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MANN

- von Natur zur Herrschaft über das Weib gesetzt → muß in Ehe diese Herrschaft erweisen (Aristoteles)
- Genuß des Augenblicks
- subjektiv-individualistisch
- physische Kraft
- bedarf geoffenbarter Mysterien, weil nicht gegeben, sondern gemacht (Bachofen)
- Klarheit, Objektivität, aber seine Seele vermag sich nicht durchzusetzen → bleibt unfrei (Bäumler)
- ist entweder ein Hase, ein Stier oder ein Pferd (Gordon)
- Titan, Prometheus, Arier
- bei dem Versuch, über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen begeht er den titanisch-notwendigen Frevel des strebenden Individuums, d.i. ein Urphänomen (Nietzsche)

Ernst Mann

um 1930
Schriftsteller
- trat im Sinne der nationalsozialistischen Euthanasieüberlegungen für entsprechende Handlungen bei Kranken ein und führte seine Überlegungen publizistisch aus → Teilvorstellung dessen im Reichstag durch den kommunistischen Abgeordneten Gräf

Mann vs. Frau

- durch den Mann erhält die Frau das Leben (Bachofen)

gemeiner Mann

- der Bauer, der Bürger der landsässigen Stadt, der von reichsstädtischen Ämtern ausgeschlossene Städter, der Bergknappe (Blickle)

Heinrich Mann

1871-1950
- kein Ziel in der Biederkeit der Lübecker Patrizier
- Italien: um 1890 Erlebnis des ewig jünglingshaften Volkes
- Sympathie für das Renaissancebild Nietzsches: Geschichtsbewußtsein
- Begeisterung für die italienische Malerei: Einfluß des Pittoresken
- Loslösung vom determinativen Kausalismus
Thomas: Heinrich ist Civilisationsliterat → Zivilisation: u.a. Klopapier; Kultur: u.a. Beethoven

Geist und Tat

1910
- der Autoritätsmensch muß der öffentlichem Bewußtsein entspringende Feind sein
- die Vollendung des Geistes: Wahrheit und Gerechtigkeit ins öffentliche Bewußtsein transportieren
Deutschland: was anderswo gemacht wurde, hat man in der Theorie bereits überholt
- Deutschland hat keine große Nation, weil sich alles in den großen Männern ausdrückt. Der Typus des geistigen Menschen muß der herrschende werden. → hieran knüpft sich Thomas Manns Kritik

Thomas Mann

1875-1955
Schriftsteller
- las selektiv und assimilatorisch, wiedererkennend: das Fremde wird Eigenes (Dierks)
- fühlte sich von der Psychoanalyse lange (erstmalige Lektüre Freuds 1925/26) beunruhigt, verkleinert, sah eine Verletzung des Geheimnisses seiner Schöpfertat: mißbräuchlich ins Volk gebracht kann die Psychoanalyse zu einem Instrument boshafter Aufklärung, einer kulturwidrigen Manie der Enthüllung und Diskreditierung werden
- das sinngebende Prinzip seiner Dichtung: der politische Kampfruf der Humanität → der Mensch muß gedacht werden als ein dynamisches Drama zwischen Körper, Seele und Geist, als existierende Einheit und organische Totalität
- das Sehnsuchtsmotiv seiner Helden ist der Übergang von Bindung und Form in Unform (Hamburger)

Betrachtungen eines Unpolitischen

1918
- scharfe Abgrenzung von H.Mann - der sei französisierend
- warnt vor Umfälschung des Geistbegriffs; führt zur Terror der Vernunft → Unterscheidung von Geist und Politik
- Opposition von Freiheit und Stimmrecht; Kunst und Literatur; Seele und Gesellschaft
- Betonung der Rollenverteilung gewachsener nationaler Kulturen - Differenz selbiger
- Integrität der vielen Nationen durch Eigentümlichkeiten: Synthese der vielen
- die Demokratisierung des Reiches ist nicht aufzuhalten, aber vielleicht gelingt es, Dichtung, Musik und Philosophie weitgehend von politischen Einflüssen freizuhalten, so, wie das bislang geschah

Buddenbrooks

- Darstellungsform: ererbter, lebensnaher Naturalismus (Berger)
- sterben aus, weil sie geschwächt und degeneriert den Forderungen des Lebens nicht standhalten können
- musikalischer Pessimismus Schopenhauers, dazu die Verfallspsychologie Nietzsches → bilden Allgemeingut der Zeit und sind für Lübeck nicht spezifisch (Hamburger)
- geistig-seelische Selbstbewältigung
- der Verfall als Leitmotiv wird schließlich zum Schicksalsthema
- der Tod wird als Möglichkeit begriffen, zum Gegenteil der Möglichkeiten, dem Leben, zu gelangen
- Dekuvrierung der die Humanität zerstörenden Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft (Hermsdorf)

Personen

Johann sr.

- gesunder Egoismus und Tatkraft
- von moralischen Skrupeln verschonter, ungestörter Lebensgenuß

Johann jr.

- zwischen Geschäft und Religion nicht fest stehend
- uneindeutig in allem

Thomas

- das geistige Prinzip siegte zuungunsten des Lebensprinzips
- übertrieben elegant, feingeschliffen → lebensuntüchtig
- Dekadenzphänomenologie;
- federhalterkauernder Ästhet, der sich bei Lampenschein das Hirn mit nervenaufreibenden Problemen martert
- sein Tod ist Zufall (Zahnverlust), nicht strukturell und ästhetisch-innerer Ausdruck → Gegensatz zum Wahnsinn Myschkins bei Dostojewski (Rosenberg)

Essay zum Frühwerk

Dualismus von Künstlertum und Bürgerlichkeit. Sind das Kernbegriffe des jungen Thomas Mann? Das vorliegende Essay ist ein Tappen im Dunkeln des Labyrinths eines nur erahnbar Genauen, als das der Autor Manns Dichterwerk ansieht. Derweil könnte man gerade das Gegenteil davon annehmen, denn reflektierte Mann nicht selbst oft genug über seine Arbeiten? Viele Interpreten tappten deshalb in Manns Texten herum, um biographisch auszudeuten. Sie glaubten sich mit folgenden Argumenten ausgestattet:

  1. Das literarische Werk Thomas Manns wird getragen von bestimmten Konstanten - werden im Laufe der Arbeit noch deutlich -, die sich in immer neuen Modifikationen thematisieren. Es sind die wechselnden Perspektiven, die Gestaltung finden, seinen Geist uns dartun und im Vexierten doch Verständnis herbeiführen. Man ist das Versteckspiel von ihm gewohnt, erwartet es geradezu. Das ist ein Indiz für die auf der Hand liegende lebensnah gefärbte Betrachtung des Dichterwerks.
  2. In Manns Anfangsschaffen offenbart sich eine enge Verknüpfung von Lesen und Schreiben. Manns Forschen umkreist in den Jahren bis 1918 vor allem die Antithesen von Leben und Geist, Bürger und Künstler und schließlich Literat und Dichter. Er sucht in den Schriften der Vergangenheit und Gegenwart philosophische, Schopenhauer, und ästhetische, Goethe, Tolstoi und Fontane, Erklärungen, die in unmittelbarer Anwendung zu poetischen Bildern in seinen ersten Arbeiten führen. Das Augenscheinliche des jungen Manns ist Verzicht auf einen Konsens. Diesen Schritt wagt er erst - gereift? - 1918 in den „Betrachtungen“. Der junge Thomas Mann leistet Verzicht; seine Dichtungen sind Verdichtungen der genannten philosophisch-ästhetischen Väter, die oftmals ein konkurrierendes Dasein unmittelbar nebeneinander führen.

