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vergangenheit [2019/10/31 08:33]
Robert-Christian Knorr
vergangenheit [2019/12/30 10:48] (aktuell)
Robert-Christian Knorr
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 Die Sieger des letzten Krieges schrieben die Kräfteverhältnisse für offenbar unbestimmbare Zeit fest, so schien es, und Entwicklung blieb in engen Bahnen befangen. ​ Die tieferen Gründe des Wandels von vormals geistiger Höhe zu geistlosem Festhalten an politisch grundierten Lehrmeinungen zu erforschen, wäre ein sicherlich lohnenswertes Ziel an der Universität gewesen. ​ Aber die Forschung konzentrierte sich insbesondere auf naturwissenschaftliche Gebiete, forcierte diese gegenüber den Geisteswissenschaften,​ deren führende Köpfe sich darin gefielen, personengebundene strukturalistische Nützlichkeitsfragen zu erörtern oder Anteil zu nehmen am Lebensgang bislang unbeachtet gebliebener zweitrangiger Landeskinder der ferneren Vergangenheit. ​ Die entscheidenden Stellen bei der Vergabe von Forschungsgeldern befriedigten somit persönliche Ambitionen, derweil verlor allgemeininteressierende Fragen aus dem Blick verloren wurden. ​ In die Geisteswissenschaften war ein Virus namens// correctio vitiosa// eingedrungen und befiel schon jahrzehntelang ungestört neue Wirte. ​ Das Wesen des Geistes aber, frei sich den Gegenstand seiner Betrachtung zu suchen, wurde durch die willfährige Gewährung egomanischer Intentionen elementar pervertiert,​ denn eine Festlegung war allen Überlegungen,​ allen Absichten der einheimischen Denker durch die Sieger propädeutet,​ daß es nämlich in jedem anderen gesellschaftlichen System für sie nichts zu gewinnen gäbe. ​ Und somit stand der politischen Herrschaftsform des Geldes, in der die thematisierten Landeskinder nunmehr leben mußten, die Forderung des Denkens nach Freiheit gegenüber. ​ \\ Die Sieger des letzten Krieges schrieben die Kräfteverhältnisse für offenbar unbestimmbare Zeit fest, so schien es, und Entwicklung blieb in engen Bahnen befangen. ​ Die tieferen Gründe des Wandels von vormals geistiger Höhe zu geistlosem Festhalten an politisch grundierten Lehrmeinungen zu erforschen, wäre ein sicherlich lohnenswertes Ziel an der Universität gewesen. ​ Aber die Forschung konzentrierte sich insbesondere auf naturwissenschaftliche Gebiete, forcierte diese gegenüber den Geisteswissenschaften,​ deren führende Köpfe sich darin gefielen, personengebundene strukturalistische Nützlichkeitsfragen zu erörtern oder Anteil zu nehmen am Lebensgang bislang unbeachtet gebliebener zweitrangiger Landeskinder der ferneren Vergangenheit. ​ Die entscheidenden Stellen bei der Vergabe von Forschungsgeldern befriedigten somit persönliche Ambitionen, derweil verlor allgemeininteressierende Fragen aus dem Blick verloren wurden. ​ In die Geisteswissenschaften war ein Virus namens// correctio vitiosa// eingedrungen und befiel schon jahrzehntelang ungestört neue Wirte. ​ Das Wesen des Geistes aber, frei sich den Gegenstand seiner Betrachtung zu suchen, wurde durch die willfährige Gewährung egomanischer Intentionen elementar pervertiert,​ denn eine Festlegung war allen Überlegungen,​ allen Absichten der einheimischen Denker durch die Sieger propädeutet,​ daß es nämlich in jedem anderen gesellschaftlichen System für sie nichts zu gewinnen gäbe. ​ Und somit stand der politischen Herrschaftsform des Geldes, in der die thematisierten Landeskinder nunmehr leben mußten, die Forderung des Denkens nach Freiheit gegenüber. ​ \\
