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STEIN

- Mineral
- hat seinen Ursprungsort, einen Felsen, entweder durch äußere Gewalt (Blitzschlag o.ä.) oder durch Erosion verlassen
- muß nach DIN 4022 mindestens 63 Millimeter messen, sonst Kies oder Geröll

Bologneser Stein

- ein Gipsspat, der nach der Calcination bei Nacht leuchtet

lydischer Stein

Metapher für Prüfung nach Wahrhaftigkeit des Ansinnens

Stein des Weisen

- das sagenhafte Endprodukt der alchimistischen Tätigkeit
- mit seiner Hilfe soll man unedle Metalle in Gold verwandeln können
- sieben Tätigkeiten sind notwendig, um ihn herzustellen:

  1. Verkalkung (Calzination);
  2. Erhöhung (Sublimation);
  3. Auflösung (Solution);
  4. Fäulung (Putrefaktion);
  5. Zertriefung (Destillation);
  6. Gerinnung (Coagulation) und
  7. Anstrich (Tinctura).

Barthel Stein

Geograph
1476-1522
- der erste ordentliche, besoldete Vertreter der Geographie Deutschlands
- lehrte in Wittenberg im Stile seiner Vorbilder Pomponius Mela und Celtis zweckmäßige Geographie, will heißen nach Darstellungen geordnete Geographie → Reliefkunde (Orientierung an Flüssen), Hydrographie, Landwirtschaft, Bevölkerung, historischer Exkurs, Chorographie, Physiognomie
- konnte auf die vielschichtige Erforschung der Mark Meißen durch Albinus zurückgreifen
- beschrieb Schlesien und Breslau, wobei er die seinerzeit nicht zu entscheidende philologische Frage umschiffte, ob Schlesien vom polnischen Wort für böse, sle, oder vom Flusse Silesus abstamme → legte statt dessen die Grenzen fest

Charlotte von Stein

um 1770
- diese Frau bedeutet ungeachtet ihrer unvergänglichen Verdienste um Goethe, rein als Lebenslauf betrachtet, den systematischen Versuch, das Genie an die Konvention zu binden, es mit der Gesellschaft zu versöhnen, es für die Karriere zu gewinnen
- wahre, vertrauensinnige Freundschaft, durchwoben mit verworrener, schmerzlicher Leidenschaft zwischen ihr und Goethe, nie aber echte, heilige, allgebietende Liebe, vielmehr war diese Liebe eine auf- und abflackernde Wahnvorstellung gewesen, teils harmlos kindlich naiv, wie es bei großen Männern auch sonst begegnet, teils dunkler gefärbt, wie es der Dürftigkeit der Umgebung, das Schmerzliche der geistigen Vereinsamung, das Sehnen der Jugend, die poetische Schwärmerei, der ungestüme Daseinsdrang, die überreizten Nerven, die Dankbarkeit, die Gelegenheit gebar (Chamberlain)
- geliebte Seelenführerin, Sicherheit meines Lebens (Goethe)

Karl Freiherr vom und zum Stein

Karl vom Stein1757-1831
Patriot und preußischer Minister
- arbeitete als Wirtschaftsminister in Cleve 1786 und machte die Ruhr schiffbar, baute Straßen ohne Frondienst, senkte die Steuern und schuf eine Verkehrs- und Gewerbefreiheit
- wurde durch die Auswirkungen der Französischen Revolution in seiner Tätigkeit behindert, mußte Cleve 1794 vor den vorrückenden Franzosen verlassen
- forderte, daß keiner einen Bauernhof oder ein städtisches Gewerbe führen dürfe, der nicht zehn Jahre gedient habe
- von rücksichtsloser Ehrlichkeit auch gegenüber Vorgesetzten
- seine Arbeit richtete sich bereits vor 1800 darauf, die Dienste der Domänenbauern aufzuheben und zu freien Eigentümern zu machen
- verlangte vom preußischen König eine Umstrukturierung des Staates, weg von der Kabinettspolitik hin zu einer dem Realsystem geschuldeten Ministerialbürokratie → der König wollte nicht; man einigte sich auf einen Kompromiß, das Conseil-System, in dem beide Prinzipien Anwendung fanden: der König behielt Beyme als persönlichen Referenten beziehungsweise Kabinettsrat, was aber die Stellung der Minister fragwürdig machte
- konnte mit Daru die Friedensbedingungen für Preußen 1808 festlegen, aber nach Napoleons Meinung fand da zurecht ein Verrat statt, denn Stein hatte insgeheim mit England konspiriert; zudem hatten preußische Großagrarier, denen Steins Reformen nicht paßten, ihn bei Napoleon denunziert → Stein wurde seines Amtes enthoben, enteignet, geächtet und floh nach Brünn
- tadelte nach seiner Absetzung die Agrargesetze Hardenbergs, obwohl er sich mit diesem heimlich in Hermsdorf getroffen hatte
- sah das Nationalgefühl als wählbares, das sich der Mensch schaffen könne → betonte immer das ethische vor dem realpolitischen Gedanken, so daß die Individualität Vorrang vor dem dynastischen und staatspolitischen Denken erhielt
- Frankreich ist das Böse, weil es kapitalistisch-dynastisch Neuerungen durchsetzt, die Bürger verwaltet, statt sie als Individualitäten walten zu lassen, Beispiele Westfalen, Bayern, Württemberg, wo der Code kapitalistische Prinzipien durchsetzte und die alte Bindung des Bürgers/Menschen an sein Land durch eine Kosten-Nutzen-Gleichung ersetzte
- setzte sich für die Befreiung Europas durch Alexander ein, d.i. die Konstituierung eines Zweireicheeuropas in das eine der Freiheit und das eine der Unfreiheit a la Augustin
- schaute im Geist bereits den deutschen Nationalstaat, aber noch nicht den autonomen, sondern den durch universale Prinzipien gebundenen → die deutsche Befreiung vollzieht sich im europäischen Kontext (Meinecke)
- sah allerdings eine Umgestaltung der europäischen Landkarte vor: Dänemark sollte aufgelöst, Holland an England geschlagen und Frankreich beschnitten werden, indem im Norden Deutschlands ein Welfenstaat mit starker Bindung an Großbritannien geschaffen würde – hier die Korrespondenz mit Münster
- einer der vorzüglichsten Chefs des Tugendbundes mit exzentrisch-revolutionärer Tendenz (Metternich)
- akzentuierte verschiedene Möglichkeiten eines europäischen Sicherheitsbündnisses, die alle eines zum Ziele hatten: die Sicherheit Deutschlands → setzte sich gegen eine Aufteilung Deutschlands in verschiedene Sicherheitszonen ein und forderte nach etlichen anderen Denkmodellen 1814 ein Viererdirektorium als erster deutscher Bundesbehörde: Österreich, Preußen, Bayern und Hannover
- intellektueller Urheber des Repräsentativsystems in Preußen (Ranke)