Wollen wir nun genauer prüfen, inwiefern diese Annahmen ungerechtfertigt sind: Manns Begriff vom „Leben“ ist Dilthey geschuldet und verbindet sich mit dem Bürgerlichen, einer bestimmbaren ethisch-moralischen Haltung, die ihren festen Grund im pragmatischen Naturell des vernünftigen Schaffens besitzt. Leben ist Anwendung pragmatischer Grundsätze. Im Leben stehen heißt, vernünftig zu sein: Das Gebot der Nützlichkeit jeglichen Handelns, verbunden mit Fleiß, Sparsamkeit und unbedingter Pflichterfüllung, ist seit dem 15. Jahrhundert höchstes Ideal bürgerlicher Tugend. In Opposition dazu steht das „Künstlertum“, welches sich an ästhetischen Maßstäben orientiert und alles Erleben dem reflektierenden Geist unterordnet. Und eben diese Schwierigkeit der Trennung ist es, die Mann über lange Jahre beschäftigt. Die Antithese ist ohne die These nicht denkbar, Leben bedarf des Geistes, Bergson, der Künstler des Bürgers, der Ästhet des Dilettanten, der Mensch des Teufels, der Mann des Weibs. Mann laviert zwischen den Phänomenen umher und versucht, sie in akzeptablen poetischen Bildern zu manifestieren, bezieht das seiner Zeit gegenwärtige Schaffen - décadence, Ästhetizismus, Dilettantismus - mit ein, vergißt darüber jedoch nicht, seine Wurzeln in den Altvorderen festzumachen. Einmal in die Tiefen geschaut, findet er sich wieder und beschreibt die Verästelungen eines Baumes, dessen Wurzeln vom Geist aus nicht allzuferner Vorzeit gespeist werden. Somit wird schon in den Jahren vor 1918 Manns konservative Weltsicht deutlich.

Einen Fixationspunkt dieser Auseinandersetzung mit den genannten Begriffen bildet seine Novelle „Tonio Kröger“ 1903, mit der ich mich jetzt näher beschäftigen möchte:

1. These: Das Nebeneinanderbestehen von eigentlich unversöhnlichen Positionen ist das wesentliche Wirkungsprinzip der Novelle. Mann geht es nicht um eine Versöhnung des Künstlers mit dem Bürger, um eine Aufhebung der Antinomie Kunst-Leben.
Mann vermochte es, bereits von seinen frühen Arbeiten komfortabel zu leben. Sein Arbeiten ist Produktion, Produktion von Kunst. Mit stetigem Fleiß und entsprechendem Arbeitsethos schafft er Kunst-Werke von höchster Qualität. Das ist Bürgerlichkeit im künstlerischen Schaffensprozeß. Doch ist diese Bürgerlichkeit des Künstlers verallgemeinerbar? Anders gefragt: Hat Thomas Mann jemals eine Aufgabe bürgerlichen Lebensformen ernstlich erwogen, z.B. im Falle ausbleibenden Erfolgs? Ist seine Problematik der Antithese Künstler-Bürger nur ein Experiment im Geiste, ein Vaihingersches „als-ob“?
In „Tonio Kröger“ gestaltet er auf exemplarische Weise die inneren Widersprüche im Typus des deutschen Bürgers aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, der am Ende eines zeitlichen Kontinuums steht, gleichsam mit einem Fuße noch in tradiertem Pathos schaffen muß und andererseits entbürgerlicht Schaffen im künstlerischen Prozeß sublimiert. Aus dem tagtäglichen Produzieren eines meßbaren Wertgegenstandes wurde die Repräsentation des Geistes in nicht klar definierbarer Unbemeßbarkeit. Mißt jetzt der Bürger als Künstler den Künstler als Bürger mit den Wertvorstellungen seiner Herkunft, so entsteht der Eindruck des Morbiden, der Zerrissenheit und des Verfalls.

Anmerkung: Die Künstler entstammten dem Bürgertum. Die Arbeiter hatten keine Zeit und keine Ausbildung zum Künstlertum, der Adel hatte sich schon längst überlebt, gleichwohl selbst zu Zeiten einer kraftvollen Aristokratie Künstler selten Adelsschößen entsprossen.

Wohlgemerkt, bei dieser Perspektive. Mann läßt sie zu, läßt sie stehen und wertet nicht neu. Nicht in seinem Frühschaffen. Die Dinge haben gleiches Gewicht. In seinen jungen Jahren entstand eine künstlerische Tendenz namens „décadence“, ein sich tragendes Bewußtsein von betroffener Weltferne gepaart mit Verlustängsten, Lebensferne durch Sinnenverlust, kompensiert durch Ausschweifungen und Stimuli etc. Stefan George und Rainer Maria Rilke, vergleichbare Autoren dieses Zeitalters, entschlossen sich zur punktuelleren Darstellungsform, der Lyrik. Die Mannschen Narrationen bedurften eines größeren Raumes und fanden ihn in den Möglichkeiten der Epik, als da wären

  • zeitabhängige Entwicklung;
  • Hinausgehen über Dramatisierung beziehungsweise alleinige Reflexion von Geschehen im lyrischen Ich;
  • Prozeßhaftigkeit von Geschehen auf mehreren Ebenen.

Mann nimmt einerseits Anteil an den Wirrnissen seiner Klasse, ist tatsächlich betroffen, doch andererseits schwebt er schon in einiger Höhe in seiner Riesenradgondel, so daß es ein als-ob bleibt, er auch nicht existentielle Gratwanderungen durchmachen muß: Er bleibt der Augenzeuge aller historischen und prähistorischen Zeiten, die sich in modifizierendem Gewande alten Inhalten annähern und deshalb geschaut werden können, bleibt bei Konstanten, die der Leser erwartet und die jederzeit abrufbar sind. Deshalb kann er die Antinomien nicht auflösen zugunsten einer von beiden, wagt nicht den dialektischen Schluß zu einem Dritten. Das widerspräche Schopenhauer und entspräche Hegel, zu dem Mann zeitlebens keine Beziehung aufbaut. Die Spannung seiner Schriften entspringt dem Beibehalten der Widersprüche. Der Leser wird in der sich ausloten wollenden Spannung gehalten, gewinnt in den Darstellungen breiteste Flächen und tiefste Räume, auf die sich's vorzüglich projizieren und in denen sich's phantasieumschlungen träumen läßt. So ergibt sich auch die Form, das Epische.
Ein zweiter Aspekt dieser Art von Weltbewältigung ist im Zeitgeist auszumachen. Es galt damals, den Widersprüchen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie nicht aufzulösen in einem tertium comparationis, einem vermittelnden Ausgleich von Interessen, wie dies heute oftmals als der Weisheit letzter Schluß gefeiert wird. Thomas Mann, der Künstler, ist kein unter den äußeren Zuständen seiner Gegenwart Leidender, sondern ein kosmisch Suchender, der zwar traurig ist über die immer wiederkehrende Eintönigkeit des Alltags, doch in seiner traurigen Einsamkeit den Geist ausdeuten kann. Thomas Mann, der Bürger, war ein Gefolgsmann Bismarcks, ein Bewahrer und Achter des Bestehenden, ganz gleich wie es sich zu gerieren gedachte.

