Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


magdeburg

MAGDEBURG

- wichtiger Umschlagplatz mit dem Osten
- Otto I. wollte Magdeburg zum Ausgangspunkt der Bekehrung des Ostens machen → Errichtung eines Erzbistums 968 gegen den Widerstand von Mainz und Halberstadt
- als der PAPST die Errichtung des Erzbistums 962 bestätigte, erneuerte Otto I. die Pippinische Schenkung, die weltliche HERRSCHAFT des Papstes im Kirchenstaat;
- Das Gesicht der Stadt Magdeburg kann ich nicht erkennen. Sie trägt eine Maske aus gelbem Backstein. So blickt ein Beamter, der niemals MENSCH ist. (Theodor Lessing)

Geschichte

Erstmalig erwähnt wird „Magadoburg“ im Jahre 805 auf den Seiten des Diedenhofer Kapitular Karls des Großen. 132 Jahre später lebt Magdeburg als Handelsmetropole jedoch erst richtig auf. Inmitten des 10. Jahrhunderts wird Magdeburg von bedeutenden Ereignissen geprägt. Die OTTONEN verhelfen der bis dahin unbedeutenden PROVINZ zu einer steilen KARRIERE. Otto I. baut das karolingische Kastell zur Kaiserpfalz aus, gründet 937 das St. Mauritius-Kloster und begründet 31 Jahre später das Erzbistum. Zwischendurch verleiht er im Jahre 965 Magdeburg das Markt-, Münz- und Zollrecht und wird drei Jahre vorher in ROM zum KAISER gekrönt. Von Magdeburg aus werden 955 Bischöfe ins Kiewer Rus entsandt, die den Osten missionieren helfen. Dies geschah auf WUNSCH der warägischen Fürstin OLGA. Mittlerweile ist Magdeburg neben Rom und BYZANZ eines der Zentren des Abendlandes geworden. Wenige Jahre später - 1015/1018 - gründet Erzbischof Gero das heute älteste Bauwerk Magdeburgs, das Kloster „Unser Lieben Frauen“ als Kollegiatsstift. Erst 170 Jahre später erhält Magdeburg das Stadtrechtprivileg von Erzbischof Wichmann von Seeburg. 19 Jahre danach brennt der ottonische Dom St. Mauritius ab und auf seinen Grundmauern entsteht zwei Jahre später der erste gotische Dom St. Katharina, errichtet von Erzbischof Albrecht von Magdeburg. Die gigantische Bauzeit von 311 Jahren fordert dem Dom den TRIBUT verschiedener Baustile ab, die dem monumentalen Bauwerk jedoch eine deutschlandweite Einzigartigkeit verleiht. Vier Jahre nach Fertigstellung des gotischen Monumentalbaus findet die historische Predigt Martin Luthers in der Johanniskirche statt. Mit der Annahme der Reformation durch die Stadt wird Magdeburg protestantisch. 31 Jahre nach Baubeginn des Domes entsteht das erste freistehende Reiterstandbild des nördlichen Europas - der „Magdeburger Reiter“. Er soll Otto den I. darstellen. Fast vierhundert Jahre ist nun ruhig um Magdeburg. Erst der 30jährige Krieg 1631 beendet die beschauliche Ruhe im mittelalterlichen Magdeburg. Magdeburg fällt in Schutt und Asche, als kaiserliche Truppen unter Tilly die STADT erstürmen. Aus den Trümmern des 30jährigen Krieges entsteht das barocke und gründerzeitliche Magdeburg, das wiederum in den Wirren des 2.Weltkrieges versinkt.

805erste urkundliche Erwähnung
937Gründung des Mauritius Klosters
962Kaiserkrönung Otto I. in Rom
965Verleihung Markt-, Münz- und Zollrecht
968Gründung Erzbistum Magdeburg
1017Gründung Kloster „Unser Lieben Frauen“
1188MAGDEBURGER RECHT
1209Bau des ersten gotischen Doms im REICH
1240Magdeburger Reiter wird gebaut
1296Anschluß an den Hansebund
1524PREDIGT M. Luthers / Annahme der Reformation zuerst in der Ulrichkirche
1525Eröffnung der ersten Städtischen Bibliothek
1631Zerstörung Magdeburgs im 30jährigen Krieg durch kaiserliche Truppen
1646Otto von Guericke wird Bürgermeister
1700Magdeburg wird zur größten preußischen Festung ausgebaut
1850INDUSTRIALISIERUNG mit Schwerpunkt Schwermaschinenbau
1945Zerstörung durch amerikanische Bomber

Ihre große Zeit hatte die Domstadt an der Elbe im Mittelalter. Otto I. machte Magdeburg gegen den Widerstand der Bischöfe von Mainz und Halberstadt 968 zum Ausgangspunkt der Bekehrung des Ostens; von hier aus wurde auf einer gedachten Linie, dem Hellsweg (ungefähr heutige Bundesstraße 1), über Brandenburg-Potsdam-Berlin-Frankfurt-Königsberg das Reich systematisch nach Osten hin erweitert, bis sich erst nach der Schlacht bei Tannenberg 1409 die deutsche Ostexpansion auf dem Eise verlief.
