Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


partnerwahl

PARTNERWAHL

Partnerwahl: der Prozeß des Erstkontakts zwischen einander unbekannten Frauen und Männern

Der Erstkontakt als Auftakt einer sexuell orientierten Partnerschaft läuft in vier ineinanderübergehenden Phasen ab:

  1. Aufmerksamkeitsphase
  2. Erkennungsphase
  3. Gesprächsphase
  4. sexuelle Erregungsphase

Aufmerksamkeitsphase

  • AUFMERKSAMKEIT wird durch Attraktivität gelenkt
  • wird ein INDIVIDUUM als attraktiv empfunden, tritt seitens des Betrachters der sogenannte „Hallo-Effekt“ ein, der zu einem bevorzugten Interaktionsverhalten führt
  • während der Aufmerksamkeitsphase stehen nur Äußerlichkeiten als Informationsquelle zur Verfügung und sind daher auch primäre Reizquelle
  • Männer reagieren intensiver auf wahrgenommene Attraktivität als Frauen

Wen finden wir schön?

  • Konrad Lorenz postuliert die sexuelle Signalwirkung, die das Kindchenschema im Frauengesicht auf den Mann ausübt
  • das Kindchenschema im Frauengesicht bewirkt im MANN einen Beschützerinstinkt und suggeriert fehlendes Dominanzbestreben seitens der FRAU
  • zahlreiche Untersuchungen bestätigen, daß Frauengesichter mit großen Augen, kleiner Nasenpartie, kleinem Kinn und auch weit auseinandergesetzten AUGEn besonders häufig von Männern als attraktiv empfunden werden
  • Männergesichter wirken auf Frauen zumeist dann attraktiv, wenn sie individuell, kraftvoll und dominant Männlichkeit ausstrahlen, indem sie derbe Züge und markante Wangenknochen aufweisen
  • oftmals werden bei der Partnerwahl tendenziell Personen anvisiert, die der eigenen Attraktivität entsprechen
  • die Aufmerksamkeitsphase kann nur in die folgende PHASE münden, wenn der Austausch äußerlicher Signale sich reziprok vollzieht und sich beide Seiten entsprechendes Interesse signalisieren
  • WAHRNEHMUNG und Eindrucksbildung von der Attraktivität anderer umfaßt einen Zeitraum von ca. 50 Millisekunden und ist später nur noch schwerlich zu revidieren

Erkennungsphase

  • hier geht es grundsätzlich um Herstellung physischer Nähe und um Gesprächsanbahnung
  • gerade die Verminderung von physischer DISTANZ hat für Männer einen sehr manifesten Aufforderungscharakter, die männliche Herzschlagfrequenz erhöht sich, sobald ein weibliches Individuum an ihn herantritt
  • es erfolgt eine Bewertung der räumlichen Annäherung, des Gehstils, Gehgeschwindigkeit, Körperhaltung, Gestik und Mimik in Vorbereitung auf die möglicherweise erfolgende Interaktion
  • die Frau führt im Rahmen der Erkennungsphase die Interaktion maßgeblich an, indem sie mittels ihrer Körpersprache und anderer kultureller Symboliken die männliche Disposition zum Werbeverhalten hemmen beziehungsweise anregen kann
  • Männer intendieren meist erst dann zu deutlich aktivem Werbeverhalten, wenn sie der MEINUNG sind, entsprechende Aufforderungssignale seitens einer Frau empfangen zu haben
  • diese Aufforderungssignale werden vom Mann desto eindeutiger als solche empfunden, je attraktiver, interessanter und auch erotischer diese Frau auf ihn als Betrachter wirkt

Welche weiblichen Signale beeinflussen Männer in ihrem Werbeverhalten?

Blicke

  • zunächst ungerichtetes Blicken,
  • dann darting-Blick (kurze Blicke, die immer wieder zur selben PERSON gehen),
  • schließlich verweilender Blick (Person wird länger als drei Sekunden fixiert → Aufforderungscharakter)

Augenbrauen

  • schnelles Heben i. d. R. als Achtungssignal gewertet

Lächeln

  • für die Werbesituation ist meist das sog. coy smile (ambivalentes Verlegenheitslächeln) charakteristisch, das eine Mischform aus freundlichem Eröffnungslächeln und verhaltenem LÄCHELN darstellt