Nun, „Tonio Kröger“! Eine Novelle. Eine Möglichkeit, in nicht ausgreifendster Form darzustellen, also zu experimentieren ohne letzte Verbindlichkeit. Das ist dekadent. Es befriedigt persönliche Bedürfnisse und stellt sie in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Mann reizt diese Stimmung im Ausgang des 19. Jahrhunderts, sie spiegelt seine eigenen Interessen wider wie sie das Zeitalter wiedergab. Er bewegt sich gegen sich selbst, aber auch gilt es zu sichern und zu bewahren. Zwar stören Mann einsame, empörte und von innen verzehrte Künstler, die hungrig und stolz im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen, doch er ist sensibel genug, um die Doppeldeutigkeit auch seines künstlerischen Wollens in historisches Kolorit, vergegenwärtigte Vergangenheit, tauchen zu können und in diesen Dekadenten eigene Wurzeln zu mutmaßen. Er fühlt sich verspätet und besitzt dennoch den Willen zum Leben, was ihn Künstler sein läßt. Sein Profit soll sublimiert sein in die Aufgabe der Verantwortung. Das ist mehr als die bloße l´art pour l´art-Courtoisie des radikalen Ästhetizismus. Doch das Bewußtwerden von Verantwortung ist eine spätere ironische Wendung im Mannschen Schaffen, die uns jetzt nicht interessieren soll.
Nun, „Tonio Kröger“!! Eine Neuigkeit. Formen wir sie in einen Satz um: Die Kunst ist eine Sache des Lebens, könnte dieser Satz lauten. Und jetzt wollen wir nicht im Mannschen Leben nach etwaigen Verbindungslinien suchen. Die setzen wir als gegeben voraus. Wie alle Menschen trägt ihn zuerst eine Art von Zerfallensein mit seiner eigenen sozialen Bestimmung in die Welt. Er sucht. Er hält Distanz, sprachlich manifestiert in der berühmten Ironie. Demungeachtet sucht er das Gegenteil, Herz und Würde. Er betrachtet; ungeachtet dessen sind es die Betrachtungen von Künstlern, die er mitteilt. So bricht sich die Distanz zugunsten von Sensibilität und Humanität. Ein einfühlsames Herz wird zerrissen von der kalten Welt, teilte es sich einfühlsam mit. Das Bild des kaltsinnigen Egoisten auf der einen und des feinnervigen Suchenden auf der anderen Seite; zwei Pole, die ihre Existenzberechtigung durch beidseitig geführte Ironie zugesprochen bekommen. All das sind Versuche zur Selbstbestimmung und Selbstbestätigung, mehr nicht und weniger auch nicht.
Nun, „Tonio Kröger“!!! Ein Fixationspunkt. Ein anzutreffender Mensch am Ausgang des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht hat Mann ihn selbst getroffen auf einer längeren Wanderung, vielleicht später als Aschenbach, da sein Weg ihn nach Italien führte, den Nordländer ins Sehnsuchtsland der Deutschen schaffte? Vielleicht wollte er der geographischen Dopplung seines Herkommens einen Nomen geben und äußerlich Teilhabe zelebrieren, vielleicht Zerrissenheit symbolisieren, vielleicht vielleicht vielleicht… Zwei Konstanten sind festzustellen: Erlebnishunger und die Gedankenwelt des Künstlers. Es ist das warme, holde, törichte Leben, wie es als Gegensatz dem Geiste gegenübersteht, das Mann manifestiert. Ein moderner Mensch steht da auf im „Tonio Kröger“, wahrlich ein gedoppelter als Angehöriger beider Welten, der eine nicht um der anderen Willen überwinden kann, was mancher Heiliger noch zu tun imstande gewesen. Der moderne Mensch kann es nicht mehr und belächelt alle, die es können, denn ihm ist Überwindung Verlust von Schöpferkraft. Ja, der moderne Mensch ist Angehöriger beider Welten, der des Willens und der der Ideen. Im Finden dieses Zwiespalts findet der Künstler Ruhm und Not, Armut und Existenz, Erkenntnis und Grenze. Es ist dies die Zeit, da für Thomas Mann Schopenhauer und Nietzsche zusammenfließen. War der metaphysische Trost zum Ende der „Buddenbrooks“ noch ganz und gar im Geiste Schopenhauers geschrieben, so tritt uns in der Modifikation des verirrten Bürgers in „Tonio Kröger“ eine schon beinahe glatte Figur im Geiste Nietzsches gegenüber, eine Figur, in der die Objektivationen des Willens mit denen der Erkenntissuche zusammenfließen und den neuen Künstlertypus bestimmen. Ergebnis ist der schaffende Künstler, der am Menschentum der Gegenwart verzweifelt, denn die will nicht begreifen, daß die Klüfte zwischen unreflektiertem Erleben und der Welt aus Wissen und Verstehen die Not des Künstlerdaseins ausmachen.
Die Entstehungszeit der Novelle ist gekennzeichnet von Manns Angst, ein Eckensteherdasein zu fristen, sehnsüchtig auf die vom Geist Unbeschwerten hinüberzuschauen, welche quasi die Antinomie zu seinem ängstlichen Selbstverständnis jener Jahre bilden. Die Sehnsucht bezieht sich jedoch nicht auf die Unbeschwerten selbst, sondern auf das Leben selbst, welches ihm einerseits Stoff zu bieten und andererseits Kraft genug für die andere Seite zu erbringen hätte. Mann sehnt sich zeitlebens nach dieser Kraft, da er des Geistes voll genug sich schien, woraus ein anderes Thema immer wiederkehrt: Einsamkeit. Doch ist die naheliegende Folgerung ins Allgemeine, ein allgegenwärtiges Niedergehen der Gesellschaft, als ein Thema Manns, nicht korrekt beobachtet. Die bürgerliche Welt ist bis heute nicht selbstvernichtet, schon gar nicht durch die in Manns Werken bestenfalls ein Randgeschehen einnehmenden Personen aus den unteren gesellschaftlichen Schichten. Nein, der allgemeine Niedergang kann nicht das alles überlagernde Thema sein. Es muß ein übergesellschaftliches Problem sein, vielleicht ein psychologisches?
Nehmen wir Nietzsches „Fall Wagner“ aus dem Drei-Kaiser-Jahr 1888. Wird da nicht der dekadente Künstler vorrangig als psychologisches Problem diskutiert? Das zum einen, dann geben zeitgenössische Tendenzen einen weiteren Aspekt wieder: Mann sei es gewohnt, sich symbolisch auszudrücken, eben als Künstler, schreibt er an den Verleger. Der König in „Tonio Kröger“ teilt mit dem Poeten die abgegrenzte und überhöhte Position gegenüber allem, was gewöhnlich und alltäglich ist. Das ist das psychologische Problem auch aus dem „Fall Wagner“, diese bedrückende und zugleich erhebende Ambivalenz des Künstlerdaseins. Das Thema ist der Künstler und sein Dasein, das Motiv die Sehnsucht nach dem normalen Leben, zu dem der Künstler eine zwiespältige Distanz hält, die bald ironisch bald wehmütig betrachtet wird. Das Ironische nennt er Literatur, das Wehmütige Dichtung; sich selbst fühlt er der Dichtung verpflichtet; den reinen Intellekt, der kühl und tot verfluchte Litteratur verfaßt, betrachtet er als verworfenen, ohne jedoch hölderlinsche Not dabei zu empfinden. Nein, der junge Thomas Mann ist kein Hölderlin, was man wegen der Emphase gegenüber Nietzsche doch beinahe vermuten dürfte. Mann lebt einhundert Jahre später und eine Dekadenzstufe höher; ihm sind modische Typen wie die des Bohemien, Ästhetizisten oder Dilettanten Abbilder der Wirklichkeit, zu denen er sich in vielfältiger Weise in Beziehung setzt und auch zu setzen weiß, denn alle diese Typoi sind Teile seiner selbst. Seine Beobachtungsgabe ist geschult an Bourget - „Théorie de la décadence“, 1881 -, wobei er in jungen Jahren schon eine Arbeitstechnik annimmt, die ihm in späteren Jahren manchen Vorwurf des Plagiats einbringen wird: Er transformiert wissenschaftliche Ergebnisse in Poesie. Das ist sein Wille, darin verbinden sich ihm Tradition und Gegenwart, darin findet er einen Ausdruck der Balance von Artistik und Bürgerlichkeit, keine Velleität wie bei obig beschriebenen kaltherzigen Ästhetizisten in kaltrauchigen Salons.
Nun, „Tonio Kröger“ zum vierten Male aufgerufen.

