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wallenstein

WALLENSTEIN

Eusebius von Wallenstein

Kant bei Schillers "Wallenstein"

Historischer Kontext des Dreißigjährigen Krieges

Generalissimus Wallenstein mit dem Marschallsstab 1. PHASE:
8.11. 1618: kaiserlicher SIEG am „Weißen Berg“ bei PRAG über den protestantischen ADEL Böhmens; der KAISER erfährt Machtzuwachs und schürt die ANGST des Nachbarn FRANKREICH vor einen starken Deutschland; RICHELIEU konspiriert und stärkt die protestantische Union

2. Phase:
1623 bis 1630 Stunde Wallensteins, der, durch die Verteilung protestantischen Eigentums an die wenigen katholischen böhmischen Edelleute, steinreich geworden, ein eigenes HEER von 20000 Mann aufstellt und in den DIENST des Kaisers sich begibt
1626/27 Siege über protestantische Heere - kolossaler Machtzuwachs des Kaisers, aber RESTITUTIONSEDIKT 1629: die KIRCHE erhält in den protestantischen Ländern ihr GUT zurück
REICHSTAG 1630 Regensburg: Entlassung Wallensteins auf Betreiben der Churfürsten

3. Phase:
1630 bis 1635 Eintritt Schwedens in den Krieg
- der Kaiser ruft Wallenstein zurück und ernennt ihn zum Generalissimus

Wallenstein als Feldherr

Wallenstein siegte militärisch zuletzt gegen die protestantische Streitmacht am 11. Oktober 1633 im Schlesischen bei Steinau über die Schweden. Danach setzte er dem FEIND nicht nach, sondern suchte ein Winterlager. Außerdem war er müde und KRANK, zu krank für kraftraubende militärische Aktionen, wie sie sein Kriegsherr, der Kaiser, gern gesehen hätte und im fernen WIEN wohl auch zu sehen müssen meinte.
Wallensteins physischer ZUSTAND glich dem des ganzen Deutschland. So suchte er eine Lösung. Sie personifizierte sich im HERZOG von Lauenburg. Dieser protestantische FÜRST tat das, was Wallenstein nicht von ihm als seinem Feind erwarten durfte, er traf sich mit ihm! Es mußte für Wallenstein überraschend sein, denn man hatte sich vier Wochen zuvor im STREIT getrennt. Es entstand ein Vertragsentwurf:

„Beide Kurfürstliche Durchlauchten zu SACHSEN und Brandenburg einerseits, der Römisch Kaiserlichen MAJESTÄT Generalissimus andererseits haben die jetzige Devastation [Anm. des Verfassers: Zerstörung, Verwüstung], ja, den Untergang des Römischen Reiches erwogen und auf MITTEL und Wege gedacht, auf welche Weise dem abgeholfen, Deutschland von der Beraubung durch fremde Völker gerettet und wieder in vorigen Flor und Wohlstand gesetzt werden möchte. ‘Als haben höchstgedachte beide Kurfürstliche Durchlauchten mit hochgedachtes des Herrn Generalissimi Fürstliche Gnaden sich dahin verglichen, daß beider ihrer Kurfürstlichen Durchlauchten Waffen mit dem Kaiserlichen conjugiert und dem Commando des Herrn Generalissimi Fürstliche Gnaden unterstellt werden, in Anbetracht des besonderen Vertrauens in dieselben, daß er nämlich obgedachte INTENTION erreichen und ins WERK setzen wird; und also mit zusammengesetzter Macht die Restabilierung des Religions- und Prophan-Friedens, wie derselbe tempore Rudolphi, Matthiae und dann bei jetziger kaiserlicher Majestät REGIERUNG vor diesem Unwesen sich befunden, wiedergebracht und gegen diejenigen, die denselben ferner zu turbieren obstiniert, erhalten werden solle.’“ ( Golo Mann: Wallenstein. Frankfurt/M 1988, S. 820.)

Dieser Vertragsentwurf sollte also herstellen, was seit dem AUGSBURGER RELIGIONSFRIEDEN vom 25.9.1555 bereits hätte gelten sollen: die FREIHEIT der Religionsausübung. Aber Wallenstein irrte sich, als er diesen VERTRAG abschloß. Er glaubte sich bevollmächtigt, denn hatte der Habsburger, Kaiser FERDINAND II., ihm nicht Verhandlungsfreiheit nach Gutdünken gnädigst gestattet?

„Eine unumschränkte Oberherrschaft verlangte Wallenstein über alle deutschen Armeen des österreichischen und spanischen Hauses und unbegrenzte Vollmacht, zu strafen und zu belohnen. Weder dem König von Ungarn noch dem Kaiser SELBST solle es vergönnt sein, bei der Armee zu erscheinen, noch weniger eine Handlung der Autorität darin auszuüben. Keine Stelle soll der Kaiser bei der Armee zu vergeben, keine Belohnung zu verleihen haben, kein Gnadenbrief desselben ohne Wallensteins Bestätigung gültig sein. Über alles, was im Reich konfiszieret und erobert werde, soll der Herzog von Friedland allein, mit Ausschließung aller kaiserlichen und Reichsgerichte zu verfügen haben. Zu seiner ordentlichen Belohnung müsse ihm ein kaiserliches Erbland und noch ein anderes der im Reiche eroberten Länder zum außerordentlichen GESCHENK überlassen werden. Jede österreichische PROVINZ solle ihm, sobald er derselben bedürfen würde, zur Zuflucht geöffnet sein. Außerdem verlangte er die Versicherung des Herzogtums Mecklenburg bei einem künftigen Frieden und eine förmliche frühzeitige Aufkündigung, wenn man für nötig finden sollte, ihn zum zweitenmal des Generalats zu entsetzen.“ (Erläuterungen und Dokumente zu Friedrich SCHILLERs „Wallenstein“, hrsg. von Kurt Rothmann; Stuttgart 1989, S. 177.)

Es steht nichts darin von Verhandlungsfreiheit. Wallenstein überschritt mit nämlichen Verhandlungen also seine Kompetenzen. Aber Frieden sollte in diesen Verhandlungen „gemacht werden“ und dies berechtigt wohl schon entscheidend?
Doch der Status-quo-ante Friedenssvertragsentwurf mit den protestantischen Churfürsten traf in Wien auf taube Ohren. Ferdinand II. sah sein Restitutionsedikt vom 6.3.1629 gefährdet; die Rückgabe ehemaliger katholischer GÜTER in den konvertierten Ländern an rekatholisierte kirchliche Gemeinden war ihm heilige PFLICHT. So setzte er das GLAUBENs- vor das Friedensbekenntnis, die politische MAXIME lautete ihm Restitution und dem wurde alles HANDELN untergeordnet.
Wallensteins Versuch der Bildung einer dritten, der deutschen, PARTEI mußte scheitern, sofern er es nicht verstehen würde, seine Kräfte zu bündeln und seinen mutmaßlichen Vertragspartnern mehr zu geben als sie durch einen Sieg über Wallenstein erringen konnten. Das mag hier ABSURD klingen, derweil aber war es eben ein ZEITALTER, in dem der EIGENNUTZ an die Contenance gebunden war, politische Partner also nach dem Glaubensbekenntnis gesucht, aber nicht immer gefunden waren. Aber Wallenstein wollte auch keinen Frieden gegen den Kaiser machen, vielmehr wollte er den wohl vor die TATSACHE stellen, daß er eben einen guten Frieden bekäme, wenn er ihm nur folgen würde. Aber Wallenstein machte jetzt den wohl entscheidenden FEHLER. Statt dem in Süddeutschland Bayern bedrohenden protestantischen Feldherrn Bernhard von Weimar entgegenzueilen; mithin die Erblande zu sichern, machte er, aus SCHLESIEN kommend, auf halbem Wege in Böhmen halt und richtete sich auf ein Winterlager ein. Im Winterlager aber schmiedete er – aus Sicht Wiens – Ränke, vor allem munkelte man in Hofkreisen, daß es der Wallensteiner immer noch nicht aufgegeben hätte, eine „deutsche Partei“ zu schmieden, die letztlich vor allem dem Wallensteiner vielleicht eine KRONE nebst ewigem RUHM bringen könnte. Auf wessen Kosten wohl letztlich? fragte man. Und Höflinge sind dann schnell mit ihrem Urteil fertig. Dem Kaiser erklärte man das.
Wallensetin machte also in einem Habsburger Erbland Quartier und ein paar Kilometer weiter westlich tat sich Bernhard derweil an ‘Regenspurg’ gütlich. Wien kochte.
Kriegsrat Questenberg erhielt die kühl ausgesprochene Instruktion, Wallenstein kundzutun, der Kaiser „wünsche in diesem JAHR keine Winterquartiere in Ihren Erblanden. Es könne der Eindruck entstehen, als habe er einen Mitregenten und habe in seinem LAND nichts mehr zu sagen.“ Wallenstein solle auf Weimar losgehen: „Dies ist Meine endliche Resolution, bei der Ich… gänzlich beharre und verbleibe.“
Wallenstein erfährt seit langem wieder den TON des Vorgesetzten. Dieser saß jedoch im warmen Wien und nicht im eisigen Böhmer Wald. Wiener Retortenpolitik. Was tat Wallenstein? Er sagte nein! Er setzte das Leistungs- über das Legitimationsprinzip. Was wußte denn der Kaiser von einem leeren Soldatenmagen, von dem Muß der Regeneration? Wallenstein rief also seine Obersten zusammen und trug ihnen das Ansinnen des Kaisers vor; Ergebnis war ein Gutachten vieler, geschrieben vom Adjutanten Neumann: man könne nicht und man bitte Ihro Majestät doch zu verstehen.., man verlöre in drei Tagen, was in drei Jahren nicht wieder aufzubauen wäre.
Der Kaiser antwortete: Ruinösen Winterkrieg zu befehlen, sei ihm nicht in den SINN gekommen, aber Taten gegen Weimar habe er sehen wollen und wolle er auch jetzt noch sehen. Er wolle den Obristen Suys mit seinen 4000 Mann in Bayern sehen.
Was tat Wallenstein? Er ernannte Piccolomini stracks zum Chef dieser 4000. Also gab es keine 4000 Mann des Suys. Der Kaiser sah darüber hinweg. Kein WORT von den fehlenden 4000 Mann in Bayern in seinem Antwortschreiben, statt dessen schickte er 100.000 Gulden und Viktualien für das Winterlager.
Waren diese Geschehnisse schon GRUND genug für eine leichte Eintrübung des Verhältnisses zwischen Kaiser und Generalissimus, so setzte Wallenstein wenig später diese unkluge POLITIK gegenüber Habsburg fort. Im Januar 1634 traf der spanische Gesandte Quiroga mit Wallenstein zusammen. Man brauche 6000 Reiter, um das spanische Flandern gegendie holländischen Calvinisten zu halten:
„Wallenstein sah die Notwendigkeit der Sache und die Unmöglichkeit der Sache. Von Eger nach Köln waren es hundert [deutsche] Meilen, zwischen Anfangs- und Endpunkt der REISE kein Platz, der nicht dem Feind gehörte; die 6000 würden tot oder gefangen sein auf weniger als dem halben Wege. Den Rhein hinunter war es auch nicht besser; besser dagegen, und einzig gut, die Verwirklichung des Planes aufzuschieben, etwa bis nach Ostern… Don Diego hörte nur das Nein. Der König, sein Herr, bemerkte er bitter, könnte verlangen, was er wollte, wenig oder viel, gewährt würde es ihm doch niemals.“
Quiroga kehrte unverrichteter Dinge nach Wien zurück. Wallenstein aber ging das alles unter die Haut; wieso wurde er von Habsburg ständig mit unerfüllbaren Wünschen gequält? Er sann über Rücktritt nach. Das paßte jedoch seinen Vertrauten nicht. Das GELD hing an seiner PERSON. Man überredete ihn zu einem Treffen der General-Offiziere und Obersten. Am 10. Januar 1634 trafen die letzten Heerführer ein. Man wußte im ALLGEMEINen nicht, worum es gehen sollte. Ilow machte es allen KLAR: „Mit Wallenstein würden sie fallen; mit Wallenstein noch höher steigen. Da nun ihr Patron krank und kränker wurde, FREMD und fremder, da er ihrem Zugriff zusehends entglitt ins Unbegreifliche, so mußten sie etwas tun, um ihn zu ermutigen; um ihn an das Heer zu binden durch die Offiziere, das Heer an ihn, wieder durch die Offiziere. Er ließ es GESCHEHEN. Die Kraft fehlte ihm, es nicht geschehen zu lassen, zu beobachten, was dabei herauskommen und wie er selber sich verhalten würde, dies INTERESSE war da. VERNÜNFTIG gesehen: bedurfte er, um sein Traumziel zu erreichen, nicht wirklich der neuen, scharfen Verpflichtung seiner Offiziere, nicht der Armee, die schrittweise ihm zu nehmen, der Wiener Hof schon seit vergangenem Sommer am Werk war?“
Worin bestand dieses „Traumziel“?
Schonung der Protestantischen [er hatte es dem Obersten Steinecker, einem brandenburgischen Verhandelnden, gesagt], um Kräfte zu SAMMELN, die Ausländer aus Deutschland herauszubringen; letztlich Frieden machen. Dies wollte er vor allem mit Arnim, dem Abenteurer, der ihm bereits einmal diente, erreichen. Doch Arnim mißtraute Wallenstein. Wenn er mit ihm hätte gemeinsame Sache haben machen wollen, so Arnim, warum erst jetzt, er hätte es schon damals, zu GUSTAV ADOLFs Zeiten gekonnt. Das ist das schwierige FELD der deutschen Politik: Ein Sieg des kaiserlichen Deutschland zieht den Verlust der RELIGIONSFREIHEIT nach sich, der der Schweden, sprich Ausländer, ist mit Landverlust und Abhängigkeit zu bezahlen. An die dritte Möglichkeit, den Sieg der noch zu bildenden deutschen Partei, mochte Arnim nicht glauben. Also wartete Wallenstein vergeblich auf ihn.
Und, die von Ilow erwirkten Treueide der Heerführer wurden von Wallenstein nicht anerkannt: „Wallenstein empfing BERICHT am nächsten Morgen. Es war nicht die Art von FESTlichkeit gewesen, die er schätzte. Er befahl alle Siebenundvierzig vor sich. Sie erschienen am Vormittag, die Übernächtigten mit ihren gedunsenen Gesichtern, gewaschen und geputzt, wie es sich für eine solche Kollektiv-Audienz gehörte, die Schärpe überm LEIB, den Hut unterm Arm, drängten sich zusammen im ABSTAND von dem Lehnstuhl, in welchem der Herzog saß. Nun war es an dem Kranken, seine legendäre AUTORITÄT zu zeigen. Er müsse HÖREN, sagte er, daß es Bedenklichkeiten gegeben habe bei der Unterschrift, das mache sie wertlos. ‚Ich wollte mich lieber tot, denn beim Leben also sehen; ich will mich retirieren, zurückziehen, und meiner GESUNDHEIT pflegen.’“
In Wien verstand man solche Mätzchen überhaupt nicht. Man interpretierte Wallensteins Allüren als den Machtrausch des Aufsteigers, des Parvenues; schließlich war Wallenstein nicht gnädigst geboren, sondern durch die Gunst der Stunde, ZUFÄLLIG, nicht von Gottes Gnaden „Euer Liebden“. Nun wolle dieser böhmische Kleinadelige gar noch König werden, mutmaßte man. Man sagte ihm nach, sich die Gruft eines Königs zu wünschen. Er sprach oder schrieb nie davon. Doch das war wohl auch egal: das URTEIL war gesprochen, er mußte weg.
Der Rest ist bekannt. Drei Generale wurden erwählt, Altringer, Gallas und Piccolomini, umschmeichelt und schließlich beauftragt, Wallenstein vom Heer zu trennen; der Thronfolger wurde zum Generalissimus ernannt. Wallenstein war zu krank und hatte die falschen Ratgeber, entscheidend dagegen vorgehen zu können. Seine FLUCHT, Arnim entgegen, endete, wie sie enden mußte, mit dem TOD.
Vierzehn Jahre nach Wallensteins Ermordung endigte Deutschland fast vollständig verwüstet. Der Westfälische Frieden von 1648 garantierte eben den Religionsfrieden von 1555, aber aus gegenseitiger Schwäche oder entsprechenden Interessen des erstarkten Frankreich, das diesen Frieden diktierte und fortan für hundertsiebenzig Jahre EUROPA bestimmte, wie es eben wollte.