Kopf- und Nackenhaltung

  • head-tossing, das ruckartige Zurückwerfen des Kopfes bei gleichzeitig erfolgender leichter Schrägneigung des Kopfes und Darbietung der Halsschlagader als ZEICHEN submissiven Dominanzverzichts

Mundregion

  • lip pouting, d.h. wenn die Lippen leicht zusammengepreßt nach vorn geschoben werden; verstärkt werden kann dieses Signal durch die bei leicht geöffnetem Mund über die Lippen gleitende Zunge

Eine Problematik, die aus der weiblichen körpersprachlichen Signalgebung erwächst, ist deren mißverständliche INTERPRETATION seitens der Männer, denn das Verständnisvermögen körpersprachlicher SYMBOLIK ist nicht objektiv kategorisierbar, sondern beruht auf subjektiven Interpretationen und ist daher in höchstem Maße von den inneren Dispositionen des interpretierenden Mannes abhängig. Generell halten Männern Frauen für promiskuöser und verführerischer, als diese sich beschreiben würden. Weiterhin SEHEN dominante und selbstsichere Männer den Aufforderungscharakter weiblicher Körpersprache viel eher gegeben als vergleichsweise zurückhaltendere Männer. Auch werden von ersteren Signale der Zurückweisung nur abgeschwächt als solche verstanden beziehungsweise gar als Aufforderung zur Kontaktintensivierung fehlinterpretiert.

Gesprächsphase

  • das erste WORT der Gesprächseröffnung nach der Erkennungsphase leitet die Gesprächsphase ein
  • der Austausch von Gesten und Artikulationen dient hier dem Informationsgewinn über den anderen sowie dem Abgleich der Kontaktintentionen
  • der Akt der Gesprächseröffnung obliegt in den meisten Fällen dem Mann in positiver Interpretation weiblicher Körpersprache

Man unterscheidet folgende Varianten der Gesprächseröffnung:

  • emotionalisiert und selbstenthüllend, z.B.

„Es ist mir unangenehm, es dir so direkt zu sagen, aber ich will dich kennenlernen.“ → starkes Interesse am anderen

  • banal und belanglos, z.B.

„Schönes Wetter heute.“ → hier werden vor allem Stimme, Tonfall und Interesse kommuniziert

  • humorvoll und originell, z.B.

„Morgen wirst du wieder hier sein und dann zeige ich dir die Attraktionen der STADT.“ → Frauen lehnen diese Form weitestgehend ab, weil sie hinter der Ausgelassenheit einen männlichen Dominanzversuch annehmen

  • anscheinend langweilig, z.B.

„Hallo, ich heiße X, und wie heißt du?“ → statistisch am erfolgversprechendsten

  • in der ersten Zeit des Gesprächs geht es weniger um Informationsaustausch, sondern eher um gegenseitige Interessenbekundung und Intensivierung des zunächst ja nur oberflächlichen Kontakts (phatische KOMMUNIKATION)
  • es ergibt sich erneut, daß in vielen Fällen die Frau durch Gestik und Mimik den Mann zur Kontaktaufnahme ermutigt beziehungsweise auch von dieser abbringt
  • die Kontaktanbahnung unterliegt den allgemeinpsychologischen Prinzipien der Motivation und Wahrnehmung
  • die männliche Beurteilung von weiblichen Flirtsignalen ist daher stark davon abhängig, ob die Frau dem Mann gefällt (ist dem nicht so, wird der Mann den Aufforderungscharakter der weiblichen Körpersprache kaum wahrnehmen können und entsprechend auch nicht geneigt sein, weitere Schritte zur Kontaktintensivierung einzuleiten)
  • im Umkehrschluß ergibt sich, daß Männer, die Interesse an einer Frau haben, nahezu jede ihrer Körperregungen als aufforderndes Flirtsignal bewerten und sich teilweise in irrationalem Wunschdenken verstricken, wenn sie beispielsweise nicht in der Lage sind, Signale der Zurückweisung als solche zu realisieren

