihre Statur in weiches Licht hüllte. Lobos wußte, das er einen unvergeßlichen Augenblick erlebte und starrte unbeweglich auf die weibliche Figur, deren Gesicht im Schattenriß des Mondes verschwunden war. Dann wurde es dunkel. Der Zauber verstieg sich im Wirklichen und wurde zur PHANTASIE. Lobos bewegte sich wieder, stand auf und umfaßte seine Frau, die sich mit geschlossenen Augen immer noch wiegte, nicht bemerkt hatte, daß ihre Gestalt schon längst keinen Schatten mehr warf und sich ihr Körper bereits auf dem Wege befand, mit dem geliebten anderen eines zu werden.
Der Morgen war grau. Lobos wurde zu seinen Schülern gerufen, Claudia mußte mit der Kleinen zum Arzt. Nichts Schlimmes, so glaubten sie fest, doch hatte die Kleine auch des Nachts wieder leicht gehustet, glücklicherweise war sie aber nicht aus den Träumen gerissen worden. Die Nacht lag verblaßt hinter allen dreien, das Tageswerk erwartete sie zu verschiedenerlei Pflichten. Sie saßen zu dritt am Frühstückstisch und wechselten belanglose Wörter, doppeldeutig, insofern Lobos sich des charmanten Fremden erinnerte und der verkleideten Hausdiener, die nicht so recht ins Bild der nächtlichen Hingabe passen wollten. Die Antworten wechselten hin und her, ein Schatten Unaufrichtigkeit lag über beider Geworte. Hatte er nicht selbst nach einem Abenteuer Ausschau gehalten? Er spottete sich ob seiner eifersüchtigen Reflexe, etwas, daß er seiner Frau nicht verzeihen mochte und sich selbst attestieren mußte. Claudia suchte ein leichtes Geplauder aufrechtzuerhalten. Die belanglosen Scherzereien mit dem Fremden erinnerten sie an die Jugend in ihrer leichtlebigeren Heimat. Sie wollte sich’s nicht zugestehen, daß er einen Bezirk ihrer Seele anzustoßen wußte, in dem gefährliche Wirbel sie in die Tiefe reißen konnten. Noch hielt sie die Gegenwart in den kleinen gepflegten Händen, doch wenn die Sehnsucht nach dem Altbekannten Oberhand gewönne, müßte sie dem Traumgespinst nachgeben, sich den Sinnen fügen, dem Hauch des Abenteuers neue Freiheiten abgewinnen und sich der Gefahr aussetzen, alles zu verlieren. Genau diese Untiefen in ihrer SEELE spürte sie immer dann am stärksten, wenn sie mit Lobos eine erfüllte Nacht hinter sich wußte. Das war es, was sie besonders irritierte. Und so verging der Tag für alle drei recht zäh. Mißtrauen und der mangelnde Mut zur Ehrlichkeit führten zu ihrem Unwohlsein. Sie sprachen unsicher miteinander, wichen aus oder brachten das Gespräch in sichere Fahrwässer, die Kleine, die nun schon eine Funktion erhielt, die sie unmöglich tragen konnte, das Haus, in dem sie nunmehr seit vier Jahren wohnten und in dem sie bislang glücklich waren. Sie warteten auf den Abend, um beianderzusitzen und sich endlich zu stellen, allem Unwohlsein zum Trotze spürten beide die Notwendigkeit einer ehrlichen Aussprache.
Jetzt saßen sie beide, einander an den Händen haltend, auf den zwei aneinandergrenzenden Sesseln ihres Salons und schwiegen. „Kannst du dich noch an unseren ersten Sommer auf Samin erinnern?“ fragte Lobos.