Lehre

- der Staat kann nicht dauern ohne eine sittliche Hingabe seiner Bürger → Soll die Nation veredelt werden, so muß man dem unterdrückten Teile derselben Freiheit, Selbständigkeit und Eigentum geben und ihm den Schutz der Gesetze angedeihen lassen.
- Hingabe zeigt sich in der freiwilligen Mitarbeit an den Aufgaben der Gesamtheit
- Arbeit beginnt in den kleinsten Zellen, dem Dorf, das selbstverwaltet werden muß → daraus resultierte sein reformatorischer Grundgedanke vom organischen Aufbau der Staatsverfassung über kommunale Selbstverwaltung in Gemeinde, Kreis und Provinz hin zum Ganzen

Darstellung der fehlerhaften Organisation des Kabinetts und der Notwendigkeit der Bildung einer Ministerialkonferenz

1805
- diese Denkschrift machte bereits vor dem Jenaer Fiasko von 1806 gegen Napoleon auf die Notwendigkeit aufmerksam, eine unabhängig von den Fähigkeiten des Herrschers arbeitende Regierung zu schaffen, Regierungstätigkeit also zu objektivieren → der preußische Staat funktionierte hervorragend, so lange Friedrich II. ihm vorstand, weil dessen Fähigkeiten die richtigen Entscheidungen zur Durchführung an die anderen Diener des Staates ordinierte, doch seine Nachfolger waren weniger fähig
- Stein schlug also die Bildung einer Ministerialkonferenz vor, um den preußischen Staat auf möglichst breite und verantwortungsbewußte Schultern zu stellen

Quellenarbeit aus dem Stein-Nachlaß

Im Auftrag der Reichsregierung der Preußischen Staatsregierung und des Deutschen und Preußischen Städtetages. Bearbeitet von Erich Botzenhart, Vierter Band, Berlin 1933, S.206-208. Signatur an Uni-Bibliothek Jena: H.un. VI, o. 83/19 S.
Münster an Stein, London, 26.Januar 1813, Geh. Staatsarchiv Berlin. Rep. 92. Karl vom Stein. C 8
[Abreise Gneisenaus nach dem Festland. Die deutsche Legion. Hoffnung auf ein gemeinsames offensives Vorge­hen Rußlands und Schwedens in Deutschland. Wallmoden.]
Euer Excellenz sind seit einiger Zeit so sehr mit meinen Briefen überschwemmt worden, dass ich Sie heute nur durch wenige Zeilen von wichtigern Geschäften abhalten will. Gneisenau, dem ich dieses Schreiben mitgebe, wird Sie von allen hiesigen Umständen und von meinen Ansichten mündlich näher unterrichten können, es sey denn, dass er näher Beschäftigung findet - worauf er einen Versuch wagen will [vgl. Pertz, Gneisenau II. S.486 ff.]. Graf Fabian {Alexander} Dohna, Oppen begleiten ihn. An den Major Dörnberg habe ich gestern einen Befehl ausgewürkt, um ihn von Spanien zurück kommen zu lassen. General Hope und Col. Low{e} sind noch in Yarmouth durch widrige Winde aufgehalten. Die ersten Instrukti­onen wegen der Teutschen Legion sind glücklich geän­dert - das Corps soll, wenn man mit Russland und Schweden eins wird, als T e u t s c h e s Corps dienen, nicht als fremdes. Es werden hier jetzt 20.000 Equipements Waffen, u.s.w. verfertigt und in Stand gesetzt, um sofort nach der Ostsee abzusegeln. Für die Fahnen habe ich den heiligen Georg, der den Drachen tödtet, vorgeschlagen mit der Einschrift aus Arndts Kriegsliedern „Heran, gekommen ist die Zeit, es fällt der bunte Drache, aus allen Landen weit und breit erschallt der Ruf der Rache.“ Der hl. Georg gehört England sowohl als Russland nebst dem Georgen Ritterorden an - Gibbons Schmähschrift auf ihn hat der gemeine Mann nicht gelesen -, und die Idee ist populär. Die andern vorgeschlagenen Devisen sind dieser ähnlich - alle allgemein, ohne Provinzialismus. Ich freue mich, aus den letzten Russischen Depeschen zu sehn, dass der Kaiser fest bey seiner Allianz mit Schweden verharrt, wenn sie nach der Oder rücken, so gehn wir hoffentlich von der Weser vorwärts mit den Schweden. Ihres Kaisers Proclamationen {Jubel der Ostpreußen beim Einmarsch der Russen} machen ihm große Ehre - alles Vergangne ist gutgemacht. Von L. Wallmoden habe ich Briefe aus Prag vom 4. Dezember. Ich habe ihn auf 6 verschiedenen Wegen benachrichtigt, dass ihm das Commando der Legion bestimmt, dass sein General Lieutenants Patent vom Regenten unterschrieben ist. Er schien nach seinem letzten Brief entschlossen, nach Russland zu gehen. Von Wien haben wir seit 7. November nichts officiel­les, ohnerachtet unser Courier daselbst am 31. November angekommen war. Von Berlin nichts seit dem 23. November. Was sagen Ew. Excellenz zu Hardenbergs Indignation über Yorcks Verräterey - nach den Französischen Zeitungen. - Originalquelle []-Einschübe von Erich Botzenhardt{}-Erklärung;

