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orphismus

ORPHISMUS

- war besonders in unteren Bevölkerungsschichten sehr verbreitet, da er von der offiziellen RELIGION ein nicht erfülltes Verlangen stillte
- es tritt hier zum ersten mal in der europäischen Geistesgeschichte eine ausgesprochen dualistische Geisteshaltung auf, deren eindrucksvolle Gegensatzpaare GOTT und WELT, SEELE und LEIB, REINHEIT und SÜNDE, Himmel und HÖLLE sind
- in den beiden Hälften, in die er das All zerlegt, sucht der Orphismus je eine Einheit herzustellen
- die GÖTTER des POLYTHEISMUS werden ihm zu personifizierten Begriffen, und obwohl er von dem Versuch, Theogonien zu bilden, nicht ganz loskommt und von der Göttervermischung nicht vollständig zu einer einheitlichen und einzigen GOTTHEIT durchdringt, sind ihm doch die Namen der Götter im Grunde nur verschiedene Bezeichnungen der mannigfaltigen Kräfte des die Welt durchwaltenden göttlichen Wesens: „Eins ist HADES und ZEUS und Helios und DIONYSOS; ein Gott wohnt in allen.“
- hier hat der orphische Zeus mit dem homerischen Vater der Götter und Menschen fast nichts mehr gemein und ist zum Allgott geworden: „Anfang Zeus, Mitte ZEUS, in Zeus ist alles vollendet!“ → So tritt der Orphismus bis an die SCHWELLE des PANTHEISMUS heran und wie die Gottheit, so sucht er auch die Welt der Erscheinungen einheitlich zu begreifen.
Der Ansatz zu einer gesetzmäßigen Auffassung alles Geschehens, der in der homerischen MOIRA liegt – wirklich so bei HOMER? -, erscheint hier bewußt fortgebildet zu dem allerdings mystisch verhüllten BEGRIFF des Weltgesetzes ANANKE, das gleichermaßen das physikalische wie das moralische GESETZ in sich faßt - SCHULD und BUßE des Einzelwesens → Ananke ist die NOTWENDIGKEIT, in der der MENSCH steht
- wahrscheinlich sind es die ORPHIKer gewesen, die zuerst den bildlichen AUSDRUCK KOSMOS für das geordnete und nach festen Gesetzen sich bewegende Weltall verwendet haben

orphische Theologie

- Kreislauf des Lebens: Zeugung, Geburt, Leben, Tod, Wiedergeburt
- zielt auf die Allmacht und Vaterschaft des Zeus, aber sie verwandelt ihn selbst ins Dionysische, macht aus der olympischen Gestalt ein pantheistisches PRINZIP
- die anderen Gottheiten, durch die sie sich hindurchbewegt, wie das CHAOS, die Nacht, den Eros, die Ananke, halten die Mitte zwischen mythischen Gestalten und spekulativen Wesenheiten: sie sind theologische Begriffe, die die mythische Schale nicht abgeworfen haben (ROHDE)

orphismus.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:19 (Externe Bearbeitung)