22.08.99

Claudia ließ ihren Blick zu Boden fallen, faßte die Hand des Gatten um so fester. In ihrem Hals steckte ein Räuspern. Sie entließ es: „Ich hatte den jungen Mann schon des Morgens gesehen. Er stieg mit einem ledrigen Rindsportefeuille die Treppe hinan. Sein Blick hatte mich nur kurz gestreift, eine kaum wahrzunehmende Musterung, die mich erbeben ließ. Auf halber Treppe blieb er stehen, tat so, als ob er über etwas zum Ergebnis gekommen wäre und drehte sich zum Portier um. Aber sein Blick fiel über mich her. Er sprach mit dem eifrigen Mann zu meiner Linken, die Augen leuchteten zu mir herüber, der Mund wurde hart, indem er mit dem Manne neben mir befehlsgewohnt sprach. Ich konnte ihn nicht aus den Augen lassen. Ach, Lobos! Den ganzen darauffolgenden Vormittag mußte ich traumverloren am Strand nach Burgen suchen, suchte dem Plätschern der leicht zerschellenden Wellen zu entkommen, aber in meinem Kopf glaubte ich mich als Kind wiederzuhören, auf seinem Schoße geborgen. Wirst du das verstehen? Wirst du es mir verzeihen können, daß ich mich so hingeben konnte?- Als ich zurückkehrte, sprachen wir über unsere Zukunft. Du erinnerst dich, es war der Tag, da im ganzen Land die Menschen die Rathäuser stürmten, um sich selbst eine neue Regierung zu geben. Es war ein-und derselbe Tag, da dies alles geschah. Wir sprachen über unsere Zukunft, über eine Tochter, die in meinem Schoße bereits reifte, über den bevorstehenden Winter, das gemeinsame Heim in der Metropole. Über all das sprachen wir; ich aber hatte immer noch den Blick des jungen Mannes in mir. Wir saßen auf dem Balkon und sahen zum Strand, du strichst mir über die Stirn und küßtest mich. Ich umarmte dich, aus Mitleid. Später gingen wir hinunter in den Tanzsaal, zum Balle des darauffolgenden Martinstages. Ich war schön wie nie, trug ein enges weißes Kleid, das meine Figur beinahe unverschämt offenlegte, eine alte Brosche aus Bronze, hatte die Haare hochgesteckt und bemühte mich um Fröhlichkeit. Du bemerktest es und warst sehr zärtlich, dachtest, ich sei für dich so schön, so erblüht. Ach, Lobos, ihr Männer spürt doch selbst niemals die Veränderungen einer Frau, wenn sie sich geliebt fühlt durch einen anderen. Er saß an einem Nachbartisch, mit ihm einige Offiziere, die sehr traurig dreinblickten. Hermynia kam und forderte ihn zum Tanzen auf. Wir gingen selbstverloren aufs Parkett und tauschten die Partner. Und ich schwebte. Nachdem er mich zu unserem Tische zurückgebracht hatte, vermied er es sorgfältig aufzublicken. Und ich wartete, daß er es täte. Er sprach wenig. Ich spielte mit dem Gedanken, zu ihm zu gehen und mich hinzugeben, da reichte man ihm ein Kuvert, er las es, erblaßte und verließ den Saal. Auch diesmal wandte er sich vor Erreichen der Tür um und musterte mich mit einem Blick, der Traurigkeit und Leere gleichsam beinhaltete. Doch ich blieb sitzen, zupfte nur an meinem Kleid, in dem ich mich mitmal unwohl fühlte. Du weißt es noch, daß ich bald zum Aufbruch drängte!“
„Was weiter?“ fragte Lobos, als Claudia schwieg.
„Ich erfuhr am nächsten Tag von einem seiner Offiziersfreunde, daß er gezwungen ward, Samin aufs schnellste zu verlassen. Sein Weg sollte ihn in die Metropole führen, einer alten Verpflichtung nachzukommen. Ich wußte damals nicht, ob ich froh oder traurig darüber sein sollte, doch war damit endgültig auch unser Schicksal entschieden. Ich stimmte dir also zu, letztlich, daß Samin nunmehr zu verlassen sei. Ja, Lobos, das soll die Wahrheit sein.“
„Das wird ein Anfang sein. Ich muß dir gestehen, daß auch ich an jenem bewußten Tage sehr früh am Morgen aufstand und am Ufer entlangwanderte“, sagte Lobos mit unterlegter Stimme. „Ich genoß den Blick auf die aufgehende Sonne, ich hoffte auf ein bestimmtes weibliches Wesen, wollte aber den Namen mir selbst nicht zugeben. Ich wußte nur, daß sie ebenfalls die Morgenstimmung des Meeres genoß, sommers wie winters. Und richtig: Da stand sie am Ufer mit ihrem aufgelösten roten Haar. Es wehte im Wind und ein Teil floß ihr sanft um die Brust, die sich unter dem Anzug abzeichnete. Sie schien versunken in den Anblick des tiefen Meeres und bemerkte mich nicht. Ich ging auf sie zu und umfaßte ihren Leib. Da erwachte sie und zitterte. Dann wurde das Gesicht zornig, als wüßte es nicht die Freude zu verbergen oder die Beschämung. Verlegenheit kam auch hinzu. Und Sehnsucht. Die siegte. Sie breitete die Arme aus und ihre süße Erregung floß zu mir herüber. Dann war’s aus. Sie schüttelte mit dem Kopf, löste die Arme und wandte sich ab. Nun war sie wieder die selbstsichere und gebietende Willkür. Meine Ritterlichkeit gebot mir, mich zu entfernen, aber es mußte noch ein anderes hinzukommen; es war die Ablehnung, die mich bis aufs Mark traf. Ich schleppte mich zum Hotel zurück, Dir einen schönen Morgen zu bereiten…“
„Wie oft warst du am Strand?“ fragte Claudia leise.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich jeden Tag suchte. Aber ich suchte.“ Lobos hatte die Gardinen beiseite geschoben und stierte aus dem Fenster. Sein Mund, so fürchtete er, hatte jetzt die unliebsame Härte seiner Seele. Er fürchtete sich vor den Untiefen seiner Seele und glaubte sich selbst einen Grund, einen harten Grund verordnen zu müssen, Sicherheit fürs künftige Handeln.
„Wir werden ehrlich zueinander sein und nicht vor uns Gründe zum Aufschieben gelten lassen. Wirst du mir erzählen, was dich bewegt, Lobos?“
Lobos besaß immer noch nicht die Kraft, Claudia ins Gesicht zu blicken. Sein Mund blieb hart, als er stumm nickte. Da nahm Claudia seine Hände und streichelte sie sanft. Er beugte sich zu ihr nieder und küßte ihr Haar, wobei ihm die Vorstellung eines leichten Rottons Übelkeit verursachte. Seine Frau! Er hatte ihr seine Jugendlieben, vor allem die unausgelebte Beziehung zu Hermynia gestanden, was ihn jetzt reute. Unausgelebt. Er hob sie auf und küßte ihr sanft die Lippen, auch dies als stumme Drohung begreifend.

