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SOKRATES

Leben

- v.a. zur Spartanerzeit 404/3 v.Chr. führte Sokrates Ämter aus, deswegen später Vorwürfe, weil er Ämter zur demokratischen Zeit nicht bekleidet hatte;

- sein Tod war die Folge der unvermeidlichen Schuld der Verletzung des Bestehenden (Hegel)

Allgemeines

- mit Sokrates wird in Griechenland die Philosophie ein allgemeiner Gegenstand des Denkens → er führte die Philosophie vom Himmel auf die Erde, in die Häuser
- das Ich hat sich in sich selbst bewiesen und will sich auf andere übertragen: Subjektivität des Denkens → Umschlag des theoretischen ins praktische Denken
- Sokrates hat den Gedanken in sich zuerst gefaßt: die Altvordern hatten den Gedanken nicht in dem selbstbezogenen Sinne reflektiert → Sokrates dachte über das Denken nach
- seine philosophischen Kenntnisse bezog er durch das Lesen von Anaxagoras, Heraklit und Akelaos u.a.
- seine Gesprächstechnik ist ad hominem und überredend, persuativ, d.i. „unphilosophisch“, denn sie ist an die Person gebunden
- Sokrates philosophierte mit jedem, der ihm in den Weg kam, um das Allgemeine im Besonderen zutage zu bringen → das Suchen ist wichtiger als das Finden, weil das Nachdenken selbst der philosophische Akt ist

Lehre

- betont einen Dualismus zwischen Körper und Geist → diese können in Verbindung treten, sind aber ihrem Naturell nach verschieden
- sein Thema war die Ethik, nicht anderes wie Physik oder Erkenntnistheorie
- seine Verbindung zu den Sophisten rührt aus einem gemeinsamen Gedanken → die Sophisten wie auch Sokrates behaupteten, daß das Rechte und Schlechte nicht von Natur her sei, sondern durch Konvention geschaffen werde → bestreitet die Grundschlechtigkeit des Menschen
- ihn trennt grundsätzlich von den Sophisten, daß Sokrates nach dem Bleibenden und Allgemeinen suchte und das er seine Suche nicht gegen Entgelt mit unbedarfteren Suchern teilte
- er galt als in allem unterrichtet
- dem Menschen ist zu suchen aufgetan, er muß das Wahre, das Anundfürsichseiende aus sich selbst erkennen
- die Gefragten sagen, wenn man recht zu fragen versteht, selbst alles so, wie es sich verhält
- entbinden, nicht zeugen heißt mich der Gott
- liebend gibt der Sterbende vom besten

Methode

- steht auf innerem Grund im Gegensatz zu neueren langweiligen objektiven Methoden

  1. Ironie: gegen die Sittlichkeit, aber nicht darüber
  2. Maioitik:

- den Gedanken, der schon vorhanden ist, ans Licht bringen
- fragend
- der ideale Antworter bei Platon hat immer recht, d.i. eine Frage der guten Sitte → deswegen der Vorwurf der Sophisterei
- Hervorbringen des Allgemeinen, Bewußtseinsbildung → Entwicklung der Vernunft
- Bewußtsein verwirren und in Verlegenheit bringen

Tugend

- Zentralthema Sokrates' → Welches Wesen hat die Tugend?
- als sicher gilt, daß Sokrates sie als fronesiz bezeichnete, d.i. das aus vollem Bewußtsein und klarer Einsicht hervorgebrachte Tun, denn was ohne Einsicht geschieht, verdient nicht das Prädikat gut, was dagegen mit Einsicht geschieht, ist immer gut
- das Beste zu tun und das Wahrste zu wissen

Sokrates' Prozeß

- eines der folgenschwersten Ereignisse der griechischen Geschichte
- letztlich waren beide Seiten im Recht
- der Streitpunkt war die Frage, ob man unter den veränderten Umständen nach dem Krieg weiterhin so leben könne, wie dies bisher der Fall war
- während die Ankläger Anytos und Meletos an die Erneuerung der demokratischen Gesellschaft dachten, nahmen sie den größten Individualisten aufs Korn, dessen mißratene Schüler Alkibiades und Kritias sich zudem als die ärgsten Feinde Athens erwiesen hatten
- durch Sokrates’ Entscheidung setzten sich in der Nachfolge alle griechischen Philosophen in Distanz zum Staat und seiner Tagespolitik
- er kam in Konflikt mit den Athenern durch das Bewußtmachen eines Unbewußten, Sitte-Moral → sofern der Einzelne über sein Handeln reflektiert hinterfragt er es und wird kritischer
- Sokrates legt das Wahre in die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Bewußtseins → der Brauch, nomos, wird aufgeweicht und kritisch verlebendigt, vielleicht, um nur zu sterben
- drei unbedeutende Athener, Anytos, Lykon und Meletos, klagten ihn wegen Nichtanerkennung der Staatsgötter, Einführung neuer Götter und der Verführung der Jugend an

