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vernunft_vs._glauben

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vernunft_vs._glauben [2019/05/29 09:40]
Robert-Christian Knorr
vernunft_vs._glauben [2019/08/02 11:37] (aktuell)
Robert-Christian Knorr
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-[[Hamann]] ist einer der bedeutenden Komparatisten des 18. Jahrhunderts,​ wird jedoch vergleichsweise kaum gelesen. Welche Reputation besitzen dagegen seine Zeitgenossen [[Lessing]],​ [[Lichtenberg]],​ selbst der jungverstorbene [[Abbt]]! Das hat seine Gründe. Auch in der heutigen Gelehrtenrepublik will der Leser zuerst Klarheit, er erkennt Besonderheiten im Satzbau an, sofern sie inhaltlich korrespondieren,​ ihm also etwas Neues oder Unerhörtes mitteilen. Allenfalls respektiert er Verspieltheit,​ aber er ist kaum dazu zu bringen, lediglich zeitbezogene Anspielungen oder gar einen nur auf die Autorenbiographie zu rekurrierenden Text zu erschließen. Hamann nun schreibt nicht fürs [[Volk]], nicht für die Gelehrtenrepublik,​ sondern letztlich nur für einige wenige Vertraute. Barockide Verspieltheit zeigt sich im Nebeneinander seiner Gedanken, denen im Satzverbund Konjunktionen fehlen, das gibt also Konjekturalsätze oder, wie man sie heute nennte, semantische Leerstellen,​ d.s. unvollständige Textteile, die vom Leser selbst gefüllt werden müssen. Hamann setzt darauf, daß sein Leser die semantische Leerstelle aufgrund einer persönlichen Betroffenheit zu füllen weiß, zumal das Fragmentarische ein Strukturelement seines Schreibens abgibt. Er selbst nannte seine Schreibart schon mal „Wurststil“. Das erzeugt eine Art Dunkelheit und ist Gift für einen Verkaufserfolg,​ damals wie heute. Er teilt indirekt mit, verweisend. Dies wußte seinerzeit der eine Generation jüngere Jean Paul zu kritisieren,​ der Hamanns [[Stil]] mit einem tiefen Himmel voll teleskopischer Sterne verglich, deren Nebelflecken kein Auge auflöset. Das trug ihm auch den Vorwurf ein, geistvolle Ahnungen und Gedankenblitze nie zu wissenschaftlicher Ausgestaltung gebracht zu haben. Was für ein Vorwurf an einen, der genau diese Wahrheitsforscher und Verstandesarbeiter kritisierte! \\+[[Hamann]] ist einer der bedeutenden Komparatisten des 18. Jahrhunderts,​ wird jedoch vergleichsweise kaum gelesen. Welche Reputation besitzen dagegen seine Zeitgenossen [[Lessing]],​ [[Lichtenberg]],​ selbst der jungverstorbene [[Abbt]]! Das hat seine Gründe. Auch in der heutigen Gelehrtenrepublik will der Leser zuerst Klarheit, er erkennt Besonderheiten im [[Satzbau]] an, sofern sie inhaltlich korrespondieren,​ ihm also etwas Neues oder Unerhörtes mitteilen. Allenfalls respektiert er Verspieltheit,​ aber er ist kaum dazu zu bringen, lediglich zeitbezogene Anspielungen oder gar einen nur auf die Autorenbiographie zu rekurrierenden Text zu erschließen. Hamann nun schreibt nicht fürs [[Volk]], nicht für die Gelehrtenrepublik,​ sondern letztlich nur für einige wenige Vertraute. Barockide Verspieltheit zeigt sich im Nebeneinander seiner Gedanken, denen im Satzverbund Konjunktionen fehlen, das gibt also Konjekturalsätze oder, wie man sie heute nennte, semantische Leerstellen,​ d.s. unvollständige Textteile, die vom Leser selbst gefüllt werden müssen. Hamann setzt darauf, daß sein Leser die semantische Leerstelle aufgrund einer persönlichen