Von Magdeburg aus verbreitete sich das im Sachsenspiegel durch EIKE von Repgow (sein Denkmal steht beim Kamilla-Bad, Ecke Carl-Miller-Straße) erstmals fixierte Gewohnheitsrecht der Deutschen und weiterhin das nicht nur mittelalterliches Wirtschaftsrecht zu nennende Magdeburger Recht über den Osten Europas. Die Städte des Ostens nahmen sich dieses Stadt- und Bürgerrecht besonders gern zum Vorbild, wenn die Stadt auf Wachstum ausgerichtet war, denn jeder Zugewanderte wurde frei, soweit er nicht innerhalb eines Jahres von seinem ursprünglichen Herren zurückgefordert worden war.
Am Beginn des 16. Jahrhunderts zählte Magdeburg mit Köln und Augsburg zu den drei bedeutendsten und reichsten Städten des Reiches und wurde zur ersten und wirtschaftlich wichtigsten Hochburg des Protestantismus.
Erst die Vernichtung Magdeburgs 1631 durch den Generallieutenant der katholischen Liga, TILLY, machte Schluß mit der magdeburger Herrlichkeit. Das Gemetzel des katholischen Feld-herrn unter den protestantischen Pfeffersäcken Magdeburgs überlebten nur die 3000 im Dome Versammelten, die auch nur deshalb verschont wurden, weil sie später gegen ein hohes Lösegeld ausgelöst werden sollten. (Otto von Guericke war einer dieser Eingeschlossenen, behaupten die einen; andere meinen, er sei im Hause des kaisertreuen Ratsherren Ahlemann gewesen.) Aber gehen wir der Reihe nach: Erstmals war Magadaburg (die mächtige Burg) um 805 im 7. KAPITEL des Diedenhofener Kapitulars als kaiserliche Handels- und Militärplatz an der östlichen Grenze des Reiches erwähnt worden. Es muß damals bereits ein bedeutender Platz für den Handel mit den slawischen Nachbarvölkern gewesen sein, denn Karl verbot einen Export des prunkvollen fränkischen Schwertes (Spatha) an seine Feinde östlich und nördlich der Elbe von Magdeburg aus. Eine frühere Gründung durch Römer oder GERMANEN ist anzunehmen. Anlaß boten der Name Magadaburg und seine Varianten, wie Mägdeburg oder Maideburg, die auf einen Kultplatz für eine altrömische oder germanische Göttin hinweisen könnten.
Im 10. Jahrhundert erhob der deutsche KÖNIG und spätere römische Kaiser Otto I. Magdeburg zu einem dritten Rom, zumindest im URTEIL vieler Zeitgenossen. Der Ort war für die deutsche Expansion nach Osten bestens geeignet, lag er doch auf einer Höhe am westlichen Elbufer gegenüber dem slawischen Siedlungsgebiet, auf dem heute so genannten Domfelsen. Am 21. September 937 gründete der eben erst gekrönte Otto das Mauritiuskloster auf der magdeburger Burg. Das Mauritiuskloster erhielt Vorrechte gegenüber anderen vergleichbaren Klöstern: Königsschutz, königliche Immunität und die besonders einträglichen Zoll- und Münzprivilegien. Otto selbst also, der großmächtige Herr, der älteste und beste der Brüder, war vor allem ausgezeichnet durch Frömmigkeit, in seinen Unternehmungen unter allen Sterblichen der Beständigste, abgesehen von dem Schrecken der königlichen Strafgewalt immer freundlich, im Schenken freigebig, im Schlafen mäßig, während des Schlafes redete er immer, so daß es den Anschein hatte, als ob er stets wache. […] Auf die Jagd ging er häufig, liebte das Brettspiel, übte zuweilen die Anmut des Reiterspiels mit königlichem Anstand. Hierzu kam noch der gewaltige Körperbau, der die volle königliche WÜRDE zeigte, das Haupt mit dem ergrauenden Haar bedeckt, die Augen funkelnd und wie ein Blitz durch plötzlich treffenden Blick einen eigenen Glanz ausstrahlend, das Gesicht rötlich und der Bart reichlich niederwallend, und zwar gegen den alten Brauch. Die Brust war mit einer Löwenmähne bedeckt, der Bauch nicht zu voll, der Schritt einst rasch, jetzt gemessener […]. (WIDUKIND)