18.09.99

„Es ist so, wie du’s dir schon denkst“, sagte sie mit harter Stimme.
„Du verschweigst mir etwas!“ erwiderte er barsch. Sie nickte. „Wie viele?“ wollte er wissen.
„Nur einer. Aber der eine…“
„Wann?“
„Vor deiner Zeit… Ich traf ihn auf einem Spaziergang in den Ottilienbergen. Ich war jung, sehr jung, so wie er. Der schöne junge Mann stand an einem Brunnen und beugte sich über den Brunnenrand, spielte mit dem Wasser in der Tiefe. Ich war vom Hinaufgang sehr erschöpft und begehrte von dem Wasser. Er lächelte und sagte, es sei kein Eimer vorhanden. Der Strick sei lose. Er band der Strick fest um mich und ließ mich in die Tiefe unter der Bedingung, daß ich ihm etwas mit heraufbringen mochte. Ich fragte ihn, wie. Er lächelte nur. Ich ließ mich darauf ein und er ließ mich hinunter. Es war nicht sehr tief, vielleicht drei Meter. Ich schöpfte mit den Händen und trank von dem kühlen Naß; nun, wie sollte ich’s anstellen? Mit den Händen mußte ich mich am Strick festhalten, die einzige Höhlung war mein Mund… Er trank mich aus. Lobos, er trank und trank und konnte gar nicht genug bekommen. Und ich ließ es geschehen, ließ ihn trinken und ließ mich ein zweites und drittes Mal die wenigen Meter bis zum Wasser hinabgleiten und hinaufziehen.– Ja, ich fand Gefallen daran.“
Lobos wurde unruhig. „Und wenn es zufällig ein anderer gewesen wäre und ihm wäre zufällig etwas Ähnliches eingefallen…“
„Dann hätte ich es eben auch getan“, bestätigte Claudia Lobos’ Verdacht.

22.08.99

2. Kapitel: Die letzten Tage des zweiten Reiches

Die letzte Etappe begann mit Bethmanns Sturz. Die Arbeiter schufen den Volksbund, dagegen profilierte sich immer stärker die Vaterlandspartei. Beide arbeiteten gegen die Monarchie, die Volksbündler suchten die zunehmende Entfremdung zwischen Mannschaften und Offizieren mit Argumenten zu schüren, die auf dem Verstandesmechanismus eines vulgären Materialismus fußten-mithin unvergorenen Wein als Seligmacher verteilen wollten-die Vaterlandspartei war alles andere als vaterländisch orientiert und suchte Ansprüche „Deutschlands“ auf Entschädigung für die Leiden des aufgezwungenen Krieges zu rechtfertigen. Annexionen fremden Volkstums als Entschädigung?! Man stelle sich diesen verquasten Unsinn vor! Beide Seiten bildeten die Vorläufer für politische Kräfte, die mit ebenjener Inbrunst späterhin an der Zerstörung des Staates und des Landes erfolgreicher Hand anlegten.
Der Haß auf die Offiziere wuchs, man sah in ihnen den preußischen Geist, der sich um jedermanns Willen nicht bekümmerte, sondern ein abstraktes Prinzip durchzusetzen suchte. Der Kaiser wurde durch einen Herrn von Berg von der Außenwelt abgeschirmt, ließ es sich aber auch gefallen, die Geschäfte zusehens aus den Händen zu verlieren; er vertraute schon längst den strategischen Fertigkeiten Ludendorffs, von wirtschaftlichen Fragen hatte er eh keine Ahnung, von sozialen sowieso noch nie besessen. Abordnungen, die auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen suchten, fanden kein Gehör. Man sah keinen Sinn in einer Aufgabe, da die deutschen Heere im Felde noch unbesiegt waren. Man? Die Oeffentlichkeit!!! Die übergroße Mehrheit der Deutschen. Man erkannte, daß der Haß zwischen dem Heer und der Etappe, wie man die Zulieferung und die Nichtfrontkämpfer beinahe in einen wertenden Wirkzusammenhang setzte, stets wuchs. Herr von Hintze suchte eine politische Bereinigung der innenpolitischen Unwägbarkeiten, indem er eine parlamentarische Monarchie mit demokratischen Zügen endgültig durchsetzte, von Baden, der dies zuvor und dennoch zu spät initiiert hatte, hoffte auf die Erhaltung des Kaiserreichs, suchte Vermittlung zwischen den Interessen, erfüllte Vorbedingungen des sich bereits im Sommer 1918 als Sieger des Krieges profilierenden amerikanischen Präsidenten Wilson, um das Morden endlich auszusetzen. Umsonst.