2. These: „Tonio Kröger“ ist Manns letzter Versuch, einen Künstlertypus zu beschreiben, der Schöpfertum und Bürgerethos vereinigen will.
Die Schilderung ist sympathetisch, doch der ästhetischen Werten verpflichtete Künstler wird in seiner Welt zunehmend fragwürdiger. Aschenbach und Dr. Faustus verlieren im gewöhnlichen Dasein alle sympathisch machenden menschlichen Züge und enden in einer Sphäre jenseits des Humanitären. Doch das ist vorgegriffen und soll bloß dem Kontrast dienen.
Der Text ist essayistisch mit einer lyrischen Melodie. Das Essayistische ergibt sich durch die antithetische Konstruktion. Das Lyrische ist die Verwendung von Leitmotiven und bildhaften Vergleichen. Die Handlung ist gewohnt schmal und zirkulär und entbehrt beinahe jeder Entwicklung. Die Figuren sind Illustrationen und sollen das Thema in ein anschaulicheres Licht setzen. Alles dreht sich um Geist und Leben.
Genauer: Leben ist das Wohlanständige und Liebenswürdige, das Bürgerliche eben. Geist ist Schaffen und Künstlertum, ist auch Kälte der Kunst, antithetisch begriffen und doch beides ineinander verbunden habend. Beide Begriffe gehen die verschiedensten Symbiosen ein. Schon der Titelname verbindet Attribute ehrwürdiger Bürgerlichkeit mit den typischen Begabungen eines Künstlers, verbindet norddeutsch-protestantischen Selbstbehauptungswillen in Verantwortung zu Gott und den Menschen - Kröger, Krüger, Krug: Zeichen für Wirtschaft - mit schweren träumerischen Lidern des Südländers, dessen sehnsüchtige Leidenschaft den vollkommenen Naturen gilt. Die Macht des Geistes also! Dieser Geist verwirklicht sich im Schöpfertum, welches eine Ganzheit wiedererwecken soll, die seiner Existenz abhanden gekommen. Ganzheit aber ist Geist und Leben, ist die Verbindung von kalter abstrakter Erkenntnis mit dem warmen sprudelnden Gestaden, die Lebensgeister wecken. Erst wenn das kalte Licht den dunklen Mutterboden erhellt, wird das Leben erträglich. Tonio Kröger ist kein Dilettant: sein Talent ist gepaart mit Gewissenhaftigkeit und großem Beharrungsvermögen, er ist zäh und von ehrsüchtigem Fleiß, hat Lust am Worte und der Form. Tonio Kröger ist sublimierte Leidenschaft am Leben.
Aber ist das nicht Ästhetizismus? Ja, doch. Man muß gestorben sein, um ein Schaffender sein zu können, muß ganz im Geiste aufgegangen sein und die Fähigkeit besitzen, den Frühling zu verdammen; man muß die Urwüchsigkeit des Lebendigen verachten können. Daß dann erst der Schaffende geboren ward, liegt nicht nur im Bereich des Möglichen. Es sind dies ästhetische Kontemplationen im Geiste Schopenhauers: Adalbert und Lisaweta leben eigentlich nicht, sie vertreten Positionen. Sie stehen still bei Schopenhauer; Thomas Mann alias Tonio Kröger ist den Schritt weiter zu Nietzsche gegangen. Er versucht, diese ästhetisierenden Ansichten an das gute und lebendige Leben zu binden, eine Interaktion aufzubauen, die aber keine Wertung schafft, sondern die zugespitzten Gegensätze beibehält. Zwar stellt sich der Titelheld dadurch in die Isolation der Einsamkeit, aber es ist eine hoffnungsvolle zugleich, denn diese Einsamkeit zielt auf den Ausgleich von Gegensätzen und Widersprüchen in ein harmonisches Ganzes und verschließt sich nichts Neuem. Das geht über den Ästhetizismus der Litteraten Adalbert und Lisaweta hinaus und könnte eine Kernaussage der Novelle sein.

Der moderne Künstler kennt die Schwäche des Geistes vor dem Leben, der reinen Natürlichkeit und schämt sich dessen. Die neue Dichtung erfordere den reinen Geist, wird behauptet, um beim Publikum erwecken zu können, was verlorenging: warmes, unmittelbares Empfinden. Von Schopenhauer zu Nietzsche. Der neue Künstler ist Schauspieler, ein großer Täuscher, er kalkuliert mit Effekten, um Ganzheit wiederherzustellen. Das Geschöpfte wird ein Konstrukt, wenn der Schaffende das Menschliche darzustellen wünscht, ohne am Menschlichen teilzuhaben. Der moderne Künstler schafft im Abgrund von Ironie, Unglaube - Bewußtsein einer verlorenen Totalität im Gewande des umfassenden Zweifels, der jedoch im Gegensatz zu Descartes vor dem eigenen Wirken nicht haltmacht - und Opposition - richtet sich gegen die vorhandene Ordnung, doch alles Handeln ist Sünde in den Augen des Geistes. Dort ist sein Zuhaus; Genie, Inspiration oder Irrationalität sind willkommene Dinge, zeichnen ihn jedoch nicht aus. Worauf zielt dieses Reüssieren? Auf die wohlbekannte Dichotomie: Zwischen Geist und Leben besteht jene Distanz, die durch Ironie überbrückbar scheint, doch tritt die geniale Reflexion hinter das Irrationale und der inspirierte Geist zerstört die Sinnlichkeit. Wohlgemerkt: die Rede war soeben vom Künstler, der in der Gesellschaft sein täglich Brot erwerben muß. Sein eigentliches Seyn ist damit längst nicht erfaßt. Das habe ich bereits weiter oben versucht.

Die gegensätzliche Parteiung gegenüber Lisaweta und Adalbert, Hans und Ingeborg, steht mit beiden Beinen fest im Leben. Tonio Krögers Liebe zu beiden ist eine ferne, die in der Welt des Ordentlichen und Gewöhnlichen ebensowenig Erfolg haben kann wie seine Distinguierung der Zigeuner. Was er den einen zuviel, hat er den anderen zuwenig. Er ist die Mitte von allem, ein Ausgestoßener und doch Inniggeliebter; jeder erkennt in ihm ein Stück seiner selbst und verstößt den fremden Teil, das andere, handelt mithin ganz menschlich, denn diese Prüfung hat der durchschnittliche Mensch noch nie überwinden mögen: das Fremde als kommendes Eigenes zu begrüßen. Vielleicht ist Tonio Kröger so ein gut Stück Deutschtum, die Mitte, das Artistische des Ausgleichens, das Ungewollt-Geliebte, das Unausgewogene und Zugebende jeglicher Position, die Verbindung aller Gegensätze in einem harmonischen Ganzen? Daß diese Möglichkeiten an Einsamkeit gebunden scheinen, betrübt, ist jedoch im weiteren Kontext der Mannschen Entwicklung - v.a. die „Betrachtungen“ - In diesem Buch beschreibt Mann das Deutschsein als das Pathos der Mitte! - plausibel.

Heute müßte eine Definition des Deutschseins anders ausfallen. Es wäre sicherlich aufschlußreich, einmal zu prüfen, inwiefern sich damalige Selbstinitiationen von heutigen unterscheiden.