Magdeburg war sein Hauptsitz und seine erklärte Lieblingsstadt und bildete den Ausgangspunkt seiner Osterweiterungen. Otto wußte die Leistungsfähigkeit dieser Stadt zu stärken, indem er JUDEN und Kaufleute der gerichtlichen Gewalt der Kirche unterwarf . Er stützte seine MACHT auf die KIRCHE, ganz im Gegensatz zu seinem Vater Heinrich I., der Krönung und Salbung der Kirche ablehnte und sich ausschließlich auf die Herzöge berief. Für Otto stand die Verbreitung des Christentums und die Missionierung der Ostgebiete im Vordergrund. So setzte er für die militärische Unterstützung die Markgrafen Hermann Billung und Gero ein, doch mit der Einsetzung der beiden Markgrafen war ein Teil des sächsischen Adels nicht einverstanden, also gab es Unruhen. In den 940ern konnte OTTO sich zwar mit Erfolg gegen den aufständischen Adel durchsetzen, jedoch nicht dessen Vertrauen ge-winnen. Und so setzte Otto seine Familie in den Herzogtümern ein, und schließlich waren alle Herzogtümer im Besitz der Familie.
Bruder Brun wird 953 Erzbischof von Köln und gleichzeitig Herzog von Lothringen. Damit konstituiert Otto das Reichskirchensystem: Die Kirchen erhielten Königsschutz und Immunität zugesprochen. Die engere Bindung der Kirchen an die Krone bildete die Anfänge des ottonisch-salischen Reichskirchensystems. Vorbild dafür waren die Karolinger, die die Kirchen mit Gütern ausgestattet hatten und dafür militärische und ökonomische Leistungen in Anspruch nah-men. Aber Otto wollte neues Land im Osten gewinnen, deshalb hatte Magdeburg hier eine beson-dere Bedeutung. Von Magdeburg aus zogen die sächsischen Heerscharen nach Osten und eroberten es Stück für Stück. Otto teilte das slawische Land in kleine Gebiete, in deren Zentren eine Burg stand - sogenannte Burgwarde. In dieser Zeit rückte besonders das Magdeburger Kloster in den Mittelpunkt. Es wurde Stützpunkt für die geplante CHRISTIANISIERUNG der slawischen Bewohner. Von Magdeburg aus erfolgte Ausritt auf Ausritt nach Osten. Der oftmalige kaiserliche Aufenthalt in Magdeburg bot dem so gar nicht weltabgewandten christlichen Ritter Aufstiegschancen und ein angenehmes Leben.
Wenn wundert es da nicht, daß sich die Magdeburger schon bald als Bistumssitz bewarben? Um dafür die Zustimmung des Papstes zu erhalten, schickte Otto bereits 955 Abt Hadamar von Fulda nach Rom. Aber es gab Widerstand aus den eigenen Reihen: Ottos Sohn Wilhelm, Erzbischof von Mainz, wandte sich an den Papst und sprach sich gegen die Kirchenpolitik seines Vaters aus.
Da Ottos Sohn mit dem Rücktritt drohte, ver-schob der König seinen Plan. Erst nach dem Tod Wilhelms 968 wurde das neue Erzbistum Magdeburg für die Ostmissionierung errichtet. Neben den Bistümern Brandenburg und Havelberg, die aus dem Erzbistum Mainz ausgegliedert wurden, kamen noch die Neugründungen Merseburg, Zeitz, Meißen und wahrscheinlich auch Oldenburg zum Erzbistum hinzu. Slawische Gebiete, die sie noch eroberten und mis-sionierten, wurden ebenfalls Magdeburg zugeordnet. Die IDEE des Erzbistums Magdeburg ließ sich aber erst als Kaiser, mit der Rückendeckung des Papstes, verwirklichen. Der Papst, der diese Errichtung bestätigen mußte, wurde durch Otto mit der Erneuerung der Pippinischen Schenkung zufriedengestellt. Das vollzog sich, wie wir heute wissen, nicht ohne Gegenwehr der sakrosankten Kirchenführer aus westlicheren und südlicheren Teilen des Reiches. Doch die Ottonen waren nicht die Männer, die sich durch Päpste oder Bischöfe einschüchtern ließen. Sie bauten Magdeburgs Machtposition immer weiter aus.