Betroffenheit zu füllen weiß, zumal das Fragmentarische ein Strukturelement seines Schreibens abgibt. Er selbst nannte seine Schreibart schon mal „Wurststil“. Das erzeugt eine Art Dunkelheit und ist Gift für einen Verkaufserfolg,​ damals wie heute. Er teilt indirekt mit, verweisend. Dies wußte seinerzeit der eine Generation jüngere Jean Paul zu kritisieren,​ der Hamanns [[Stil]] mit einem tiefen Himmel voll teleskopischer Sterne verglich, deren Nebelflecken kein Auge auflöset. Das trug ihm auch den Vorwurf ein, geistvolle Ahnungen und Gedankenblitze nie zu wissenschaftlicher Ausgestaltung gebracht zu haben. Was für ein Vorwurf an einen, der genau diese Wahrheitsforscher und Verstandesarbeiter kritisierte! \\
 Hamann schreibt aus dem inneren Kampf geborene Texte, keine beschaulichen. Er sucht keine Mitstreiter,​ besitzt keine über die persönliche Ansprache herausreichenden Ambitionen zur Verbesserung der Welt. Man denke das nach: ein Aufgeklärter wendet sich von der Aufklärung und entdeckt das in ihr liegende Verfängliche für das (göttliche) Gesamtkonzept „Mensch“,​ nämlich sich in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Ichts und Nichts einen Platz in der Welt zuzuweisen, in dem Verantwortung wurzelt. Das latent Kämpferische der Aufklärer um eine auf den Grundlagen der menschlichen Vernunft stehende Welt lehnt der junge Mann um 1758 ab und beharrt auf dem Nicht-Wissen als einem Substantiellen des Menschseins. \\ Hamann schreibt aus dem inneren Kampf geborene Texte, keine beschaulichen. Er sucht keine Mitstreiter,​ besitzt keine über die persönliche Ansprache herausreichenden Ambitionen zur Verbesserung der Welt. Man denke das nach: ein Aufgeklärter wendet sich von der Aufklärung und entdeckt das in ihr liegende Verfängliche für das (göttliche) Gesamtkonzept „Mensch“,​ nämlich sich in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Ichts und Nichts einen Platz in der Welt zuzuweisen, in dem Verantwortung wurzelt. Das latent Kämpferische der Aufklärer um eine auf den Grundlagen der menschlichen Vernunft stehende Welt lehnt der junge Mann um 1758 ab und beharrt auf dem Nicht-Wissen als einem Substantiellen des Menschseins. \\
 Hamann erlebte sein peripetisches Moment im aufgeklärten London. Das Leben und Streben in diesem Zentrum des [[Kapitalismus]] hatte aus dem aufgeklärten und pragmatischen //​studiosus//​ einen nachdenklichen und zugleich kämpferischen Grübler gemacht, der am Getriebe der Welt Kritik übte und zugleich all das in Frage stellte, was das Ziel der Aufklärer abgab: Klarheit, [[Nützlichkeit]] und Verstandestätigkeit. Die so um einen Gefährten Geprellten, Kaufmann Berens und Magister Kant, trafen den Abgefallenen,​ ihn in den kleinen Kreis der Vernünftigen zurückzuführen. Das Vorhaben der klugen Leute mißlang, wie den Geprellten spätestens die 1759 erschienenen „Sokratischen Denkwürdigkeiten“ deutlich machen durften, denn in denselben setzte sich Hamann mit allem, was der Verstand an Tatsächlichem würde hervorbringen können, auseinander. Das war letztlich sein Todesurteil,​ sofern er sein Leben auf Wirksamkeit und Erfolg gemünzt hätte: Hamann blieb schon zu Lebzeiten eine Randfigur des gesamtgesellschaftlichen Diskurses und endete in den Fängen der westfälischen Katholen um die Gräfin Gallitzkin, deren eifriger Bemühtheit die verhehlte und arme Berühmtheit aus dem protestantischen Nordosten noch jedes Wort erklären mußte.