Doch damit nicht genug. In Thomas Mann gären diese Gedanken, sie sind noch nicht klar formuliert in einer deutlichen Aussage. Wie auch? 1903. Der Mann ist gerade 28 Jahre alt. Außerdem fordert das Zeitalter der décadence die Abbildlichkeit des dekadenten Künstlertypus. Die äußerliche Gestaltung des Titelhelden entspricht also der Mode: Zartheit, mangelnde Stärke und Durchsetzungskraft prägen das Bild, dazu Termini wie Abbröckeln und Zersetzung, um den Zustand wiederzugeben, in dem sich Tonio Kröger befindet. Damit beschreibt Mann wortgetreu das Phänomen der décadence. Auch das Modewort nervös wird des öfteren angewandt. So wird eine Kausalität herbeigeredet - zumindest könnte man den Eindruck gewinnen -, die Künstlerschaft erst in dem Maße zugesteht wie Gesundheit geschwächt ward.
Zurück zu den Begabungen des Tonio Kröger. Es sind die Möglichkeiten zu tausend Daseinsformen, die ihn auszeichnen. Er vereinigt die Fähigkeit der verfeinerten Wahrnehmung- das ist keine Fertigkeit! -, dazu die Gabe der klaren Erkenntnis. Das sind Charakteristika aus klassischer Zeit, beinahe griechisch. Augen sehen, ein Motiv. Gestalten gestalten. Der träumerisch dreinschauende Tonio Kröger eröffnet sich Einsichten bis auf den Grund der Dinge und versucht die analytische Selbstverständigung, Kapitel 4:

  • daß seine tausend Möglichkeiten im Grunde tausend Unmöglichkeiten sind;
  • daß die Hinwendung zum Geiste die Grunderkenntnis birgt, die Welt bestehe aus Elend und Komik und
  • daß nichtgelebte Zeit zur Erstarrung führt.

Ergebnis dieser Selbstverständigung: Erkenntnisekel, Ekel vor dem Festlegen und Begrenzen, der Gefangenschaft in den eigenen Worten, die Bürgerlichkeit manifestieren. Der Mensch aber will! Er will Grenzen überwinden, ständig, und nicht zurückgeworfen sein unter das Limit. Thomas Mann legt sich die Meßlatte hoch, linst ab und an darüber und fällt doch immer wieder unter sie zurück. Vielleicht ist auch dies eine Formel des Deutschseins!?

Das Leben ist unvollkommen, kann jedoch nicht verändert werden, weil des Menschen Blick, erblindet von Empfindung, sich bricht. Der Mensch weiß und ist gelähmt. Das Selbstverständliche seines Tuns ist gehemmt durch den immerwährenden Zweifel dialektischen Erkennens. Die Sprache wird zum Vehikel, die Gefühle zu erledigen (ein späteres Motiv im „Zauberberg“), aber Tonio Kröger hofft immer noch, der Kälte des Geistes zu entfliehen, indem er seine Liebe zum Leben bekennt. Letztlich ist das eine unverhoffte Schwärmerei, sich im Reiche der Sehnsucht zu sielen an den ewigen Gegensätzen, die erkannt, nur ebenjenen Ekel hervorrufen, der erst entsteht, wenn die Unmöglichkeit eines Überwindens logische, irrationale und verstandesmäßige Klarheit besitzt.
NEIN!
Tonio Kröger wendet sich ab vom dilettierenden Literatentum und stellt sich den Widersprüchen. Er kann den Weg zu seinen biederen Vorfahren nicht wieder zurück gehen, doch glaubt er an die Formel des bürgerlichen Künstlers. Die Bürgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen, von der Tonio Kröger in seinem Brief an Lisaweta schreibt, sind keine originären Gefühle, sie sind ihm überkommen aus einem Vorvergangenen. Die Novelle endet nicht mit einer Neuigkeit, sie zeigt die doppelte Optik, eine veränderbare Perspektive als Möglichkeit von Veränderungen überhaupt. Tonio Kröger setzt die Akzente neu, indem er aus dem Geschehen beinahe heraustritt, um die Funktion des Konstrukteurs zu übernehmen. Das ist schlechterdings ein Auftrag an den Leser, eine ironische Desillusionierung.

Friedrich und die Große Koalition

1915
- Manns geistiger Beitrag zur Kriegsführung
- Vergleich zwischen dem Krieg 1756-63 und dem Ersten Weltkrieg: Mann deutet den Durchmarsch durch Belgien als Defensivaktion und vergleicht die deutsche Lage 1914 mit der Bedrängnis Friedrichs des Großen 1756
- Spengler spielt hinein und dessen Vorurteil eines Fatalismus in der Geschichte, wofür sich Mann anfänglich begeisterte

Joseph und seine Brüder

Bauprinzip des Romans: oben und unten verbinden, Henoch und Hermes
- Arbeit am Roman der Seele
- Darstellungsform: mythologisch
- Idee des Buches: der Mensch an sich im platonschen Sinn → Joseph ist das Geheimnis des Menschenwesens, das Alpha und Omega
- Mann ist gegen die materialistische Geschichtsauffassung, gegen Evolution- und Deszendenztheorien und gegen politisch-ökonomische Gesellschaftstheorien
- Stoff bilden hier die Brüder selbst, die Ägypter und die Märchenwelt Ägyptens aus der Sicht eines Nomadenvolkes → das Israel Jakobs fließt in unveränderlichen Zeitläuften; das Ägypten Josephs ist geprägt von der arbeitsteiligen Gesellschaft, vom ständig Neuen
- Mann will dahin zurückkehren, wo das Menschsein seinen Anfang nimmt, in den Mythen → er verwendet den Begriff Mythos ebenso wie Nietzsche als Philosophem, er will eine Verbindung aus Mythos und Logos schaffen, deshalb muß er zu den Anfängen zurück → er nähert sich im Mythos der Ur-Einfalt geheimnisvoll vorgeprägten Lebens
- Mann will den verborgenen Sinn ans Licht holen → Mann geht der Frage nach, wie sich Geschwisterhaß bilden kann, aber im Roman erlischt das Schema der feindlichen Brüder
- die sinnhaften Hintergründe bestimmen den Aufbau des Romans, nicht Romantheorien
- eine inkommensurable Dichtung, dennoch ein Bibel-Roman mit der Idee der Vergegenwärtigung
- keine Rahmenerzählung, sondern gleich der Sprung in die Vergangenheit
- der Stoff dient hier der Rekonstruktion der historischen Wirklichkeit, nicht der gegenwärtigen Wirklichkeit wie noch in den Buddenbrooks oder im Zauberberg → d.i, die Steigerung des Dichterischen (Berger)
- Thomas Mann beantwortet seine Auseinandersetzung mit der Philosophie in der Weise, daß er vom metaphysischen Determinismus Schopenhauers zum subjektiven Akt des amor fati Nietzsches übergeht; der nunc stans des Zauberbergs wird zur reinen Weltimmanenz, d.i. di Ersatz für die Wiederkehr des Gleichen
- gegen Schopenhauer artikuliert Mann eine Abkehr von dessen antiindividueller Lebensverneinung
- gegen Nietzsche artikuliert Mann, daß das Individuum die ewige Wiederkunft des Gleichen bewußt wolle → d.i. Goethes Bild der Metamorphose, der geistverstärkenden Wiederholung des Lebens (Dierks)
- konstitutiv für den Roman ist Bachofens Geschichtskonzeption
- kein Roman, an dem sich Realitätsprobleme oder Widerspiegelungsdebatten exemplifizieren ließen
- das Spiel des versatilen Erzählers statt dessen Ausschaltung ist der erzähltheoretische Grund der Darstellungstechnik, so daß die Erzählung zugleich quillt und sich erörtert (Heftrich)
- Buch des Anfangs (Mayer)
- Mann richtet sich mit seiner Darstellung des mythischen Stoffes gegen die intellektfeindliche Romantik Klages', gegen die phallische Verherrlichung des Gefühlsketzers von Soana, Hauptmann, und auch gegen den albernen Selbstverleugner Benn (Wysling)

Konstruktion des Romans

  1. Schopenhauers Metaphysik mit der Ubiquität des Willens
  2. nunc stans – Gedanke
  3. Ideenhierarchie
  4. Prinzip der doppelten Optik: a. Willensmetaphysik; b. Abspiegelung im Raum/Zeit-Denken → der Mythus wird Produktion approximativer Metaphysik (Spekulation an den und über die Grenzen der Empirie)