Und so wurde Magdeburg neben ROM und Aachen zur dritten Reichsmetropole, zur dritten Hauptstadt des imperium Romanum. Die Ottonen begünstigten die magdeburger Kaufleute mit Vorzugsrechten. Im Jahr 975 verlieh ihnen Kaiser Otto II. die Zollfreiheit im Reich, nur auf den Märkten von Mainz, Köln, Tiel und Bardowieck mußten die Magdeburger weiterhin Zoll zahlen. Sie bildeten eine eigene kirchliche Ge-meinde mit der ersten nachweisbaren deutschen Kaufmannskirche und erhielten ihre eigene Gerichtsbarkeit. Um die Jahrtausendwende war das Magdeburger Markt- und Kaufmannsrecht zum Musterrecht für die Handelsplätze des Erzbistums Magdeburg und der angrenzenden Gebiete geworden.
Die Ottonen herrschten nicht lange genug. Nach ihrem Aussterben um die Jahrtausendwende verschoben sich die Machtschwerpunkte im REICH zurück nach Westen. Das neue Herrschergeschlecht der Salier (Salfranken aus dem Rheinfränkischen) setzte seine Schwerpunkte im Westen und Südwesten des Reiches. Magdeburg wurde bedeutungsärmer, aber nicht bedeutungslos. Der Aufstand der Slawen (Obotriten und Lutizen) in den rechtselbischen Gebieten um 983 verhinderte zudem für mindestens hundert Jahre die weitere Ostexpansion über Magdeburg.
Im Jahr 1188 legte Erzbischof Wichmann erstmals Teile Magdeburger Stadtrechts schriftlich in einem PRIVILEG nieder. Der Erzbischof mußte das Recht der Bürger auf Eigentum, Rechtssicherheit und FREIZÜGIGKEIT anerkennen. Dieser Teil des Magdeburger Rechts war den Erzbischöfen abgerungen worden, die im christlichen Verdikt der ARMUT zumeist die der anderen meinten . Er sicherte den magdeburger Kaufleuten unter anderem zu, daß sie nicht der Gerichtsbarkeit des Klerus ausgesetzt waren; sie mußten sich keinem Gottesurteil fügen, auch keinen Zweikampf austragen, um Schuld oder Unschuld zu erweisen. Bei Streitigkeiten reichte ein Eineid (Eid ohne Gegenbeweis, daß der Beeidende ein freier Mann und keines Grundherrn Eigenmann sei) hin. Diese Privilegierung der magdeburger Kaufleute sicherte ihnen eine gewisse Vorherrschaft im gesamten Reich.
Otto II. von Brandenburg aus dem Hause der Ballenstedter führte um 1190 einen Streit mit dem magdeburger Erzbischof. Otto II. hatte dem Kaiser Heinrich VI. Beteiligung am Kreuzzug zugesagt, sein VERSPRECHEN aber nicht gehalten. Daraufhin bannte ihn der magdeburger Erzbischof. Otto II. lachte darüber und prahlte vor Tisch, daß man Gott versuchen könne, denn der würde verhindern, daß selbst ein Hund keine Speise von einem Gebannten nähme. Er warf einem Hund ein Stück Fleisch zu. Der HUnd nahm es nicht. Otto II. steckte den Hund drei Tage weg, aber der Hund weigerte sich weiter, das Fleisch zu fressen. Nun lenkte Otto II. ein. In der magdeburger Domkirche (nicht dem Dom, der erst später gebaut wurde) übergab er alle anhaltischen Familiengüter dem Erzbischof, bedang sich aber aus, daß der Erzbischof ihn und seine Erben umgehend wieder in seine Rechte einsetzen würde. Dem Erzbischof war es recht, und er löste den Markgrafen vom Bann und dem Versprechen auf Mitfahrt nach Palästina. Otto II. konnte sich nun gegen den Dänenkönig wenden, der Otto II. im Norden angegriffen hatte.
Am Anfang des 13. Jahrhunderts stieg Magdeburg zu einem europäischen Rechtsvorort auf, welcher das geltende Stadtrecht für ganz Mittel- und Osteuropa bestimmte. Kaufleute und Siedler verbreiteten das Magdeburger Stadtrecht ostwärts der Elbe bis weit nach RUßLAND. Jetzt begann auch der Bau des gewaltigen Domes als Sinnbild einstiger und neuer magdeburger Größe, der erste gotische Dom in Deutschland, nachdem der ottonische DOM im Jahr 1207 einem Brand zum Opfer gefallen war.