23.08.1999

Die Gegner wollten Deutschland nicht als Monarchie bestehen lassen, wollten es kleiner und ärmer machen, wollten es demütigen, das Rückgrat brechen, um es als Widerpart auszuschalten. Auf eine Vermittlung und einen gerechten Frieden bestand nie eine Aussicht, insofern erwies sich die Voraussage der Ultristen rechts und links als schlichtweg wahr.
Als der Volksbund für Vaterland und Freiheit Anfang November tagte, stand es außer Frage, daß der Krieg verloren sei, daß das Kaiserreich unhaltbar sei, stand außer Frage, daß der völlige Zusammenbruch staatlicher Ordnung unmittelbar bevorstünde. Am Samstag, dem 9. November riß man den Offizieren die Achselstücke ab, die Mittagszeitungen nannten EBERT den neuen Reichspräsidenten, später wurden Meldungen laut, die von Matrosenaufständen berichteten, von einem Kaiser in Holland, vom Abdanken der Fürsten, vom blutarmen Abdanken der alten Herrscher, für die die Armee nicht eintrat, wobei es die alten Herrscher aber auch nicht wünschten, daß Deutsche auf Deutsche schossen. Eine skurrile Revolution… Am Sonntag hatten sich die meisten mit der neuen Situation abgefunden, sich bereits bei den neuen Herren erkundigt, ob sie weiterhin im Staatsdienst DIENST tun könnten, v.a. bezahlt werden würden. Sie würden! Also putzte man sich heraus, nicht so prunkvoll wie zu Kaisers Zeiten, doch mit dem Stolz eines Bürgers, und ging im Tier-oder Englischen Garten spazieren.
Nur innerhalb des Militärs ging es nicht ganz so reibungslos vor sich. Da gab es Gegnerschaft zwischen Mannschaft und Offizieren, verstärkt wurde dies durch die bald bekannt werdenden Waffenstillstandsbedingungen, die quasi einer Kapitulation gleichkamen. Das unbesiegte deutsche Heer sollte als großer Verlierer aus dem Kriege heimkehren? In Deutschland regte sich gegen diese Bedingungen Widerstand. Man wußte, daß man nicht gut stand an der Front, doch schließlich stand man überall im Feindesland, wie konnte da von einer Niederlage gesprochen werden? Man hatte vier Jahre allein gegen die Welt bestanden, hatte sich behauptet, nun sollte alles umsonst gewesen sein, trotz der Zusicherungen des großen Wilson, der einen ehrenvollen Frieden versprochen hatte, wenn man sich mit einer defensiven Linie begnügen wollte… Man wollte ja! Kriegsziel war die Erhaltung des status quo ante; nur einige wenige schrien nach Annexionen, nach dem Mehr eines territorial saturierten Deutschlands. Die gab es in jedem Land, warum also auch nicht in Deutschland? Wegen dieser Schreihälse sollte das ganze Land abgestraft werden? Man frug sich dies immer stärker. Da mußte prinzipiell eine große Lüge im Raume stehen, wenn Versprechungen willkürlich gegeben und gehalten wurden. Willkür oder Konzept? Konzept!
Ein Staat, der sich auf solch wackligen Füßen erbaut, auf vagen Versprechungen und dem Diktat eines Lugs, der wird untergehen, eher früh als spät.
Das Muster des Machtwechsels war an allen Orten in Deutschland ähnlich: die Offiziere verschwanden, das Machtvakuum füllten Soldatenräte, die sich nach russischem Vorbild konstituierten. In diesen Räten errangen die aggressiveren Unabhängigen bald die Oberhand, wohingegen sich in den Arbeiterräten, die sich vornehmlich in den Industriezentren des Landes konstituierten, gemäßigte Sozialdemokraten das Sagen hatten, allmählich auch linksliberale und moderate bürgerliche Stimmen Sprache erhielten. Das ist ein PHÄNOMEN dieser REVOLUTION gewesen: die Regierungssozialdemokratie erwies sich als unfähig, die Geschicke der Revolution zu koordinieren, obwohl der übergroße Teil der deutschen Bevölkerung ihnen das Vertrauen aussprach. Die Sozialdemokratie handelte erstaunlich patriotisch, aber auch letztlich gegen die Interessen des Proletariats, für die sie doch einst aufgestanden war. Eine zwiespältige psychologische Grundierung: Vielleicht sorgte ein jahrzehntelang von den politischen Opponenten vorgebrachtes Verdikt des Vaterlandslosen noch nach und sie bemühten sich, nun allen versteckten Gegnern das Gegenteil zu beweisen?
Das Reich stand am Abgrund, aber es hielt. Nichts fiel ab. Das Volk wollte keine proletarische Revolution, es wollte Frieden und Brot, es wollte keine Demütigung und es wollte keine Restauration, es wollte keine fremden Truppen im Land, es wollte den Anschluß Deutsch-Österreichs, wollte die Polen und Franzosen im Zaume halten, es wollte deutsch bleiben, über die Klassen-Konfessions-Standesschranken hinweg. Man hatte das Gefühl des Deutschseins genossen wie eine neue Erkenntnis, endlich zueinandergefunden, wollte man nicht durch ein diabolisches Außen dazu genötigt werden, sich selbst aufzugeben. Man wollte auch im Inneren nicht durch traditionelle Kämpfe aufgerieben werden: Ruhe und Ordnung sollten herrschen, Aufbau beginnen. So fühlte die übergroße Mehrheit der Deutschen. Der Kaiser war ihnen lieb gewesen, aber lieber war ihnen Deutschland, also war es um den Kaiserthron nicht sehr schade. Man hatte Respekt vor den Offizieren und dem ADEL, ihm hatte Deutschland viel zu verdanken, doch der Verlust eines Titels kann modernen Menschen nicht allzuviel bedeuten; die Arbeit ist’s, die zählt, die Arbeit am Ganzen. Der Adel würde seine Aufgabe als Aufgabe begreifen lernen müssen. Niemand erschlug seinen „Peininger“, nicht einmal die deutschen Bolschewiken zündeten Schlösser an, verfolgten Grafen und Fürsten, nicht einmal die ärgsten Lumpenproletarier zogen mit Messern gegen ihre alte Herrschaft. Nicht einmal die! Man überlege, was das bedeutet! Man riß den Offizieren die Achselstücken ab! Das war’s! Das war die deutsche Revolution! Selbst im Augenblick des größten Hasses setzte man ein Standessymbol, begriff man sich selbst als Teil eines Ganzen, eines Körpers, zu dem man eben stand. Die Uniform wurde nicht angegriffen, sondern das Achselstück, der Rang. Jeder sollte gleich sein, jeder sollte dienen!