→ Beweis der naturhistorisch-metaphysischen Wahrheit a la Dacque: Mann übernimmt Dacques physikalisch-metaphysische Doppelperspektive samt der Konstruktion der Wiederkehr der Identifikation durch subjektive Zeitverkürzung, z.B. im Traum
- beschreibt die Wiederkehr des Immergleichen als orphische Apokatastasis (Erneuerung der Welt – die Gestirne stehen alle 24000 Jahre an der gleichen Stelle): Erneuerung des Lebens (nem-duch) und Wiederholung des Gewesenen (nem-masu)

Personen und Orte

Isaak

- betrachtet die Geschichte Abrams als zu seiner Lebensgeschichte gehörig → das nach hinten offene Ich

Jakob

- assoziatives Denken, bei dem sich seine Seele auf Schritt und Tritt durch Anklänge und Entsprechungen betroffen gemacht, abgelenkt und ins Weitläufige entführt wurde - Verbindung der Sondergeschichte des Stammes mit Mythenkomplexen anderer

  • § Adon - ägyptisch
  • § Adonis - griechisch
  • § Tammuz - phönizisch
Joseph

- übernimmt durch eine strengere, utilitaristischere Ausdeutung der Jakobschen Gottesgewißheit den Segen → wo Jakob ahnt, legt Joseph aus, d.i. eine modernere Prägung des Geistes, die das Vergangene kennt und den Segen vorwegnimmt, ohne ihn zu haben
- der Sturz in die Grube ist die Apotheose Josephscher Vorstellungen → der Brunnen ist nicht nur Motiv, sondern auch der Eingang zur Unterwelt, aus der Joseph erst wieder emporsteigen muß
- Jakob kehrt aus seiner Unterwelt, dem Labansreich zurück, und erfüllt den Mythus → Kehrt Joseph zurück?
- Joseph betrachtet den Mythus als Fiktion, d.i. eine humoristische Lösung der Frage nach dem wirklichen Segensträger Israels, denn Joseph bleibt vom Stamm Israel weltlich abgetrennt
Joseph fällt drei Mal:

  1. das verwöhnte Rahel-Kind fällt in den Brunnen
  2. eine subtilere Schuld trifft Joseph beim Fall nach der Mut-Episode
  3. der Fall des Judentums ins Materiale (keine Rückkehr?)

- der in der Genesis 49,25 als sterbender Joseph erteilte Segen ließ Thomas Mann das Herz aufgehen: Schreibmotiv fürs ganze Werk
- die Erklärung dessen, was der Mensch ist und soll, V 1422

  1. das Ich erfüllt sich durchs Besondere, die Form und das Überlieferte → dadurch wird dem Menschen das Gottessiegel zuteil
  2. das Musterhafte kommt aus der Tiefe und bindet
  3. das Ich kommt von Gott und ist frei
Mut

- vornehme Distanziertheit, Lebenswandel, Unantastbarkeit → sublimierte Funktion ihrer Wünsche und Triebe
- eine der Hathor geheiligte Kuh; Schöpfergottheit → körperliches Sein
- eine Heimgesuchte zerstörerischer Leidenschaft;
- subjektive Entsprechung des kollektiven, tellurischen Weibtums, das sich nach Verbindung sehnt mit dem rasenden Dionysos und darum selbst rasend wird (Dierks)

Petepre

- wurde kastriert, um sich mit Aton wieder zu versöhnen → Körper weg für Geist

Thamar

- ihre Geschichte wird um Judas, des Segensträgers, willen erzählt
- durch sie erlischt das täuschende Licht (Mythus) Israels → Geschichte beginnt als Trennung von heidnischer Umwelt

Adonishain

- soll deutlich machen, wie verbunden die Hebräer mit alten Riten sind → die Vorstellung des geopferten und zerrissenen Gottes, der in den Abgrund (Höllenfahrt) steigt, um daraus hervorzugehen und verherrlicht zu werden
- Opfer des eigenen Geschlechts, als Abram den eigenen Sohn opfern wollte und der Widder letztlich stellvertreterte → das Geheimnis der Stellvertretung

Technisches

Erzählsituation

- Einst → Zeitdünen (Lion), unermeßlich aufeinanderfolgend und gleich: oben ist die reale Erzählung, darunter das Essay; die tiefste Zeit wird eingeschoben erzählt: kein chronologisches Erzählen
- Atlantis
- Geschichte

Gestaltung

- szenisch
- parabolisch
- reflexiv

Funktion des Mythos

- sichert Erzählung und ist Erzählung
- ermöglicht Nachfolge: Vaterbindung, -nachahmung → die Tiefe der Vergangenheit sichert die Gültigkeit des Erzählten, wobei Hermes hier den Mittler zwischen den Welten abgibt

Bezug zu Ideenlieferern

A) Goldberg

  • Polytheismus wird zu Monotheismus
  • Auserwähltheit und Erfüllung
  • Sonderstellung der Hebräer in der Weltgeschichte (Volk=Gott)
  • zentrale Bedeutung der Reinheitsgesetze

- Goldberg-Thesen wurden eingearbeitet → Mann verneint Goldbergs jüdischen Faschismus, obwohl Mann selbst dem Judentum ambivalent gegenüberstand, da er den Auserwähltheitsdünkel der Juden ablehnte und zugunsten einer humanistischen Botschaft umformulierte
B) Kerenyi

  • Sach- und Problemgemeinschaft, die Wiedergewinnung vergangener Lebensformen im hypothetischen Roman beziehungsweise wissenschaftlichen Diskurs
  • wissenschaftliche Details werden in lustiger Exaktheit spielerisch gehandhabt → der Ernst ist der Boden des Spiels

Mythus-Theorie

- Mythus ist die unvordenkliche Prägung
- besitzt eine Spur in jedem Zitat individuellen Lebens → geschichtliche Aneignung durch die wahrgenommene Wiederholung des Bekannten, das vergegenwärtigt, also angenommen werden kann
- die Frage lautet: Wie kann der Mythus vermittelt werden?

  1. Blut, Abstammung
  2. Umgang, Sprache, Bildung
  3. beides
I.Prägung

- vor allem Handeln sind Geschichten: Erstmaligkeit ist eine Illusion
- im Fest kehrt der Mythos immer wieder als einmaliger Akt → kein Widerspruch!, denn d.i. die rollende Sphäre, die intransitive Form mythischer Wiederholung, die sich selbst wiederholende Form: dynamiz
- Erwähltheit ist der vertikale Anker des Mythus, ein elitäres Prinzip → Dünkel!

II.Vermittlung

- hochstaplerische Identifikation mit den Helden, die den Mythus weitertragen und in der Welt verwirklichen helfen
- durch Fest und Schule, die den Mythus vergegenwärtigen (besonders bei den Juden, die das persönliche Gespräch einer institutionalisierten Festivität vorziehen)
- die Mythen wirken unbewußt, hinzu tritt die kulturelle Vermittlung

III. Legitimierung

- bedarf des zitathaften Lebens, deshalb dazu zwei Voraussetzungen:

  • allgemein – Konzeption einer archaischen Bewußtseinslage und Ichkonstitution
  • spezifisch – Jakob (gehorsam gegenüber Gott) und Joseph (eher hoffärtig, deshalb Segensverlust) besitzen eine spezielle Veranlagung zur Wahrnehmung höherer Wirklichkeiten

