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niethammer-dissertation

Über die wirkliche Grundlage der Offenbarung

1792
de vero revelationis fundamento

Von ANFANG an ist in jeder UNTERSUCHUNG, die über den BEGRIFF der OFFENBARUNG bis in unsere Tage angestellt worden ist, immer wieder über deren Wahrhaftigkeit, Begriffsinhalt und Grundlagen gezweifelt und debattiert worden. Die darüber Streitenden sind in zwei Parteien gespalten und an Kraft der Argumente und Gewicht bei den Zeitgenossen mit gleicher Fülle ausgestattet, verteidigten sie die deutlich verschie denen Lehrmeinungen mit gleichem Erfolg. Von beiden Seiten ist die PHILOSOPHIE zu Hilfe gerufen worden, diese ließ jedoch beide ohne Hilfe zurück. Warum diese Auseinander­setzung unvermindert bestehen blieb beziehungsweise unentschieden gelassen worden war, SEHEN wir darin deutlich begründet, daß - weil das ganze SYSTEM der PHILOSOPHIE über die Offenbarung auf einer falschen Grundlage aufgebaut ist, hat man darüber, ob die Lehre der Offenbarung WAHR SEIN ist oder falsch, nicht endgültig entscheiden können - die Aufgabe zur Bewältigung der ganzen Sache darin besteht, die WAHRHEIT zur Verteidigung oder Bekämpfung dieser Grundlage <zu finden>. Gleichwohl, was erinnern wir an die Dinge, welche die GESCHICHTE der RELIGION und der Philosophie in genügendem Maße lehrt? Welche Verbindung bestand in der Tat zwischen Philosophie und offenbarter Religion? Was war ihr NUTZEN?
Wir haben eine große Menge an Einrichtungen, HARMONIEn und Übereinstimmungen der Philosophie mit der Offenbarungsreligion gesehen; was ist daraus entstanden? Das gesamte STREBEN der philosophierenden Theologen ist darauf gerichtet, daß sie den Begriff dessen, was jenseits der NATUR liegt, aus den theoretischen Grundlagen der Philosophie ableiteten und zeigten; und nicht irgendet­was anderes war in dieser Untersuchung enthalten. Diejenigen, die die ganze Wahrheit der Offenbarungsreligion ermittelten aus der Wahr­heit der Faktoren, mußten beim Beweis von deren Wahrheit jeden GRUND anführen. Das war also die Spitze der Sache, hierauf vor allem waren die Waffen der Verteidiger gerichtet und die Geschosse der Gegner. Aber was auch immer für Entwürfe über die Offenbarung die Philosophie bisher gemacht hat oder noch machen wird: solange sie nur zu diesem Ziel strebte, war jede HOFFNUNG auf Beilegung/Schlichtung des Streits vergeblich. Denn Umwälzungen, Umgestaltungen, Erneuerungen der Systeme haben, obwohl sie die ganze theolo­gische WELT wiederholt in VERWIRRUNG stürzten, kein klar geeignetes OBJEKT