Das war der Anfang der Revolution. Sie ging weiter und blieb nicht in ruhigen Gewässern. Das VOLK hatte seine Oberschicht verloren und taumelte. Man tanzte, setzte höhere Löhne durch, ohne die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
1918 überließ die Oberschicht den „Proleten“ den politischen Trümmerhaufen. Wirtschaftlich war das Land ruiniert, die neuen „Herren“ sahen sich über Nacht vor der Aufgabe, mit ungeschulten Kräften Posten zu übernehmen. Viele, die sich im sicheren Schutz der OPPOSITION bisher hinter radikalen Phrasen verbargen, mußten nun Hand anlegen und eine neue Herrlichkeit schaffen. Ohne Fehlgriffe und Fehltritte ging das nicht ab.
Anfang 1919 sammelten sich die versprengten konservativen Kräfte und bildeten Freiwilligenverbände, die dem Chaos ein Ende machen wollten, zuweilen grausam richteten, sich über geltende Gesetze hinwegsetzten und mordeten, wer ihrer Meinung nach an Deutschland frevelte. Unterstützt wurden sie in ihrer Handlung durch die Ententepolitik, durch die stets in Deutschland einfallenden Polen, durch das Weltrevolutionsgeschwafel radikaler Bolschewiken, durch das unsinnige Schuldverdikt der Franzosen, Deutschland sei einzig am Kriege schuldhaft. All dies verstärkte die Abwehr an der Tatsache der neuen Republik, die mit all diesen Egoisten und Relativisten und Pflichtlosen, mit Deutschlands Feinden eben, unter einer Decke zu stecken schien. Was sollte auch ein pommerscher Bauer von der Regierung halten, dem dreimal das Haus ausgeraubt wurde von polnischen Banden, und das sich selbst entwaffnende deutsche Heer konnte nichts dagegen tun? Was sollte ein badischer Winzer auch an der Republik finden, wenn ihm marodierende französische Soldaten Ihle und Kellerinhalt raubten und es damit begründeten, daß Deutschland schließlich selbst schuld sei, daß ihm solches geschähe?
Eine Wahl zur Nationalversammlung sollte Abhilfe schaffen und einen Rechtsraum schaffen, auch HEER und Polizei konstituieren, die die neuen Grenzen des Reiches wirksam schützen könnten.
Aber wollen wir nicht der Entente oder den Russen die Schuld an der Fehlgeburt der Weimarer Republik geben. Zur Konstituierung einer breiten Mehrheit für die neuen Verhältnisse, überhaupt für neue Verhältnisse fehlte es an einigem:

  • 1. Die Deutschen waren innerlich zerstritten, wie eh und je. Der Aufbruch 1914 hatte seine Kehrseite. Nach dem Hurrapatriotismus, der so flach nicht war, aber als Bindemittel nur über die Mangeljahre des Krieges hielt, folgte nunmehr das Aufbrechen der alten Klassen-Konfessions-Standesschranken.
  • 2. Die ARISTOKRATIE des Geistes war Postulat, Tatsächlichkeit nicht. Man dachte historisch und größtenteils relativistisch. Der Blick war nicht nach vorne gerichtet, sondern auf Erhaltung. Die politische Rekursivität auf den alten Kaiserstaat erschien den Herren Professoren erwünschenswerter als der Ausgriff nach neuen Möglichkeiten. Das zweite Reich galt als Krone der deutschen historischen Entwicklung, alles andere wurde beinahe snobistisch abgekanzelt.
  • 3. Die Literaten sielten sich im Duktus internationalistischer Bohemvivanz. Man gockelte antibürgerlich, dekadenz-und markterfahren, selbstgefällig-geschäftstüchtig durch die Formen des Sichausdrückens. Der kühne Entwurf fehlte vollends. Ein circulum vitiosis.
  • 4. Die Proletarier wurden durch zwei Parteien diszipliniert, die sich beide den Ideen des Miteinander verschlossen. Sie diffamierten Ideale des Humanismus und der Gerechtigkeit zugunsten eines auf Kampf und Macht ausgehenden Proletariats. Die einen hatten kein Konzept für die Zukunft und strahlten keine parteiübergreifende geistige Frische aus, um zerstrittene Trägheit in eine neue Richtung zu bewegen; die Sozialdemokraten besaßen nur Ressentiments gegen die bislang Herschenden, die Unabhängigen äugten beflissen nach Osten, um den großen Umwurf alles Bestehenden doch noch einläuten zu können.

Die innere Lage Deutschlands 1918/9 war alles andere als kontingent. Die verschiedenen und stets wechselnden Bündnisse zwischen Literaten, Konservativen, Unabhängigen, Spartakisten und Zentrumlern zielten schon auf die Neugestaltung des kraftlosen Vaterlands, doch die Palette der Vorschläge reichte von der Wiedereinführung eines urdemokratischen Modells mit eindeutig mittelalterlich-ständischem Charakter, wobei hier Spartakisten und Zentrumler sich in der Intention der Machtverteilung trafen, nicht aber im Grunde des Gedankens, über die Konstituierung einer an westeuropäischen Dogmen geschulten Vernunftsstaatlichkeit mit parlamentarischer Wahldemokratie bis zur Forderung einer neuen Aristokratie mit intendiertem Führertum, um das schlingernde Staatsschiff fest an eine charismatische Person up to date zu binden. Man schwankte zwischen irrationalem Machtsstaat und rationalem Vernunftstaat und dem Urkommunismus. Über allem schwebte das kommende Verdikt der Entente, deren Forderungen nach REPARATIONEN, deren bereits greifende wirtschaftliche Restriktion.
Man traf sich in der Mitte, beinahe: Es wurde kein rationaler Vernunftstaat, kein Führerstaat und kein Urkommunismus.

23.08.99

In Amerika und England plante man die Aufteilung Deutschlands, die Einbindung des Westens und Südens in den eigenen Machtbereich, die Preisgabe des Nordens und Ostens, um dort ein Schlachtfeld gegen den Bolschewismus zu konzipieren. Die Franzosen bestanden auf eine Zerschlagung des deutschen Einheitsstaates. Keine guten Aussichten für Gerechtigkeit, für Recht überhaupt. Die Welt war nun schon der großen Suggestion erlegen, daß die Deutschen Schuld trügen, schließlich waren es die Deutschen gewesen, die angefangen.. Es hatten die Großsprecher in Frankreich und England Handhabe erhalten, die POINCAREs und CHURCHILLs, die Deutschlandhasser. Die Amerikaner hatten ihren moderaten Präsidenten abgewählt, der neue stand EUROPA fern wie einer, der den Mund mit dem Fernrohr erkundet. Deutschland war den westlichen Wünschen ausgeliefert. Die Folge war Versailles, was im Grunde schon einen Kompromiß darstellt. Das ist ja das Schlimme, daß VERSAILLES einen Kompromiß darstellte!

