====== HERAKLIT ====== 540-480 v. Chr.\\ griechischer Philosoph\\ - legte seine philosophischen Arbeiten im [[Tempel]] der [[Artemis]] nieder (Bremmer)\\ - wandte sich voller [[Ekel]] von der sozialen und politischen Praxis der herrschenden Königreiche und Stadtbürgerschaften ab und zog sich in seine Eremitage zurück, um dort mit Hilfe der //theoria//, des Blicks auf das Wesentliche, das wahre Sein freizulegen (Pankraz)\\ - lebte im Zwist mit seinen Mitbürgern in Ephesos\\ - legte seinen [[Text]] über die Natur vor dem Tempel in Ephesos nieder und im Altertum der σκοτεινός, der Dunkle, genannt\\ - gewann durch den in ihm glücklichen [[Dämon]] ([[Wilamowitz]]) ===== Lehre ===== __Prämisse__: alles ist eins, diese Einheit ist eine Einheit von [[gegensatz|Gegensätzen]], die jeweils expliziert resp. auf Gegensätze reduziert werden können, woraus der Kerngedanke, zugleich der Durchbruch im philosophischen [[Denken]] der Griechen, folgt: //Weise sei! Nicht ihn [Gott], sondern den [[Logos]] [das zum Wort gewordene Denken] zu hören und zu bekennen, daß eins [Gott] alles wisse!// - ein [[Philosoph]], der zum ersten Mal den [[Begriff]] des [[Ich]] als Rechtsanspruch anmeldet → seine [[Philosophie]] spricht uns an in ihrer Steigerung des philosophischen Denkens, das auf Meditation, Selbstbesinnung und allgemeine [[Weltanschauung]] rekurriert: Die [[Weltordnung]] hat kein [[Gott]] und kein [[Mensch]] geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein [[ewig]] lebendiges [[Feuer]]; sein Erglimmen und sein Verlöschen sind ihre [[Masse]]. Gott ist Tag, [[Nacht]], Winter, Sommer, [[Krieg]], [[Frieden]], Überfluß und Hunger. Er wandelte sich aber wie das Feuer, das, wenn es mit Räucherwerk vermengt wird, nach eines jeglichen Wohlgefallen so oder so beannt wird. Es ist aber immer ein und dasselbe, was in uns wohnt: Lebendes und Totes und das Wache und das [[Schlafende]] und Jung und Alt. Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt, dieses. πάντα ῥεῖ\\ - bezeichnete die Eigenart oder den [[Charakter]] des Einzelnen als dessen [[Schicksal]], nicht den blinden [[Glauben]] an die Überirdischen\\ - [[Sein]] und [[Nichtsein]] als Einheit waren ihm Schicksal\\ - verwirft ebensowenig wie [[Xenophon]] die [[Religion]] als solche, nur an ihrer [[Form]] nimmt er Anstoß\\ - Schüler [[Anaximander|Anaximanders]], d.h., er begreift die Gegensätze als Darstellungsformen des Lebens, um den [[Grund]] des Lebens zu finden → deshalb ein entschiedener Gegner Xenophons\\ - im weiteren positioniert sich Heraklit gegen die [[Eleaten]], weil diese den Glauben an die Wahrhaftigkeit endlicher Verhältnisse vernichteten → Heraklit faßt das [[Wirkliche]] als [[Prozeß]] mit absolutem Kern, d.h. ein kreisen um den [[Kreis]], somit ein Wahrhaftiges\\ - [[Wesen]] der Welt → [[Bewegung]], d.h., die Entfaltung und die Wiedervereinigung bewirken ständige [[Veränderung]], den Strom des Werdens\\ - faßt das Absolute als Prozeß, als [[Dialektik]] selbst\\ - die Menschenwürde weicht nicht der Götterhöhe → es ist [[Homer]] zu verübeln, daß er den Unterschied zwischen Göttern und Menschen schwinden sehen wollte; - im Werden ist das Wesen des Seins \\ - [[Psyche]] ist ein Feuer, die [[Seele]] des Werdens, der Logos\\ - Wertabstufung der [[Element#Elemente]]: Feuer – [[Erde]] – [[Wasser]] ([[Rohde]]) ==== Heraklit unterscheidet in ==== * äußerliche Dialektik: räsonniert hin und her, nicht die Seele des Dinges auflösend * immanente Dialektik: fallend in die Betrachtung des Subjekts __[[Objekt]]__: die Dialektik selbst als [[Prinzip]] auffassend\\ - Daraus folgt ihm: Alles ist Eins! Sein und Nichtsein ist [[Eins]], das Wesen ist die Veränderung. Das Absolute ist die [[Einheit]] von Sein und Nichtsein. ===== Dialektik ===== - Kampf der Gegensätze: Man muß wissen, daß der Kampf das Gemeinsame ist und das [[Recht]] der [[Streit]], und das alles Geschehen vermittels des Streites und der Notwendigkeit erfolgt. Kampf ist der Vater von allem; die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu [[Sklave]]n, die anderen zu Freien.