Ziel der quellenkundlichen Arbeit soll es sein, die angezeigten Fakten in den maßgeblichen Rahmen des historischen Umfeldes zu stellen und entsprechend zu erläutern. Ich beginne also mit einer Vorstellung der Handlungsträger und setze fort mit dem Versuch einer historischen Einordnung. Am Anfang steht jedoch die Quellenkritik.

Einleitung

Kritik kann nur eine Anmerkung in bezug auf die Ausgabeanmerkungen umfassen, da mir das Original vor­enthalten blieb: Fabian Dohna findet als solcher in den Geschichts­büchern beziehungsweise Biographien keine Nennung; wohl jedoch findet diese ein Alexander gleichen Geburtsdatums. Die von Botzenhart gelieferte Kurzbiographie hängt sich nicht an diese folgen müssende Erklärung, sondern unnötigerweise an den Schloßnamen eines Sitzes der Dohnas, jenes Schlosses, auf dem Napoleon sein Generalquartier im Sommer 1809 nahm; daß jedoch war nicht namengebend für diesen Zweig der Dohnas.

historische Vorgeschichte

Jahrhundertelang hatten französische Herrscher versucht, ihren Herrschaftsbereich nach Osten, sprich Deutschland, auszubreiten. Waren Burgund, Elsaß und Lothringen schon die Beute voriger und anders zu charakterisierender französischer Dynasten geworden, so war in dem hier zu behandelnden Zeitalter der Rhein von dem neuen Herrschertypus, der in einzigartig opportunistischer Weise eine weltverändernde Idee, die der Französischen Revolution, für seine imperialistischen Zwecke zu mißbrauchen wußte, zur neuen ‘natürlichen’ Grenze bestimmt, und, durch die korrumpierten und kleinlich-selbstischen Duodezfürsten jener Gebiete Deutschlands, bereits geworden. Es wurde vielerorts das ‘große historische Verdienst’ Napoleons gewürdigt, mit den Hunderttausenden von Toten, den ‘Fortschritt’ gerade in Deutschland herbeigemordet zu haben; allein, zu diesem Behufe gebraucht man eines gehörigen Maßes an Menschenverachtung, wenn sich Fortschritt anhand von Veränderungen auf der politischen Landkarte auszeich­nen möchte.
Es sollte der ‘Zug’ weiter nach Osten gehen; und er ging es auch, vorerst. In Preußen schufen weitsichtige Männer den preußischen Staat neu: „…ein Staat und ein Gemeinwesen können nicht dauern ohne die sittliche Hingabe ihrer Bürger… Diese lebendige Teilnahme muß beginnen mit den täglichen Sorgen, welche die engste Gemeinschaft des Dorfes heranbringt, und muß aufsteigen bis zu den großen Schicksalsfragen der Nation. Nur so kann der Rechts­staat bestehen… Als Letztes und Höchstes aber steht die Unversehrtheit und Würde der Nation, die, wenn sie verletzt sind, wiederhergestellt werden müssen.“ (Franz Schnabel: Der Freiherr vom Stein und der deutsche Staat. In: Karlsruher Akademische Reden Nr. 9. Karls. 1931, S.18/19.) Die hier vorliegende Quelle ist ein Indiz für den Kampf dieser Menschen und gleichsam ein Höhepunkt deutscher Geschichte.