1794, angesichts wachsender KRIEGSGEFAHR in Europa, schrieb der Königsberger PHILOSOPH Immanuel KANT: „Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“ (Ewiger Friede - Dokumente einer deutschen Diskussion um 1800; hrsg. von Anita und Walter Dietze; Weimar 1989; S. 83.) Den GEDANKEn dieses ersten Präliminarartikels führt Kant in dem Sinne aus, daß er auszudenkende Prätentionen, die aus einer augenblicklichen SCHWÄCHE einer vertragswilligen Partei von dieser verschwiegen werden als unter der Würde, einem Kant sehr wichtigen BEGRIFF inneren Werts, bezeichnet. Es sei ein Indiz von JESUITenkasuistik, solcherlei Erwähnungen zu unterlassen, da so initiiertes MIßTRAUEN keinen wirklichen Friedensschluß zulasse und man verschwiegene Kriegsgelüste beim Vertragspartner zurecht anzunehmen gezwungen wäre.
Kant greift das Erbrecht an: „Es soll kein für sich bestehender Staat von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“ Der Gedanke dieses zweiten Präliminarartikels fußt auf Kants Gleichsetzung von Staat und GESELLSCHAFT. Der Staat ist nach Kant eine Gesellschaft von Menschen, die über sich frei zu entscheiden hätten und als ein solcher unveräußerlich.
Kann man ohne alles Verdienst Vergünstigungen zugestanden bekommen, sozusagen APRIORI erhalten? Kant beantwortet diese rhetorische Frage selbst, indem er darauf hinweist, daß der allgemeine Volkswille in einem ursprünglichen Vertrage, nach Kant dem URPRINZIP aller Rechte, dies nie beschlossen habe. Aber Kants auf scheinbare ANTINOMIEn hin trainiertes Philosophieverständnis betrachtet nicht nur diese Seite: „Man hat die hohen Benennungen, die einem Beherrscher oft beigelegt werden, als grobe, schwindlig machende Schmeicheleien oft getadelt; aber mich dünkt, ohne Grund.“ Der HERRSCHER habe nämlich das HÖCHSTE übernommen, dessen der MENSCH als ein geselliges WESEN fähig ist, das Amt, das „RECHT der Menschen zu verwalten“, und dieses ist seine Besorgnis. Diesem edlen ZWECKe steht nur der Mensch selbst entgegen. Das ist die eigentümliche WENDUNG, gleichsam jene spannungsgeladene „Auflösung“ aller Widersprüche.
Die Lösung menschlicher Probleme liegt nach Kant immer im Menschen. „Bei der Bösartigkeit der menschlichen Natur… ist es doch zu verwundern, daß das Wort Recht… noch nicht als PEDANTISCH hat verwiesen werden können… Die HULDIGUNG, die jeder Staat dem Rechtsbegriffe… leistet, beweist doch, daß eine größere… moralische Anlage im Menschen anzutreffen sei, über das böse Prinzip in ihm doch einmal MEISTER zu werden… Durch den Sieg wird das Recht nicht entschieden und durch den Friedensvertrag wird zwar dem einmaligen Kriege, aber nicht dem Kriegszustand ein Ende gemacht.“
Kant sieht eine praktische Lösung in einem Friedensbund, foedus pacificum, der „alle Kriege auf immer zu endigen sucht“ und durch schrittweisen Beitritt eventueller Kriegsparteien seiner Kriegsursache sich dadurch zu entledigen sucht.
Kants Weg führt zwar über eine philanthropische Komponente, ist aber nur als rechtliches PROBLEM zu begreifen. So ist auch der scheinbar skurrile Gedanke, daß die Eintracht des Menschengeschlechts über deren Zwietracht zu erreichen sei, zu verstehen. Der Mensch muß sich den Zweck, den die VERNUNFT UNS unmittelbar vorschreibt, den moralischen, vorstellen; dies sei sein DOGMA. Und genau diese moralische ABSICHT ist es, auf die Kant letztlich hinauswill. Er betrachtet diese als „dasjenige, was der Mensch nach Freiheitsgesetzen tun sollte“ und die NATUR dieser Absicht legt uns die Pflicht auf, diese auch zu tun. Schiller als Philosoph, besser, als Kantianer, sprach von der NEIGUNG zur Pflicht, was schön mache und dem Ergebnis, was schön sei, wenn nämlich die Pflicht dem Menschen zur Natur geworden ist. Für Kant ist der Kampf nicht so philanthropisch, er setzt den Menschen nicht so rigoros in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, wie dies Schiller tat, was angesichts des sprichwörtlichen Kantschen Rigorismus absurd erscheint, doch wie anders, als den Menschen als etwas immanent-extern, zur Natur Stehendes soll man folgende SENTENZ deuten? „Die Natur will unwiderstehlich, daß das Recht zuletzt die Obergewalt behalte.“
Schiller schrieb am 2. März 1798 an GOETHE: „Es ist wirklich der Bemerkung wert, daß die Schlaffheit über ästhetische Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt, und daß das reine strenge STREBEN nach dem hohen Schönen, bei der höchsten LIBERALITÄT gegen alles, was Natur ist, den Rigorismus im Moralischen bei sich führen wird.“ (Brief an Goethe vom 2.März 1798 in: Karl Vorländer; Kant-Schiller-Goethe; Leipzig 1923; S. 47.) In diesen Sätzen zeigt sich der Kantsche Schüler.
Schillers DENKEN kreiste um Begriffe wie Recht, Natur, Mensch, GEWALT, ÄSTHETIK, MORAL. Er löste aufkommende Probleme, gleich Kant, durch einen imperativen moralischen Rigorismus, wobei für Schiller die künstlerisch-ästhetische Seite noch einen gewichtigeren Anteil inne hatte, als dies beim Kant der Fall war.
Doch zurück zu Kants „Vom ewigen Frieden“.
Im Anhang behandelt Kant die oft diagnostizierte Zwietracht zwischen Politik und Moral. Für ihn gibt es keine Trennung: „Die Politik sagt: Seid klug wie die Schlangen; die Moral setzt hinzu: und ohne Falsch wie die Tauben.“ Andernfalls ist Streit nicht zu vermeiden. PRAKTISCH empfiehlt Kant: „Ehrlichkeit ist die beste Politik“ und erhaben, will heißen über den empirischen Dingen stehend, weil „der Grenzgott der Gewalt, Jupiter, unter dem SCHICKSAL steht.“
Auch hier liest sich Schiller als Kant-Schüler, zumindest dürfte Kant hier Schiller beflügelt haben, denn im „Wallenstein“ Schillers findet sich nämliche Verquickung des Titelhelden mit dem Grenzgott der Gewalt.
Der scheinbare KAUSALNEXUS zwischen Politik und Moral kann nicht HINREICHEND erklärt werden. Kan stellt fest, daß es zwar einen Zusammenhang gebe, diese Sachzusammenhang allerdings nur hinreichend, d.h., als an einen Zweck gebundenes Erfüllungsniveau, erklärt werden könne: „Wenn alles bloßer Mechanismus der Natur ist, so ist Politik, als Kunst, den Mechanismus der Natur zur Regierung des Menschen zu nutzen, die ganze praktische Weisheit und der Rechtsbegriff ein sachleerer Gedanke.“
Diese Verknüpfung des Rechtsgedankens an den Begriff der Freiheit war für Kant typisch. Schon 1781 ging es Kant um die Antinomien unserer Vernunft. Dabei löste er das Problem, indem er Freiheit, als außer der Reihe existierend, in den ERSCHEINUNGen der Naturkausalität als wirkende URSACHE derselben aufzeigt. Freiheit ist demnach ein VERMÖGEN, kein empirisch greifbarer Tatbestand, keine von der SINNENWELT, das sind „Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen zusammenhängen„, (Kant: Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart 1989. S. 577.), abhängige VARIABLE. Diese Freiheit ist nicht für sich, sondern hat einen Zweck. Aus diesem Zweck folgert Kant den Begriff der Pflicht und diese wiederrum führt zur Idee „Vom ewigen Frieden“, der politischen Umsetzung der pflichtgemäßen Zweckidee des aufgeklärten Herrschers: „Um den ewigen Frieden, den man nun nicht bloß als physisches Gut, sondern auch als einen aus Pflichtanerkennung hervorgehenden Zustand wünscht, herbeizuführen,… gibt es also objektiv gar keinen Streit zwischen der Moral und der Politik.“ SUBJEKTIV durch den selbstsüchtigen Hange der Menschen dagegen schon, sollte ergänzt werden. Gäbe es allerdings den nicht, wäre der Begriff der Pflicht, samt und sonders Freiheit und all das transzendentale Geschwätz hinfällig. Und wieder beläßt es Kant nicht bei der einen Einschätzung, sondern setzt diesem bösen PRINZIP im Menschen das moralische entgegen, stellt sich gegen ROUSSEAU wenn er meint: „… das moralische Prinzip im Menschen erlöscht nie, …die Vernunft wächst beständig durch immer fortschreitende Kultur.“
Im letzten KAPITEL stellt Kant eine TRANSZENDENTALe, will heißen aller ERFAHRUNG zugrunde liegende, Formel des öffentlichen Rechts auf: „Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt, sind unrecht.“ Das ist das Prinzip der ÖFFENTLICHKEIT. Mithin sind sämtliche geheimen Handlungen unrecht [adverbial zu verstehen], da sie HEIMLICHKEIT als Mittel benutzen, um „apriori einzusehende Gegenbearbeitung aller gegen mich“ auszuschließen. Schärfer noch die SPRACHE gegen die heimlich eingefädelte Empörung: „Das UNRECHT des Aufruhrs leuchtet also dadurch ein, daß die Maxime desselben dadurch, daß man sich öffentlich dazu bekennte, seine eigene Absicht unmöglich machen würde. Man müßte sie also NOTWENDIG verheimlichen.“
Aber Kant bietet auch einen Ausweg für den unzufriedenen Untertanen an: „Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts… wirklich zu machen, so ist der ewige Friede keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele… beständig näher kommt.“