\\ Einheit der Gegensätze: So führt die Natur das Männliche mit dem Weiblichen zusammen und knüpft so den allerersten Bund durch die entgegengesetzten Naturen.\\ __Ineinanderübergehen der Gegensätze__: //Das Kalte wird warm, Warmes kalt, Feuchtes trocken, Trockenes feucht. Es lebt das Feuer der Erde Tod und die Luft lebt des Feuers Tod, das Wasser lebt der Luft tod, die Erde den des Wassers.// ===== Ethik ===== - erachtet das Gemeinsame für wichtig, das Private muß sich dem unterordnen ===== Gottesbegriff ===== - es stellen sich die Fragen, wie der Logos in das [[Bewußtsein]] gekommen ist und wie er sich zur individuellen [[Seele]] verhält\\ - [[Pythagoras]] gab den Dingen die [[Zahl]], um sie zu bestimmen und sicherlich auch festzuhalten, Heraklit deutete seine Festen nur an: //Das Wesen liebt es, sich zu verbergen.//\\ - Heraklit weiß, daß die [[Wahrheit]] in der Tiefe liegt; weder die sinnliche [[Wahrnehmung]], wenn sie gleich unentbehrlich ist, noch Fülle des [[Wissen]]s reicht aus, um sie zu ergründen: Der Seele Grenzen kannst du nicht abschreiten, nicht ausfindig machen, auch wenn du jeden Weg begehst: zu tief ist der [[Sinn]], der sie erklärt, logos. Es ist der Tod für die Seele, Wasser zu werden.\\ - Glaube und [[Hoffnung]] verleihen die starken Schwingen, die ins [[Reich]] der [[Erkenntnis]] erheben. \\ - Der [[Zweifel]] der Wahrheit der Wahrnehmung führt zu der bedeutsamen Unterscheidung von Sein und [[Schein]], von Wahrheit und Wahrnehmung → Heraklit bricht den [[Bann]] seiner Vorgänger, bei denen Wahrnehmung und Wahrheit noch eins war und stellt das Denken der vernünftigen Seele über das Wahrnehmen, das Prüfen des Sich-Verhaltens über die [[Meinung]]\\ - Der Verstand ist die Auslegung der Anordnung des Alls: sich dem Ersten und Nächstbesten in jeglicher Hinsicht hinzugeben, stieß bei Heraklit auf barsche Ablehnung. In diesem Sinne muß auch seine antidemokratische Grundhaltung verstanden werden, //die da liegen satt wie Vieh... // \\ ===== Identität der Gegensätze ===== //Sie begreifen nicht, daß es //[das All-Eine]//, auseinanderstrebend, mit sich selber übereinstimmt: widerstrebende Harmonie wie bei Bogen und Leier//.\\ - leugnet keineswegs die konkrete [[Bedeutung]] der abstrakten [[Identität]]: wenn Tag ist, dann ist keine Nacht \\ - die Einheit der paarig vorzustellenden Gegensätze ist nicht statisch, sondern in ununterbrochener Aktivität befindlich\\ - geht über die abstrakte Identität hinaus: die Gegensätze schließen einander nicht nur aus, sie bedingen einander → weil sie dies tun, gehen sie ineinander über und das ist das Wesen des Prozesses\\ - Gegensätze sind Bedingungen und Elemente des Prozesses → als solche sind sie identisch\\ - Der durch den Kampf der Gegensätze vorangetriebene Weltprozess, das Werden, in dem alles aus einem und eines aus allem wird, ist das einzig Absolute.\\ - Die Meinung selbst war ihm nicht mehr, als daß [[Spiel]] von Kindern. ===== Ideen des staunenden Geists ===== * die Einheit der Welt; * das ewige Werden; * die unverbrüchliche Gesetzmäßigkeit alles Geschehens → Es sind dies jene großartigen Gedanken, die der Weltanschauung Heraklits ihre Konsequenz und Geschlossenheit geben. Die Frage allerdings, wie denn der Logos erkennbar sei, bleibt noch offen. \\ - Heraklit deutet die Beantwortung an:// Alle Menschen haben die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und [[vernünftig]] zu denken.