weder der Hoffnung noch der FURCHT bieten können. Auch nicht die jüngste/letzte, erwähnenswerteste Erneuerung der Philosophie - durch eine neue, freilich natürliche, aber sicher göttliche Offenbarung bewirk­te - die Kantische, fühlte sich verpflichtet, den Verteidigern oder Gegnern einen größeren Grund entweder zur Hoffnung oder zur Furcht vor der Offenbarung zu geben. Auch nicht das Anpassen der Grundlagen des Erkennens an die zu erkennende und durch Tatsachen gestütz­te Wahrheit der Offenbarung und auch nicht die Gleichstellung des moralischen Arguments mit dem Moralischen der neuen Philosophie hat irgendetwas zur Beilegung des Streits beitragen können. Es ist die gleiche ENTSCHEIDUNG des Falls gewesen, die wir auch zu allen frühe­ren Umgestaltungen der Philosophie erhalten haben, daß die von beiden Seiten vorgebrachten Gründe und Argumente gleich­wertig waren, und daß nicht entschieden werden konnte, ob die Grundlage der Offenbarung wahr ist oder nicht und daß es eine einzige - was sie glaubten - Grundlage der Offenbarung gibt, die aus den Grundlagen des Erkennens aufzusuchen ist.
Als die Sache soweit gediehen war, kam derjenige hinzu,über den wir vorzüglich handeln, der Erneuerer der Offenbarungs­lehre, der in seinem BUCH, das den Titel „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ trägt und kürzlich erschienen ist, eine neue und die einzig wahre Grundlage dieser Lehre bestimmt hat. Das MOMENT dieses denkwürdigsten Ereignisses im REICH der Wahrheit erschien mir so günstig, daß ich nichts finden konnte, was ich als ernsthafteren und der ZEIT mehr angemessenen Gegenstand meiner Untersuchung hätte auswählen können. Wenn ich durch meine Schrift auch nur das eine erreichen werde, daß ich die Gelegenheit bieten kann, öffentlich über ein PROBLEM von solchem Gewicht zu handeln, dann darf ich gewißbehaupten, daß mein WERK durchaus Früchte gezeitigt hat. Dies u.a. ist mein Anliegen gewesen, daß ich die neue, in einem ausgewähl­ten Buch veröffentlichte Grundlage der Offenbarung durch eine zusammenfassende Darstellung sozusagen in einer kurzen Übersicht skizziere. Über die wahre - wie sie mir ganz und gar scheint - Grundlage der Offenbarung werde ich einen Kommentar geben; ich hielt es für meinem ZIEL zuträglich über diejenige Grundlage, auf der bisher die Offenbarungs­lehre fußte, einige Bemerkungen vorauszuschicken, wodurch deutlicher werden sollte, sowohl welches denn nun der wahre Grund des bis heute unentschiedenen Streits gewesen ist, als auch, wie NOTWENDIG die erneute Umgestaltung der ganzen Lehre gewesen ist.