In Jena nahm man Kants PHILOSOPHIE als Befreiung auf. LEHRER wie SCHÜTZ, Schmidt, aber auch REINHOLD und später FICHTE sind die ersten Kantianer Deutschlands außerhalb Königsbergs. Diese Befreiung von den Fesseln der DOGMATIK wurde MÖGLICH durch Kants Setzung der empirischen KATEGORIEn RAUM und ZEIT. Bislang wurde der Mensch als Träger des göttlichen Gedankens betrachtet und die große Schwierigkeit für alle Philosophen bestand darin, GOTT über solche Stolpersteine wie Raum und Zeit zu beweisen, denn wie könnte die nur denkbare EXISTENZ Gottes sonst nachweisbar sein? Kant beweist nun die Unmöglichkeit eines empirischen Gottesbeweises, setzt ihn aber außerhalb dieser sinnlichen Erfahrungswelt und Gott in das GEFÜHL des Menschen, das ihn zur Pflicht, den kategorischen IMPERATIV erziehen soll. Der Begriff der subjektiven SINNLICHKEIT erschließt die Welt als sinnliches Erkenntnisobjekt; der Mensch muß nicht mehr als Gottesgeschöpf und all der daraus folgenden KAUSALITÄT bewiesen werden. Der Mensch steht frei in der Natur und besitzt die Grundfreiheit zu entscheiden, welchen Weg er gehen will.
Man kann sich die Jenenser Philosophen vorstellen, wie sie diese Gedanken als Befreiung aufnahmen und mit ihnen Schiller, der in sich schon lange das fühlte, was Kant verstand, in klare Worte zu fassen. Und so machte sich Schiller nach langen Jahren des Studiums des Königsbergers in seinem ersten großen dramatischen Werk nach dieser Studienzeit, dem „Wallenstein“, daran, Kants Theoreme dicherisch durchzuspielen.

„MAX:
…Das ORAKEL in seinem Innern, das lebendige - nicht tote Bücher, alte Ordnungen, nicht modrigte Papiere soll er fragen.
OCTAVIO:
Mein SOHN! Laß uns die alten, engen Ordnungen gering nicht achten! Köstlich unschätzbare Gewichte sind’s, die der bedrängte Mensch an seiner Dränger raschen WILLEn band; denn immer war die WILLKÜR fürchterlich - Der Weg der Ordnung, ging er auch durch Krümmen, er ist kein Umweg. Gradaus geht des Blitzes, geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad - Schnell, auf dem nächsten Wege, langt er an, macht sich zermalmend Platz, um zu zermalmen.“
(P I/4, 459-472)

Der Streit zwischen Vater und Sohn ist vielschichtig. Maxens Denkart geht auf das Leistungsprinzip, Octavios auf das Traditionsprinzip; wir erinnern uns an Kants Fassung des ADELs von zwei Seiten. Das Verwerfen der „alten“ Ordnungen kann, ja, nach Octavio muß es dies, den Kantschen Gedanken implizieren, daß das Chaos, die Anarchie nicht fern sei. Der Streit zwischen Vater und Sohn ist einer des Lebensgefühls und wird nicht gütlich beigelegt werden können. Aber: Octavio gibt seiner LEGITIMITÄT das Appendix des illegitimen Mittels. Max, der nach meiner unzähliger Germanisten ein Sprachrohr Schillerscher Intentionen im ganzen Drama bleiben soll, spricht seinen Unmut gegen eben diese alte Ordnung, durch das Liebeserlebnis und das Friedenserlebnis zweifellos bestärkt, wenig später aus.

„MAX mit Heftigkeit…:
Wer sonst ist schuld daran als ihr in Wien? - Ich will’s nur frei gestehn, Questenberg! Als ich vorhin Sie stehen sah, es preßte der Unmut mir das Innerste zusammen - ihr seid es, die den Frieden hindern, ihr! Der Krieger ist’s, der ihn erzwingen muß. Dem Fürsten macht ihr’s Leben sauer, macht ihm alle Schritte schwer, ihr schwärzt ihn an- warum? Weil an Europas großem Besten ihm mehr liegt als an ein paar Hufen [15 bis 60 Morgen] Landes, die Östreich mehr hat oder weniger - ihr macht ihn zum Empörer, und Gott weiß zu was noch mehr, weil er die Sachsen schont, beim Feind VERTRAUEN zu erwecken sucht, das doch der einz’ge Weg zum Frieden ist; denn hört der Krieg im Kriege nicht schon auf, woher soll Friede kommen? -“
(P I/4, 561-577)

Diese Äußerungen Max’ entsprechen dem Inhalt des ersten Präliminarartikels: Der Krieg muß seiner Ursache entledigt sein. Max wirft den Habsburgern nämliche Jesuitenkasuistik vor, will heißen, die erste Gelegenheit der Schwäche benutzen, um die politischen Ziele gegenüber dem nichtjesuitischen GEGNER durchzusetzen.

Eine kleine Kantische Einlage ist in P II/1, 615-617 festzustellen:

„SENI mit Gravität:
Mein Sohn! Nichts in der Welt ist unbedeutend. Das Erste aber und Hauptsächlichste bei allem ird’schen Ding ist Ort und Stunde.“

Eigentlich sollte man dem astrologischen Unsinn keine philosophische Wertigkeit andichten; gleichsam einer tieferen IRONIE, die sich durch Schillers Stücke zieht, wird jedoch hier der tiefe spekulative Boden, der bis heute an der ASTROLOGIE fasziniert, von Schiller auf eigentümliche Weise mit dem neuesten Kantischen Erkenntnissen verquickt. Anders gesagt, die Raum-Zeit-Kategorie wird von Schiller wirkungsvoll in den Kausalnexus des Irdischen eingebunden. Ich komme später auf diesen Gedanken noch einmal zurück. Die astrologisch motivierte Handlungsweise Wallensteins möchte ich nicht weiter ausführen, obwohl diese „eigentliches“ Agens ist; aber doch mehr eine literaturwissenschaftliche UNTERSUCHUNG wert wäre.
Wallenstein äußert Kantische Gedanken weniger als beispielsweise Max.
In P II/6, 998-1002 klingt in Wallenstein zum ersten und einzigen Mal der Gedanke des Aufruhrs an:

„WALLENSTEIN:
…laßt mir Zeit.Tut ihr indes das Eure. Ich kann jetzt noch nicht sagen, was ich tun will. Nachgeben aber werd ich nicht. Ich nicht! Absetzen sollen sie mich auch nicht - Darauf verlaßt euch!“

Schillers aus seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“: „Wallenstein fiel, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel.“
Die rechtlich gestellte Frage lautet jedoch: Darf Wallenstein, dem vom Kaiser Vollzugsgewalt in des Kaisers Heer bescheinigt worden ist, gegen den Willen des Kaisers handeln, wenn dieses zugebilligte Recht eingeschränkt werden soll?
Kant schreibt im ersten Definitivartikel vom Amt, das gegeben, daß Recht zu verwalten. Das Amt sey Pflicht zugleich, dieser Besorgnis zu genügen.
So kollidiert Wallensteins Pflichtgefühl gegenüber dem Heer mit dem gegenüber seinem Kaiser. Diese Sicht genügt dem Problem jedoch nicht. Wallenstein ist der ewige Krieg leid, und er will sich der Traditionsmacht im fernen Wien nicht länger beugen müssen. Somit drücken diese Sätze einen rebellischen Willen, nicht die Rebellion selbst aus.
Schiller ficht in „Wallenstein“ zudem seinen alten inneren Streit zwischen dem Recht und dem was dazu führen soll, oder anders ausgedrückt, zwischen Zweck und Mittel aus.