\\ ​ Hamann erlebte sein peripetisches Moment im aufgeklärten London. Das Leben und Streben in diesem Zentrum des [[Kapitalismus]] hatte aus dem aufgeklärten und pragmatischen //​studiosus//​ einen nachdenklichen und zugleich kämpferischen Grübler gemacht, der am Getriebe der Welt Kritik übte und zugleich all das in Frage stellte, was das Ziel der Aufklärer abgab: Klarheit, [[Nützlichkeit]] und Verstandestätigkeit. Die so um einen Gefährten Geprellten, Kaufmann Berens und Magister Kant, trafen den Abgefallenen,​ ihn in den kleinen Kreis der Vernünftigen zurückzuführen. Das Vorhaben der klugen Leute mißlang, wie den Geprellten spätestens die 1759 erschienenen „Sokratischen Denkwürdigkeiten“ deutlich machen durften, denn in denselben setzte sich Hamann mit allem, was der Verstand an Tatsächlichem würde hervorbringen können, auseinander. Das war letztlich sein Todesurteil,​ sofern er sein Leben auf Wirksamkeit und Erfolg gemünzt hätte: Hamann blieb schon zu Lebzeiten eine Randfigur des gesamtgesellschaftlichen Diskurses und endete in den Fängen der westfälischen Katholen um die Gräfin Gallitzkin, deren eifriger Bemühtheit die verhehlte und arme Berühmtheit aus dem protestantischen Nordosten noch jedes Wort erklären mußte.\\ ​
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 Die verstümmelte Gesellschaft des rationalistischen Zeitalters hatte den Dialog zwischen allen Menschen auf den zwischen Individuen geschmälert. Das Ergo sum Descartes‘ wirkte kommunikationsreduzierend,​ ja herzlos, denn der [[Streit]] sollte nicht den ganzen Menschen erfassen, sondern nur den Gebrauch seines Verstandes betreffen. Die Almosentätigkeit des Mittelalters,​ die jeden Christenmenschen betraf, weil er Milte und Mitleiden so auslebte und seine Seele reinigte, wurde zunehmend durch kategorische und hypothetische Imperative ersetzt, die letztlich ein allgemeines Erfordernis zu einem subjektiven machten, pointierte Nabelschau statt ganzheitlicher Allerfassung förderten und das ganzheitliche Seelenleben des Menschen auf ein abstrakt-rationalistisches Helfenmüssen wegen eines Imperativs verkleinerten. ​ Letztlich gebar eine Gesellschaft dieses Paradigmas bauernstolze Kathedermoralisten,​ aber keine Menschen.\\ Die verstümmelte Gesellschaft des rationalistischen Zeitalters hatte den Dialog zwischen allen Menschen auf den zwischen Individuen geschmälert. Das Ergo sum Descartes‘ wirkte kommunikationsreduzierend,​ ja herzlos, denn der [[Streit]] sollte nicht den ganzen Menschen erfassen, sondern nur den Gebrauch seines Verstandes betreffen. Die Almosentätigkeit des Mittelalters,​ die jeden Christenmenschen betraf, weil er Milte und Mitleiden so auslebte und seine Seele reinigte, wurde zunehmend durch kategorische und hypothetische Imperative ersetzt, die letztlich ein allgemeines Erfordernis zu einem subjektiven machten, pointierte Nabelschau statt ganzheitlicher Allerfassung förderten und das ganzheitliche Seelenleben des Menschen auf ein abstrakt-rationalistisches Helfenmüssen wegen eines Imperativs verkleinerten. ​ Letztlich gebar eine Gesellschaft dieses Paradigmas bauernstolze Kathedermoralisten,​ aber keine Menschen.\\