1.Teil

I. Wie der Begriff der Offenbarung entstanden ist.

Wir sehen aus dem Gebrauch des VERSTANDes und gestützt auf die Unterweisung durch die ERFAHRUNG deutlich, daß der Begriff der Offenbarung in den ersten Zeiten der Völker entstanden ist. Für Unerfahrene und Unwissende bringt sowohl die äußere wie auch die innere Erfahrung PHÄNOMENe sichtbar, deren Gründe und Gesetze sie nicht wissen, weil sie weder die Gesetze des inneren Wahrnehmens, noch die des äußeren Wahrnehmens kennen. Weil sie aber dennoch, veranlaßt durch die vornehmste Aufgabe des menschlichen Verstandes, gezwungen werden, mit jeder WIRKUNG gedanklich eine URSACHE zu verbinden, eine natürliche Ursache dieser Wirkungen aber nicht finden können, verlagern sie sie sofort in ein gedachtes Reich, und weil irgendeine andere Ursache außer der höchsten und letzten UNS in diesem Reich nicht bekannt ist, führen sie die Wirkung, deren Ursache sie nicht im Bereich der Natur wahrnehmen, unmittelbar auf diese höchste Ursache zurück, die sie unter der Bezeichnung „Gott“ verehren. Folglich ist für sie jedes Phänomen der äußeren Erfahrung, deren Ursache sie nicht in der Kenntnis der Natur der Phänomene selbst finden können, von GOTT bewirkt; sie glauben, daß jede Phänomen der inneren Erfahrung, deren Ursache sie nicht kennen, unmittelbar von Gott ihren Ursprung nimmt, und weil sie die Herkunft der IDEE, deren Kenntnis sie noch bei anderen gewahr werden, nicht begreifen, glauben sie, daß diese von Gott hervorgerufen sei. Folglich sehen sie in jedem für sie neuen und ungewöhnlichen Phänomen der Natur, Gott als Urheber, der sich ihnen auf diese Weise zeigt, und sie nennen unter der Bezeichnung der Offenbarung unzählige Naturereignisse, deren Ursachen außerhalb der engen Grenzen ihrer Erfahrung liegen. Daraus erhellt, daß die QUELLE, aus welcher die Entstehung des Begriffs von der Offenbarung herzuleiten ist, einerseits in der grundlegenden Gestalt des menschlichen Denkens selbst zu suchen ist, welches nämlich jede Wirkung gedanklich mit einer notwendigen Ursache verknüpft, andererseits aber in der Unkenntnis der Gesetze, der physikalischen hinsichtlich der Phänomene der äußeren Erfahrung, der psychologischen hinsichtlich der Phänomene der inneren Erfahrung. Als nun allmählich die Kenntnis der äußeren wie der inneren Natur anwuchs, weil man lernte, die wahren Ursachen der Dinge zu erkennen und das aus der Kausa­lität der Natur abzuleiten, was man vorher als unmittelbar von Gott bewirkt annahm, und als die Erfahrung selbst ganz allmählich die Menge an Offenbarungen verminderte, da wurde man belehrt: ganz und gar nicht alles, dessen nächste Ursachen wir nicht kennen, ist aus der unmittelbaren Verur­sachung Gottes abzuleiten! - war da nicht der Ort zu hoffen, man würde diese Erfahrung SELBST ebenso auf die übrigen Annahmen übertragen, so daß man daraus den SCHLUß ziehen mochte: auch nicht die übrigen Phänomene, deren nächste Ursachen wir nicht kennen, dürfen in der unmittelbaren Verursachung durch Gott gesucht werden?
Dennoch sehen wir nicht, daß dies getan worden ist, sondern vielmehr erkennen wir, daß sie die gleiche Methode angewandt haben im Urteil über die ungewohnten Phänome­ne. Das ist nun freilich nichts, worüber wir uns sehr wundern würden, wenn aus denselben Ursachen immer wieder dieselben Wirkungen zu erwarten sind. Obwohl die weiter fortgesetzte Erkenntnis der Natur noch nicht ausreicht, um alle Phänomene der Natur zu erklären, könnte der Verstand aber durchaus die Ursache gedanklich mit der Wirkung verbinden: mit jeder unbekannten Wirkung, deren nächste Ursache man nicht kennt, kann man durch das DENKEN eine entferntere oder unbekannte Ursache verbin­den, und auf diesem Wege wird die Idee der Offenbarung her­vorgerufen. So hat sich durch die vervollkommnete ERKENNTNIS der Natur die ZAHL der Offenbarungen zwar verringert, aber weit entfernt, die Wahrheit der Offenbarung selbst durch diese Beobachtung in ZWEIFEL zu ziehen, wurde sie vielmehr dadurch noch sicherer, je mehr nach den Naturgesetzen bisher unerklärliche und von übernatürlichen Kräften hergeleitete Phänomene <jetzt> durch die Aufdeckung der psychologischen oder physikalischen Gesetze erklärt werden konnten. Folglich wird die Wahrheit der Offenbarung - oder der Offenbarung Gottes durch die Phänomene der äußeren oder inneren Erfahrung - so am meisten bestätigt, je konsequenter die Naturerkenntnis die Anzahl der unerklärlichen Phänomene reduziert.
Wenn nämlich die Naturwissenschaft fortgesetzt worden ist, so scheint es vielen, über einen so großen Zeitraum, und wenn sie bereichert worden ist durch so viele und so große Beobachtungen, dann wird es mit um so größerer SICHERHEIT möglich sein, festzustellen, was durch die Kräfte der Natur erreicht werden kann, und was diese übersteigt.