26.08.99

Und nach Versailles wurde das Schreien um die Schuldzuweisung des ganzen Elends erst recht laut. Die Bedingungen des Friedens standen zur Entscheidung: man sollte wählen zwischen der gemäßigten Fremdherrschaft, die darauf aus war, das Land zu zerteilen und auszubeuten, sollte außerdem Gebietsverluste von ca. 14% in Kauf nehmen und dem erneuten Krieg. Annehmen oder Krieg?
Beide Seiten hatte ihre Argumente. War es nicht wahrscheinlich, daß die Entente auseinanderbrach, insofern Deutschland nicht annahm? Hatte sich nicht bereits in England starker Widerstand gegen die französischen Pläne zur Aufteilung und Besetzung Deutschlands gebildet? Hatten nicht selbst französische Vertreter gemeint, daß die Bedingungen eigentlich für ein stolzes Volk unannehmbar seien? Drohte nicht die Bolschewisierung Mitteleuropas, wenn die Deutschen machtlos seien? Das waren die Argumente, die sich gegen die Annahme des Diktats aussprachen. Auf der anderen Seite standen diejenigen, die meinten, man solle sich im Restbestand des Reiches einrichten und das Land mit der neuen Struktur aufbauen. Der Kapitalismus sei zwar moralisch am Ende, doch biete der Sowjetkommunismus auch keine Alternative; man müsse lavieren, sich gegen den angelsächsischen Machtkomplex im Westen behaupten, die Polen und Sowjets auf Distanz halten und die Ansprüche der Alliierten so gut wie möglich befriedigen, was nur möglich sei, wenn man erst einmal die Bedingungen annehme. Man war sich in Deutschland darüber einig, daß die Belgier und Franzosen ein Recht darauf besäßen, ihre Schäden mit deutscher Hilfe zu beseitigen.
Doch es steht hier noch einmal die Frage, worauf sich die Forderungen der Entente gründeten? Es ist jener ominöse Kriegsschuldartikel, der quasi eine moralische Rechtfertigung der Niederwerfung und Bestrafung Deutschlands urgründete. Mit dem Fall dieser Gründung ins Bodenlose wäre demnach die gesamte Problematik auflösbar.
Wir haben bereits zum Ende des ersten Buches Gründe für den Ausbruch des Krieges gelegt. Nunmehr wollen wir noch ein wenig tiefer graben, gemeinhin die festen Säulen in ihrem Fundament prüfen, ob sie ein Gebäude tragen können wie das Aufgerichtete des Kriegsschuldartikels:
Die Frage ist eine psychologische, eine der Taktik, des politischen Geschicks, nicht zuletzt jedoch eine des Selbstverständnisses und des geistigen Grundes der jeweiligen Völkerschaften, mithin also eine Frage der Völkerpsychologie. Als die Deutschen durch Belgien marschierten, gewann die englische Suggestion eines prinzipiell Unrecht auslebenden Staates mit der Sinnzuweisung Deutschland weltweit an Wirkung. Durch Deutschlands Akt der Brechung internationalen Rechts war es für die englische Kriegspartei –viele Engländer waren durchaus schwankend in der Frage, ob man denn auf Frankreichs Seite stehen sollte oder sich gar heraushalten müsse-ein leichtes, sich durchzusetzen und den Krieg gegen Deutschland für legitim, ja für zwingend anzusehen.
Dieser Schritt folgte dem englischen Selbstverständnis, genau wie der Durchmarsch für die Deutschen aus ihrem Selbstverständnis heraus folgerichtig und legitim war. Dennoch ist es damit nicht getan, daß nunmehr beide Parteien so dastehen, als folgten sie nur zwangsläufig dem einmal eingeschlagenen Weg, seien also ebenso schuldig wie schuldlos. Es gibt einen Schuldigen, wie zu zeigen sein wird. Beschäftigen wir uns zunächst mit Englands Selbstverständnis, dem Archetypischen und durch Vernunft gereinigten Urgrund politischen Handelns. Es ist nicht rein, Kräfte und Gegenkräfte bedingen und binden einander, doch läßt sich eine Linie ziehen, eine schwankende Linie, die dennoch das Typische und Gelegentliche, das Zufällige oder Abweichende in den Kanon stellt und somit verbindet.
Politisches Handeln rührt aus der Geistesart der Handelnden. Englische Geistesart nun tut nichts ohne moralische Begründung. Die moralische Begründung wiederum wurzelt dort im Kalvinismus. Der Kalvinismus hat als Wesenszug die Belohnung des gerecht arbeitenden Menschen im Angesicht des Herrn. Wer im Angesicht des Herrn nicht rechtens schafft, der wird früher oder später bestraft werden. Wer sich erhöht oder gegen die Ordnung stellt, der wird bestraft werden. Der Engländer muß sich seinem Handeln gemäß in diesen Kanon stellen, sein Handeln diesbezüglich prüfen. Hat er sich einmal entschlossen, eine Entscheidung gefällt, so wird er dabei bleiben.

