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rathenau

RATHENAU

Walther Rathenau

1867-1922 ermordet
Unternehmer und Essayist
- sein Vater, der in Berlin eine Stammfabrik der AEG gründete, die Deutsche Edison-Gesellschaft, ließ ihn in mehreren Fabriken (u.a in Polen, in der Schweiz und in FRANKREICH) arbeiten, ohne ihn nachhaltig zu protegieren: Rathenau jr. schaffte es in den neuerrichteten Elektrochemischen Werken Bitterfeld, die im Verbund der AEG standen, REICHTUM zu häufen, der ihn um 1900 vom Vater unabhängig machte
- isolierte sich 1914-18 von allen möglichen politischen Verbündeten, weshalb der von Rathenau im November 1918 gegründete Demokratische Volksbund 1918 seine Geburtsstunde kaum überlebte - keine Akzeptanz beim PROLETARIAT, weil er Konzernschef war; der Großteil des Bürgertums sah in ihm einen Spinner, der seinen Hirngespinsten nachjagte; die Intellektuellen verübelten ihm seine Kriegsartikel; die Alldeutschen sahen in ihm den JUDEN und Kaiserverräter und die meisten Industriellen verübelten ihm sein soziales Engagement
- Rathenau ging in die einzige PARTEI, die sich für die neue Republik starkmachte, die DDP
- trat der Regierung WIRTH als Wiederaufbauminister bei und wollte Versailles erfüllen: erreichte ein Abkommen mit seinem französischen Kollegen Loucheur, das eine deutsche Beteiligung mit Warenlieferungen beim Wiederaufbau verwüsteter französischer Gebiete vorsah, wobei Rathenau hoffte, eine Milderung der Reparationsbedingungen zu erreichen
- richtete seinen Blick nach der Niederschlagung kommunistischer Aufstände 1919 auch nach RUßLAND und nahm über RADEK Verbindungen zur russischen Regierung auf
- diente wahrscheinlich MUSIL als Vorbild für Arnheim
- war nach Auffassung mancher Antisemiten, z.B. zur Beek, einer der Weisen von Zion und soll deshalb ermordet worden sein;
- erkannte, daß mit dem Versailler Vertrag ein Riß in der Weltwirtschaft geschaffen worden war, der das Reich zu einem Balkanvolk machte, was es mit den anderen auf ERLÖSUNG vom osten warten ließ (Wolfgang Ruge)

Lehre

- die in Deutschland lebenden Juden sollen als assimilierungsbereite Träger einer Art Gesinnungsveredlung in das moderne Preußentum hineinwachsen
- artikuliert gegenüber dem Ideal des SOZIALISMUS, daß dieses Güterverteilung statt Wachstum der SEELE wolle → ABER statt des Ausgleichs von Ungerechtigkeiten, die bestenfalls durch blinde und unüberwindliche Institutionen bewerkstelligt werden können, muß das Verdikt der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung politische Maxime werden, d.i. die Öffnung zur FREIHEIT
- setzt verschiedene Aufgaben für das Kommende

  1. die transzendentale Aufgabe, d.i. das Wachstum der Seele
  2. die pragmatische Aufgabe, d.i. die Verteilung des Reichtums und Hebung des Selbstvertrauens, um zur Freiheit zu kommen

- seine entschiedensten Forderungen an die POLITIK faßte er in einer Trinität zusammen, sie liegt in dem Gedanken einer entschiedenen Trennung der Wirkungsformen des Vermögens

→ eines soll nicht das andere herbeiführen!
- die von Wirtschaftssachen bestimmten Beziehungen der Menschen sollen durch ein Verhältnis von MENSCH zu Mensch, das auf Arbeit und MUßE, Menschenwürde, Menschlichkeit und Freiheit im tätigen Leben ruht, ersetzt werden

politische Positionen

- stand nach 1918 weitgehend isoliert da:

  • das PROLETARIAT lehnte ihn wegen seiner gesellschaftlichen Position ab;
  • die MEHRHEIT der BÜRGER nahm Rathenau als einen Fabrikanten wahr, der unverständlichen Gespinsten nachjagte, bestenfalls als Sonderling;
  • linksliberale lehnten Rathenau ab, nachdem er einer Kriegsverlängerung nach 1918 zugestimmt hatte (Levee-en-masse-Artikel);
  • Alldeutsche lehnten Rathenau ab wegen dessen jüdischer Abstammung ab;
  • andere Fabrikanten waren gegen Rathenaus Vorstellungen einer „Selbstverständlichkeit“ des Achtstundentages, den Rathenau konzediert hatte

wirtschaftspolitische Empfehlungen

  • progressive Einkommenssteuer
  • Besteuerung des nichtarbeitenden Vermögens
  • Vernichtung der Monopole für Staatslieferungen

Denkschrift zu den Kriegszielen

28. August 1914 dem KAISER übersandt
- Rathenau will eine Zollunion im mitteleuropäischen RAUM, hinzu Benelux und FRANKREICH, aus der in einer zwischenstaatlichen Organisation Deutschland eine stärkere Stellung einnehmen könnte als PREUßEN in Deutschland
- Rathenau glaubt an keinen schnellen SIEG und entwickelte ein KONZEPT des Durchstehens der kommenden Belastungen → Zwangsbewirtschaftungen und gedrosselte Importe

