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POESIE

- Das Wunderbare der Poesie ist die äußere Staffel des Neuen. pictura poesis - Laß die Poesie Bilder malen! (Bodmer)
- davon abhängig, wo man sich gerade befindet
- neue Religion für neue Kritizisten; nostalgisches Refugi­um vor der Entfremdung im Industriekapitalismus (Eagleton)
- Prinzip für alle (Gottsched)
- die Muttersprache des menschlichen Geschlechts (Hamann)
- die Kunst, die die Sprache zum Element hat (Hegel)
- ist älter als Prosa
- ist das Wörterbuch der Seele
- ist die Rede aller Weisen
- ist die Natur des Menschen, der handelt → deshalb leben Naturvölker, wir aber sind erstarrt
- Natur + Naivität + Gemüt + Phantasie
- ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts (Herder)
- beginnt dort, wo Tendenz vorliegt (Hermlin)
- redet Wahrheit
- enthält Gericht über Dinge; Poesie und Taten sind Elemente, in welchen der innere Gehalt einer Gemeinschaft sich ausdrückt - Genien, die zusammenwirkend nationales Pathos entwickeln (Hofmannsthal)
- Drama ist ihre höchste Form, denn das Drama besitzt keine willkürlichen Zeichen mehr, alles ist gemacht
- entfaltet Gegenstand im Nacheinander (Lessing)
- der schöne Schein der Traumwelten → Voraussetzung der bildenden Kunst (Nietzsche)
- Ausgeburt von Subjektivität (Schelling)
- muß aus dem Wirklichen der Zeit, aus dem Leben kommen, damit eins ausmachen und darin zurückfließen
- ästhetische Aufhebung des Realismus (Schiller)
- bildet Gebildetes weiter (Schlegel)
- die drei Faktoren der Poesie sind: Geist, Phantasie, Gemüt - dem entspricht Gedanke, Bild, Gefühl (Storm)

gute Poesie

- Es gibt nur eine Art gute Poesie; denn die Poesie der Koterien, die die geschriebene Tradition voraussetzt, unterscheidet sich in ihrer Art nicht von der wahren Volksdichtung, welche die ungeschriebene Tradition voraussetzt. Beide sind gleichermaßen fremd und dunkel und unwirklich für alle, die kein Verständnis dafür haben; und statt der eindeutigen Logik, jener klaren Rhetorik der „Volksdichtung“, schimmern beide von Gedanken und Bildern, deren „Vorfahren kühn und weise“ und „dem Paradiese nahe waren“, „bevor die Menschen noch die Gabe von Kornfrüchten kannten“. (Yeats)

künftige Poesie

- wird vom anfänglichen großen Vers mit einer Unzahl von Motiven, die dem individuellen Gehör abgelauscht sind, getragen/gebunden (Mallarme)

Wesen der Poesie

- Verdichten der im Leben herumirrenden Gefühle (Wackenroder)

Wirkung der Poesie

- wer früh der Poesie verfällt, entwickelt unrealistische Erwartungen, die meist enttäuscht werden

- auf ihr, als Herzenserhebung verstanden, ist die Sicherheit der Throne begründet (Gneisenau)

Wolkensteins Poesie

Geweihte, reine Saiten im Scherz gerührt?
Und darum hast du, Dichter! des Orients
Propheten und den Griechensang und
Neulich die Donner gehört, damit du
Den Geist zu Diensten brauchst und die Gegenwart
Des Guten übereilest, in Spott, und den Albernen
Verleugnest, herzlos, und zum Spiele
Feil, wie gefangenes Wild, ihn treibest?

Die Verse 33 bis 40 aus Hölderlins Dichterberuf, 1800, also vor der Hälfte des Lebens.

Erklärungen: Aus Osten kam das Licht, kam Dionysos; Geist ist Göttlichkeit; der Kampf zwischen Apollon, der Geist ist, und Dionysos, der Donner und Kraft über Verstand lacht; gefangen vom einen und doch letztlich überwunden: Dichters Tod!

Aber die Sprache –
Im Gewitter spricht der
Gott.
Öfters hab ich die Sprache
sie sagte der Zorn sei genug und gelte für den Apollo –
Hast du Liebe genug so zürn aus Liebe nur immer,
Öfters hab ich Gesang versucht, aber sie hörten dich nicht.
Denn so wollte die heilige Natur. Du sangest du für sie in
deiner Jugend nicht singend
Du sprachest zur Gottheit,
aber dies habt ihr all vergessen, daß immer die Erstlinge
Sterblichen nicht, daß sie den Göttern gehören.
gemeiner muß alltäglicher muß
die Frucht erst werden, dann wird
sie den Sterblichen eigen.