Die männliche Seite

  • für gewöhnlich versuchen werbende Männer ein Mindestmaß an Dominanz und Selbstsicherheit auszustrahlen
  • hierzu gehört relativ häufig die Vermittlung von „Coolness“ als symbolisch-interaktionales Konstrukt
  • es tritt hinzu, daß Männer im Vergleich zu Frauen relativ wenig körpersprachlich kommunizieren, sondern eher den verbalen Austausch anstreben
  • weiträumiger Platzanspruch mittels breitbeinigem Stehen beziehungsweise Sitzen, wenn möglich mit hinter den Lehnen ausgebreiteten Armen, sich mit hocherhobenen Armen durch die Haare fahren und versuchen, seinen Partnermarktwert durch Hinweis auf persönliche Qualitäten wie INTELLIGENZ, Weltoffenheit, Kompetenz, Beliebtheit und Stärke zu betonen, sind typisch männliche Dominanzgesten
  • ein Zuviel an Selbstdarstellung und Selbstenthüllung in dieser Phase des Erstkontaktes kann das weibliche Interesse jedoch massiv schmälern; aus Vergleichsuntersuchungen tritt hervor, daß Frauen eher zu sympathisieren sind, wenn sie in den Mittelpunkt der Konversation gerückt werden, ihnen viele Fragen gestellt werden und man ihnen unaufdringliche Komplimente macht
  • generell nimmt eine Frau für einen werbewilligen Mann in ihrer Attraktivität ab, wenn sie ihn wenig ansieht und wird um so attraktiver für ihn, desto öfter sie ihn beachtet

Die weibliche Seite

  • während Männer in dieser Phase also den „zeitsparenderen“ Weg der verbalen Artikulierungen suchen, kommunizieren Frauen ihre Attraktivität in dieser Phase primär über körpersprachliche Mittel
  • hier läßt sich im Falle gesteigerter Appetenz bezüglich der männlichen Person das Hin- und Herbewegen des Oberkörpers beobachten, eine erhöhte Frequenz der Selbstberührungen sowie das Öffnen und Schließen der Beine
  • auch das weibliche VERHALTEN kann in eine seitens des Mannes als übertrieben empfundene Selbstdarstellung münden, welcher von Männern i.d.R. eher ablehnend begegnet wird

sexuelle Erregungsphase

  • nachdem in gegenseitiger Einvernahme physische und psychische Sympathie kommuniziert worden ist und weiterem Distanzabbau keine Hemmnisse mehr im Wege stehen, treten Mann und Frau in die sog. „sexuelle Erregungsphase“ ein
  • hier spielen körperliche Berührungen eine heraustretende ROLLE, was diese Phase auch zu der schwierigsten Phase im gesamten PROZEß der Partnerwerbung macht

Das PROBLEM ist, daß Berührungen von den Geschlechtern sehr verschieden bewertet werden:

  • am Anfang der Begegnung sind Männer aus Dominanzgründen eher dazu geneigt, Körperkontakt als Vertraulichkeitsgeste herzustellen, während Frauen dieses aus Gründen mangelnder Vertrautheit zunächst vermeiden
  • hieraus ergeben sich grundsätzlich verschiedene Bewertungsmaßstäbe, was die Performation von Berührungen angeht
  • in diesem ZUSAMMENHANG gelangt auch die von Hall postulierte sog. individuelle persönliche Distanzzone zu BEDEUTUNG
  • je nach Vertrautheitsgrad, den man für einen Menschen empfindet, bewertet man auch seine Abstandshaltung als ANGENEHM oder UNANGENEHM
  • die persönliche Distanz liegt bei ca. 40 bis 120 cm und die intimste Distanz zwischen 0 und 40 cm
  • aus der weiblichen Ablehnung verfrühten Kontakts bei anfänglicher Fremdheit tritt hervor, daß Frauen der Vertrautheitsgrad sehr viel wichtiger zu sein scheint als Männern, die am Anfang der Begegnung die meisten Distanzdurchbrechungen initiieren
  • grundsätzlich für den potentiellen Ausgang der sexuellen Erregungsphase ist die Intention, die zu dem werbenden Verhalten geführt hat und entsprechende Handlungsstrategien und Bewertungsmuster vorgibt
  • zumeist wählen Männer, die bei der Partnersuche kurzfristig orientiert sind, folgende Strategien:
  • zahlreiche sexuelle Bekanntschaften eingehen unter möglichst geringem Werbeaufwand die Aufmerksamkeit denjenigen Frauen zuwenden, die sich sexuell freizügig geben

Männer, die bei der Partnersuche langfristig orientiert sind, lehnen jedoch aufforderndes beziehungsweise auf Promiskuität verweisendes weibliches Verhalten eher ab

Literatur

Kaiser, P. (Hg.) 2000: Partnerschaft und Paartherapie. Göttingen; Bern; Toronto; Seattle: Hogrefe, Verl. f. PSYCHOLOGIE

partnerwahl.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/28 16:19 (Externe Bearbeitung)