28.08.99

Aber diese Charakteristik ist nicht die ausschlaggebende für die Geistesart des Engländer. Der Engländer wählte sich den Kalvinismus als zu ihm passende religiöse Ausprägung. Der Kalvinist traegt sein Handeln in den Vordergrund als moralisch legitimiert. Darin auch die Politik, die so zum Handlanger wird. Politik wird zur Frage der Macht, der Auseinandersetzung mit jedem andersgearteten Gegner, der wiederum moralisch nicht die HÖHE des Kalvinisten tragen kann, denn Gott belohnt nur die rechtmäßig Handelnden, bestraft aber die unmoralisch Handelnden. Das ist der entscheidende Punkt. Der Engländer fühlt sich in seinem politischen Handeln moralisch legitimiert und reklamiert daraus eine Weltherrschaft, insofern sein Handeln durch den Erfolg bestätigt wird.
Nun die Deutschen. Emporgekommen. Nichtkalvinistisch. Also Übergangsgewinnler, nur kurzfristig siegreich, denn Gott wird die Gerechten belohnen, früher oder später. Die Deutschen aber verwerfen die Politik als diabolisch, begegnen politischen Argumenten mit Skepsis, da ihnen die Politik nur ein Deckmantel für die Erreichung von Macht ist. Sie verwerfen Politik! Die Deutschen begegneten den Engländern mit Realismus, beschrieben ihre Absichten in der Diskussion [die Deutschen entwickelten erst 1916 eine Kriegszieldiskussion, die bis dahin verboten war!], arbeiteten somit den Feinden quasi in die Hände, die nunmehr jeden Diskussionsbeitrag für bare Münze nahmen und Schuldzuweisungen rückwirkend auf geäußerte Annexionsgelüste der Schwerindustrie und alldeutscher Spinner bezogen. 2%, so sagt man, waren dieser Partei in Deutschland zuzurechnen. 2%! Immerhin 1,4 Millionen Anhänger! Soweit zum Ansatz der Schuldverstrickung.
Wir können es zugespitzt sagen: Es gab für die Deutschen keine Chance, dem Krieg aus dem Wege zu gehen! Es gab keine Chance gegenüber Frankreich, dessen Stern im Sinken begriffen war und es gab keine Möglichkeit England gegenüber, dessen Zenit ebenfalls überschritten war. Deutschland wurde jeden Tag ein wenig reicher, ganz ohne Krieg und es würde weiter reicher werden, die Weiten des Ostens und die Lage zwischen dem aufstrebenden Rußland und dem reichen Frankreich begünstigten wirtschaftliches Wachstum, zudem sich Rest-Europa früher oder später dem Riesen in der Mitte würde anschließen wollen.
Die Deutschen indes boten ein gutes Ziel: ihre Überheblichkeit und ihr Kompensiergehabe. Gar manchem in höheren Regierungskreisen, dem Kaiser selbst, munkelte man, ging es nicht schnell genug mit der Aufholjagd am globalen Kuchen. Genug! Der Rest ist Phantasie!

Das war die zweite Katastrophe dieses Jahrhunderts.

18.12.99

3. Kapitel: Auf der Straße

Plötzlich war Tauwetter eingetreten. Der Schnee war geschmolzen, erste Krokusse lugten zaghaft durch den Matsch. Die Luft sänftelte. Die Menschen entstarrten und hofften wieder.

Lobos hatte es nicht weit bis zu seinem Klassenzimmer. Er mußte nur die Lindenstraße überqueren, dann am Kreuzungspunkt mit der Friedrichstraße auf den Verkehr achten und schon war er da. Er stieg die schlecht beleuchtete Treppe hinauf und betrat den langen Flur, von dem die einzelnen Klassenräume abgingen. Er war ein wenig spät dran, heute Morgen. Die Schüler saßen an ihren Baenken und starrten ihn fassungslos an. Diese hageren und hochgestirnten Gesichter, diese großteils vom Hunger häßlich gewordenen Totenmasken, an denen die restlichen Gliedmaßen herabhingen, kraftlos, ermüdet, saftlos.
Es roch nach einer Mischung aus alten Möbeln, dem Phenyl der Saubermachkolonnen und ganz zart versuchte sich da ein neuer Geruch anzumelden. Der Tod stand noch in der Tür, aber er war im Gehen. Seine Schüler blickten zu ihm, durch die kärgliche Beleuchtung hindurch. Die Münder sprachen einen Gruß, den er mechanisch beantwortete.

Oder hatte er das nur geträumt?