Das neue Bürgerrecht verbunden mit dem Magdeburger Kaufmannsrecht wurde als Magdeburger Recht bis zum 16. Jahrhundert zum Stadtrecht in rund 600 Neugründungen und bereits bestehenden Orten Mittel- und Osteuropas. Die Gemeinschaft der sogenannten Magdeburger Stadtrechtsfamilie reichte über Leipzig, Berlin, Breslau bis kurz vor Moskau. Bis zum Ende des 16. Jahrhundert kamen Schöffen aus der gesamten Stadtrechtsfamilie an die Elbe, um sich Rat und Belehrung zu holen. Die Zeitgenossen nannten dies den Magdeburger Rechtszug zum Haupt und Schirm Magdeburg.
Der bei Magdeburg verfaßte Sachsenspiegel des Eike von Repgow war gleichzeitig zum Landrecht in Mitteleuropa und im Baltikum ge-worden. Er galt mancherorts bis zur Einführung des heutigen Bürgerlichen Gesetzbuches am Beginn des 20. Jahrhunderts. Am Anfang des 16. Jahrhunderts lebten 35000 Menschen in der Stadt. Der Ost-West-Handel und der Handel auf der Elbe, besonders der Getreidehandel, hatte den Patriziern und Bürgern der Stadt Reichtum verschafft. Der Wasserweg stellte in dieser Zeit den wohl wirtschaftlichsten Handels- und Transportweg dar. Selbst Kaufleute aus Braunschweig schafften ihre Waren zunächst nach Magdeburg, um diese von hier auf der Elbe nach Hamburg und dann weiter übers Meer nach Frankreich oder Polen, oder elbaufwärts nach Böhmen zu transportieren.
Nachdem der alles überragende Dom nach über dreihundertjähriger Bauzeit um 1520 vollendet war, wurde die Domstadt schnell zu einem Machtzentrum der Reformation. Der damalige Erzbischof, Albrecht von Brandenburg, hatte noch im Jahre 1517 den berüchtigten Ablaßverkäufer Tetzel nach Magdeburg geholt, um durch diverse Einnahmen seine beim Kauf des Amtes entstandenen Schulden zu tilgen.
Ein ehemaliger magdeburger Schüler, dann Mönch in Erfurt und nunmehr Professor im nahen Wittenberg, argumentierte mit 95 Thesen gegen den Ablaßhandel in Magdeburg. Im APRIL 1521 erklärte Martin Luther vor dem Reichstag in Worms: Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Kaiser Karl V. verhängte die Reichsacht über ihn, und das Wormser Edikt verbot jede Erneuerung der Kirche. Als später die LUTHER zugeneigten Stände den Reichstag unter Protest verließen, beim REICHSTAG 1529 in Speyer, war der Protestantismus endgültig geboren.
Der Protestantismus, eine Weltergreifung, wie sie dem sturen Magdeburger nicht besser auf den Leib geschrieben sein konnte: Man verwarf die mittelalterliche Teilung des Regiments über die Welt in die beiden Reiche, indem der Glauben als aktives Schaffensmoment der gesamten Person begriffen wurde, die keines Reglements durch Priester bedarf. Der Mensch wurde frei, der schaffende Mensch war geboren und konnte Güter schaffen, sich entfalten ohne Druck durch ein Zwingregiment, gar einen Ablaßverwalter im fernen Rom.
Magdeburg wurde die erste große STADT des Reiches, welche zum PROTESTANTISMUS übertrat! Der ausbrechende Bauernkrieg beschleunigte die Ereignisse, im August 1525 setzte die protestantischen Kräfte in Magdeburg Freiheiten und Rechte gegen den Erzbischof durch, welche die Stadtväter als Beginn einer städtischen Reichsfreiheit erstanden.
Nach dem SIEG des Kaisers über das HEER der protestantischen Fürsten und Städte bei Mühlberg 1547 im Schmalkaldischen Krieg wurde Magdeburg mit der Reichsacht belegt, weil es seine Tore dem Kaiser nicht öffnen wollte. Zahllose Protestanten hatten hier Zuflucht gefunden. Der Exekutor der Reichsacht, Kurfürst Moritz von Sachsen, begann im Oktober 1550 eine merkwürdige Belagerung, die von Wilhelm Raabe in Des Herrgotts Kanzlei beschrieben wurde. Er blockierte Magdeburg, vermied aber jeden Kampf mit der Absicht, die mächtige Stadt als Basis für seinen Abfall vom Kaiser zu gewinnen. So kam es nach etwa einem Jahr zu einer Scheinkapitulation, welche der Stadt ihre Stellung und Macht beließ. Magdeburg wurde zu einem Stützpunkt der protestantischen Fürsten, die Anfang 1552 erneut gegen den Kaiser rebellierten. Am Ende stand der berühmte Augsburger Religionsfrieden von 1555.