Zu den Ursachen des Prozesses und seinen weltanschaulichen Hintergründen

Die Suche nach dem wahrhaft Göttlichen, sie mußte irgendwann auch die überkommenen Gottesvorstellungen in Frage stellen. Das ist zwangsläufig. Sokrates war nun nicht der erste, der die Tatsächlichkeit der Mythologie anzweifelte. Pindar erklärte 50 Jahre vor Sokrates die Götterkämpfe für Lügen und Xenophanes 75 Jahre vor Sokrates gar für Märchen. Das entsprang keiner Deduktion, sondern einem Gefühl für Wahrscheinlichkeit. Das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von einem Außen aber führte und führt immer wieder zur Anrufung des Überirdischen. Theoretische Grübelei ersetzt keine Gefühle. Manch einer in jenen Tagen mochte die Götter als Irrglauben oder Lug und Trug bezeichnen, das kannten auch die Griechen seit Alters her, das Gefühl sagte und benannte ihnen ein Außen, ein außerhalb ihrer Vernunft sich abspielendes Drama, das auf unsere kleine Innenwelt wirksame Signale sendete, von Zeit zu Zeit. Dieses Gefühl behielt gegenüber allem Grübeln die Oberhand. Aber damit war die Sache längst nicht entschieden. Die Griechen, ein Händlervolk, fragten nach dem Sicheren, nach wahrer Erkenntnis, sie fragten nach dem Sinn des Lebens, nach den Rätseln der Menschheit: woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich? Die Dümmeren sagten dazu „Zufall“, „Schicksal“ oder „Kausalnexus“; die Klügeren sahen eine Welt von Plagen, in der sich der einzelne behaupten und bewähren muß. Und die ganz Klugen erkannten tiefere Zusammenhänge, Gerechtigkeitsphantasien entsprossen daraus, Weltordnung wurde gemutmaßt, Verderben und Übertreibung der Ordnung fanden beruhigende Bestrafung, früher oder später. Darauf bauten die großen griechischen Tragiker ihre Stücke, auf die Sühnung der gestörten Ordnung. Und dennoch blieb es dabei: Dike weint.

- die Athener identifizierten Sokrates mit den Sophisten → setzten ein gleiches Wirkungsmotiv, die Relativierung der Werte
- Sokrates wurde als demokratiefeindlich eingeschätzt, weil er die Bestimmung der Ämter durch das Los tadelte und einzelnen spartanischen Zuständen den Vorzug gab
- die Athener verübelten es Sokrates, daß er keine Staatsämter annehmen wollte

Rezeption

- hatte Platon überzeugt, daß die Philosophie mit dem Problem des Menschen zu beginnen hätte → diese Frage muß für Platon jedoch im Gegensatz zu Sokrates erweitert werden, weshalb das individuelle Leben verlassen werden muß und die Suche muß auf den größeren Buchstaben des politischen und sozialen Lebens ausgedehnt werden;
- Sokrates machte zwei Entdeckungen:

  1. die induktive Rede, d.h. die Hinwendung vom Einzelgegenstand zum Allgemeinen
  2. die begriffliche Bestimmung des Allgemeinen, d.h. im Gegensatz zu den Sophisten war Sokrates’ Dialektik ein Mittel, um das Bleibende zu finden

- in der Praxis zeigt seine Methode zwei Seiten

  • negativ → das Unwissendstellen/Ironie führt den Befragten zu dem Punkt, an dem er seine Unwissendheit zugeben muß
  • positiv → Sokrates übertrug den Beruf seiner Mutter ins Geistige und barg den Gedanken, den sein Gesprächspartner zumeist unbewußt in sich trug (Aristoteles)

- seine Philosophie schickte sich für jeden Ort und zu jedem Fall → Sokrates brauchte keine Schriften zu seinem Gedächtnisse (Hamann)
- Verwissenschaftlichung, mithin Aufhebung des Griechischen, mit Sokrates beginnt der Verfall
- intendierte Vernunftentwicklung
- Gegensatz zur griechischen Tragödie, eine Figur des Rationalismus: personifizierter Vernunftanspruch an die Welt
- Umkehrung des urgriechischen Lebensgedankens: das Unbewußte, das Schöpferische wird kritisch und läh­mend zugunsten des Bewußtseins, welches schöpferisch werden will, Vernunftpostulat
Verderber der Jugend durch Kritik am Bestehenden (Nietzsche)

 
sokrates.txt (746 views) · Zuletzt geändert: 2015/03/31 15:10 von aerolith
 
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