Wallenstein scheint in P II/7, 1107-1109 dem MITTEL ‘Heimlichkeit’ Berechtigung zu geben:

„WALLENSTEIN:
…viel nützte Deutschland meine Mäßigung, wär mir’s geglückt, das Bündnis zwischen Sachsen und Schweden, das verderbliche, zu lösen.“

Schiller hofft hierin wohl, Wallenstein MORALISCH zu erhöhen, denn der Zweck des Friedens ist gut, das Mittel der Heimlichkeit - wie anders als heimlich hätte Wallenstein gegen den offensichtlichen Willen Wiens diesen Gedanken exemplifizieren können? - nach Kant, S. 105, SCHLECHT, denn Ehrlichkeit ist besser denn alle im Klugheitssinne verstandene Politik. Wallenstein muß in diesem Sinne wenigstens einer Seite gegenüber unehrlich gewesen sein…
Schiller führt weiter unten diesen Friedensgedanken aus:

„WALLENSTEIN:
…Vom Kaiser freilich hab ich diesen STAB, doch führ ich jetzt ihn als des Reiches FELDHERR, zur Wohlfahrt aller, zu des G a n z e n HEIL, und nicht mehr zur Vergrößerung des e i n e n!“
(P II/7, 1180-1183)
Im 5.Akt der „Piccolomini“ kommt es zu einem entscheidenden GESPRÄCH zwischen Vater und Sohn, in dem die bereits im 1. Akt geäußerten Gedanken weiter ausgewickelt werden. Es sind wahrlich durch Kant initiierte Gedankengänge, die Schiller verinnerlicht in seinen Figuren auslebt. Da ist zuerst der Gedanke der Ehrlichkeit:

„OCTAVIO:
Wohl hab ich meine Bedenken ihm geäußert, hab dringend, hab mit Ernst ihn abgemahnt: - doch meinen Abscheu, meine innerste GESINNUNG hab ich tief versteckt.
MAX:
Du wärst so falsch gewesen? Das sieht meinem Vater nicht gleich! Ich glaubte deinen Worten nicht, da du von i h m mir Böses sagtest; kanns noch wen’ger jetzt, da du dich selbst verleumdest.“
(P V/1, 2435-2442)

Wer sich der Unehrlichkeit preisgibt, spielt mit seiner Würde, so ist diese moralische Kausalität auch ausgebreitet und wenig später folgt die typisch Schillersche Wendung, denn der Betrügende stellt sich moralisch über den Betrogenen:

„OCTAVIO:
Nicht würdig war er meiner Wahrheit mehr. MAX:
Nicht minder würdig deiner war Betrug. OCTAVIO:
Mein bester Sohn! Es ist nicht immer möglich, im Leben sich so kinderrein zu halten, wie’s uns die Stimme lehrt im Innersten… Das eben ist der FLUCH der bösen TAT, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären. Ich klügle nicht, ich tue meine Pflicht, der Kaiser schreibt mir mein Betragen vor.“
(P V/1, 2445-2459)

Schiller konnte Octavio moralisch nicht über Wallenstein stellen, welcher mit dem Unrecht der Rebellion schon moralische Untauglichkeit präjudizierte. Also hing er an Octavio die Negation der transzendentalen Formel des öffentlichen Rechts. Aber in diesem Wortwechsel stecken noch andere Kantsche Gedanken. Octavio ist durch seine ENTSCHEIDUNG einer Kausalreihe unterworfen, die ihn zu einem verhunzten Begriff von KLUGHEIT führt; er ist gezwungen, heimlich zu wirken, er muß „fortzeugend Böses gebären“. Max steht dem Problem der Mittel-Zweck-Korrelation – daß eben schlechte Mittel manchmal einem guten Zweck dienen können - im Tummelfeld der Politik als ein an moralische Prinzipien glaubender Mensch fassungslos gegenüber, er zerbricht schließlich an seiner Geradlinigkeit. Schiller verfolgt im weiteren Verlauf dieses Aktes sein „Sprachrohr“ Max mit dieser Problematik und läßt jenen am Ende des Aktes resümierend räsonieren:

„MAX:
Oh ! diese Staatskunst, wie verwünsch ich sie! Ihr werdet ihn durch eure Staatskunst noch zu einem Schritte treiben - Ja, ihr könntet ihn, weil ihr ihn schuldig w o l l t, noch schuldig m a c h e n.“
(P V/3, 2632-2635)

Wenn Politik der Moral entbehrt, so wird diese ein sachleerer Begriff und bloße Klugheitslehre; sagt Kant. An Max spielt Schiller diesen Gedanken durch; Max erfährt die Schwierigkeit der Durchführbarkeit dieses Kantschen Imperativ. Politik muß zur bloßen Formfrage verkommen ohne Moral und so fällt, wer dieser Form nicht genügt. Die Begrifflichkeit wird abstrakt: Octavio lebt dieser, Max will sie ausfüllen; d.h., er will moralisches über praktisches Handeln setzen. Dieser Gedanke ist durch und durch Kantisch und damit endet „Piccolomini“.

Goethe bezeichnete W I/4, 139-222 als „Achse des Stücks“. Diesen Teil kann man verkürzen auf die Verse 186 bis 191:

„WALLENSTEIN mit sich selbst redend:
In meiner Brust war meine TAT noch mein: Einmal entlassen aus dem sichern Winkel des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, hinausgegeben in des Lebens Fremde, gehört sie jenen tück’schen Mächten an, die keines Menschen Kunst vertraulich macht.“

Das ist Kantischer Boden. Freiheit und Empirie, in welchem VERHÄLTNIS stehen diese Dinge zueinander? Der Mensch mag wohl die Reihe beginnen und ist somit im kosmologischen Sinne frei, doch ist er im folgenden den Erscheinungen ausgesetzt. Vollzieht sich somit doch alles nach dem erbarmungslosen NATURGESETZE, der Kausalität?
Der der Astrologie hörige Wallenstein enthebt sich der Wirklichkeit und weiß doch, daß er es nicht kann. Wenn man den Gedanken der Freiheit so begreift, gibt es für die Freiheit des eigenen Handelns keine Rettung, oder, um mit Kant zu SPRECHEN: „Denn sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, will heißen ohne empirische Qualität, so ist Freiheit nicht zu retten.“
Daß Wallenstein seine Freiheit durch den Begriff des Schicksals verloren glaubt, ist nur in der kKantischen INTERPRETATION zu begreifen. Schicksal ist der GLAUBE an die Vernunft des einzelnen, welcher nicht erleuchtet genug ist, aus dem TUN und Lassen der Menschen nach dem MECHANISMUS der Natur vorheriges mit SICHERHEIT verkündigen zu können. Wallenstein entfleucht in diese SPHÄRE und hängt sich an den GLAUBEN seines Schicksals, was nach Kant heißen will, an sein Unwissen.
Aber ganz so einfach macht Schiller es sich mit der Gestaltung des Wallenstein dann dennoch nicht. Mögen Selbstzweifel auch Wallensteins Handeln im Stück hemmen, er ist auch ein Träger Schillerscher NEMESISvorstellungen:

„WALLENSTEIN:
- Des Menschen Taten und Gedanken - wißt! - sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen. Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen. Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht, sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, so weiß ich auch sein WOLLEN und Handeln.“
(W II/3, 952-960)

Wallenstein rechtfertigt seine astrologischen Forschungen. Der GrundIRRTUM ist die für ihn verhängnisvolle Verquickung von Natur- und Schicksalskausalität. Kant löste das Problem, indem er sein Handeln als auch außerhalb der Kausalität möglich seiend beschrieb. Wallenstein spricht von dem Irren aller Erfahrungen, wenn etwas geschieht, das nach dem Gesetz, eigentlich seinem Gesetz, nicht hätte geschehen dürfen:

„WALLENSTEIN richtet sich auf:
Die Sterne lügen nicht, d a s aber ist geschehen wider Sternenlauf und Schicksal. Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz bringt Lug und Trug in den wahrhaft’gen HIMMEL. Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung; wo die Natur aus ihren Grenzen wanket, da irret alle Wissenschaft.“
(W III/9, 1668-1674)

So definiert er sich Schicksal; als ob man nicht anders handeln könnte - statt eifrigen Tun unrühmliches Beharren. Er setzt Sternenlauf und Schicksal gleich und denkt sich Analogien, wo keine sind. Wenn er vom Irren spricht, warum geht er dann den zweiten Schritt nicht? Vielleicht wirkt hier allein Schiller?

Ein Zentralgedanke Kants ist der vom Unrecht des Aufruhrs, da „sie dem Rechtsbegriffe, der allein den Frieden auf ewig begründen könnte, alle Achtung“ versagt:

„BUTTLER in Eifer:
Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.
WALLENSTEIN:
Was?
BUTTLER:
Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.
WALLENSTEIN:
Was denn?
BUTTLER:
Es heißt, den Aufruhr öffentlich erklären!
WALLENSTEIN:
Was ist es denn?
BUTTLER:
Graf Terzkys Regimenter reißen den kaiserlichen Adler von den Fahnen und pflanzen deine Zeichen auf.“
(W III/16, 1991-1996)

Zusammenfassung

War Wallenstein ein REBELL? War er ein verhinderter Friedensfürst? War er einfach nur machthungrig und eigensinnig, unduldsam? Oder war er lediglich ein kranker Mann, der zuviel BLUT gesehen hatte und vor dem nahenden Lebensende Ruhe wollte? Wie berechtigt waren seine Einwände gegen die Befehle aus Wien?

Ich glaube, man muß grundsätzlich zwischen dem Wallenstein der Geschichte und dem des Dramas unterscheiden; und, das sage ich ungern, außerdem muß man noch die Fakten kennen, die Schillers historisches Wallensteinverständnis prägten.
Was sich durch das gesamte Werk zieht, ist der Gedanke der Legitimität von Handlung überhaupt. Schillers Versuch, Wallenstein notwendig scheitern zu lassen, erklärt sich aus Kants Schriften, denn Kant verdammt jeglichen Aufruhr gegen die Ordnungsmacht. Wallenstein dagegen stemmt sich im Stück gegen den Aufruhr, handelt, als es längst zu spät ist. Die rhetorische Frage, ob zeitigeres Handeln Rettung, gar Frieden bedeutet hätte, beantwortet Schiller, indem er Wallenstein seine Nemesisvorstellungen aussprechen läßt. Wallenstein stieg in diese gesellschaftliche Position, weil er dem Denken seiner Zeit Entsprechungen zu geben wußte; sein ihm geweissagtes Schicksal war ihm gleichsam ein Leitstern zu unrastigem Handeln; es war ihm jedoch auch im entscheidenden Moment ein Bremsschuh. Seine jederzeit handlungswilligen „Handlanger“ Terzky und Illo hätten sich, anlagebedingt, niemals vor den Wallensteinschen Problemen finden können.
Schiller versucht nicht, die praktische Möglichkeit des ewigen Friedens zu beantworten, aber er nimmt die grundsätzlichen Gedanken, die Kant bewogen

  • die wachsende Gefahr eines europäischen Krieges,
  • der Verlauf der Französischen Revolution,
  • die Freiheits- und Rechtsdiskussionen nach seinen drei Kritiken

in dem Sinne auf, daß er sie am Beispiel durchspielt. Das Schiller Kant letztlich nicht folgt, mag am Wallensteinstoff, der ein historischer ist, liegen. Schiller hätte jedoch, wenn er Kants teleologischem Schlußsatz hätte folgen wollen, sicherlich ein anderes THEMA gewählt. Hier trennen sich die Intentionen.

Wallenstein - literarisch und historisch

Welche BEDEUTUNG besitzt dieser Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein für die deutsche LITERATUR und GESCHICHTE? Wer war dieser Wallenstein, daß er die Gemüter unserer Vorfahren derart in Wallung brachte, daß noch nach SCHILLER bis 1934 zehn dramatische und bis 1886 sieben musikalische Behandlungen überliefert sind? Was macht den tiefen, metaphysischen Sinn des Dramas von Schiller aus? Worum ging es Schiller?

Beginnen wir mit dem Festen, den Fakten der historischen FIGUR Wallenstein und benutzen zu diesem Zwecke als Quellen drei HISTORIKER: RANKE, MANN und Schiller. Ranke als wohl meinungsbildendsten Historiker des 19.Jahrhunderts, Golo Mann, wohl kaum weniger bedeutsam als Historiker des 20.Jahrhunderts und berühmt geworden durch eine Wallenstein-BIOGRAPHIE und schließlich Friedrich Schiller fürs 18.Jahrhundert, dessen literarischer Text einer HISTORISCH grundierten Auseinandersetzung voranging. Es geht hier vor allem um Unterschiede zwischen der historischen und dramatischen Auffassung des Titelhelden, vor allem auch darum, was Wallenstein für Historiker und Dramatiker so interessant machte – ewige Werte? -; es geht in dieser ARBEIT nicht so sehr um Szenenanalyse oder Erzählperspektiven.