Theologie des Romans

- die Grundidee dieser Theologie ist die Verleiblichung Gottes in der Welt bis zu ihrer (seiner in bezug auf Joseph) Rückkehr ins Metaphysische
- Joseph lebt das Schicksal der Welt: Knechtschaft, Erhöhung, Ernährertum

politische Konzeption Deutschlands

- Weltmitte, Weltgewissen, Bürgerlichkeit

Quellen

Erfaßt sind Werke, die mit Sicherheit als Quellen für den Joseph-Roman anzu­sehen sind, auch wenn unmittelbare Entlehnungen sich nicht nachweisen lassen. Nicht aufgeführt sind jedoch die für den mythologischen Aspekt des Romans unergiebigen Quellen. Den größten Teil von Thomas Manns Quellen hat Herbert Lehnert in zwei Untersuchungen veröffentlicht; über weiteres Quellenmaterial gibt die im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich aufbewahrte Bibliothek des Dichters einen umfassenden Überblick. In einigen Fällen werden die Quellenwerke nach einer anderen als der von Thomas Mann benutzten Ausgabe zitiert. Es handelt sich um Franz Bolls „Sternglaube und Sterndeutung“ (Thomas Mann besaß die 3. Auflage von 1926), um Jung/ Kerenyis „Das göttliche Kind“ und um Kerenyis Kore-Studie, die Thomas Mann in der Erstausgabe von 1940/41 (Albae Vigiliae VI/VII; VIII/IX) benutzte (zitiert wird nach der 2., erweiterten Auflage von 1941; s. unter Jung/Kerenyi, Einführung); um Walter F. Ottos „Die Götter Griechenlands“, um die „Sagen der Juden“, von denen Thomas Mann die Bände I—III der Ausgabe von 1919 besaß, und um Freuds „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (Thomas Mann besaß die Ausgabe von 1939). Bei der von Thomas Mann benutzten Auflage (1923) von Max Webers „Das antike Judentum“ handelt es sich um einen unver­änderten Nachdruck der zitierten Auflage von 1921.

  • ATAO = Jeremias, Alfred: Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients, Leipzig 1916
  • Bachofen/Bäumler = Der Mythus von Orient und Occident - Eine Meta­physik der alten Welt aus den Werken von J. J. Bachofen. Mit einer Einleitung von Alfred Bäumler hg. v. Manfred Schröter, München 1926
  • Bachofen, Johann Jakob: Urreligion und antike Sym­bole - Systematisch angeordnete Auswahl aus seinen Werken in drei Bänden, hg. v. Carl Albrecht Bernoulli, Leipzig 1926
  • Benzinger, Immanuel: Hebräische Archäologie, Leipzig 1927
  • Blackmann, Aylward Manley: Das hunderttorige Theben - Hinter den Pylonen der Pharaonen, Leipzig 1926
  • Bock, Emil: Joseph und seine Brüder, in: Die Christengemeinschaft II, 1926, 326 ff.
  • Bohl, Franz M. Th.: Das Zeitalter Abrahams, in: Der Alte Orient XXIX, 1930, H. 1, 5 ff.
  • Boll, Franz/Bezold, Carl: Sternglaube und Sterndeutung - Die Geschichte und das Wesen der Astrologie, Leipzig/Berlin 41931
  • Brandes, Georg: Die Jesus Sage, Berlin 1925
  • Braun, Julius: Naturgeschichte der Sage - Rückführung aller religiösen Ideen, Sagen, Systeme auf ihren gemeinsamen Stammbaum und ihre letzte Wurzel, 2 Bde, München 1864/65
  • Dacque, Edgar: Urwelt, Sage und Menschheit - Eine naturhistorisch-metaphysische Studie, München 1924
  • Dornseiff, Franz: Antikes zum Alten Testament. 1. Genesis, in: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft und die Kunde des nach­biblischen Judentums NF XI, 1934, 57 ff.
  • Erman, Adolf: Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum, neu bearb. v. Hermann Ranke, Tübingen 1923
  • Frazer, James George: Mensch, Gott und Unsterblichkeit - Gedanken über den menschlichen Fortschritt, Leipzig 1932
  • Freud, Sigmund: Gesammelte Schriften, Wien 1924-1934
  • Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Frankfurt a. M. 1964
  • Goldberg, Oskar: Die Wirklichkeit der Hebräer - Einleitung in das System des Pentateuch, Berlin 1925
  • Gorion, Joseph = Joseph und seine Brüder - Ein altjüdischer Roman, hg. v. M. J. bin Gorion [d. i. Berdyczewski], Frankfurt a. M. 1917
  • HAOG = Jeremias, Alfred: Handbuch der altorientalischen Geisteskultur, Berlin und Leipzig 21929
  • Held, Hans Ludwig: Das Gespenst des Golem - Eine Studie aus der hebräischen Mystik mit einem Exkurs über das Wesen des Doppelgängers, München 1927
  • Hempel, Johannes: Gott und Mensch im Alten Testament - Studie zur Geschichte der Frömmigkeit, Stuttgart 1926
  • Horovitz, Jakob: Die Josephserzählung, Frankfurt a. M. 1921
  • Jeremias, Alfred: Die außerbib­lische Erlösererwartung - Zeugnisse aller Jahrtausende in ihrer Einheitlichkeit dargestellt, Berlin 1927
  • Jeremias, Alfred: Die biblische Erlöser­erwartung, Berlin 1931
  • Jeremias, Alfred: Der Schleier von Sumer bis heute, in: Der Alte Orient XXXI, 1931, H. 1-2, 4 ff.
  • Jung, Carl Gustav/Kerenyi, Karl: Einführung in das Wesen der Mythologie, Amsterdam 1941
  • Kerenyi, Karl: Gedanken über Dionysos - Zum Erscheinen des Dionysos von Walter F. Otto, in: Studi e Materiali di Storia delle Religione XI, 1935, 11 ff.
  • Kerenyi, Karl: Die griechisch-orientalische Roman­literatur in religionsgeschichtlicher Beleuchtung, Tübingen 1927
  • Kerenyi, Karl: Sophron oder der griechische Naturalismus, in: Apollon - Studien über antike Religion und Humanität, Wien/Amsterdam/ Leipzig 1937, 142 ff.
  • Kris, Ernst: Zur Psychologie älterer Biographik (dargestellt an der des bildenden Künstlers), in: Imago XXI, 1935, 320 ff.
  • Lehmann-Haupt, Carl-Friedrich: Israel - Seine Entwick­lung im Rahmen der Weltgeschichte, Tübingen 1911
  • Lublinski, Ida: Entstehung und Weiterentwicklung des Altorienta­lischen Mythos, in: Zeitschrift für Ethnologie LXI, 1930, 278 ff.
  • Märchen und Geschichten der alten Ägypter, in deutscher Sprache hg. v. Ulrich Steindorff, Berlin o. J.
  • Meißner, Bruno: Babylonien und Assyrien, 2 Bde, Heidelberg 1920 und 1925
  • Mereschkowskij, Dimitrij: Die Geheimnisse des Ostens, Berlin 1924
  • Meyer, Eduard: Die Israeliten und ihre Nachbarstämme - Alttestamentliche Untersuchungen, mit Beiträgen von Bernhard Luther, Halle/Saale 1906
  • Muckle, Friedrich: Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland, Wien/Leipzig/München 1923
  • Otto, Walter F.: Die Götter Griechenlands - Das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes, Frankfurt a. M. 31947
  • Altägyptische Erzählungen und Märchen, ausgew. und übers, v. Günther Roeder, Jena 1927
  • Die Josephslegende, den persischen Dichtern Firdusi und Dschami nacherzählt von Ernst Roenan, Wien und Leipzig 1923
  • Rohde, Erwin: Psyche - Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, Tübingen 41907
  • Die Sagen der Juden. Gesammelt von Micha Josef Bin Gorion [d. i. Berdyczewski], neu hg. v. Emanuel Bin Gorion, Frankfurt a. M. 1962
  • Schaeder, Hans Heinrich: Goethes Erlebnis des Ostens, Leipzig 1938
  • Schaeder, Hans Heinrich: Die islamische Lehre vom vollkommenen Menschen, ihre Herkunft und ihre dichterische Gestal­tung, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft NF IV, 1925, 192 ff.
  • Spiegelberg, Wilhelm: Die Glaubwürdigkeit von Herodots Be­richt über Ägypten im Lichte der ägyptischen Denkmäler, in: Orient und Antike III, Heidelberg 1926
  • Steindorff, Georg: Die Blütezeit des Pharaonenreichs, Bielefeld und Leipzig 21926
  • Sturmann, Manfred: Althebräische Lyrik - Nachdichtungen, Mün­chen 1923
  • Ungnad, Arthur: Die Religion der Babylonier und Assyrer, übertr. und eingel. v. Arthur Ungnad, Jena 1921
  • Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie - III. Das antike Judentum, Tübingen 1921
  • Weigall, Arthur: Echnaton - König von Ägypten und seine Zeit, Basel 1923
  • Wiedemann, Alfred: Das alte Ägypten, Heidelberg 1920
  • Yahuda, Abraham Schalom: Die Sprache des Pentateuch in ihren Beziehungen zum Ägyptischen, Berlin und Leipzig 1929