zur Quelle

Die Quelle tritt mir als ein Brief entgegen, den Ernst Friedrich Herbert Graf von Münster, Staats- und Kabinettsminister beim englischen König in London, an Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein, der eine entsprechende Stellung zu dieser Zeit vom russischen Zaren abgewiesen hatte, diesen jedoch bei allen deutschen Fragen beriet, verfaßte.
Münster, geboren am 1. März 1766, wurde unter anderem am Philanthropin zu Dessau erzogen und trat in Hannover in englische Dienste. Dort lernte ihn 1798 Stein kennen und sprach sich über ihn in einem Brief an Frau von Berg als „einen in jeder Hinsicht achtungswerten Ehrenmann und Kenner in Gemälden und schönen Künsten“ (Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 23, Leipzig 1898, S.158.) aus. Um 1801 entschied sich die grundsätzliche Haltung Englands zu Napoleon; währenddessen die kleineren deutschen Fürsten um die Gunst des französichen Imperators buhlten, um von der anstehenden – man konnte bei „natürlicher“ Entwicklung der Geschehnisse um 1800 durchaus damit rechnen, daß Napoleon nach Osten marschieren würde und daß dann im Reich ähnliche Flurbereinigungen anstünden wie in Frankreich - Säkula­risationsmasse entsprechend ihren Wünschen bedacht zu werden, „erschien es Georg III. [König von Hannover-England] ratsamer, sich den Beistand Rußland zu sichern.“ (ADB 23, S. 159.)
Münster sollte diese Vermittlungsversuche am Peters­burger Hof ausfechten. Diese Aufgabe löste er. Aber Napoleon besetzte 1803 Hannover. Münster ist es entscheidend zu verdanken, wie Ranke schreibt, daß 1805 die dritte Koalition gegen Napoleon zustande kam: England und Rußland beschlossen, nicht eher zu ruhen, bis die Wiedereroberung Hannovers erfolgt sei. Münster ging nach England zurück und wurde dort zu einer Integrationsfigur aller europäischen Patrioten gegen die Fremdherrschaft Napoleons. Wessen Geistes Kind Münster war, soll aus folgendem Bericht erhellen:
Vergebens bemühte sich Münster die in den englischen Südhäfen sich sammelnde Expedition an die hannoversche Küste zu lenken…, aber [man] setzte ihre Bestimmung an die Schelde durch… Gneisenau sprach aus, Münster fühle das Unglück Deutschlands so tief, daß er seinen ehemaligen Groll gegen Preußen ganz vergessen habe, in Preußens Erhaltung erblicke er jedoch die Rettung ganz Norddeutschlands, und, sofern man nicht sein Hannover antaste, sei er zu „Allem“ mitzuwirken bereit. (ADB 23, S. 161.)
Diese Expedition scheiterte somit. 1812 gelang es Münster, 100.000 Gewehre Preußen in Aussicht zu stellen, falls Preußen mit Frankreich in Krieg geraten würde. Es war dies aber schon zu einer Zeit, in der sich Stein um die Mitwirkung Münsters bei der Be­freiung Deutschlands bemüht hatte. Die Fäden der pat­riotischen Bewegung liefen in London bei Münster zu­sammen. Er koordinierte vor allem die westeuropäischen Bewegungen im Kampfe gegen Napoleon. Münster hatte bei dieser Mitwirkung allerdings auch „Vergrößerungspläne“, nicht im Sinne Gneisenaus, der von einem Staat Nordgermanien oder Austrasien sprach, doch von einer „Abrundung“ Hannovers in einer Größen­ordnung von 250.000 bis 300.000 Seelen war schon die Rede. Es kann hier nicht in Abrede gestellt werden, daß in der englischen Regierung andere als Denkelemen­te des Machtkalküls dynastischen Charakters - ganz im Gegensatz zu den Patrioten! - vorherrschend waren: „…lieber wollte man das napoleonische Joch etwas länger tragen, als einen Volksaufstand nach spanischem oder tiroler Muster erleben.“
Soweit zu Münsters Person und England-Hannovers Ab­sichten.
Nun Stein. Er wurde geboren am 26. Oktober 1757 zu Nassau und im väterlichen, reichsritterlichen Hause im Geiste von Familien- und Vaterlandsehre erzogen. Seine weitere Ausbildung nahm einen vorzugsweise praktischem Geschäftssinn genügenden Weg in Berlin, Schlesien, Thüringen und an der Bergakademie zu Freiberg im Sächsischen. Sein Wissen diesbezüglich erweiterte er in England und avancierte 1788 zum Kammerdirektor in Cleve. Bereits 1792 bei der Rückeroberung Frankfurts durch Heere der Koalition machte er Bekanntschaft mit dem alten Feldmarschall Wallmoden und ehelichte kurz darauf dessen Tochter. Der Geist, mit dem Stein die Reformen in Preußen nach 1807 anregte und gestaltete, läßt sich durch folgendes Zitat erkennen: „Meine Diensterfahrung überzeugt mich ganz innig und lebhaft von der Vortrefflichkeit zweckmäßig gebildeter Stände, und ich sehe sie als ein kräftiges Mittel an, die Regierung durch die Kenntnisse und das Ansehen aller gebildeten Klassen zu verstärken, sie alle durch Überzeugung, Teilnahme und Mitwirkung bei den Nationalangelegenheiten an den Staat zu knüpfen, den Kräften der Nation eine freie Tätigkeit und eine Richtung auf das Allgemeinnützige zu geben, sie vom müßigen sinnlichen Genuß oder von leeren Hirngespin­sten der Metaphysik, oder von Verfolgung bloß eigen­nütziger Zwecke abzulenken und ein gut gebildetes Organ der öffentlichen Meinung zu erhalten, die man jetzt aus Äußerungen einzelner Männer oder einzelner Gesellschaften vergeblich zu erraten bemüht ist…“ Dieser Energie hatte es Stein zu ‘verdanken’, daß Napoleon nach einem abgefangenen Brief an Gesinnungs­genossen eine Absetzung Steins aus preußischen Diensten erzwang.