Leopold von Ranke. Ranke schrieb über den CHARAKTER Wallensteins: Er sei verschwenderisch und unbesonnen, aber doch auch ökonomisch und umsichtig. In seiner Politik verfolgte er hochfliegende egoistische Pläne; aber zugleich hegte er Absichten, die zu einem bestimmten, erreichbaren Ziele zusammenwirkten. Er war dadurch emporgekommen, daß er immer den eigenen Inspirationen folgte, die er immer zur Geltung zu bringen vermochte… Welch ein großartiges Unternehmen, in dem er begriffen war; den verderblichen Krieg in Deutschland zu beendigen; den Religionsfrieden mit Beseitigung all dessen, was ihn gestört hatte, in voller Wirksamkeit wiederherzustellen; die Integrität des REICHes zu erhalten.

Halten wir fest, daß Ranke in Wallenstein das zu erkennen glaubte, was wir heute fälschlich als pragmatisches DENKEN bezeichnen: SINN für das, was persönlich im Verhältnis zu anderen nutzen kann. Und halten wir fest, daß Wallenstein friedenspolitische Ambitionen hegte, die er tatkräftig, aber schrittweise durchzusetzen gedachte. Vorsicht und Gleichgewicht scheinen die Oberbegriffe seiner behutsamen Politik. So Ranke.

Noch umfänglicher (300 Seiten Ranke, 1000 Seiten G.Mann) schreibt Golo Mann über den Titelhelden: Als der Kaiser Wallenstein den Marsch auf Weimar (Heerführer der Protestanten, der im Erbland Bayern wütete) befahl und sich Wallenstein diesem Befehl widersetzte, schreibt Mann erläuternd: Plötzlich erschien Wallenstein, was ihm noch niemals er­schienen war, auch während des ersten, bescheideneren Generalats nicht: der kahle Wille, der Befehl Caesars, des Souveräns. Eine unerhörte Erfahrung. Wie reagierte er? Mit dem TROTZ des Besserwissenden, seinerseits Befehlsgewohn­ten; befehlsgewohnt dank der LEISTUNG, nicht des faul ererbten Titels. Er sagte Nein. Im Bewußtsein, das Ding gründlicher zu verstehen als die Wiener Tintenkleckser, überzeugt, für die Sicherheit hinreichend gesorgt zu ha­ben, Gegner des Kriegsführens im Winter seit jeher, Kenner der Soldaten, des Zumutbaren und Unzumutbaren, verweigerte er seinem Herrn und Meister den GEHORSAM… Er nahm formal sich in acht. Anstatt geradewegs abzulehnen, berief er einen Kriegsrat, alle in Pilsen anwesenden Generalspersonen und Obersten…
Abgesehen davon, daß Schiller in „Wallenstein“ seinen Beitrag zum Ende des 18. Jahrhunderts ausgetragenen Streiterei um Verdienst- oder Erbadel leisten konnte – nicht wenige nennen die Wallenstein-Trilogie auch ein Legitimitätsdrama -, beschreibt Mann einen Hauptaspekt für Rebellen: Sie fühlen sich irgendwie berechtigt, so zu handeln, wie sie eben handeln. Also ist Wallenstein doch ein Rebell? Mann fährt wenig später fort, diesem Präjudiz Widerlegendes gegenüberzustellen: Er log nie. Im Moment war er nur der, der so redete, so schrieb; und dann wieder ein anderer. Seine Freunde in ihrer Plumpheit, verstanden es als Temporisieren und Taktieren, als Lügen, weil sie selber logen… Noch einmal wollte er abdanken wie 1626, noch einmal die LAST und QUAL des Amtes loswerden, mit viel, viel verzehrender SEHNSUCHT jetzt. Aber behalten wollte er das Amt auch, um noch ein Letztes, Größtes mit ihm zu tun… Zum Frieden riet er mit gramvoller Dringlichkeit jenen, die er doch, wollte er ihnen Schaden tun, oder gar sie verderben, viel eher zu Winter-Schlächtereien tückisch hätte überreden müssen. Es war sein Programm, daß er ihnen aufdrängte, wie doch ein Verschwörer keineswegs tut… Sonderbarer Verschwörer; son­derbarer Rebell!
Die wirklichen (historischen) Machtverhältnisse der letzten Tagen von Wallensteins Leben beschreibt Mann durch Illows REDE auf der bereits genannten Offiziersversammlung zu Pilsen: Mit Wallenstein würden sie fallen; mit Wallenstein noch höher steigen. Da nun ihr Patron krank und kränker wurde, …so mußten sie etwas tun, um ihn zu ermutigen; um ihn an das Heer zu binden, …das Heer an ihn, wieder durch die Offiziere. Er ließ es geschehen. Die Kraft fehlte ihm, es nicht geschehen zu lassen.

Das ist die Lesart des 20.Jahrhunderts; bezweifelt werden darf, daß Schiller dieses FAKTUM kannte. Der kranke Wallenstein ist so ziemlich außerhalb der Blickweite des Dramatikers. Statt dessen posaunt Wallenstein zuweilen recht simpel-basispatriotisch; der Dramatiker Schiller vermutet in Wallenstein INTENTIONen, die dem von ihm selbst als Historiker gezeichneten BILD seines Titelhelden nicht entsprechen, um ihn auf eine Fallhöhe zu bringen, von der aus er hinabgestoßen werden kann. Ein kranker Held ist für eine TRAGÖDIE kaum brauchbar. Bei Mann äußert sich Wallenstein über seine patriotischen Absichten und Gefühle: …wenn dort, in Pilsen,keine Hoffnung sei, so sei für das liebe Deutschland überhaupt keine. Daß die Fremden, die Schweden und Franzosen, Krieg führten um der schönen Augen der Deutschen willen, werde ihm niemand einreden; so sei die harte Welt der Staaten nicht. Gewännen sie, dann werde das Römische Reich zerstückelt; verlören sie, dann seien sie noch lange nicht verloren, wohl aber die deutsche Libertät… Bei dem ersten ist große Gefahr, aber doch etwas Hoffnung, bei dem anderen ist noch größere Gefahr und in meinen Gedanken gar keine Hoffnung. Man wähle also in Gottes Namen das Erste…

In der Differenzierung der beiden großen Historiker fällt auf, daß Mann den Zögerer Wallenstein betont. Die kontinuierliche Durchsetzung eines eigenen politischen Programms spricht Mann Wallenstein am Ende dessen LEBENs sogar ab (Er ließ gewähren.). Ranke dagegen betont das Behutsame in Wallensteins Politik, getreu seinem CREDO von dem IDEAL der Unparteilichkeit vermeidet Ranke auch jede persönlich zu interpretierende Stellungnahme. Mann besticht gerade dadurch, daß er aristokratische Distanz, wie sie Wirrmann in einem ESSAY bei Schiller nachzuweisen glaubt, zu seinem Helden nicht aufkommen läßt und eher Partei ergreift, als dies tunlichst vermeidet.
Das sind die Ergebnisse des nach Schiller aufgefaßten historischen Wallenstein. Sie sollen zeigen, was außer der Schillerschen Interpretation möglich gewesen wäre, welche dramaturgischen Verwicklungen außer der angezeigten.

Bevor Schiller „Wallenstein“ in Szene setzte, versuchten sich bereits einundzwanzig DICHTER vor ihm daran. Es ist zu bezweifeln, daß Schiller deren Interpretationen nutznießte; jedenfalls ist in seinen BRIEFen keine Bemerkung über andere literarische Bearbeitungen zu finden. Der Dichter Schiller konnte bei der Erstellung seiner Hauptfiguren auf den Historiker Schiller zurückgreifen und beschreibt Wallensteins Ausgangssituation 1625 folgender­maßen:
Im Besitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuversicht auf seine glücklichen Sterne und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumstände, erbot er sich, für den Kaiser, auf eigene und seiner Freunde Kosten eine Armee auszurüsten und völlig zu bekleiden, ja selbst die SORGE für ihren Unterhalt dem Kaiser zu ersparen, wenn ihm gestattet würde, sie bis auf 50000 Mann zu vergrößern. Niemand war, der den Vorschlag nicht als die schimärische GEBURT eines brausenden Kopfes verlachte - aber der Versuch war noch immer reichlich belohnt…
Wallenstein siegte, aber anstatt Frieden zu schließen, hält der erstberufene Wallenstein nichts davon und Schiller tadelt: Die Erschöpfung des Feindes ließ einen nahen Frieden mit WAHRSCHEINLICHKEIT erwarten; dennoch fuhr Wallenstein fort, die kaiserlichen Heere immer mehr, zuletzt bis auf hundert­tausend Mann, zu verstärken. Obersten- und Offizierspatente ohne ZAHL, ein königlicher Staat des Generals, unmäßige Verschwendungen an seine Kreaturen (nie schenkte er unter tausend Gulden), unglaubliche Summen für Bestechungen am Hofe des Kaisers, um dort seinen Einfluß zu erhalten - alles dieses, ohne den Kaiser zu beschweren. Aus den Brandschatzungen der niederdeutschen Provinzen wurden diese unermeßlichen Summen gezogen, kein Unterschied zwischen Feind und FREUND, gleich eigenmächtige Durchzüge und Einquartierungen in aller Herren Ländern, gleiche Erpressungen und Gewalttätigkeiten.
Die angestaute MACHT ruft bei Zukurzgekommnen Hader hervor. Wallenstein wird trotz immenser Bestechungsgelder für etliche Hofschranzen entmachtet. Aber danach läuft es für die Kaiserlichen schlecht. Spätestens nach dem Siegeszug des schwedischen Königs Gustav Adolf, dessen Hilfe die Protestanten gerne annehmen, verändert sich das poloitische Kräfteverhältnis im Reich zuungunsten des Kaisers. Er ist gezwungen, Wallenstein zurückzuholen, denn kein anderer weiß die Soldateska so zu bändigen und POLITISCH zu gebrauchen wie der einstige Feldherr, der sichs nun scheinbar gut gehen läßt in Nordböhmen. Mit der Rückberufung unter für den Kaiser entwürdigenden Bedingungen im Frühjahr 1632 - Eine unumschränkte Oberherrschaft verlangte Wallenstein über alle deutsche Armeen des österreichischen und spanischen Hauses und unbegrenzte Vollmacht, zu strafen und zu belohnen. Weder dem KÖNIG von Ungarn noch dem KAISER selbst solle es vergönnt sein, bei der Armee zu erscheinen, noch weniger eine HANDLUNG der AUTORITÄT darin auszu­üben…Zu seiner ordentlichen Belohnung müsse ihm ein kaiserliches Erbland und noch ein anderes der im Reiche eroberten Länder zum außerordentlichen Geschenk überlassen werden. Jede österreichische Provinz solle ihm, sobald er derselben bedürfen würde, zur Zuflucht geöffnet sein. - siegt Wallenstein wieder für den Kaiser. Doch nun hat er neben dem machtpolitischen KALKÜL für sein HAUS auch friedenspolitische Absichten, wie Mann zu wissen glaubt: Er (Terzky als Gesandter Wallensteins) sei gekommen (in das schwedische Lager nach der Schlacht bei Lützen), sagte er, mit Schweden und mit den Reichsfürsten einen ewigen Frieden zu schließen, die Soldaten zu bezahlen und jedem Genugtuung zu verschaffen. Alles dies stehe in seiner Hand, und wenn man in Wien Anstand nehmen sollte, es zu bestätigen, so wolle er sich mit den Alliierten vereinigen und (was er Arnheim nur ins Ohr flüsterte) den Kaiser zum TEUFEL jagen.
Jetzt folgt in der geschichtlichen Darstellung von Schiller das, was problematisch auch im DRAMA werden wird, die Motivierung für die Einberufung der Generalität nach Pilsen. Schiller schreibt: Um endlich den entscheidenden Schritt zum Ziele zu tun, berief er im Jänner 1634 alle Kommandeurs der Armee nach Pilsen zusammen, wohin er sich gleich nach seiner RÜCKWÄRTSBEWEGUNG aus Bayern gewendet hatte… Auch Schweden und Sachsen wurden heimlich dahin geladen, um mit dem Herzog von Friedland über den Frieden zu traktieren; mit den Befehlshabern entlegenerer Heere sollte schriftliche Abrede genommen werden.