Königliche Hoheit

- Darstellungsform: allegorisch (Berger)
- die Wonnen der Gewöhnlichkeit
Motto: Du bist Kaiser: lebe allein!
zentrales Thema: Verhältnis des Exzeptionellen → Dativ als Kennzeichen außerordentlicher Einsamkeit zur Gesellschaft → Repräsentanz der Menschlichkeit
- mündet aus überhöhtem Anspruch im Kollektiv - übermütiger Absolutismus
- baut einen Gegensatz zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit auf - der Roman steht am Anfang der Auseinandersetzung zwischen Manns Individualismus und dem Verhältnis zur Demokratie - hier als Schwebezustand zwischen beidem
Entwicklungslinie: Individualismus → aristokratische Variante → Demokrat (Hermsdorf)

Manns Philosophie

- Rückkehr ins Altertum, das Spekulative vermischt sich mit dem Exakten nicht ohne Zusammenhang zur Psychoanalyse
- Bekenntnis zu Max Scheler im Zauberberg, einer neuidealistischen-phänomenologischen Philosophie, die die Versöhnung von Geist und Leben propagierte: Der Geist ideiert das Leben, den Geist aber zu verwirklichen, vermag das Leben allein. → dagegen Klages und seine Verneinung des Geistes als Widersacher der Seele
- Mann sträubte sich während der 20er Jahre gegen die (modern gewordene) bedenkenlose Denunzierung all dessen, was den Geist und die Kraft gesitteter Vernunft auf seiner Seite hatte, er wollte ein Gleichgewicht der Kräfte
- Kampf gegen O. Spengler, dessen apokalyptischen Ausklang und Grabgesang Mann als Geisteshaß und philosophischen Amoralismus bekämpft
- das Romantische steht dem Leben der Zusammenhänge entgegen → in den Betrachtungen sah Mann das noch anders

Der Tod in Venedig

1912
- die erzählte Welt: bis zum letzten Augenblick innere Unterhöhlung und der biologische Verfall vor der Welt
- Überfahrt nach Venedig mit Acheron
- ins Mythische transportierte Landschaftszeichnungen, mit daktylischem Rhythmus und archaischer Metaphorik den homerischen Hexameter nachahmend
- Aschenbachs Ohnmacht gegenüber der Allmacht des Lebens, die Kraft aus dem Reich des Geistes holt
- so predigt er einen Heroismus der Schwäche
- Aschenbach bezeichnet den kleinen Jungen als Phäaken, d.i. ein unmittelbarer Bezug zu Atlantis und dem Ur-Menschlichen, einer Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von der Geburt der Götter
- für Aschenbach verschmilzt die Schönheit des geliebten Knaben mit der Schönheit als der Vorstellung einer einzigen Form des Geistigen, die nur sinnlich empfangen und ertragen werden kann → Bezug zu Phaidros von Platon
- ein weiteres Thema neben den Mannschen Standardthemen Liebe, Tod, Schönheit, Mythos wird aufgegriffen: Künstlertum → bei Aschenbach ist es die Bewußtheit einer tiefen Instinktverschmelzung von Zucht (Geist) und Zügellosigkeit (Natur)
- ein Bezug zu Nietzsche ist die Nennung des Wortes DIONYSOS, der mit dem Tod in Form eines festlichen Umzugs erscheint, d.i. die Unzucht und Raserei des Untergangs
- dionysischer Todesrausch, d.i. die Schlußapotheose der Novelle: ein phallisch-mänadischer Opferreigen (Berger)

Der Zauberberg

- Darstellungsform: typisiert
- setzt Kontrapunkt der bürgerlichen Welt mit mythologischen Motiven fort → Schneevision des verirrten Helden ist ein vom Mythus inspirierter Traum, weil er dem Träumer den Stand und Staat des homo Dei auf Erden enthüllt, die Wahrheit über den Menschen
- das Buch ist ein großes Dokument der Selbstüberwindung → es löst den ästhetischen Konflikt durch den sittlichen Entschluß, einem Ja zum Leben
- methodisch wechselt Mann zwischen Typik und Realismus, die realistische Prägnanz → Mann steht hier in der Traditionslinie zum epischen Realismus, der sich ins Symbolische steigert und ins Mythische wächst
- Erfahrung, daß Geist und Form dann nicht mehr im Gegensatz zueinander stehen, wenn die Liebe im Wesen des Menschenwesens aufgenommen ward
- in der Abgeschlossenheit der Davoser Berge könnte für die betrachteten sieben Jahre des Romans das gelten, was für Jahrtausende zu Moses' Zeiten galt → die Zeit als stehendes Jetzt
- Hermes durchzieht als mondverbundener Spukgott den Roman, er ist der Schlüsselpunkt in einem weitläufig miteinander verbundenen Motivsystem, das Geist und Charakter des griechischen Gottes in immer neuen Figurationen zutage treten läßt → Bezüge zu Thor und dem im Gilgamesch-Epos genannten Erzgescheiten (XI.Tafel: Epitheton für Utnapischtim), der vor der Sintflut die aufgezeichneten Weisheiten der Welt vergrub und so rettete (Berger)
- Buch des Endes (Mayer)

Rezeption

- Manche seiner späteren Bücher finde ich bis zur Grenze der Unlesbarkeit manieriert […] Meine Begegnung mit ihm schien mir eine Erklärung zu bieten für einen bestimmten Aspekt von Manns Kunst, der mir immer rätselhaft blieb: ich meine das Fehlen der Barmherzigkeit. In Manns Universum wird sie durch Ironie ersetzt, die manchmal gütig ist und manchmal nicht; seine Einstellung zu seinen Figuren hat selbst dort, wo sie am wohlwollendsten ist, eine Spur olympischer Herablassung.
Manns Humanismus - sein Lieblingswort für die Bezeichnung seiner eigenen Philosophie - ist etwas recht Abstraktes, eine Weltanschauung in verdünnter Luft. (Köstler)
- Thomas Mann 1910: der gefühlvoll-zitternde Krankheitsstolz impotenter Tränenseligkeiten (Lessing)
- kein Protest gegen Versailles im Herzen
- arbeitete mit der jüdischen Presse (Berliner Tageblatt) und der Börse zusammen (Rosenberg)

der zehnte Mann

- Prinzip der Entscheidungsfindung in Israel
- wenn neun Entscheidungsträger bei einer Sicherheitsfrage einer Meinung sind, muß der zehnte Mann widersprechen und bestimmt, was zur Sicherheit des Ganzen getan werden muß

Männer

- Männer von hoher Bedeutung können überhaupt nie ersetzt werden, denn die Bedingungen müßten sich wiederholen, aus denen ihre individuelle Stellung erwachsen ist. Große Männer schaffen sich ihre Zeiten nicht, aber sie werden auch nicht von ihnen geschaffen. Es sind originale Geister, die in den Kampf der Ideen und Weltkräfte selbständig eingreifen, die mächstigsten derselben, auf denen die Zukunft beruht, zusammenfassen, sie fördern und durch sie gefördert werden. (Ranke)

 
mann.txt (2431 views) · Zuletzt geändert: 2017/10/03 12:01 von aerolith
 
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