Faksimale Rathenaus vom 28. August 1914 an Kanzler Bethmann Hollweg

Transkription

Blatt 1 des Briefes: Eure Exzellenz, in dieser unvergeßlich großen ZEIT der äußeren und inneren Wiedergeburt muß ich dem Drange folgen, dem AUSDRUCK der DANKBARKEIT und der herzlichen Wünsche, Ihnen zu senden.
Ich halte es nicht für verwegen, sondern für rechtzeitig, schon jetzt den künftigen Friedensschluß mit Frankreich vorzudenken, wenn auch die Besiegelung erst nach schwerer ARBEIT mit England folgen wird. Dem stellvertretenden Herrn Kriegsminister, unter dessen Ordre ich die Kriegsrohstoff-Abtheilung des K.M. (kaiserlichen Ministeriums) organisiere, habe ich technische Erwägungen unterbreitet, die sich auf unser Verhältnis zu ENGLAND beziehen und die kein INTERESSE gefunden haben; ich wage zu glauben, daß es Wege giebt, um ohne Gefährdung unserer Flotte das weitangelegte Endspiel der Engländer zu durchkreuzen.
Blatt 2 des Briefes: Euer Exzellenz bitte ich, es nicht als Unbescheidenheit zu deuten, wenn ich nochmals auf den mitteleuropäischen Zollverein hinweise, als auf die größte civilisatorische Errungenschaft, die der KRIEG unserer GESCHICHTE bescheren kann.
Als ein weiteres ELEMENT der Befestigung erscheint mir die ORDNUNG der finanziellen Weltwirtschaft.

  1. Frankreich und Belgien sollten ipso iure allen künftigen deutschen Anleihen abgabefrei ihre Märkte öffnen, die uns bisher verschlossen waren.
  2. Neue russische Werthe sollten nur unter gemeinsamer Zustimmung von Deutschland und Frankreich in beiden Ländern erlöst werden dürfen.
  3. Bis zur Beendigung des japanischen Krieges sollte keine Macht, die mit uns verbündet ist oder Frieden schließt, japanische Werthe aufnehmen. Nach dem Frieden sollten Bestimmungen analog 2. gelten.

Da AMERIKA auf lange Sicht internationaler Geldgeber nicht sein kann, England mit seinen Mitteln haushalten muß, würde die finanzielle Kontrolle des Rüstungswesens uns zufallen.
Blatt 3 des Briefes: Diese Erwägungen und die technische Übermittelung der Kriegscontribution - die mit 40 Milliarden Francs unsere indirekten Kosten nicht decken würde - erfordert eine allgemeine und neuartige Regelung des internationalen Anleihewesens. Erhebungen in dieser Richtung mache ich in Gemeinschaft mit einem unserer ersten Nationalökonomen. Ich bitte, die Ergebnisse Eurer Exzellenz später unterbreiten zu dürfen.
In wahrhafter Verehrung
Eurer Exzellenz ergebenster
Walther Rathenau.

Kritik der Zeit

1912
- mystisch-verschwommene Glaubensdeutung
- Darstellung der WELTGESCHICHTE als eines Prozesses, bei dem der einstigen Unterwerfung der Klugen (Furchtmenschen) durch die Starken (Mutigen) nunmehr deren Vermengung folgt
- Rathenau schließt aus dem Aufbau sozialer Gebilde auf den Aufbau des inneren Menschen
- jeder MENSCH hat das Recht auf ein lebenswertes DASEIN, und die GESELLSCHAFT muß entsprechend aufgebaut werden/sein
- der KAPITALISMUS schafft die Mechanisierung der Welt

Von kommenden Dingen

1917
- will den dogmatischen SOZIALISMUS ins HERZ treffen
- räumt ein, daß die revolutionären Bestrebungen der Arbeiterklasse verständlich seien, erklärte, im Kampf gegen die Entwürdigung des Menschen ohne Scheu eine Wegstrecke mitzumarschieren, aber dennoch die letzten Ziele dieser BEWEGUNG abzulehnen
- Rathenau modifiziert seine Zukunftsgesellschaft, der er nach dem wirtschaftlichen Regulierungsapparat eine insgesamt staatsmonopolistische Grundierung verpaßte: er verbindet Gleichheits- und Freiheitsvorstellungen des liberalen Bürgertums mit interessegebundenen Vorstellungen des Wirtschaftskapitäns, so will er eine Synthese aus sozialer GERECHTIGKEIT und kapitalistischer Produktionsweise schaffen

Rezeption

- besaß die Fähigkeit zur Komplexitätsreduktion, die ihn realpolitisch situativ pragmatisch und diplomatisch entscheiden ließ (Pschera)
- wollte Geschäft und Finanz vergeistigen und ethisieren, indem er diese nicht bloß auf den nächsten ZWECK der Gütersteigerung, sondern auf die geistige und moralische Gesamtlage unseres Volkes, ja der Kulturwelt bezog
- er wollte DENKEN und GEIST nicht im luftleeren Raume der bloßen WISSENSCHAFT oder Journalistik spielen lassen, sondern zur geistigen Erneuerung und Gesundung unserer, wie er wohl wußte, gefährlichen wirtschaftlichen und sozialen Weltlage verwenden (TROELTSCH)
- ein amphibisches WESEN zwischen Kaufmann und KÜNSTLER, Tatmenschen und Denker
- Es ist sein heroischer Lebensversuch, in unserer spezialisierten Zeit noch enzyklopädisch zu bleiben, was so ziemlich die stärkste menschliche Anspannung verlangt. (ZWEIG)

rathenau.txt · Zuletzt geändert: 2019/08/11 08:49 von Robert-Christian Knorr