 Heute haben wir sie zum Gutteil, diese funktionierenden Teilmenschen,​ die das große Getriebe der Welt laufen lassen und sich in der Freizeit einem Individualismus hingeben, der selbst nur Teilganzheit ist und auch sein will, letztlich aber Stümmelei und Reduktion sein muß. Die Zeiten sind halt so, daß die größten Weltweisen und Dichter in Umstände gesetzt werden, in denen sie entdecken, daß sie nur überleben können, wenn sie funktionieren,​ daß sie, allzuoft ihrer Schutzengel und Musen beraubt, nur die Möglichkeit besitzen, Einbildungskraft zu retten, indem sie sich dem einfachen Geschäft opfern und zur Pflege eines abgesonderten,​ künstlerisch-sensiblen Gemütsteils auf Musestunden verlassen, die kommen und gehen.\\ Freizeitgestaltungstherapie. Sie passen sich an, werden zu Gelegenheitsarbeitern und Spaßivisten am Wortwerk, dem sie sich in Schreibwerkstätten,​ communities oder im stillen Kämmerlein hingeben gegen Geld, Sozialkontakte oder gute Laune. Sie besitzen keinen Glauben mehr, den sie auch von der Phantasie zu trennen wissen, schließlich ist ihnen die Welt erklärt worden; sie sind aufgeklärt und durchdachten zuvor, was auch immer sie sagen. Auch das Gegenteil davon. Sie geben zu allem ihren Senf, Senf zu dazu. Götzendienst. Die Antithese Hamanns führt zum Bibelwort, 1. Kor. 8: „Erkenntnis bläht auf, Liebe baut auf.“\\ Heute haben wir sie zum Gutteil, diese funktionierenden Teilmenschen,​ die das große Getriebe der Welt laufen lassen und sich in der Freizeit einem Individualismus hingeben, der selbst nur Teilganzheit ist und auch sein will, letztlich aber Stümmelei und Reduktion sein muß. Die Zeiten sind halt so, daß die größten Weltweisen und Dichter in Umstände gesetzt werden, in denen sie entdecken, daß sie nur überleben können, wenn sie funktionieren,​ daß sie, allzuoft ihrer Schutzengel und Musen beraubt, nur die Möglichkeit besitzen, Einbildungskraft zu retten, indem sie sich dem einfachen Geschäft opfern und zur Pflege eines abgesonderten,​ künstlerisch-sensiblen Gemütsteils auf Musestunden verlassen, die kommen und gehen.\\ Freizeitgestaltungstherapie. Sie passen sich an, werden zu Gelegenheitsarbeitern und Spaßivisten am Wortwerk, dem sie sich in Schreibwerkstätten,​ communities oder im stillen Kämmerlein hingeben gegen Geld, Sozialkontakte oder gute Laune. Sie besitzen keinen Glauben mehr, den sie auch von der Phantasie zu trennen wissen, schließlich ist ihnen die Welt erklärt worden; sie sind aufgeklärt und durchdachten zuvor, was auch immer sie sagen. Auch das Gegenteil davon. Sie geben zu allem ihren Senf, Senf zu dazu. Götzendienst. Die Antithese Hamanns führt zum Bibelwort, 1. Kor. 8: „Erkenntnis bläht auf, Liebe baut auf.“\\
-Dagegen steht nun der Künstler, der auf sein Genie vertraut. Das Genie! Es prägt eine eigentümliche [[Wissenschaft]] aus, schafft Wissen. Das Genie fürchtet Gott und sucht Übereinkunft mit ihm, woran ihm mehr liegt als am Fundus des Buchstabenwissens aus den Büchern und Schriften anderer. Es glaubt an die innere Stimme und den Atem Gottes, die Inspiration. Dämonologie. Es ist leidenschaftlich und ruft seine Dämonen wie Engel gleichermaßen an; es lebt mit ihnen und muß sich nicht zerreißen in einen Teil, das anschafft und eines, das schafft. Es stirbt auf dem Altar der Liebe: zum Leben, zum Nächsten, zur Dichtung. Poesie. ​+Dagegen steht nun der Künstler, der auf sein Genie vertraut. Das [[Genie]]! Es prägt eine eigentümliche [[Wissenschaft]] aus, schafft