Über den Begriff der Offenbarung nach seiner Herkunft

Unter dem Begriff der Offenbarung verstehen wir der Herkunft nach das Sichtbarwerden irgendei­ner Sache; und nachdem wir diese allgemeinste Kennzeichnung des Begriffs vorgenommen haben, können wir jede von einem äußeren Objekt angenommene Stofflichkeit der Vorstellung - materielle VORSTELLUNG in einem äußeren Objekt -, in welcher das Objekt uns erscheint, auch Offenbarung nennen. In diesem Sinne ist, wie ich meine, das WORT „Offenbarung“ zu verstehen in der Textstelle des berühmtesten Gelehrten

Fußnote, S.11 [aus dieser berühmten Schrift]: „Durch den Glauben…!“

Aber das ist nicht der SINN, den wir verstehen, wenn wir den Begriff der Offenbarung gebrauchen; wir verstehen nämlich darunter zugleich den sich offenbarenden Gott und nennen Offenbarung im engeren Sinne: die göttliche Erscheinung/Of­fenbarung. Weil wir aber sowohl STOFF als auch Gestalt unserer ganzen Erfahrung auf Gott zurückführen, und weil wir bekennen, alles, was auch immer wir wissen, durch Gott zu wissen; weil wir sagen, auch das, was durch die/mittelst der Verstandeskraft der hervorragendsten Menschen durch Überlegen, Erforschen, Vorahnen entdeckt worden ist, sei uns von Gott durch Vermittlung ebendieser Menschen gegeben, dann ist es ganz offensichtlich, daß auch diese Definition der Offenbarung zurecht weitergefaßt ist. Weil aber diese göttliche ERSCHEINUNG eine vermittelte ist, finden wir das Merkmal des spezifischen Unterschieds im Begriff der unvermittelten Erscheinung. Wie uns daher scheint, können wir als richtige/gerechtfertigte Definition der Offenbarung diese aufstellen, unter welcher wir, die von Gott unmittelbar bewirkte Offenbarung verstehen. Man sagt aber, daß Gott sich auch unmittelbar in Naturereignissen offenbart, die, wie wir glauben, die Kräfte der Natur übersteigen. Und soweit wirklich können diese Ereignisse auch, mit dem Namen der Wunder bezeichnet, Offenbarungen genannt werden. Wenn diese WUNDER das Mittel sind, durch welches wir Gewißheit erlangen über das Wesen der Offenbarung, dann können sie selbst nicht unter die Bezeichnung „Offenbarung“ gefaßt werden. Daher verstehen wir unter dem engeren Begriff der Offenbarung eine Eingebung/Unterwei­sung/Anweisung, institutio, die uns unmittelbar von Gott gegeben ist.