In dieser Zeit hatte bereits ein gewisser Niedergang der Magdeburger Wirtschaftskraft begonnen, da der Ost-West-Handel Leipzig zu bevorzugen begann, Hamburg zum übermächtigen Konkurrenten im Getreide- und Seehandel aufgestiegen war und die kostspieligen Rüstungen gegen Kaiser, Erzbischof und andere Feinde die Stadt übermäßig beanspruchten.
63 Jahre nach dem Abschluß des Augsburger Religionsfriedens eröffneten die Habsburger den Kampf um die Schaffung eines katholischen Großreiches deutscher Nation, was für Magdeburg mit einer Stunde Null enden sollte: Im Sommer 1630 war der Schwedenkönig Gustav Adolf II. als selbsternannter Schirmherr aller Protestanten in der Odermündung gelandet. Am 30. März 1631 begann der kaiserliche Feldherr Graf Johann Tilly die Belagerung Magdeburgs. Die Magdeburger hofften verzweifelt auf Entsatz durch Gustav Adolfs Truppen, mit dem sie sich sofort verbündet hatten, um ihre eben erst errungene Unabhängigkeit gegen den Kaiser zu verteidigen. Aber der schwedische König vertrödelte die Zeit mit Verhandlungen und dem Ausbau seiner Herrschaft in Norddeutschland. Magdeburgs Stadtkommandant von Falkenberg hatte zu wenige Soldaten zur Verfügung. Am 10. Mai glückte der Sturm der Kaiserlichen, als General Pappenheim eine Lücke in der nordöstlichen Stadtbefestigung entdecken konnte. Die siegestrunkenen Truppen richteten in der eroberten Festung ein Blutbad an, etwa zwanzigtausend Magdeburger starben. Domprediger Bake konnte durch einen Kniefall (und finanzielle Versprechungen) vor Tilly das Leben der viertausend im Dom eingeschlossenen Magdeburger aus zumeist reichen Familien sichern. Ein ausbrechender Großbrand vernichtete fast die gesamte Stadt bis auf den gewaltigen Dom. Durch die sogenannte Magdeburger Hochzeit gingen Tilly die Früchte des Sieges wieder verloren. Schleunigst mußte der kaiserliche General unter Ausdruck seines persönlichen Bedauerns für das befohlene Gemetzel die verwüstete Stadt verlassen.
Von dieser Zerstörung sollte sich Magdeburg kaum jemals erholen. Zwar schritt der Wiederaufbau unter dem berühmten Physiker und tat-kräftigen Bürgermeister Otto von Guericke rasch fort, die neue Stadtanlage erhielt ein heute noch modernes Konzept mit großen Karees und breiten Straßen. Aber die jetzige Wehrlosigkeit ließ Magdeburg zu einer leichten Beute für den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. werden, der im Westfälischen Frieden die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg erhalten hatte. Bereits 1666 besetzten brandenburgische Truppen gegen den Protest der Magdeburger die Stadt. 1701 wurde Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der alte Dessauer, Gouverneur der neuen preußischen Festung, welcher nebenbei den Gleichschritt beim Militär einführte und dafür verantwortlich zeichnet, daß neue Häuser in Magdeburg seit 1720 mit einem gelblich-weißen Anstrich zu versehen sind. Er baute Magdeburg in seiner bis 1747 dauernden Ägide zur stärksten preußischen Festung aus. - Der Status einer Festung verhinderten Handel, Kultur und Bildung.
Im Oktober 1806 hatte Kaiser Napoleon I. bei Jena die preußische Armee empfindlich geschlagen, und in den nächsten Wochen kapitulierten fast alle preußischen Festungen, oft nur vor wenigen französischen Soldaten. So ergab sich am 8. November 1806 die mächtigste preußische Festung Magdeburg mit über zwanzigtausend Mann Besatzung kaum siebentausend Franzosen. Keine Kampfmoral?