Eine wort- und versgetreue Abschrift ohne Titel aus dem Nachlaß, vermutlich 1815, da Hölderlin bereits als umnachtet galt.Für einen Menschen, der der Sprache diese obwaltende Funktion zuweist, werden Welt und Geist (Gott) Orte der Noth. Die Welt ist in Noth, weil Gott - der Geist - fern ist! Sprache kann helfen, die Noth zu mindern, zu überwinden. Sprache kann Welt überwinden, indem sie neue erschafft - Dichters Reich der Phantasie! Aber Weltüberwindung bedarf zumeist irgendeiner Form der Gewalt, die in Zerstörung enden muß und letztlich auch die Sprache zerstören muß. Hölderlin fehlte das Spiel, die Artistik zwischen Welt und Sprache, eigenem Impetus und Verwortung des Ortes Welt.
Sie ist mehr als ein Nirgends, Welt will angenommen und geformt sein, durch die Sprache ins rechte Bild gesetzt.Hölderlin hat ein zeitloses Wort geführt, aber er führte es unter einem falschen Vor-Bild! Statt dessen gilt uns Heutigen das Spiel sehr viel mehr: Spiel steht für Kräfteausgleich, Anerkennung des Gegners, Achtung des anderen… Im Spiel äußert sich der freie Mensch. Dahin wollen wir, zur Bewußtwerdung des Menschen, daß er frei ist! Spiel ist hier Mittel, denn der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt (Schiller), will heißen, wo der Geist sich den Körper gibt, der dann dem Spiel folgen muß. Spiel ist Wirkung des menschlichen Triebes, sich aus sinnlicher Abhängigkeit befreien zu wollen, ist weder subjektiv noch objektiv zufällig, weder äußerlich noch innerlich nötigend, sondern: Der Mensch nimmt sich formbare Materie, die er mit seinem Willen formt, Zusammenwirken seines Formtriebes mit der Materie sucht, Einheit und Harmonie sucht, wobei Schönheit ihm begegnet. Der Mensch bleibt bei diesem dichterischen Ansatz in der Welt, er nimmt die Welt an, vergewaltigt sie nicht! Der Stofftrieb ist hierbei ein Sachtrieb, der darauf dringt, die Person zum Zustand zu machen (also zu entfalten), der Formtrieb will den Zustand formen, von der Person abhängig machen, das heißt aus sinnlicher, äußerer Abhängigkeit befreien. Hierüber läßt sich auch das Ziel alles künstlerischen und menschlichen Strebens beschreiben: Schönheit. Schönheit ist weder bloßes Leben – Natur - noch vollkommen bloße Gestalt - Materie. Sie ist das gemeinschaftliche Objekt des Spieltriebes.
Wir verstehen unsere Aufgabe so, auch Hölderlin mitzunehmen, die geistformende Bedeutung der Sprache und die Erkenntnis der Noth als wesenseigene Bestandteile des Menschseins anzunehmen. Sprache beinhaltet die Zeit, ohne von ihr abhängig zu sein. Sprache formt den Geist, formt Ordnung, weil die dem mangelt. Der Geist besitzt nur Vermögen zur Ordnung, die Sprache selbst muß Ordnung sein und ist wichtiger als das Inhaltliche: Formung ist wichtiger als Inhalt.
Letztlich fällt Sprache ab, wenn das Inhaltliche gegen die alles überstrahlenden Ideale von Freiheit, Liebe und Schönheit steht. Und darum gibt es in dieser Poetik keine Gewalt, keine Formung nach einem Ideal: Das Ideal selbst verträgt keine Gewalt, eine Selbstaushöhlung wäre das. Ideale sind keine Inhalte, sondern Forderungen und Selbstverständnisse des Menschseins. Inhalte bewältigen Alltag, helfen, Leben zu strukturieren; Ideale treiben an, sind aber selbst erst in Inhalten modifizierte Ideale, nicht aber die Ideale selbst. Aufnehmen, um zu bereichern, was Überwindung ermöglicht, nicht gleichgültige Verdrängung des Unrats, des Unbekömmlichen und Unnützen.
Wir wollen Spiel in die Ordnung des Verstandes bringen, denn beides bedingt einander, einst Unnützes wird durchs Spielen, eine sich drehende Artistik, neuerdings und künftig Bedeutung haben, was heute gilt, muß morgen nicht gelten, doch wenn wir etwas aus der Sprache und unserer Wahrnehmung tilgen, dann verlieren wir die Ordnung, dann verlieren wir an Kraft und Verstand.
Deshalb Aufnahme und Erhaltung! Das ist die eigentliche Bedeutung der Tradition, darin liegt der Sinn von Erinnerungen, deshalb erzählen wir einander Geschichten, Märchen und Spinnertes.

 
poesie.txt (876 views) · Zuletzt geändert: 2017/07/26 20:22 von aerolith
 
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