Alexander – Zar Rußlands - aber, angesichts der „Knechtung Europas“, wollte „die Energie seines [Steins] Charakters und seine ausnehmenden Talente“ nicht entbehren; Stein reiste nach kurzem „Müßiggang“ auf Einladung des Zaren im Sommer 1809 nach Rußland. Dort arbeitete Stein unermüdlich: Ein deutsches Komitee und eine deutsch-russische Legion waren u.a. Ergebnisse seiner Tätigkeit. Mit Arndt besaß er einen Mitarbeiter, der flammende Aufrufe an die Deutschen schrieb.
Ernst Moritz Arndt, geboren am 26. Dezember 1769, stammte aus einfachen Verhältnissen. Seit etwa 1809, den Tagen eines Aufenthalts in dem patriotisch gesinnten Buchhändlerhaus Reimer in Berlin, ist er zu diesen zu zählen. Er ging 1812 von Breslau aus zu Fuß nach Petersburg zu Stein, „der ihn zu sich geladen hatte, um ihn in Geschäften der deutschen Legion und in seinem Bureau zu beschäf­tigen… In gehobener Stimmung, unter den mächtigsten Eindrücken, im Wirbel der ungeheuren Ereignisse des Jahres 1812, wurde Arndt ein Teilnehmer und guter Beobachter der russischen und der deutschen Erhebung. Am 5. Januar 1813 verließ Arndt mit Stein Petersburg und kam… am 21. Januar in Königsberg an.“
Stein drang nach dem Scheitern Napoleons in Rußland 1812 darauf, den Krieg nach Deutschland zu tragen und „die Freiheit Europas auf weisen und dauerhaften Grundlagen herzustellen“, womit er an das Sendungsbewußtsein Alexanders nicht vergebens appellierte. In England trieb er Münster dazu, ein deutsches Heer zu bilden und die Verbindung zwischen Rußland und Österreich herzustellen. Stein wußte, daß Friedrich Wilhelm III. nur in diesem Falle gegen Napoleon ziehen würde. In dieser Situation kam Stein Yorcks „Verräterey“ sehr entgegen. Er verließ mit Arndt Petersburg und begab sich nach Königsberg und erhielt vom Zaren Vollmacht nach seinen Wünschen für Ost- und Westpreußen.
„Sobald ein endliches Abkommen zwischen dem Zaren und dem König von Preußen getroffen wäre, sollte seine Mission [Aufbau des Landsturms und Bereitstellung von Kriegs- und Geldmitteln für die weiteren Unternehmun­gen] erlöschen und die Verwaltung der Provinz an den preußischen König zurückgegeben werden.“
Nach dieser Vorstellung der beiden Protagonisten der Quelle soll es nunmehr darum gehen, die angezeigten konkreten Sachverhalte zu erläutern.
Die erste und somit wichtigste Information Münsters an Stein gilt den Absichten des August Wilhelm Antonius Neidhardt von Gneisenau, geboren am 27. Oktober 1760, die er unklar andeutet. Gneisenaus Lebensweg begann als Kurrendesänger auf den Straßen Erfurts und endete als die eines Feldmar­schalls in preußischen Diensten. 1782 hatte Gneisenau Gelegenheit, in Amerika die Kraft eines „schnell zusammengerafften Volksheeres“ mit der von englischen und deutschen Mietstruppen zu vergleichen. Bekanntlich siegten die Amerikaner. Dieser Sieg hinterließ in Gneisenau die Gewißheit, daß Preußen um Reformen nicht umhin käme, falls der friderizianische Geist dem Heereskörper fehlte. 1806, in Jena, fehlte er. Bekanntlich siegten die Franzosen. „…eben weil er es [die Unvermeidlichkeit einer preußischen Niederlage im Kampfe mit einem Heer des neuen Geistes] früh erkannte, raubte ihm die[se] Kata­strophe… weder Mut noch Hoffnung und Besonnenheit - er war einer der wenigen, die an die Möglichkeit einer Regeneration… geglaubt haben, und er wurde einer der kräftigsten und tätigsten Werkzeuge zur Erneuerung Preußens.“ 1808/09 nahm er Verbindung zum Grafen Münster auf, allerdings nicht über einen in Königsberg gegründeten ‘Tugendbund’, der von reformfreudigen Offizieren und Beamten gegründet wurde, und ein Anlaufpunkt aller in diesem Geiste denkenden war. Gneisenau selbst: „Mein Bund ist ein anderer ohne Zeichen und Mysterien; Gleichgesinntheit mit Männern, die der Herrschaft des Fremdlings nicht unterworfen sein wollen.“ Gneisenau schwebten englische Zustände vor, „er wünschte ein freies selbständiges Entfalten von innen heraus [hier traf er sich mit Stein], Selbstverwaltung der einzelnen Körperschaften, überall ständisches Wesen… er sprach sich nach den Freiheitskriegen gegen Metternichs Politik und die Karlsbader Beschlüsse [Restitution des Absolutismus] frei und offen aus, und erlitt in dieser Zeit manche Kränkung, die er großdenkend kaum empfand…“