Er taumelte nach Hause. Claudia empfing ihn mit der Nachricht, daß ihr Vater gestorben sei. Ein Freund machte seine Kondolenz. Lobos fragte sich, ob er ein besserer Liebhaber sein mochte, ob Claudia in seinen Armen vollere Lippen, weicheres Haar bekäme, ob sie wieder dieses Leuchten in ihren Augen verschenkte, wenn sie nur eine Nacht mit dem fremden Mann nachholte, wozu er sie nicht nötigen mochte.
Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, erzählte Herma von dem Toten. Sie hatte ihn zwar nur einmal gesehen, damals auf Samin, kurz vor dem Krieg. Aber die beiden hatten Freundschaft geschlossen, sei es, weil er dort im Nordosten eine Glaubensgenossin nicht vermutet hatte, sei es, weil er in ihrem Alter war, sei es, weil sie sich selbst nun dem Tode ein Stück näher glaubte, also erzählen mußte, was sie im Anzuge zu sagen hätte. Der Tote war mit sechzig Jahren gestorben, wurde merkwürdiger durch seinen Tod, wurde den Leiden enthoben und den Enttäuschungen entsetzt. Herma wußte vieles, vieles mehr als zu vermuten stand. Sie wußte von einem Ring zu erzählen, den der Tote als Lebender stets bei sich trug. Der Ring war ein Bündnis gegen seine und jetzt ihre Angst, war ein gutes Bild für die Magerkeit des Augenblicks, umschloß er doch einst die Fülle. Und wie sie da so sprach, da fing sie fürchterlich zu weinen an, so daß Lobos sie aus dem Zimmer geleiten mußte. Und Herma schwatzte im herausgehen noch so manch Belangloses. Und dann war im Raum nur noch Schweigen. Claudia schniefte und tupfte mit ihrem weißen Seidentuch eine Träne aus dem Auge, Lobos suchte nach Worten, aber das Reden war ihm unmöglich geworden.
Der Freund machte einen Seitenblick zu Lobos und sprach: „Werden Sie nach Ottilienberg reisen, liebe Frau Claudia?“ Und weil Claudia nichts sagte, fühlte der alte Freund sich bestätigt und fuhr fort: „Ihr Mann wird wohl bald eine Professur erhalten und hier unabkömmlich sein.“
Lobos stutzte kurz ob dieser Unverfrorenheit. Doch der Freund schien alles zu wissen. Lobos ging zum Fenster und ließ die lauen Lüfte herein. Dann schritt er den Bogen zu Claudia und sah in ihre Augen. Sie fragten. Und plötzlich spürte Lobos die Verwandlung ihres Körpers. Zuerst zitterte er, dann strahlte er eine wohlbekannte Wärme aus, die er hören konnte. Diese Verwirrung der Gefühle hatte er schon einmal in ihrer Nähe gespürt; seine Augen blickten nur kurz zum Dritten, dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und begann es zu küssen. Sie sank an ihm nieder und begann ihn festzuhalten, schlang ihre Arme um seine Beine, als ob da keine Hosen wären, küßte sie ihn aufwärts. Eine Tür klappte.
„Ich will immer in deiner Nähe leben“, sagte sie kaum hörbar. Aber Lobos hatte jetzt nichts mehr zu hören. Sein Verstand begann, die altgewohnte Tätigkeit wieder aufzunehmen: ‚Sie ist hysterisch!’ dachte er und wurde wieder der alte Steifhans, dem ein Gefühl nichts gilt. Er drückte die Gattin beinahe barsch von sich, besann sich dann aber einer Pflicht und küßte ihr noch im Wegdrehen die Stirn. Sein Groll über den Brunnenkuß am Ottilienberg hatte wieder die Oberhand in seinem Gefühlsleben gewonnen.

Von draußen erklang der Türgong. Lobos fühlte sich erlöst und ging öffnen.

Ich kann mir diesen entsetzlichen Ballast unserer Seele nicht länger auf der Seele lassen, mein Freund. Was tun diese modernen Liberalen anderes, als sich in den Strom der Zeit zu setzen und alles, was nicht in ihm schwimmt, zu diffamieren als unnützes Zeug? Sie leugnen die Welt des Geistes, der Dinge, die sind und werden, von den Dingen, die waren wollen sie erst gar nichts wissen. Was aber ist mit den Leistungen, die Jahrhunderte Geistesentwicklung aufgeschichtet haben, die heute wirken, die morgen wirken werden und die aus Gründen entstanden und entstehen werden, die nicht im Strom der Zeit zu finden sind? Sind es wirklich nur unsere psychologischen Zustände und Stimmungen, die rauschhaft auf Erfüllung und Befriedigung drängen, denen wir uns aussetzen müssen, um ein Mensch zu sein? Was soll aus uns werden, wenn wir es verlernen, das Chaos in uns nur als zu Bändigendes zu begreifen, doch nicht wahrhaben wollen, daß uns dieses Chaos erst in den Unterschied zu den anderen Lebewesen setzt, uns Hoffnung gibt, uns erwarten läßt und v.a., uns über das Empirische hinwegsetzt, zuweilen. Wenn wir aber weiter diesen Weg der Erschwerung unseres Denkens gehen, indem wir alles einem Nutzdiktat unterwerfen, werden wir früher oder später selbst zu einem schweren Klumpen harschgrauer Materie geworden sein, unfähig uns darüber zu erheben, unfähig überhaupt noch Ahnungen zu haben vom Anderssein, von Freiheit und allem Gegenteil eines Zwanghaften. Wollen wir das?

„In der Schule findest du deinen Platz, eine Institution, die das Leben absichtlich kompliziert und Kindern das Leben erschwert. Macht dich das nicht mißtrauisch, Lobos? Kannst du dich mit lauter Wahrheiten frei bewegen?“
„Ja, es ist die Frage, was überhaupt Schule ist. Ist sie nicht nur so etwas wie eine tägliche Unterweisung, eine Vorbereitung aufs Leben?“
„Das will sie sein. Vielmehr ist sie jedoch eine Institution, etwas Erfundenes, die das Leben in komplizierten Zusammenhängen darstellt, ohne doch ein Ende oder eine konkrete Handlungsanweisung geben zu können. Schule ist Bücherschule, ist antiquiert und voll von notwendig daraus folgender Unzufriedenheit, weil da immer die Lücke klaffen muß zwischen dem im Buche dargestellten Ideal und der rauhen Wirklichkeit, die niemals dem entsprechen kann, was da dargestellt worden ist. Schule ist Zivilisation und nicht Kultur, ist Theorie und trockener theoretischer Schein, statt geboren aus einer inneren Zwang, einem kindgerechten DASEIN im sozialen Lernen…“
„Entschuldige, daß ich dich unterbreche, mein Freund. Dein Pasquill erinnert mich an die Wut eines Posaunisten, der jahrelang brav seine Noten lernte. Eines Tages versuchte er, das Instrument zu spielen, doch aus dem Hohlkörper kamen nur dumpfe quäkige Geräusche. Da füllte er den Klangkörper mit Seifenschaum und blies Luftbläschen. Die Noten lagen irgendwo im Zimmer verstreut. An diesen Spieler, diesen gewollten Spieler, denn eigentlich war er es ja nicht, erinnerst du mich.“
„Ich hoffe, die Geschichte treibt dich nicht in den Selbstmord. Sie hat was davon, so zu enden.“

lobos.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:16 (Externe Bearbeitung)