 Die Herrschenden vergaßen durch diese Vorbedingung für jeden einstellungswilligen Wissenschaftler,​ daß der [[Geist]] vor allem [[Freiheit]] vom Gelde benötigt, um Geist sein zu können! ​ Doch was verstanden die Sieger schon davon? ​ Hatten sie nicht Kriege auf den Weg gebracht, um diesen Geist aus der Welt zu bomben?\\ Die Herrschenden vergaßen durch diese Vorbedingung für jeden einstellungswilligen Wissenschaftler,​ daß der [[Geist]] vor allem [[Freiheit]] vom Gelde benötigt, um Geist sein zu können! ​ Doch was verstanden die Sieger schon davon? ​ Hatten sie nicht Kriege auf den Weg gebracht, um diesen Geist aus der Welt zu bomben?\\
-Edgar dachte oft über diese Stadt nach; sie schien ihm symptomatisch für die geistige Situation der Zeit: viel Trara gegen die Langeweile, im Zentrum Stille, Starre, Sturheit. ​ Das wollten sie hier nicht verstehen, daß [[Anpassung]] an die fernen und fremden Vorbilder nur deren Probleme, nicht jedoch Eigenes entfalten hülfe. ​ Also vergrub er sich manchen Morgen unter weichen Kissen, tauchte sich selbst in Watte. ​ Schließlich aber stand er doch auf.  Es war kein Herumwälzen mehr.  Vom Stuhl nahm er ein frisches Hemd, zog es über, dann erst ging er ins Bad, wusch kurz die Beine, strich mit einer Bürste durch das kurze Haar, dem nicht viele fehlten. ​ Am Abschluß der morgendlichen Wäsche Bildung: das war bei Edgar ganz wörtlich zu verstehen, also ein Blick in den Spiegel, ein Wiedersehen. ​ „Hallo, du bebrillter Affe!“ grüßte er sein Spiegelbild. ​ Nun, Edgar war kein Brillenträger. ​ Höchstwahrscheinlich war er auch nie ein Affe gewesen. ​ Die doppelte Verneinung ließ ihn sich selbst finden. ​ Irgendwie beruhigte ihn die Vorstellung,​ mit sich den besten Schabernack zu treiben. ​ Isa hatte Brote geschmiert, auch ein Stück Kuchen fand sich; der Kaffee mußte nur aufgegossen werden.\\+Edgar dachte oft über diese Stadt nach; sie schien ihm [[symptom|symptomatisch]] für die geistige Situation der Zeit: viel Trara gegen die Langeweile, im Zentrum Stille, Starre, Sturheit. ​ Das wollten sie hier nicht verstehen, daß [[Anpassung]] an die fernen und fremden Vorbilder nur deren Probleme, nicht jedoch Eigenes entfalten hülfe. ​ Also vergrub er sich manchen Morgen unter weichen Kissen, tauchte sich selbst in Watte. ​ Schließlich aber stand er doch auf.  Es war kein Herumwälzen mehr.  Vom Stuhl nahm er ein frisches Hemd, zog es über, dann erst ging er ins Bad, wusch kurz die Beine, strich mit einer Bürste durch das kurze Haar, dem nicht viele fehlten. ​ Am Abschluß der morgendlichen Wäsche Bildung: das war bei Edgar ganz wörtlich zu verstehen, also ein Blick in den Spiegel, ein Wiedersehen. ​ „Hallo, du bebrillter Affe!“ grüßte er sein Spiegelbild. ​ Nun, Edgar war kein Brillenträger. ​ Höchstwahrscheinlich war er auch nie ein Affe gewesen. ​ Die doppelte Verneinung ließ ihn sich selbst finden. ​ Irgendwie beruhigte ihn die Vorstellung,​ mit sich den besten Schabernack zu treiben. ​ Isa hatte Brote geschmiert, auch ein Stück Kuchen fand sich; der Kaffee mußte nur aufgegossen werden.\\