Über den Inhalt (das Wesen) der Offenbarung

Weil wir folglich alle die uns unmittelbar von Gott gegebene Unterweisung Offenbarung nennen, geht die Frage über die Dinge, welche offenbart sind, darauf zurück, an welchem Merkmal wir erkennen können, daß irgendeine Lehre unmittelbar von Gott gegeben ist, und wenn wir durch irgendein Merkmal den unmittelbaren göttlichen Ursprung einer Lehre erkannt haben, müssen wir diese notwendigerweise als eine Offenbarung auffassen.
Wenn also ein Anzeichen/Merkmal des göttlichen Ursprungs nicht aus dem Inhalt/Wesen der Lehre, sondern aus irgendeinem äußeren Zeichen gefunden wird, und wenn es kein inneres Merkmal gibt, welches erweisen könnte, was die Offenbarung beinhaltet, welche Lehre sie vermittelt, dann können wir weder Gestalt noch Stoff des Offenbarungsinhaltes bestimmen.
Daß die Form freilich nicht definiert werden kann, erhellt daraus, daß wir bekennen müssen, verpflichtet zu sein, jede Lehre, die mit jenem äußeren Zeichen der Göttlichkeit versehen ist, für eine göttliche zu halten. Zugleich hätten wir zugestanden, daß jene Tatsachen, auf welche die Wahrheit des göttlichen Ursprungs gegründet wird, von Gott, um diese Lehre aufzustellen - der Auf­stellung dieser Lehre wegen -, unmittelbar hervorgebracht worden sind; und wir stünden nicht zu uns selbst, wenn wir die Göttlichkeit dieser Lehre nicht anerkennen würden. Die Macht des Verstandes beim URTEIL über die Offenbarung wird folglich jedesmal dann über die gebührenden Grenzen hinaus ausgedehnt, sooft er sich das Recht nimmt, über den Inhalt zu urtei­len, obwohl es ihm lediglich zukommt, ein rechtmäßiges Urteil darüber zu fällen, ob ein notwendiges Merkmal der Göttlichkeit vorhanden ist. Ist dieses Urteil erbracht, muß er notwendigerweise den Lehrinhalt selbst als einen göttlichen Ausspruch anerkennen, und wie dürfte er es auch wagen, über den Ausspruch zu urteilen, welcher nicht in Abrede stellen kann, daß er größer ist als jedes Urteil eines schwächlicheren Verstandes? Die Aussprüche Gottes aber sind wahr und weise und gerecht; und wenn folglich irgendeine Lehre von Gott verkündet ist, folgt daraus von selbst, daß diese wahr und weise und gerecht ist; und derjenige Zweifel ist nichtig, den der Verstand aus ihrem Inhalt schöpft, wonach er sie für nicht wahr und nicht weise und nicht gerecht hält.-
Geistiges muß geistig beurteilt werden.
Auch der Stoff des Inhalts kann nicht durch regelrechte Ableitung aus dem Begriff der Offenbarung, welcher auf diesen Grundlagen basiert, bestimmt werden. Wenn wir nicht den Ratschluß der göttlichen Weisheit beim Vollziehen einer Offenbarung erforschen können, wie könnten wir vorausahnen, was der göttliche Willen uns mitzuteilen für richtig hält? Gott wird sicherlich das offenbaren, was gut und zuträglich und im Einklang mit seinem höchsten Ratschluß über die Menschen ist - aber was ist das denn? Ist es das, was wir für gut und zuträglich und dem höchsten Ratschluß Gottes über die Menschen angepaßt und genügend halten? Kennen wir denn diesen Ratschluß Gottes? Oder übertragen wir nur das auf Gott, was wir uns als höchsten und besten Ratschluß ausdenken? Mit welchem Recht bestehen wir darauf, daß derselbe von uns in Erwägung gezogene Ratschluß auch der Ratschluß Gottes ist? Ist es nicht möglich, daß derjenige, den wir als die höchste Quelle aller Weisheit begreifen, einen erhabeneren als unseren Ratschluß weiß? Weil folglich zugegeben werden muß, daß uns der Ratschluß Gottes nicht bekannt klar ist, hätten wir auch nicht bestimmen können, welche Mittel zu seiner Ausführung einzusetzen sind.-