Magdeburg wurde die östliche Grenzstadt des eigens für Napoleons Bruder Jérôme errichteten Königreiches Westphalen und Hauptstadt seines Elb-Departements. Von dort aus rückten 1813 etliche Truppen der Rheinbundstaaten aus, um gegen die Patrioten zu ziehen. Bis zum Mai 1814 blieb Magdeburg von Napoleons Soldaten besetzt, welche die Bewohner ausplünderten und in der Stadt zahllose Verwüstungen hinterließen.
Der Wiener Friedenskongreß von 1815 sprach dem wiedergeborenen Preußen den Großteil seiner Gebietsverluste von 1807 wieder zu, auch Magdeburg wurde wieder preußisch. Preußen liebäugelte mit dem Gewinn ganz Sachsens, aber Österreich, Frankreich und England wollten das nicht hinnehmen – das mit Preußen auf Gedeih und Verderb verbündete Rußland riskierte deswegen keinen Krieg, also gab es Kompromisse. Unter Einschluß bisher sächsischer Gebiete entstand die preußische Provinz Sachsen, die Vorläuferin des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Magdeburg wurde der Sitz des Oberpräsidenten. Aber die Stadt blieb preußische Festung, erst 1912 wurde der Festungsstatus aufgehoben. Bis dahin nahm Magdeburgs Industrie einen gewaltigen Aufschwung. Von 1817 bis 1848 regierte ein großer Bürgermeister, August Wilhelm Francke, welcher u. a. mit dem berühmten Gärtner Peter Joseph Lenné die großen Parkanlagen im Herrenkrug, im Vogelsang und im Klosterberge-Garten schuf. Bereits 1838 erreichte die Eisenbahn die Stadt, als Verlängerung der ersten deutschen Fernbahn von Dresden nach Leipzig. Durch die Weiterführung nach Berlin, Hannover und Hamburg entstand ein großes Eisenbahnkreuz in der Mitte Deutschlands.
Elbschiffahrt und Eisenbahnkreuz wurden zu Impulsen für den industriellen Aufschwung. Nach 1840 entstanden in Magdeburg zahlreiche Unternehmen vom Maschinenbau bis zur Chemieindustrie. Im Jahr 1855 gründete Hermann Gruson in Magdeburg eine Maschinenfabrik, welche im Zuge der Vereinigung mit den Magdeburger Krupp-Werken 1886 zum größten Industrieunternehmen Mitteldeutschlands aufstieg. Im Jahr 1862 wurde die erste eiserne Elbbrücke errichtet. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 verlor die Stadt endgültig militärstrategische Aufgaben. Magdeburg lag nunmehr mitten im neuen zweiten Reich und mußte keinen Angriff befürchten. Und so konnte die Stadt wachsen und sich neu orientieren: Wirtschaft und Handel wurden wichtiger und wichtiger. Bis 1886 entstand auf der Rotehorn-Insel einer der größten Landschaftsparks Deutschlands. Magdeburg war zu einer Industrie- und Verwaltungsmetropole Mitteldeutschlands mit über 100000 Einwohnern geworden, aber auch zu einer gepflegten Stadt mit großen Parks und vielen Erholungsstätten. Mit der AUFHEBUNG des Festungsstatus im Jahr 1912 bekam die Stadt Freiraum für die jetzt bereits über 280000 Einwohner. Allerdings prägen die Folgen der Festungszeit die Domstadt bis heute. Das Bildungsbürgertum blieb ihr fern, eine Universität aller Wissenschaften konnte erst 1993 gegründet werden.
Magdeburg blieb also eine Soldaten- und Beamtenstadt mit starker proletarischer Beimischung. Vielleicht veranlaßte diese bizarre Mischung den Philosophen Theodor Lessing dazu, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu folgender Aussage: Das Gesicht der Stadt Magdeburg kann ich nicht erkennen. Sie trägt eine Maske aus gelbem Backstein. So blickt ein Beamter, der niemals Mensch ist.
Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich Magdeburg zu einer bedeutenden Messestadt, zahllose große Industrie- und andere Messen fanden auf dem Ausstellungsgelände im Rotehorn-Park statt. Magdeburg wurde durch den Bau des Mittelland-Kanals zu einem norddeutschen Wasserstraßenkreuz. Auch die Autobahn Hannover-Berlin tangierte die Domstadt.