Um seine politischen Ziele durchzusetzen, benötigt Wallenstein zuerst einmal Unterstützung seiner Untergebenen. Eine Schlüsselrolle nimmt hierbei der General Piccolomini ein, Wallensteins engster Vertrauter. Octavio Piccolomini ist historisch, Max eine ERFINDUNG. Schiller schreibt über den historischen Piccolomini: Piccolomini wagte es, die Leichtgläubigkeit des Herzogs noch einmal auf die Probe zu stellen. Er bat sich von ihm die Erlaubnis aus, den Gallas zurückzuholen, und Wallenstein ließ sich zum zweiten Mal überlisten.
Wallenstein mußte Vertrauen wagen, denn er wußte, daß im fernen Wien schon längst wieder an seinem Stuhl gesägt wurde, zu sehr kannte er das SPIEL um die Macht, als daß er hätte glauben können, man würde ihm die erpreßten Vollmachten auch nur einen AUGENBLICK länger konzedieren, als es der Hofkamarilla nützte. Und, soviel war Wallenstein auch gewiß, und das mußte den Pinsel des Dramatikers Schiller reizen: Das Intrigennetz wurde schon längst um Wallenstein gesponnen. Also galt es(,) Wallenstein(,) Verbündete zu gewinnen.
Schiller schreibt in seiner Vorbesprechung zum Drama: Durch Mönchsintrigen verlor er zu Regensburg den Kommando­stab [erste Amtsenthebung] und zu Eger das Leben; durch mönchische Künste verlor er vielleicht, was mehr war als beides, seinen ehrlichen Namen und seinen guten Ruf vor der Nachwelt. Denn endlich muß man zur Steuer der Gerechtigkeit gestehen, daß es nicht ganz treue Federn sind, die uns die Geschichte dieses außerordentlichen Mannes überliefert ha­ben; daß die Verräterei des Herzogs und sein Entwurf auf die böhmische Krone sich auf keine streng bewiesene Tatsache, bloß auf wahrscheinliche Vermutungen gründen… Viele seiner getadelsten Schritte beweisen bloß seine ernstliche Neigung zum Frieden… Wenn endlich NOT und Verzweifelung ihn antreiben, das Urteil wirklich zu verdie­nen, das gegen den Unschuldigen gefällt war, so kann dieses dem Urteil selbst nicht zur Rechtfertigung gereichen; so fiel Wallenstein nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel.
Schiller war sich offensichtlich der Tendenziösität seiner aufgefundenen Quellen sicher und spricht ZWEIFEL an der Wahrhaftigkeit wertender Sentenzen aus. Dem Historiker Schiller dürften diese mißfallen, der Dramatiker wird wohl seine helle Freude an diesem Material gehabt haben.
Fragen wir danach, welche Veränderungen zum von ihm selbst beschriebe­nen geschichtlichen Verlauf der Dichter vornahm? Im PROLOG stellt der Dichter seine Absicht vor: Von der Parteien Gunst und HAß verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte, doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst, auch eurem Herzen, menschlich näherbringen.
Das kann nur eine dramaturgische Bedeutung haben, denn warum sollte Schiller sonst einen mutmaßlichen politischen Hasardeur, die Geißel des Krieges, der Wallenstein jahrelang gewesen, MENSCHLICH näherbringen wollen? Schwunghöhe! Ein Held will sympathetisiert sein, damit sein Ende den Zuschauer rührt, sein Wirken muß auch von edlen MOTIVen durchflossen sein, denn ein durchweg negativer Held gewinnt nicht das Interesse oder gar die IDENTIFIKATION des Zuschauers.
Wer also sollte Wallenstein sein? Wirrmann schreibt in ihrem klugen Essay: Der Dichter entläßt die Zuschauer, ohne ihnen eine Wertung oder eine handhabbare MORALITÄT vorzugeben. Das Interesse, das durch die widersprüchlichen Hinweise zur Person des Wallenstein erzeugt wird, soll das PUBLIKUM motivieren… Damit wird der Zuschauer zur reflektierenden Mitarbeit aufgefordert, und zwar ganz im Sinne jener Stimulierung zur Selbsttätigkeit, die nun das Ziel des Schillerschen Dramas ist, Reflexion aber, die über die affektive Erschütterung hinausführt, hat auch eine Distanz des Zuschauers zum Bühnengeschehen zur Folge.
Ich gehe hier nicht mit Wirrmann, deren Distanzbegriff mir unzureichend und unzutreffend erscheint. Ich möchte das folgendermaßen begründen: Das Ziel der Selbsttätigkeit wird von Schiller angestrebt mittels Nähe, nicht Distanz; dem Herzen näherbringen schreibt Schiller in seinem Prolog. Sicherlich will er nicht das immanente Bild, das aus-dem-Helden-herausschauen, also völlige Identifikation, aber eine Distanz des Zuschauers zum Titelhelden hat Schiller, wie gesagt, bereits zu „Fiescos“ Zeiten abgelehnt, indem er SHAKESPEARE und Lessing folgt und weiterführt, indem zu der Distanz benötigenden REFLEXION das Sympathetische kommt, was beides zusammen erst den ganzen Menschen bildet: Herz und Hirn! Wenn nur eines zurückbleiben würde, gar die Oberhand gewönne, so wäre Schillers ästhetische Erziehung erfolglos. Schillers PROJEKT „Wallenstein“ also muß den Bösewicht Wallenstein dem Herzen näherbringen und nicht distanziert betrachten. Schiller will den kühlen Kopf des Zuschauers, der durch die „autonome Kunst“ geläutert in der Lage ist, sich ein autonomes URTEIL zu bilden. Wie aber, wenn nicht mit dem Herzen, soll der Zuschauer folgende Zeilen des Prologs verstehen?: Doch in den kühnen Scharen, die sein Befehl gewaltig lenkt, sein Geist beseelt, wird euch sein Schattenbild begegnen, bis ihn die scheue MUSE selbst vor euch zu stellen wagt in lebendiger Gestalt, denn seine Macht ists, die sein Herz verführt, sein Lager nur erkläret sein VERBRECHEN.
Schiller ist bemüht, Wallenstein in seiner Gesamtheit zu erfassen und muß so auch die Sicht der römisch-katholischen KIRCHE, des Klerus, darstellen. Dabei ging Schiller auf eine Anregung Goethes zurück, der eine Predigerschrift von 1687 Schiller wärmstens empfahl. Schiller setzte mit dieser PREDIGT eine Anti-Wallenstein-Tirade, ein Auszug: …wie soll man die Knechte loben,kommt doch das Ärgernis von oben! Wie die Glieder, so auch das Haupt! Weiß doch niemand, an wen der glaubt!
Dieser Auszug soll einen der Gründe für den Haß der Mönchs­kaste auf ihren Feldherrn beschreiben, der TOLERANZ im GLAUBEN praktizierte - ein im 18. Jahrhundert in Deutschland heftig diskutierter BEGRIFF -, was Schiller seinem Titelhelden hier zum Vorteil gereichen lassen möchte. (In einem Glaubenskrieg religiöse Freiheiten zuzulassen, kann den Hetzern, auf beiden Seiten im übrigen, nicht gefallen.) Schillers Wallenstein-Bild ist mit der charakterlichen Dar­stellung in der „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ nicht abgeschlossen.
Eine erste VERÄNDERUNG zur historischen Faktizität ist die KUNSTFIGUR Max Piccolomini als ein Träger und Verkünder Schillerscher politischer ANSCHAUUNGen. Max ist auch der Gradmesser, mit dem der Zuschauer seine Haltung zum Titelhelden prüfen kann. Max (Schiller) über Wallenstein: Er ist nun einmal nicht gemacht, nach andern geschmeidig sich zu fügen und zu wenden, es geht ihm wider die Natur, er kanns nicht. Geworden ist ihm eine Herrscherseele, und ist gestellt auf einen Herrscherplatz. Wohl uns, daß es so ist! Es können sich nur wenige regieren, den Verstand verständig brauchen - Wohl dem Ganzen, findet sich einmal einer, der ein Mittelpunkt für viele Tausend wird, ein Halt; sich hinstellt wie eine feste Säul, an die man sich mit Lust mag schließen und mit Zuversicht.
Aus diesen Worten spricht Schillers politische Überzeugung von der VERANTWORTLICHKEIT des aufgeklärten Herrschers. Am treffendsten formulierte er es im Jahre später UNVOLLENDETE gebliebenden „Demetrius“: Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen, man muß die Stimmen wägen und nicht ZÄHLEN. Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet, da muß der Staat untergehen, früh oder spät!
Der aufgeklärte Herrscher dagegen ist die feste SÄULE, an der sich das VOLK aufrichtet, der gibt Halt und die politische Richtung vor. Nichts da von irgendwie demokratiziden Vorstellungen. Auch deshalb schuf Schiller die Kunstfigur Max Piccolomini, damit er ihm solche Worte in den Mund legen konnte, die aus dem Geschichtswerk nicht zu gewinnen waren, wohl aber aus den politischen Fragestellungen von Schillers Lebensgegenwart. Und welche Veränderung spricht aus diesen Worten Maxens gegenüber der Wallenstein wenig schmeichelhaften Beschrei­bung im Geschichtswerk: Wallenstein hatte über eine Armee von beinahe hunderttausend Mann zu gebieten, von denen er angebetet wurde, als das Urteil der Absetzung ihm verkündigt werden sollte. Die Offiziere waren seine Geschöpfe, seine Winke Aussprüche des Schicksals für den gemeinen Soldaten. Grenzenlos war sein EHRGEIZ, unbeugsam sein STOLZ, sein gebieterischer Geist nicht fähig, eine KRÄNKUNG ungerochen zu erdulden. Aber die Medaille hat zwei, für Schiller gleichberechtigte Seiten. Den großen Vertreter des Legitimationsrechtes, Octavio Piccolomini, läßt Schiller ebenfalls politische Leitlinien vertreten, in die der Zuschauer innerlich verwickelt werden soll: Mein Sohn! Laß uns die alten, engen Ordnungen gering nicht achten! Köstlich unschätzbare Gewichte sinds, die der bedrängte Mensch an seiner Dränger raschen Willen band; denn immer war die Willkür fürchterlich - Der Weg der Ordnung, ging er auch durch Krümmen, er ist kein Umweg. Gradaus geht des Blitzes, geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad - Schnell, auf dem nächsten Wege, langt er an, macht sich zermalmend Platz, um zu zermalmen.
So wird denn der Fall „Wallenstein“ mit einem Male zum Rechtsproblem! Es streiten sich in einem revolutionären GLEICHNIS, unter dem Getöse von Kanonen, die Ordnungsprinzipien von Legitimation (wodurch?) und Verdienst (woran?). Es entspricht Schillers künstlerischem und politischem Credo, daß der Gegenspieler Wallensteins ein moralisch-ästhetisches Programm vertritt, das GERECHTIGKEIT und rechtliche Konti­nuität zumindest ahnden läßt. Das Programm der Gegenseite darf natürlich das eigene nicht überragen, besitzt in Schillers Augen aber die REIFE, die eine Antwort unausweich­lich birgt. So geht Max im logischen Freiraum auch auf die guten Absichten der moralischen Gegenpartei ein und fordert diese auf: Oh! laß den Kaiser Friede machen, Vater! Den blutgen Lorbeer geb ich hin mit Freuden fürs erste Veilchen, das der März uns bringt, das duftige Pfand der neuverjüngten Erde.
Daß es sich bei diesem GESPRÄCH zwischen Vater und Sohn um ein hypothetisches handelt und um einen Austausch grundsätzlicher Positionen, wird u.a. daran deutlich, daß Max seinen Vater auffordert, den Kaiser zum Frieden zu bewegen, als ob sich ein Befehlsempfänger nach deren Statuten zu einem Initiator entwickeln dürfte. Weiter auseinander können Positionen ergo Denkmuster nicht stehen. Wallenstein selbst äußert sich in einem Gespräch mit seinem Vertrauten, vertrauten Schwager, über eine mögliche politische Intention:
Terzky: Der [schwedische] GRAF… sei es müd und wolle nichts weiter mehr mit dir zu schaffen haben.
Wallenstein: Wieso?
Terzky: Es sei dir nimmer ernst mit deinen Reden,du wollst die Schweden nur zum Narren haben, dich mit den Sachsen gegen sie verbinden, am Ende sie mit einem elenden Stück GELDes abfertigen.
Wallenstein: So! Meint er wohl, ich soll ihm ein schönes deutsches Land zum Raube geben, daß wir zuletzt auf eignem GRUND und Boden selbst nicht mehr Herren sind? Sie müssen fort, fort, fort! Wir brauchen keine solchen Nachbarn.
Terzky: Gönn ihnen doch das Fleckchen Land, gehts ja nicht von dem deinem! Was bekümmerts dich, wenn du das Spiel gewinnest, wer es zahlt.
Wallenstein: Fort, fort mit ihnen - das verstehst du nicht. Es soll nicht von mir heißen, daß ich Deutschland zerstücket hab, verraten an den Fremdling, um meine Portion mir zu erschleichen. Mich soll das Reich als seinen Schirmer ehren, reichsfürstlich mich erweisend, will ich würdig mich bei des Reiches Fürsten niedersetzen.Es soll im Reiche keine fremde Macht mir WURZEL fassen,…