Wenn wir aber zugestanden hätten, daß dieselbe Vorstellung, die wir - belehrt durch das Gesetz unserer praktischen VERNUNFT - als das Ziel aller RATIONAL seienden Dinge erkannt haben, auch Gott für sich hat, wie wäre es uns dann erlaubt, Gott die Mittel zur Verfolgung dieses Ziels vorzuschreiben? Mit welchem Recht beanspruchen wir, daß eine unmittelbar von Gott gegebene Unterweisung ausschließlich auf den Glauben gerichtet sein muß? Wir können nicht festsetzen, auf welche Weise die moralische Vervollkommnung des Menschen voranzutreiben Gott beschlossen hat, aber das ist sicher unzweifelhaft, daß die moralische VERVOLLKOMMNUNG auch durch die Erweiterung der theoretischen Erfahrung vorangetrieben werden kann. Auf welchem Wege werden ungebildete und aller Dinge unkun­dige Menschen, voll von ungezügelten Vorstellungen der PHANTASIE und Verstandesirrtümern, bis zu dem Grade der SELBSTERKENNTNIS gebracht, bei welchem sie die gesetzgeberische Macht ihres Verstandes erkennen und, ihrem eigenen Gesetz gehorchend, zur einzig wahren moralischen Vervollkommnung herangebildet werden? Oder dürfen wir es folglich für der göttlichen Offenbarung weniger würdig halten, zum Zwecke der Beförderung der moralischen Vervollkommnung auch unterstützend zu wirken für die zu erreichende VOLLKOMMENHEIT der theoretischen Erfahrung und die durch Unterweisung jeder Art von Irrtümern befreiten Menschen auf weniger wackligem Boden zu ihrer höchsten Bestimmung zu füh­ren? Folglich wird zu UNRECHT behauptet, daß die Religion der einzige Inhalt der Offenbarung ist, weil die Offen­barung eine Lehre jeder Art beinhalten kann.
Jenes ist sicherlich auch zu beachten, daß wir verschweigen, wieviel Einbuße von dieser Art gött­licher Offenbarung zu unserer ganzen Kenntnis entgeht - in dem hervorragenden Buch von Ch. Schmidt, Anm. S.16 sehen wir in Kürze die Ermahnung, wie wenig dies geringgeschätzt wer­den darf -, und daß in zweifacher Hinsicht bei der gebräuchlichen Definition der Offenbarung gesündigt wird: im Nicht-Ausklammern der theoretischen Erweiterung der Erfah­rung wie im Nicht-Einbeziehen ihres einzig wahren Inhalts, nämlich des moralischen.-
Wenn folglich weder Form noch Stoff eines uns durch Offenbarung mitzuteilenden Inhaltes aus inneren Kriterien abgeleitet werden kann, und wenn aber <das>, was offenbart worden sein kann, deutlich von jenem äußeren Kri­terium abhängt, durch welches einzig eine Lehre als gottge­geben bestätigt werden kann, und weil notwendigerweise durch moralische Kriterien untersucht werden muß, daß der Inhalt irgendeiner Lehre wahr ist und gut und gerecht, kann [dies] aber nur durch die TATSACHE bewiesen werden, daß sie wirklich offenbart worden ist. Wenn es im Gegenteil nicht erlaubt ist, den durch solch ein Merkmal göttlichen Ur­sprungs gerechtfertigten Inhalt - welcher selbst eher Kriterium und Norm jedes wirklich Guten und Gerechten ist - zu suchen als Norm für die moralischen Kriterien: - um so mehr muß daran gelegen sein, mit großem Ernst und diesem gleichkommender Anspannung die Grundlage zu untersuchen, welche diejenige Offenbarungslehre, die bis jetzt in Blüte stand, als einziges Kriterium für die sichere Erkenntnis der göttlichen Herkunft lehrte.

Über die theoretische Grundlage zur Erkenntnis der Offenbarungswahrheit

Wenn wir diejenige Lehre als offenbart bezeichnen, von welcher durch irgendein äußeres ZEICHEN bewiesen wird, daß sie unmittelbar von Gott gegeben ist, dann ist es vor allem nötig, daß wir Untersuchungen anstellen über die Erkenntnis des Merkmals. Die Offenbarungswahrheit können wir auf zweifache Weise erkennen:

  • entweder durch den Ursprung im Geist der Erfahrung selbst
  • oder durch irgendeine äußere Tatsache, die verbunden ist mit einer innerlich entstandenen Erkenntnis. Weil aber die Offenbarung entweder mittelbar oder unmittelbar geschieht, bringt diese unterschiedliche Art und Weise ihrer Einteilung auch eine unterschiedliche Art und Weise ihrer Erkenntnis mit sich.