In Magdeburg fand der berühmteste Prozeß der WEIMARER REPUBLIK statt, der Verleumdungsprozeß, den der Präsident der Weimarer Republik, Friedrich EBERT, gegen die seinerzeit rechte Mitteldeutsche Zeitung (MDZ) aus Halle in der Saale und die in Staßfurt ansässige Mitteldeutsche Presse führte und gewann. Das Gericht verurteilte Emil Hottenrott, den mutmaßlich von Hugenberg vorgeschobenen Prokuristen der MDZ, der sich durch Flucht dem Urteil entzog, und Rothardt, einen Redakteur der Mitteldeutschen Presse aus Staßfurt, der der DNVP nahestand, zur Widerrufung ihrer Behauptungen gegenüber dem Reichspräsidenten.
Der zweite Weltkrieg sollte den Aufstieg der Stadt beenden, welche damals ca. 335000 Einwohner zählte. Am 16. Januar 1945 wurde in diesem kriegsverbrecherischen Akt die wehrlose Stadt durch anglo-amerikanische Bomber fast völlig zerstört. Über sechstausend Einwohner starben. Unersetzliche Bauten wurden zerstört, neben großen Kirchen auch die schönste Barockstraße Deutschlands, der Breite Weg, u.a. Namensgeber des Broadway in New York, wo alljährlich die Steubenparade zu Ehren eines berühmten Magdeburgers stattfindet. Im April 1945 sprengten Wehrmachtkommandos die Elbbrücken, kurze Zeit später war die tausendjährige Herrschaft des Dritten Reiches vorbei. Magdeburg wurde nach kurzer amerikanischer Besetzung gemäß den Bestimmungen von Jalta und Potsdam Stalins Imperium eingegliedert.
Die fünftgrößte Stadt der neugegründeten DDR erlangte 1952 den Rang einer Bezirkshauptstadt und erhielt die westlichste Großgarnision des russischen Reiches, das derzeit Sowjetunion hieß. Der Wiederaufbau ging schleppend voran, erst nach 1960 war die Innenstadt zu großen Teilen neugebaut, klotzige Stalinbauten und Neublockensemble eines sehr eigenen Schönheitsempfindens künden von der ewigen und drängenden Kraft der jugendlichen Sozialisten, die sich das ausdachten. Die Jahre der DDR konnten am magdeburger Naturell nicht viel verändern. Im Gegenteil. Die besondere Eigenart der Magdeburger, eine Weltwahrnehmung zwischen hyperkritischer Genauigkeit (stures Meckern) und Größenwahn, erhielt durch nur auf eigene Kraft zurückzuführende Leistungen besonderen Auftrieb. So gelang dem 1. FC Magdeburg mit einer Bezirksauswahl nicht nur die Erringung mehrerer Meisterschaften und Pokalsiege im eigenen Land, sondern auch als einzigem Verein der DDR der Gewinn eines Europapokals. Ähnliche Erfolge feierten Handballer, Schwimmer und Radfahrer. Immer vorne wech, wie der Magdeburger sagt. Das magdeburger Naturell, das über bloße Reaktivität hinausreicht, verhinderte bis vor kurzem eine ANPASSUNG an die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, so daß der ruhmreiche Verein als einziger bedeutender Club der DDR bis 2015 keinen Profifußball erlebte.

Ausblick: Magdeburg, die alte Kaiser-, Festungs- und Industriestadt an der Elbe, hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Zäsur und Wendepunkt bildete die Magdeburger Hochzeit, die Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg, welche mit der anschließenden Expansion Brandenburg-Preußens den weiteren Aufstieg der Elbestadt verhinderte. Magdeburg fand erst im neunzehnten Jahrhundert wieder eine Alternative als bedeutender deutscher Industriestandort und als Metropole Mitteldeutschlands. Doch dieser Aufstieg war spätestens 1945 erledigt. Die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, den Anfang machten anglo-amerikanische Bomber, den Rest besorgten Städteplaner im Dienste des großen Stalin. Von diesen Schlägen hat sich Magdeburg bis heute nicht erholt. Es ist allerdings aufgrund der verkehrspolitischen Lage und vor allem aufgrund des betriebsamen Naturells des magdeburgisch-ostfälischen Menschenschlags zu erwarten, daß Magdeburg in der europäischen Ordnung seinen Platz finden wird.
Früher oder später. Vielleicht sogar früher, wie die Entwicklungen der letzten Jahre mutmaßen lassen. Tun wir das unsrige! (Knorr)

Magdeburger Börde

- fruchtbarster BODEN der WELT: Schwarzflöß, wie er an Gebirgen zugekehrten Seiten oftmals auftritt
- erstreckt sich westlich von Magdeburg Richtung Harz

Magdeburgisch

- ostfälische Mundart: palatalisierend, breit, vermengend → das MAGDEBURGISCHE

magdeburg.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:16 (Externe Bearbeitung)