Er empfand es als seine Mission, an den europäischen Höfen Gleichgesinnte gegen den Imperator zu sammeln, aber „…überall erhielt er ablehnende oder hinhaltende unbestimmte Antworten. In London gestaltete sich alles günstiger, der ihm befreundete Graf Münster war dort, der Prinzregent wurde ihm persönlich geneigt, vor allem war im Herbst [1812] die Lage des französischen Heeres in Rußland eine andere geworden.“ Der Versuch, den Gneisenau „wagen will“, bestand in folgendem: Gneisenau fuhr nicht allein richtens Königsberg; in seinem ‘Gepäck’ befand sich die Ausrüstung für 20000 in Pommern zu bildende Truppen. Dohna, von dem vorhin schon gesprochen wurde, und Oppen, ein sich eigentlich im Ruhestand befindender preußischer Kavalleriegeneral, sollten Gneisenau bei der Aufstellung dieses Corps behilflich sein. Das von Botzenhart beigestellte Fragezeichen bezieht sich darauf, daß Oppen 1809 sei­nen Abschied nahm und 1813 erst wieder in den preußi­schen Dienst trat; offensichtlich ging Oppen aber nach England und wartete dort auf seine Chance, die er nun wahrnahm. General Hope und Colonel Low[e] wurden nach Schweden gesandt beziehungsweise wollten nach Schweden, „…um den Kronprinzen zur Teilnahme am Kriege zu bestimmen.“ Die Quelle berichtet von Verzögerungen bei der Abreise. Major Dörnberg, einer der unermüdlichsten Kämpfer gegen die Fremdherrschaft, hatte bereits 1809 im Krie­ge Frankreichs gegen Österreichs eine entscheidende Rolle bei einem Aufstand in Norddeutschland gespielt. Er tat dies in steter Fühlung zu Scharnhorst, Gneisenau, Schill und Katt, und unter den Augen der Rheinbundfürsten, „die in seine Loyalität keinen Zweifel setzen“.
Dörnbergs Loyalität schloß die Rheinbundstaaten mit ein und endete nicht an deren Grenzen. Der Aufstand, vor allem der Bauern, die zu Tausenden richtens Frank­furt zogen, scheiterte, setzte jedoch Signale, die noch lange fortwirken sollten. Diesen Dörnberg also ließ Münster aus Spanien kommen, wo dieser, wie man vermuten darf, gegen Napoleon focht, und trug ihm ein Kommando nach Rußland auf.
Unklar bleibt jedoch der Dienstgrad Dörnbergs. Die Allgemeine Deutsche Biographie spricht von einem Hauptmann 1809, Hintze von einem Oberst 1809 und Münster von einem Major 1813. Festzustehen scheint indessen nur, daß er in braunschweigischem Dienst 1850 als Generalmajor starb.
Soweit die Inspirationen des Westens, vielmehr der deutschen Patrioten, die in England und Spanien fochten.
Im Osten hoffte man, daß die sich in der Geschichte einzigartig darstellen wollende Allianz zwischen Rußland und Schweden halten möge. Bernadotte, ein Franzose an der Spitze des schwedischen Staates, hat als ein Intimfeind Napoleons „vor allem…den russischen Kaiser im Kriegswillen bestärkt“. Steins Kriegsziele bestanden in der Vernichtung des Rheinbundes und in der Begründung eines einigen und unabhängigen Deutschland. Der Zar ließ sich in diesem Sinne gewinnen; in Deutschland verstand man dies sehr wohl und machte ihm beim Einmarsch in Ostpreußen „Proclamationen“. Damit war der Eitelkeit des Herrschers Genüge getan, der Wunsch nach Erweiterung des eigenen Machtbereiches in Polen und die Ruhmbegierde trafen sich in ihm in einer den deutschen Patrioten selten gefallen wollenden Intensität. In einem Zeital­ter, in dem verletztes Ehrgefühl, zumeist der Könige, den Tod von Tausenden bedeuten konnte, war diese sel­tene Übereinkunft nicht hoch genug einzuschätzen. Der Text der Quelle bewegt sich aussagewirkend in der merkwürdigen Unentschlossenheit zwischen den lange vorbereiteten Plänen der Quellenprotagonisten und der Situation Ende Januar 1813. Des jungen Wallmodens Aufgabe, seine Stellung und seine Person sind ein Weg zur Entschlüsselung der Verhältnisse.
Ludwig Georg Thedel Graf von Wallmoden-Gimborn, geboren am 6. Februar 1769, seit dem 21. August 1809 Feldmarschall Österreichs, trat Ende 1812 in englische Dienste. Münster und Stein sahen ihn für die Führung der deutsch-russischen Legion vor. Alle Pläne waren geschmiedet, Wallmoden hatte nach der Quelle bereits beschlossen, „nach Rußland zu gehen“, doch Yorck machte dieses Vorhaben mit der Konvention zu Tauroggen in seiner grundlegenden Bedeutung zunichte. Fortan befand sich Wallmoden auf einem Posten zweiter Refe­renz. Wallmoden nahm seine Bedeutungsrückstufung ge­lassen und kämpfte unter anderer Kommando. Daß Münster in London „nichts officielles“ aus Wien vorliegen hatte, lag am vorsichtig-bedachtsamen Metternich. Österreich beabsichtigte zu diesem Zeitpunkt, den Standort der ‘bewaffneten Vermittlung’ einzunehmen:
„Es zeigte sich alsbald, daß die Zahl der russischen Streitkräfte sehr gering, die napoleonische Macht in Deutschland jedoch immer noch bedeutend war, daß Österreich die neue Koalition gerne sah, aber von sich aus vorläufig nicht eingriff.“ (Schnabel, Deutsche Geschichte, S.491.) Österreichs Zögern hatte aber noch andere Gründe, die nicht minder bedeutend sind. Metternichs Überlegungen gingen auch in folgende Richtungen: „Napoleons Hegemonialpolitik hatte dem Interesse Frankreichs genauso wie dem ausgewogenen System der fünf europäischen Großmächte widersprochen; jetzt galt es [für Metternich], eine kontinentale Hegemonie Ruß­lands zu verhindern. Daneben war auch… die nationale Gärung und Leidenschaft [für Metternich] beunruhigend, die ihre Erwartungen auf Preußen richtete.“ Richard Nürnberger: Französische Revolution und Napoleon. (Propyläen-Weltgeschichte, Bd. 8, S.174, Berlin 1986.)
Die große Unbekannte Ende Januar 1813 auf dem europäischen Schauplatz war somit Preußen. Der preußi­sche König saß in Berlin ‘gefangenbewacht’ von Franzo­sen, doch das Volk nahm, sooft wie noch nie zuvor, Begriffe wie Vaterland und Befreiung auf, so daß eine gewisse Ambivalenz zwischen dem Begriff des Volkes von sich selbst und dem politischen Selbstverständnis des Staates nicht zu übersehen war: „Viele Offiziere verließen 1812 den preußischen Dienst, um unter russischen oder englischen Fahnen gegen Napoleon zu fechten. Einer von ihnen,… Clause­witz, schrieb dabei die erbitterten Worte: ’Ich glaube und bekenne, daß der Schandfleck einer feigen Un­terwerfung nie zu verwischen ist; daß dieser Gifttrop­fen in dem Blut eines Volkes in die Nachkommenschaft übergeht und die Kraft späterer Geschlechter lähmen und untergraben wird.’ Wenn man diesen tiefen Gegen­satz zwischen dem König und den zum Kriege drängenden Patrioten …sich vergegenwärtigt, so ist es nicht leicht, das richtige historische Urteil darüber zu finden.“ (Otto Hintze: Die Hohenzollern und ihr Werk; S. 466/467, Berlin 1916.)
Die ‘feige Unterwerfung’ verbalisierte sich durch den Pariser Vertrag vom 24. Februar 1812, durch welchen das unter französischen Truppen leidende Preußen ver­pflichtet wurde, 20.000 Mann zum russischen Kriege zu stellen.
Um diese 20.000 Mann soll es nun gehen. Der Befehlshaber dieses preußischen Corps war Hans David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg, geboren am 26. September 1759. Yorcks kannte keine Subordination. Schon unter Friedrich dem Großen dienend „gab er seiner Verachtung gegen einen Vorgesetzten, dem ein unehrenhaftes Verhalten im Kriege nachgesagt wurde… in so subordinationswidriger Form… Ausdruck, daß er zu einjähriger Festungsstrafe und Cassation vom Kriegsgericht verurteilt wurde. Der König bestätigte das Urteil…“ Später jedoch zeichnete er sich als einer der wenigen bei Jena 1806 aus. Den Steinschen Reformen stand er feindlich gegenüber; er konnte sich erst 1810 der Umorganisation des Heeres durch Scharnhorst fügen. Yorck war ein Mann der Ehre und des Pflichtbewußt­seins, kein Mann mit dem idealistischen Schwung eines Stein oder Gneisenau: „Hatte er [Yorck] unter dem fridericianischen Absolutismus bitter gelitten und sich durcharbeiten müssen, weshalb dem Idealismus der Massen, die weniger wert waren als er, größere Freiheit gewähren?“
Yorck war im russischen Feldzug angewiesen, mit seinem Hilfscorps in die wenig Gegenwehr erwartbaren Gegenden von Riga vorzustoßen. In einzelnen Gefechten schlug er sich hervorragend, die Truppen trotz allem schonend. Es kam zu Ausfällen des französischen Feldmarschalls MacDonald, der Yorck gegenüber beleidigend wurde. Aus der anfänglichen Reserviertheit Yorcks wurde mehr und mehr Betrachtung der militärischen Ereignisse als soldatische Anteilnahme, gar Parteinahme für die Fran­zosen. Eine kleine Episode soll die Stimmung im preußischen Armeecorps wiedergeben:
Yorck war überall beflissen, die Besonderheit des preußischen Heeres deutlich zu machen… “General von Holleben erzählt, daß er Tränen vergossen habe, [vor Rührung] als bei dem Hoch, daß er am 15. August auf Napoleon auszubringen hatte, niemand einstimmte.“
Die Franzosen, namentlich MacDonald machten einen großen Fehler, die Ehre und den Geist des preußischen Corps lediglich mit dem Blick des Siegers zu betrachten, der die Beihilfe des Besiegten, um den nächsten Widersacher zu schlagen, eigentlich nicht benötigt und an dessen Treue zu zweifeln ist. Nun, mit dem zweiteren hatten die Franzosen zweifelsohne recht; doch was ist von einem Hilfscontingent zu hoffen, das laut Pariser Vertrag gezwungenermaßen ‘Dienst’ versieht? „Am 18. Dezember erhielt MacDonald die Weisung… [zum Rückmarsch], gleichzeitig kam die Kunde vom Vormarsch der Russen auf Tilsit. Die französische Armee war vernichtet, die russische erschöpft, es war die Frage, wie sich das preußische Hilfscorps, das sich im besten Zustand befand, verhalten würde; dies war nach der Vereinigung mit den französischen Überbleibseln stark genug, den Vormarsch der Russen zu hindern, und es den Franzosen zu ermöglichen, wenigstens die Weichsellinie zu halten…“
In dieser Situation gaben zwei Momente den Ausschlag für Yorcks Entscheidung:

  1. “…der König habe ihm sagen lassen, er solle nach den Umständen handeln.“ Hintze; S.468.
  2. „Er [Yorck] erhielt ein Schreiben des Zaren, worin dieser als sein [?] Ziel die Wiederherstellung Preußens bezeichnete…“ (Schnabel; Deutsche Geschichte, S.487.)

MacDonald war schon nach Westen gezogen, Yorck war ganz auf sich gestellt. Und jetzt nahm dieser scharfe Gegner von „spontanen Regungen des Willens“ das Heft des Handelns in die Hand und traf sich mit dem in russischen Diensten stehenden General Diebitsch in einer Mühle im ostpreußischen Tauroggen. Man unter­schrieb eine Konvention: „Ein Bündnis mit [den Russen] ward nicht geschlossen, vielmehr enthielt die Konvention die Bestimmungen, daß das preußische Corps den Landstrich um Tilsit, als einen neutralen, besetze, daß es [er], wenn der König die Rückkehr zum französischen Heere befehle, sich verpflichte, nicht gegen Rußland zu dienen, daß es, wenn die Abmachung nicht gebilligt würde, an den von dem Könige angewiesenen Orte ziehen dürfe.“
In Berlin war Hardenberg am 28. Dezember als Beauf­tragter einer Rüstungskommission eingesetzt worden. Karl August Fürst von Hardenberg war am 31. Mai 1750 geboren. Nach einem an Kabalen reichen Leben als Höfling war er zum Zeitpunkt der Quelle sozusagen Premierminister des preußischen Königs. Hardenberg war ein Mann hinter den Kulissen, mit, den offenen und ehrlichen Gesinnungen Fühlenden, suspekten Methoden, doch war er nicht minder patriotisch gesinnt: „Der König wünschte sehr, nicht ohne Österreich vorzu­gehen, ließ aber zu, daß Hardenberg den General Yorck über die Lage [Freiheitsbestrebungen gegen Napoleon] instruiere und gab dessen Adjutanten die Vollmacht mit, daß der General nach den Umständen verfahren möge. Ende Dezember, als die Vernichtung der französi­schen Armee bekannt und Napoleon nach Paris zurückge­eilt war, erklärte Hardenberg dem Könige, daß die Zeit zum Handeln, mit oder ohne Österreich, gekommen; die größte Eile sei nötig, um Napoleon keine Frist zu neuen Rüstungen zu lassen; doch müsse man einstweilen und scheinbar an der Allianz [mit Napoleon] festhalten, um unter deren Deckmantel die nötigen Vorbereitungen sicher treffen zu können.“
Die „Verräterrey“, die Hardenberg nach französichen Zeitungen [in dem Sinne der Quelle wohl lediglich als Neuigkeit zu interpretieren] Yorck mutmaßte, gibt beredtes Zeugnis von der Verschiedenheit der Mittel ab, einem Ziel zu genügen, denn Hardenberg war in diesem Sinne von der „Verräterey“ begeistert.
An dieser Stelle möchte ich meine Lesart der Quelle abschließen; ohne auf den status quo ante einzugehen, da in der Quelle davon keine Rede ist. Als Stein vor­liegenden Brief erhielt, war er in die heftigsten Kämpfe mit Yorck und den ostpreußischen Ständen ver­wickelt; aber das ist eine andere Geschichte.
Ein Nachbemerkung zur Schmähschrift Gibbons: Edward Gibbon, 8. Mai 1737 bis 16. Januar 1794, war ein rationalistischer Historiker, dessen Hauptwerk ‘The History of the decline and fall of the Roman Empire’, 1776-88 erschienen, “scored a success that was resounding, if somewhat scandalous because of the last two capters in which he dealt with great irony with the rise of Christianity.“ The New Encyclopaedia Britannia, Volume 5, S. 249, 15. Auflage Chicago 1991. In diesem Sinne behandelte Gibbon den Heiligen Georg, und er konnte sich mit dem sehnsüchtig-ernsthaften Blick Steins auf diesen frühmittelalterlichen Helden nicht treffen.

Lorenz von Stein

1815-90
Staatsrechtler
- entwickelte die Idee vom sozialen Königtum hinsichtlich der sozialen Klassen → keine Ausweitung auf Nationalitätenpolitik
- stellte sich als Vertreter des Konservatismus den Ideen des Marxismus und konstruierte einen Antagonismus von Kapitalisten und Proletariern, der die Gesellschaft zu einem System von Abhängigkeit und Unfreiheit führte, in dem sich die Kapitalisten der Staatsgewalt bemächtigten und die Proletarier in die Position brachten, um diese Macht zu kämpfen und das Privateigentum abzuschaffen → dieser Kampf muß verhindert werden, was eine Staatsgewalt zu leisten imstande sein dürfte, die über den Interessenkonflikten steht, das soziale Königtum

 
stein.txt (1078 views) · Zuletzt geändert: 2017/05/11 12:19 von aerolith
 
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