 Edgar siebte die entwässerte Luft und sah nach der Sonne. ​ „Spät für einen Morgen“, murmelte er.  Der Frühnebel war längst durch kräftige Sonnenstrahlen aufgelöst worden. ​ Das unfreundliche Bejahen mit einer kaum merklichen Kopfbewegung bestätigte einem Niemand diesen Sachverhalt. ​ Eigentlich schrieb er morgens an seinen Texten, doch heute mußte er hinaus: Sommer!, mußte in die umliegenden Berge, ins lebenspendende Grün. ​ Also streifte er abgetragene Sandalen über und machte sich auf den Weg.  Als er den Fluß durchschwamm,​ überlegte er, ob er sich nicht auch einmal treiben lassen könne... ​ Nein, angesichts der träge fließenden und zumal verdreckten Verlogenheit der Lebensader der [[Stadt]], die mit ihrem hohen Anteil an giftigen -xiden zur allgemeinen [[Trägheit]] beizutragen schien, zog er es vor, schnell hindurchzuschwimmen. ​ ‚Eigentlich schade, daß man den Tod fürchten muß bei diesem Wasser’, grübelte er am Ufer sitzend. ​ Es war das einzige Gewässer weit und breit. ​ \\ Edgar siebte die entwässerte Luft und sah nach der Sonne. ​ „Spät für einen Morgen“, murmelte er.  Der Frühnebel war längst durch kräftige Sonnenstrahlen aufgelöst worden. ​ Das unfreundliche Bejahen mit einer kaum merklichen Kopfbewegung bestätigte einem Niemand diesen Sachverhalt. ​ Eigentlich schrieb er morgens an seinen Texten, doch heute mußte er hinaus: Sommer!, mußte in die umliegenden Berge, ins lebenspendende Grün. ​ Also streifte er abgetragene Sandalen über und machte sich auf den Weg.  Als er den Fluß durchschwamm,​ überlegte er, ob er sich nicht auch einmal treiben lassen könne... ​ Nein, angesichts der träge fließenden und zumal verdreckten Verlogenheit der Lebensader der [[Stadt]], die mit ihrem hohen Anteil an giftigen -xiden zur allgemeinen [[Trägheit]] beizutragen schien, zog er es vor, schnell hindurchzuschwimmen. ​ ‚Eigentlich schade, daß man den Tod fürchten muß bei diesem Wasser’, grübelte er am Ufer sitzend. ​ Es war das einzige Gewässer weit und breit. ​ \\
 „He, haste mal ‘n Euro?“ fragte ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren mit zotteligem Spitzbart und tiefliegenden Augen. ​ Edgar schaute auf in ein junges und trotzig-stumpfes Gesicht mit hartem Mund und zusammengewachsenen Augenbrauen. ​ Es machte ihm keine Angst. ​ Das unausgesprochene Leid war keinem Stumpfsinn gewichen, noch nicht, eher der Vorstufe, Langeweile. ​ Da schoß ihm dann doch ein Gedanke durch den Kopf, der etwas wie Angst zuließ: Langeweile tötet. ​ Nein, das Gesicht war nichts weniger als ein Gespräch, ein sorgender, unruhiger Wunsch nach Zuwendung sprach alle Menschen stumm an.  So schien es ihm, auch jetzt. ​ Edgar stand auf und lächelte mit der Kraft eines [[Messias]]:​\\ „He, haste mal ‘n Euro?“ fragte ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren mit zotteligem Spitzbart und tiefliegenden Augen. ​ Edgar schaute auf in ein junges und trotzig-stumpfes Gesicht mit hartem Mund und zusammengewachsenen Augenbrauen. ​ Es machte ihm keine Angst. ​ Das unausgesprochene Leid war keinem Stumpfsinn gewichen, noch nicht, eher der Vorstufe, Langeweile. ​ Da schoß ihm dann doch ein Gedanke durch den Kopf, der etwas wie Angst zuließ: Langeweile tötet. ​ Nein, das Gesicht war nichts weniger als ein Gespräch, ein sorgender, unruhiger Wunsch nach Zuwendung sprach alle Menschen stumm an.  So schien es ihm, auch jetzt. ​ Edgar stand auf und lächelte mit der Kraft eines [[Messias]]:​\\
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