// ===== Naturphilosophie ===== - Heraklit ist der letzte der ionischen Naturphilosophen, allerdings verwirft er die Annahme des Thales, daß ein Urstoff entstanden sei, denn Heraklit nimmt keine Entstehungsgeschichte an, sondern ein ewiges Werden und Vergehen: Vernünftige Einsichten zu haben, ist die größte [[Tugend]] und [[Weisheit]] ist es, Wahres zu reden und gemäß der Natur zu handeln, indem man auf sie hört.\\ - //Die gegebene schöne Ordnung (Kosmos) aller Dinge, dieselbe in allem, ist weder von einem der Götter noch von einem Menschen geschaffen worden, sondern sie war immer, ist und wird sein: Feuer, ewig lebendig, nach Maßen entflammend und nach denselben Maßen erlöschend.//\\ - Im [[Gegensatz]] zu den ersten Naturphilosophen, die nach einem bleibenden Urstoff suchten, erkannte Heraklit nur den [[Wechsel]] um das absolute [[Eine]] an. Das Feuer war für ihn kein Urstoff, sondern die Inkarnation der [[Verwandlung]] selbst, der Logos: [[Ordnung]], [[Zweckmäßigkeit]] und [[Notwendigkeit]]. Diese Eigenschaften lassen auf [[Vernunft]] schließen, also erklärte Heraklit sie zum Ur-[[Stoff]]. Deshalb nennt man Heraklits Weltanschauung auch pantheistisch; sie schaut in allem das eine, das Vernunft und Feuer zugleich ist; Heraklit erkennt das [[allgemein#Allgemeine]] des Wesens nur auf naturphilosophische Weise an, als allgemeinen Naturprozeß: Alle materiellen Dinge sind im Fluß, sie sind allesamt Prozesse. Auch das Universum als Ganzes ist ein Prozeß.\\ - durch seine Bewegung aus sich läßt der Logos die mannigfaltige [[Wirklichkeit]] werden und zwar auf dem absteigenden Wege, indem in fortschreitender [[Verdichtung]] aus Feuer zunächst Wasser und weiter Erde wird → da aber die Ur-Sache ewig lebendig, will sagen, in steter Bewegung ist, gilt dies auch für einen Weg nach oben \\ - beide Wege bilden einen [[Kreislauf]] aus, der keinen Ausweg kennt und in diesem ewigen Kreislauf lebt sich das Feuer als Ur-Sache der Welt aus\\ - die Schwankungen während des ewigen Kreislaufs bilden den großen Sommer und den großen Winter, Klimaveränderungen, allerdings setzt Heraklit den Zyklus eines großen Jahres mit 10800 Jahren fest ==== Vernunftkritik ==== - Heraklit entwickelt das Wort Enantiodromie (ἐναντιοδρομία) zur Bezeichnung einer Gefahr, die besteht, wenn [[Vernunft]] zum herrschenden [[Prinzip]] erklärt wird\\ - Vernunft schlägt in ihr Gegenteil um, wenn sie sich vermißt, sich selber zu ihrem politischen Eigentum zu erklären, kurzum, wenn die Herrschenden sich im Besitz der allumfassenden Vernunft wähnen, ihr [[Handeln]] als //alternativlos// bezeichnen ===== Rezeption ===== {{ :griechen_spielen_dame.jpg?400|}}- kam es zu einer vollkommenen Relativierung der Begriffe, Kratylos, welches eigentlich erst durch die deutsche [[Klassik]] maßvoll fortgesetzt wurde\\ - Heraklit bleibt in seiner Grundaussage einzigartig für den Fortgang der [[Geschichte]] vieler Jahrhunderte\\ - [[Lehre]] ist auf Selbstbesinnung, Meditation und allgemeine Weltanschauung gerichtet: Die [[Vereinigung]] von Vergänglichem und Stetigem ist mir das Ganze. Dies geschieht durch Gott.\\ - eine [[Ethik]] hat Heraklit nicht entwickelt; wenn Gott alles ist und der Mensch nichts, kann es keine imperativistische Ethik geben → Heraklit macht so die [[Physik]] zur [[Theologie]]\\ - seine Beseitigung des Seinsbegriffes leistete der [[Skepsis]] der Sophisten wesentlichen Vorschub\\ - das [[Geheimnis]] allen Erkennens: das Identische berührt sich\\ - Heraklit hat seinen Logos-Begriff weniger aus der Beobachtung der Natur als vielmehr der denkenden Betrachtung des politischen Lebens seiner [[Gesellschaft]] gewonnen und ihn auf die Natur übertragen. → Für diese Annahme spricht der [[Bericht]] des Diogenes L., wonach Heraklit die Gesetzesproblematik dort behandelt, wo er über den [[Staat]] spricht.\\ - Streiten der Gegensätze schafft Dinge ([[Heidegger]])