Wissen. Das Genie fürchtet Gott und sucht Übereinkunft mit ihm, woran ihm mehr liegt als am Fundus des Buchstabenwissens aus den Büchern und Schriften anderer. Es glaubt an die innere Stimme und den Atem Gottes, die Inspiration. Dämonologie. Es ist leidenschaftlich und ruft seine Dämonen wie Engel gleichermaßen an; es lebt mit ihnen und muß sich nicht zerreißen in einen Teil, das anschafft und eines, das schafft. Es stirbt auf dem Altar der Liebe: zum Leben, zum Nächsten, zur Dichtung. Poesie. ​
  
 Schlußworte:​ Wer dichtet, der zeigt selten Vernunft. Vor allem dann nicht, wenn er dichtet. Moralisten verlangen Einheit zwischen Dichtung und Lebensgestaltung,​ Vorbildwirkung. Gedichte sind aber Gefühlssache. Es gibt sie, die reinen Gefühlssachen. Gefühle sind nie falsch, ihnen wird nur oft genug das unzureichende Wort geliehen, um sie mitzuteilen. Vorsicht ist hier falsch am Platz. Beginnt ein Lyriker das in ihm wesende Wort zu erfassen, so befällt ihn Furcht vor dem, was er erahnt. Er benutzt seinen Verstand, um diese Furcht zu gängeln und glaubt, wenn er dieses Gängelband an die Gefühle legt, daß er die Welt, sich selbst, andere belehren könnte. Wie töricht! Stimmungen dringen aus dem Tiefsten, sie kommen und gehen – ja! -, aber sie kommen immer wieder, sind selten genug labil und unstät und können durch intensives Nachdenken nicht zerstört werden. Eine Erregung reicht zu ihrer Aktivierung aus. In dieser erregten Stimmungslage sollte der Dichter am meisten schreiben und alles herauslassen,​ was in ihm tobt. Idealerweise legt ihm ein (ästhetisch begründbarer) Formwille Scheuklappen an, aber ist der Formwille notwendig? Ist Harmonie zwischen Verstand und Gefühl notwendig? Kaum. Formwille dient lediglich der Kommunikation mit den breiten Massen. Wer das will, bitte! Das sollte der Dichter dann schon selbst entscheiden,​ ob er seiner Poesie ein Gängelband anlegt. \\ Schlußworte:​ Wer dichtet, der zeigt selten Vernunft. Vor allem dann nicht, wenn er dichtet. Moralisten verlangen Einheit zwischen Dichtung und Lebensgestaltung,​ Vorbildwirkung. Gedichte sind aber Gefühlssache. Es gibt sie, die reinen Gefühlssachen. Gefühle sind nie falsch, ihnen wird nur oft genug das unzureichende Wort geliehen, um sie mitzuteilen. Vorsicht ist hier falsch am Platz. Beginnt ein Lyriker das in ihm wesende Wort zu erfassen, so befällt ihn Furcht vor dem, was er erahnt. Er benutzt seinen Verstand, um diese Furcht zu gängeln und glaubt, wenn er dieses Gängelband an die Gefühle legt, daß er die Welt, sich selbst, andere belehren könnte. Wie töricht! Stimmungen dringen aus dem Tiefsten, sie kommen und gehen – ja! -, aber sie kommen immer wieder, sind selten genug labil und unstät und können durch intensives Nachdenken nicht zerstört werden. Eine Erregung reicht zu ihrer Aktivierung aus. In dieser erregten Stimmungslage sollte der Dichter am meisten schreiben und alles herauslassen,​ was in ihm tobt. Idealerweise legt ihm ein (ästhetisch begründbarer) Formwille Scheuklappen an, aber ist der Formwille notwendig? Ist Harmonie zwischen Verstand und Gefühl notwendig? Kaum. Formwille dient lediglich der Kommunikation mit den breiten Massen. Wer das will, bitte! Das sollte der Dichter dann schon selbst entscheiden,​ ob er seiner Poesie ein Gängelband anlegt. \\
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