1. Das unmittelbare Subjekt der Offenbarung, dem die Offenbarung selbst zuteil wird, erkennt die Wahrheit der empfangenen Offenbarung

  • entweder aus ihrem Ursprung selbst, was wieder auf zwei­ fache Weise geschehen kann

- entweder unmittelbar, wenn es, sei es durch die Wahrnahme des Offenbarenden, sei es durch eine neue Offenbarung, über die Wahrheit derfrüheren Offenbarung Gewißheit erlangt - was beides völlig unmöglich ist, weil auch das Kriterium der späteren Offenbarung nicht vorhanden ist,
- oder mittelbar durch das Anführen von Gründen/Be­weisen
- entweder daraus, daß es selbst diese VORSTELLUNG nicht hervorgebracht hätte - wie unsicher dieses ARGUMENT ist, erhellt sofort daraus, daß sich die Annahme, das SUBJEKT sei nicht selbst Urheber dieser Vorstellung, auf keine andere Grundlage stützt, als daß das Subjekt selbst nicht weiß, daß sein GEIST bei der Hervorbringung wirksam gewesen ist. Aus dem Nichtwissen aber hinsichtlich dessen, was ist oder nicht ist, zu folgern kann keine Geltung haben;
- oder daraus, daß das Subjekt selbst diese Vorstellung nicht hätte hervorgebracht haben können - das ist selbst gleichermaßen unsicher, weil das Subjekt nicht weiß, was durch die Wirksamkeit seines Geistes hervorgebracht werden kann und was nicht, und weil die Folgerung von dem, was es selbst nicht hätte hervorbringen können: Es ist von Gott bewirkt, wiederum wacklig und unrechtmäßig ist.

  • Das zweite Kriterium, die Wahrheit der empfangenen Offenbarung zu erkennen, wird das Subjekt von irgendeiner äußeren Tatsache oder einem äußeren Naturereignis selbst ableiten, in welchem es rechtmäßig bestätigt sehen könnte, daß diese in seinem Geist entstandene Erkenntnis ihm von Gott eingegeben worden ist - auf welche Weise dieses Kriterium entschieden werden kann, wollen wir bald zeigen.

2. Die mittelbaren Subjekte der Offenbarung, zu welchen die Offenbarung durch jemand anderen gebracht werden könnte - weil sie den göttlichen Ursprung dieser eingegebenen Unterweisung

  • aus deren Herkunft selbst, die im Geist eines fremden Menschen erfolgt ist, nicht entschei­den können,

- müssen sie davon überzeugt werden durch die Hilfe einer weiteren göttlichen Wirksamkeit in ihrem Geist - aber wenn diese selbst wieder eine neue Offenbarung wäre, und wenn deren weiter zu untersuchende Wahrheit noch eine andere und diese wieder eine andere nach sich zöge und so bis ins Unendliche; und wenn so sehr eine andere unmittelbare Offenbarung nötig ist, um das Ver­trauen in diese mittelbare Offenbarung zu stärken, kann man daher kein sicheres Kriterium ableiten. Wenn sie aber hoffen, durch Berechnen deren göttlichenUrsprung durchschaubar zu machen, zu sehr in der in dem Glauben befangen, daß ein so hoher Vollkommenheitsgrad der WISSENSCHAFT oder der Weisheit die Kräfte des offenbarenden Apostels überwindet - dann kann ihnen dasselbe, was oben angemahnt worden ist, sogar mit noch größerem Recht entgegengehalten werden.

  • Das gewichtigste Argument über die Offenbarungswahrheit läuft also darauf hinaus, daß wir über ihren göttlichen Ursprung durch irgendein außergewöhnliches Naturereignis belehrt werden. Durch eine Untersuchung dieses Kriteriums also, vor allem weil das, was hier über die Phänomene der äußeren Erfahrung gesagt wird, leicht auf die Phänomene der inneren Erfahrung übertragen werden kann, wird der Kernpunkt der Untersuchung dargetan; daher wollen wir das kurz anfügen.