Ob Wallenstein die aus solchem Gewort zwangsläufig folgende Schlußfolgerung der Bildung einer deutschen Partei, einer gegen die der HABSBURGer Hauspolitik und die Interessen der Fremdlinge gerichtete, wirklich betreiben wollte, bleibt zweifelhaft. Die ehernen und patriotischen Absichten, die Schiller hier seinem Helden in den Mund legt, können historisch plausibel sein, müssen es aber nicht; sie können eine MOTIVATION für Wallensteins Handeln abgeben, sie können nur von Schiller gebracht worden sein, um seinen Helden sympathischer zu machen… Vielleicht entsprechen sie auch Wallensteins Ehr- und Selbst­wertgefühl, aber bilden sie das Hauptantriebsmoment seines Handelns? Er wäre wohl kaum in den kaiserlichen DIENST zurückgekehrt, wenn ihn nicht ideelle Ziele getrieben hätten, oder?! Dagegen: Daß Wal­lenstein im späteren Verlauf des Dramas dem schwedischen Gesandten Wrangel Landangebote im Falle eines Sieges macht, könnte zwei Erklärungen haben, die nicht im Gegensatz zu seiner patriotischen Gesinnung stehen müssen:

  1. Verhandlungstaktik, um den gemeinsamen Feind erst einmal zu besiegen oder auch
  2. eine persönliche Ausweglosigkeit, wobei er, um den eigenen Kopf zu retten, eine politische Maxime vorerst aufgibt, was jedoch nicht (bei seinem Sternenglück!) für die EWIGKEIT sein muß.

Schiller schafft eine betörende Spannkraft innerhalb der Figur Wallenstein: Ist er nun ein IDEALIST mit einem ausgesprochenen Realitätssinn, oder ist er ein REALIST, der seine Figuren je nach der Konstellation - der Stand der Sterne entspricht Wallenstein den wirklichen Gegebenheiten - mischt, um sich an deren Faxen zu ergötzen, der also im Sinne des Spielbegriffs Schillers spielt? Schiller selbst spielt in seinem Drama mit Möglichkeiten. Ein Beispiel für viele: Schiller verändert die ihm (hier) bekannten historischen Tatsachen, die Schiller im Gespräch Wallensteins mit dem Hofkriegsrat Questenberg vornahm:
Questenberg: Der Kaiser hat auch schon dem Oberst Suys Befehl geschickt, nach Bayern vorzurücken.
Wallenstein: Was tat der Suys?
Questenberg: Was er schuldig war.
Wallenstein: Er rückte vor! Und ich, sein Chef, gab ihm Befehl, ausdrücklichen, nicht von dem Platz zu weichen!

Schiller spielt in diesem Falle mit dem Begriff des Rebellen und konstruiert über einen falschen historischen Sachverhalt ein peripetisches Moment, denn eben Suysens Insubordination wird von Wallenstein zum Anlaß genommen, sein rebellisches Handeln zu motivieren: Wenn der Kaiser mir in den Rücken fällt und sich nicht an Absprachen hält, muß ich das auch nicht, mag er sich gesagt haben.
Mann berichtet, was in Wirklichkeit geschah: Der Kaiser gab dem in Oberösterreich kommandierenden Baron de Suys Auftrag, gegen den Inn, ins Bayerische, vorzurücken… Endgültig war sein [Wallensteins] Gegenbefehl…: Suys habe im Land ob der Enns zu bleiben, seine Regimenter durch neue Anwerbungen zu stärken und sich durch niemanden, er sei, wer er sei, von dieser seiner wohlgegründeten Willensmeinung abbringen zu lassen. Der Oberst kam in die peinlichste SITUATION, zumal Kaiser Ferdinand in einem abermaligen Brief und handschriftlichem PS ihn genau das Gleiche in entgegengesetztem Sinn wissen ließ: dieweil diese Ordonanz zu meiner und meiner Länder Sicherheit dient… Schwierige Alternativen! Suys wählte den Oberbefehlshaber im Felde und blieb, wo er war; so daß die kaiserliche Autorität, sich aufspielend wie nie zuvor, wie nie zuvor gekränkt wurde.
Im vorliegenden Falle erreicht Schiller gewisse dramatische Effekte wie eine Polarisierung der Parteien; vorliegende SZENE kann als eine entscheidende, als PUNCTUM SALIENS, bezeichnet werden. Einiges später fährt Schiller fort, ein im Gespräch mit Questenberg nicht geäußertes Motiv anzusprechen, natürlich durch sein Sprachrohr Max mit der persönlich-unpersönlichen Gegenpartei, vorge­stellt durch Octavio:
Max: Zu welchem Rasenden macht man den Herzog! Er könnte daran denken, dreißigtausend geprüfter Truppen, ehrlicher Soldaten, worunter mehr denn tausend Edelleute, von EID und Pflicht und EHRE wegzulocken, zu einer Schurkentat sie zu vereinen?
Octavio: So was nichtswürdig Schändliches begehrt er keineswegs - Was er von uns will, führt einen weit unschuldigeren Namen. Nichts will er, als dem Reich den Frieden schenken; und weil der Kaiser diesen Frieden haßt so will er ihn - er will ihn dazu zwingen!

Es ist eine alte Weisheit, daß zum Frieden nicht gezwungen werden kann; eine Partei würde ihn nicht halten können. Das rezeptive Problem für Schiller bestand darin, den Zuschauer in die Problemlösung mit einzubeziehen: Ist Wallenstein nun ein Rebell oder nicht; Und: Daß Schiller seine Kunstfigur Max zum RICHTER erpicht, soll wohl auch heißen, daß der Rezipient direkt und nicht distanziert in das Geschehen eingreift, als Richter! So liest sich als Ergebnis des Gespräches zwischen Vater und Sohn:
Octavio: Wie strafbar auch des Fürsten Zwecke waren, die Schritte, die er öffentlich getan, verstatteten noch eine milde Deutung. Nicht eher denk ich dieses Blatt [die Ernennungsurkunde zum Oberbefehlshaber durch den Kaiser] zu brauchen, bis eine Tat getan, die unwidersprechlich den HOCHVERRAT bezeugt und ihn verdammt.
Max: Und wer soll Richter drüber sein?
Octavio: Du selbst.

Im berühmten Wallenstein-MONOLOG formuliert Schiller Wallensteins SCHWANKEN: Wallenstein steht zwischen den Fronten, denn eigentlich gefällt er sich nur in der ROLLE des Rebellen und würde diese zum MITTEL machen, aber jener eben nie sein. Doch seine EITELKEIT, gepaart mit einer der Realität nahen Möglichkeit zum in ihn von anderen Intendierten müssen ihn schon zum selbstversuchten Verräter stempeln:
Wallenstein: …Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld - wie ichs versuchen mag! - nicht von mir WÄLZEN; denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens, und - selbst der frommen QUELLE reine Tat wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften. War ich, wofür ich gelte, der Verräter, ich hätte mir den guten SCHEIN gespart, die Hülle hätte ich dicht um mich gezogen, dem Unmut Stimme nie geliehn. Der Unschuld des verfrühten Willens mir bewußt, gab ich der LAUNE Raum, der LEIDENSCHAFT - kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.

Nach so viel männlicher Präsenz jetzt zu den Frauen. Wie immer ist Schillers Darstellung der Frauengestalten von einer gewissen Süffisanz. Eigentlich haben sie im Drama nichts zu suchen - wenn man es streng als ein historisches betrachtet -, denn in den Geschichtsbüchern findet sich keine Thekla oder einflußreiche Gräfin Terzky. Allein, es ist ein Zeichen Schillerschen Frauenverständnis­ses, wenn er einerseits in der „Glocke“ die FRAU an den Herd verbannt, andererseits jedoch eine Frau folgendes sagen läßt:
Gräfin: …Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren mit Feuer und SCHWERT durch Deutschlands Kreise zogst, die Geißel schwangest über alle Länder, hohnsprachest allen Ordnungen des Reichs, der Stärke fürchterliches Recht nur übtest und jede Landeshoheit niedertratst, um deines Sultans HERRSCHAFT auszubreiten? Da war es Zeit, den stolzen Willen dir zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen! Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte, und schweigend drückt er diesen Freveltaten sein kaiserliches Siegel auf. Was damals GERECHT war, weil dus für ihn tatst, ists heute auf einmal schändlich, weil es gegen ihn gerichtet wird?
Wallenstein aufstehend: Von dieser Seite sah ichs nie - Ja! dem ist wirklich so. Es übte dieser Kaiser durch meinen Arm im Reiche Taten aus, die nach der Ordnung nie geschehen sollten. Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleich drei Boten satteln.

Wallenstein entschließt sich. So ist es eine Frau, die schafft, was den Vertrauten Illo und Terzky nicht gelingt, die letztlich bestimmt, was geschieht. Aber damit nicht genug. Geht. Max nicht wegen seiner unglücklichen LIEBE in den TOD? Thomas Mann schreibt über das Frauenbild Schillers: Die Frauen, auch sie gehören dazu [zur Geschichte], das verhältnislose Verhältnis zu ihnen – Amalia, Thekla, - und zur ätherischen Blässe der Gestalten die pueril prahlende Sinnlichkeit, eine Erotik, die sich so recht mondän und ausgepicht gebärdet und Fiesco sagen läßt: Das Frauenzimmer ist nie so schön als im Schlafgewand - es ist die Tracht seines Gewerbes, - worauf Julia Imperiali erwidert: Das ist leichtfertig. Es ist kolossal leichtfertig! Und schließlich: Wallenstein: Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig zurück nur kommen auf ihr erstes Wort, wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
Ich glaube, hier sprach nicht nur der Ehemann Wallenstein, sondern auch der Jenaer Antiromantiker und EHEmann Schiller. Es sind dies nur Randnotizen, aber vielleicht könnte man in dieser Richtung noch weiter forschen.

