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paralytiker

PARALYTIKER

- verwandelt sich nicht und bleibt der größenwahnsinnige Punkt im UNIVERSUM, der die DINGe nimmt und mit ihnen jongliert
- fühlt die MASSE an seiner Seite, ist ihr HERR und Neuverteiler in bezug auf die Macht jedes einzelnen Masseteilchens
- ist gutartig, nicht feindlich wie der Paranoiker
- die Masse ist ihm ein Mittel, es kommt auf sie nicht an (CANETTI)

Faust, der Paralytiker

Frage sich ein jeder, was ihm zuerst einfällt, wenn er an „Faust“ denkt. Die Wette wird es sein, die Wette zwischen dem TEUFEL und einem Sterblichen um Streben, GLÜCK und ewiges LEBEN. Da sind die Gretchentragödie, der Osterspaziergang oder Auerbachs Keller nur zweite und dritte Sieger, was die Augenblicklichkeit des Einfalls ausmacht. Der Wettkampf ist es, das SPIEL, was die Deutschen an ihrem Nationalschauspiel fasziniert. Haben die Franzosen mit den Heuchlern und Geizigen Molieres ihre Entsprechungen gefunden, die Engländer in den drolligen Figuren aus Shakespeares Sommernachtstraum oder im grimmigen Morden Macbeths die ihren, so ist es bei uns das unzufriedene ewige Streben, das Sicheinlassen mit übernatürlichen Mächten und die Hybris, die unsere Selbstbestandheit abgab und –gibt.
Paralytiker des kunstvollen EinbruchsDer Grund dieser Affinität zur Hybris lag in unserer, der Deutschen Kleinstaaterei. Das aufgeklärte Deutschland um 1800 transzendiert die WAHRHEIT ins Irgendwo, nicht ins Politische, sondern in die INDIVIDUALITÄT. Eine Enthüllungsgeschichte des ICH beginnt um diese ZEIT. Als ENGLAND imperiale Großmacht war, AMERIKA Nationalstaatlichkeit auf der Grundlage einer Verfassung entdeckte und FRANKREICH nach der europäischen HEGEMONIE strebte, da war es dem Deutschen um die Entwicklung seiner PERSÖNLICHKEIT zu tun. Und seien wir ehrlich, diese trägt sehr viel mehr als die sogenannte politische FREIHEIT, die sich bei näherem Hinsehen doch nur als die Herrschaft des größten Heuchlers entpuppt. Faust war das nicht, ein Heuchler. Die Hybris ist dem Heuchler fremd. Die Hybris frommt nur dem Streber, dem Grenzenlosen, dem Freien. Ein VOLK von Strebern werden wir genannt, ein Volk von romantischen Paralytikern, immer am größten, am besten, am schlechtesten. Das ist die Faustsche Seele. Die Hybris benötigt den engen politischen und auch engen sittlichen Rahmen. Sind die Grenzen weit gesteckt, so verliert sich das Ich, kann sich nicht ausprägen, zu vieles lenkt ab, zu viel äußere Freiheit bewirkt die Nutzlosigkeit der Konzentration. Wer nur einen Wurf hat, der strengt sich mehr an. Ständeordnung sorgt für Verortung des Ich.
Wenn FAUST seinen Osterspaziergang macht, dann sprengt er die Grenzen des Standes. Aber das wird respektiert; die persönliche Übergrenzung wird von allen respektiert. Faust wird im Volk geliebt, er hält seine Tür offen. Ein GESPRÄCH wollen sie sein. Die Ständeordnung ist durchlässig: Faust redet gleichermaßen mit dem einfachen Volk, Studenten oder dem Kaiser, redet mit mythischen Figuren wie mit Hexen oder Erdgeistern. Kollektivwesen. Eine Sammlung disparater Menschlein, Weslein. Uneindeutig deutbar. - Nun könnte man entgegnen, daß dies eben FIKTION sei, Dichterwahrheit, Dichterwirklichkeit. Mitnichten, unaufmerksamer Leser! Es ist vielmehr so, daß GOETHE hier die soziale WIRKLICHKEIT des späten achtzehnten Jahrhunderts widerspiegelte. Der Kleinstaat brachte die Menschen einander näher: Der Minister Goethe hatte mit seinem Fürsten nicht seltener zu tun als mit seinem Koch, mit Schauspielern oder Studenten oder seinem Freundfeind Schiller. Eine Revolution war auch deshalb in Deutschland undenkbar, weil der Adlige mit seinen Bauern mehr oder weniger zusammenlebte und nicht DIENST an einem fernen HOF machen mußte, der ihn seinen eigentlichen Untertanen entfremdete. - Vergleichen wir das mit der heutigen Zeit, so ist heute sehr viel mehr eine striktere Trennung der einzelnen Lebensbereiche zu konstatieren. Man bleibt unter sich, entweder aus weltanschaulichen, beruflichen oder finanziellen Gründen. Die Gesellschaft ist nicht offen, Bewegungen innerhalb seltener. Das Zeitalter der Entmythologisierten werden wir dereinst genannt werden. Doch sind wir das wirklich, entmythologisiert? Anders gefragt: Waren Goethe und seine Freunde es minder?
Faust ist die metaphysische Einbettung des Glaubenskampfes des Deutschen in einer WELT aus Feinden und Freunden. Am Ende siegt der Lebenswille, siegt das Nochnicht, als das wir Deutschen uns immer weiter verstehen sollten. Ein subalternes Geschwätz vom Angekommensein der Deutschen in der westlichen Welt ist da ebenso dumm wie gefährlich. Ein Werdendes müssen wir ein Lebtag sein, ein Werdendes mit dem liebenden Herzen, in dem die Welt Platz hat. Ist das nicht Fausts Credo am Schluß? Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, Verpestet alles schon Errungene; Den faulen Pfuhl auch abzuziehn. Das Letzte wär das Höchsterrungene (V.11560). Das Letzte. Es geht immer weiter. Und darauf hebt die Tassen, Genossen: Ein politisch LIED zu singen, ein garstig Lied. Er lebe, unser „Faust“, und seine Lektüre treibe uns an, im Guten wie im Schlechten.

paralytiker.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:19 (Externe Bearbeitung)