Es wäre zu erkennen, daß irgendein außergewöhnliches Naturereignis unmittelbar von Gott bewirkt ist

  • entweder durch unmittelbare Anschauung, wo mit der Wahrnahme der Wirkung auch die Wahrnahme der bewirkenden Ursache verbunden werden müßte. Aber wenn es offensichtlich unmöglich ist, irgendeine Ursache wahrzunehmen, wie sehr erst diese, und wenn außerdem diese im höchsten und unendlichen Sein angesiedelte Ursache innerhalb der engen Grenzen unseres Wahrnehmungsvermögens nicht erfaßt werden kann, dann wird diese Art und Weise, die göttliche Verursachung zu erkennen, durch sich selbst aufgehoben. Als einziges bleibt also übrig, daß wir
  • sie mittelbar - durch Folgerung - erkennen. Aber wenn wir keine andere Grundlage für unsere Argumentation finden, als daß es uns unmöglich ist, eine derartige Wirkung aus den Kräften der Natur zu erklären, wird ganz offensichtlich, wie wenig es erlaubt ist, dieses Argument mit Gewißheit zu folgern.Was durch die Naturkräfte geschehen kann oder nicht, wird niemals einer der Sterblichen bestimmen können, weil das nur durch die absolute Erkenntnis der Natur wirklich geschehen kann. Daß aber eine Beweisführung von dem Ausgangspunkt, daß wir irgendein Ereignis mit den uns bekannten Naturgesetzen nicht erklären können, zur unmittelbaren Verursachung durch Gott nicht stichhaltig ist, ist oben schon angemahnt worden. Daher ist jedes Kriterium für jedes außergewöhnliche Ereignis - mag es in der äußeren oder in der inneren Erfahrung erscheinen - als gleichsam durch unmittelbare Verursachung Gottes bewirktes Ereignis unsicher, zweifelhaft und ungenügend - und wenn dies wirklich das einzige Kriterium ist, durch welches wir die Wahrheit der Offenbarung erkennen können: dann entbehrt die Lehre, die auf diesem PRINZIP fußt, völlig der Grundlage. Es gibt keinen Grund, daß wir hier weitschweifig aufzählen, welche anderen Argumente noch zu Hilfe gerufen worden sind, weil sie, soweit sie sich auf den Hauptabschnitt dieser Unter­suchung beziehen, aus den hier angeführten zugrundegelegten Prin­zipien selbst zurückgewiesen werden können, und weil sie, soweit sie nicht zur Untersuchung gehören, einen sehr geringen Einfluß haben und kaum eines Philosophen würdig sind. Mehr darüber werde ich an einem anderen Ort erläutern, nur diese wenigen Worte will ich hinzufügen.

Daß die Offenbarungslehre bisher mit gleichem Erfolg von ihren Gegners angefochten wie von ihren Verteidigern behauptet worden ist, lehrt die Geschichte dieser Auseinandersetzung. Der Grund, warum diese so ernste und mit so großer Gemütserregung geführte Auseinandersetzung bisher unentschieden blieb, erhellt aus der Natur dieses Streites selbst; und längst scheint es von den Streitenden selbst erkannt zu sein, die Hoffnung ganz und gar AUFGEBEN zu müs­sen, daß er auf diesem Wege jemals entschieden sein wird, und es kann auch von niemandem die völlig durch­schaubare Natur des Streits geleugnet werden. Aber weil weder Leichtgläubigkeit, das Fehlen von Argumenten mit Zuver­lässigkeit auffüllend, noch Wag­halsigkeit, den Mangel an Argumenten mit dem Beweis des Gegenteils gleichsetzend, noch unedle Gleichgültig­keit in einer Sache von solch großem Gewicht dem Philosophen angemessen sind, muß wohl erkannt werden, wie notwendig eine neue Untersuchung der Sache ist, welche den Streit dahin zurückführen könnte, daß er von der einen oder anderen PARTEI entschieden würde. Ob die neuerliche, kürzlich erfolgte Neugestaltung der ganzen Lehre diesem ehrlichen und auf die Verehrung der Wahrheitsliebe selbst gegründeten BEGEHREN entspricht, dies habe ich mir vorgenommen im zweiten Teil dieser Untersuchung zu zeigen.

Jena, 1792 Friedrich Niethammer

niethammer-dissertation.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:18 (Externe Bearbeitung)