Sehr wichtig ist Schiller der Begriff der NEMESIS (der vergeltenden RACHE). In seiner geschichtlichen Betrachtung greift er diesen Begriff auf: Der kaiserliche Urteilsspruch [in bezug auf seine Absetzung], der ihn für vogelfrei erklärte, hatte seine WIRKUNG nicht verfehlt, und die rächende Nemesis wollte, daß der Undankbare unter den Streichen des Undanks erliegen sollte.
PROLEPSIS? Kann Wallenstein der kaiserlichen Acht vorgreifen, indem er selbst vergilt, was er nicht vergelten darf, seinem Kaiser die Achtung? Hat Wallenstein Handlungsfreiheit, kann seine ZUKUNFT gestalten, wie er es möchte? Schiller kehrt den Sachverhalt um.
Wallenstein: Des Menschen Taten und GEDANKEn - wißt! -sind nicht wie Meeres blindbewegte Wellen. Die innre WELT, sein Mikrokosmos, ist der tiefe Schacht, aus dem sie ewig guellen. Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht, sie kann der ZUFALL gaukelnd nicht verwandeln. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, so weiß ich auch sein Wollen und Handeln.
Der Ort der Vergeltung wird von außen nach innen verlegt. Das Innere ist der eigentliche Ort der Handlung, denn dort ist Freiheit. Schiller wendet KANTs Freiheitsakklamationen hier auf Wallenstein an. Der äußere Nemesisbegriff im Geschichtswerk entspricht dem Schiller vor seinen Kantstudien, der anthropologische (Begriffsfassung 18.Jahrhundert) dem Kantianer Schiller.

Gedanken über die Mordtat Butlers und dessen Rechtfertigung sollen die Beschäftigung mit dem Schillerschen Text beschließen. Butler versucht sich zu rechtfertigen: Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun, UMSONST! Er ist das Spielwerk nur der blinden Gewalt, die aus der eignen WAHL [Grundsatzentscheidung und somit frei] ihm schnell die furchtbare Notwendigkeit erschafft. In dieser negativen1 Kantschen Grundsatzentscheidung ist kein Raum für SITTLICHKEIT. Butler sieht sich alleinig der Naturkausalität unterworfen, die Möglichkeit der Freiheit, mithin aus der Reihe der Bedingtheiten auszutreten, ist ihm undenkbar und dementsprechend unrealistisch. So sieht er nur, was notwendig geschehen muß. Daß Schiller Butler Kants Antinomie der reinen VERNUNFT dritter Teil so einseitig auslegen läßt, soll Butlers Grundsatzentscheidung nicht als falsch bewerten. Der Mensch hätte keine Freiheit, wenn man Butler nicht das Recht zuspräche, so zu handeln, wie er es tat.(Es geht hier im Moment lediglich um ein Denkmodell, nicht um eine praktische Relevanz.)

Der Titelheld ist nicht der einfache entweder-oder Typ wie z.B. besagter Butler; er ist kein Hasardeur oder Möchtegern-Revoluzzer, zumindest nichts davon allein. Die Komplexität der Bestrebungen Wallensteins zwangen Schiller, ihn von vielen Positionen aus zu sehen und das zu finden, was ARISTOTELES gemeinhin als Mesotes, zu gut deutsch die goldene Mitte, bezeichnet hat.
Das Wallenstein-Drama handelt von der verzweifelten Kühn­heit des provozierten einzelnen, zugleich von der objekti­ven Determiniertheit dieses einzelnen und der Schwierig­keit, solche Determiniertheit zu überwinden. schreibt einer der führenden DDR-Germanisten, Eike Middell.
Kommentar: Eben nicht. Wallenstein fühlte sich in seinem Handeln nicht durch PROVOKATION bestätigt, im GEGENTEIL, die Gräfin setzte ihn in Handlung. Seine KÜHNHEIT wirkt so aufgesetzt. Die Determiniertheit des einzelnen sieht Wallenstein mit Schiller nicht in einem Objektiviertem, sondern in des Menschen Kern. Verzweifelt ist Wallenstein nie, da sein Glaube nicht zu erschüttern ist, kühn ist er nicht, weil initiierte Kühnheit diesen Begriff nicht verträgt und schwierig war für Schiller nicht das Aufzeigen einer Loslösung von Determiniertheit (das zeigte schon Jahre zuvor Kant), sondern die Charakterstudie dieses Mannes. Wallensteins Freiheitsdefinition gleicht Kants VORSTELLUNG von dem einzigen Ort, an dem METAPHYSIK möglich sein könnte:
Wallenstein: In meiner Brust war meine Tat noch mein: Einmal entlassen aus dem sichern Winkel des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, hinausgegeben in des Lebens Fremde, gehört sie jenen tückschen Mächten an, die keines Menschen Kunst vertraulich macht.
Damit ist die Prämisse Middells falsch; was Schillers Wort­werk angeht: Vielleicht hat der Dichter gedichtet und nicht bemerkt, welche Interpretationsmöglichkeiten er schafft; wir sollten uns jedenfalls an das Wortwerk halten und es klügeren Köpfen überlassen, in das Wort das Nichtwort zu integrieren.

Eine weitere meinungsbildende Ansicht vertritt H.Sapparth. Er beschäftigte sich mit den astrologischen Aspekten: Mit Hilfe des astrologischen Motivs gelang es Schiller, die TRAGIK Wallensteins bestimmbar zu machen und der philoso­phischen Spielebene im Stück insgesamt einen gegenständ­lichen AUSDRUCK zu geben. Die Sterne symbolisieren einerseits das Schuldigwerden des Individuums durch ge­schichtliches Handeln und andererseits seine historisch-gesellschaftliche Determiniertheit… Die Schuldigkeit Wallensteins gegenüber den Wunschvorstellungen Maxens und Theklas entspringt weniger der subjektiven Unzulänglichkeit als vielmehr dem Handeln in der gesellschaftlich-geschichtlichen Konstellation.
Ich halte es für fragwürdig, von einem astrologischen Motiv zu sprechen. Motiv wozu? Die PHILOSOPHIE und die ASTROLOGIE haben nicht sonderlich vieles gemein. Wenn GOETHE der Astrologie den Rahmen gibt, indem er sie als aus einem dunklen GEFÜHL des ungeheuren Weltganzen beschaut, so ist das immer noch keine gegenständliche Philosophie, denn Philosophie ist gerade das Gegenständlichmachen des Weltganzen, ohne auf ein dunkles Gefühl bauen zu müssen. Vielleicht steht dieses ganz am Anfang für erkenntnistheoretische Interessen, darauf bauen tut indes nur der NARR. Man wird annehmen dürfen, daß Schiller als Kantianer dessen „Prolegomena zu einer jeden Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“ (Riga 1783) gelesen hat und jeden ZUSAMMENHANG zwischen der Liebe zum WISSEN und dem Glauben - und sei es ABERGLAUBE - oder das dunkle Gefühl des Weltganzen nicht hergestellt wissen möchte. Wenn Schiller Wallenstein an diese Fratzen glauben läßt, so wohl im Sinne eines tragitechnischen Elements, das den Untergang makaber, geradezu tragikomisch illustriert. Es sei hier an manche Einfälle Schillers erinnert: So wollte er in Goethes „Egmont“-Inszenierung zu Weimar großen Effekt mit dem maskierten Alba in dessen Todeszeile machen. Schiller schreibt über das Astrologische nicht von einem Motiv, sondern von einer Fratze, die ich gebraucht, was wohl nicht mehr nach dem Wozu? fragen läßt.
Aber gehen wir hier noch ein wenig genauer auf die Motive einzelner Figuren ein! Was treibt wen an?
Wallenstein: fühlt sich vom Kaiser verraten und glaubt, einen legitimen Anspruch auf Belohnung für seine Leistungen zu besitzen, den er sich gegebenenfalls mit Gewalt einfordern möchte; will den Krieg beenden und seinen Lebensabend genießen
Max: sieht in Wallenstein v.a. den Friedensfürsten, der geradlinig auf sein ZIEL zugeht; möchte nach der Erfahrung des Friedens und der Liebe mit Thekla diesen Frieden leben, der ein innrer und äußrer sein soll
Octavio: klebt am Buchstaben und an der Ordnung, die er erhalten möchte; befürchtet (noch mehr) Chaos und Zerstörung, wenn die tradierte Ordnungsmacht durch Emporkömmlinge ausgehebelt wird
Butler: will sich rächen, weil er sich betrogen glaubt; nur auf sich fixiert
Gräfin: treibt Wallenstein an, ehrgeizig und INTRIGANT
Thekla: das beruhigende MOMENT im Waffengeklirr; eine Fata des GLÜCKs; unhinterfragbar
Questenberg: urteilt aufgrund erster Eindrücke, die er nicht hinterfragt im Sinne der Hofkamarilla; hat einen Auftrag zu erfüllen; Figur mit der größten Handlungsbreite, die er aber nicht nutzt, sondern verengt auf die Hof- und Staatsaktion

Rankes schreibt über das Astrologische: …die astrologischen Berechnungen der Geschicke für sich selbst und seine Freunde - er liebte es auch deren Nativität kennen zu LERNEN - hinderten ihn nicht, Umstände und Dinge, wie sie vorlagen zu erkennen; das Phantastische war in ihm mit praktischer Geschicklichkeit gepaart.
Diese NÜTZLICHKEIT war es, um die es Wallenstein ging. Schiller hat das erkannt und Astrologie gleich Wallenstein als empirischer PSYCHOLOGE betrachtet. Das Phantastische gepaart mit dem praktischen Nutzen.

Das Ende: Wallenstein wird ermordet. Das BLUT klebt an den Händen des rechtmäßigen Nachfolgers, der sich anheischt, seinen FRIEDEN mit den Überlebenden zu machen. Doch die weisen den neuen Emporkömmling zurück. Und so bleibt der ZUSCHAUER oben. Irgendwie nahm man dann Wallenstein seine Empörung als gerechtfertigt doch ab, wenn die tradierte WELTORDNUNG nichts anderes weiß als unlautere Mittel einzusetzen. Dann kann diese Ordnung nicht die bestmögliche sein!

Das Schicksal von Wallensteins Mördern

  • Piccolomini: erhielt Besitz von Terzky (Trzka), die Herrschaft Nachod, zudem wurde er Reichsfürst (stirbt 1654)
  • Gallas: nahm das Haus Kinskys in Prag und wurde Herr von Friedland und Reichenberg (stirbt am Wechselfieber)
  • Aldringen: erhielt Teplitz (stirbt 1634)
  • Gordon: erhielt die böhmischen Güter Skrivon und Smidar, dazu ein Dankschreiben des Kaisers, daß der Mord mit sonderbarer Dexterität durch göttlichen Beistand vollbringen geholfen (stirbt 1635)
  • Butler: wurde Herr von Hirschberg (d.s. 21 Güter) und erhielt eine Kette des Kaisers, dazu einen Kammerherrenschlüssel (stirbt 1635)
  • Deveroux: 2000 Reichsthaler (ca. 140000 €); starb fünf Jahre später (Pest)
  • 12 Soldaten Butlers: je 500 Reichsthaler (ca. 35000 €)
  • zwei weitere Offiziere je 1000 Reichsthaler (ca. 70000 €)
  • der Kaiser stirbt vier Jahre nach Wallenstein

wallenstein.txt · Zuletzt geändert: 2019/09/27 18:52 von Robert-Christian Knorr