Navigation Unsere Assoziations-Datenbank; nicht nur zum Lösen von Schreibblockaden Zurück zur Startseite Hier finden Sie den richtigen Ansprechpartner Die Verantwortlichen und AGBs Aktuelle Informationen Unseren aktuellen und geplanten Projekte Nachhilfeunterricht Unsere kreative Textwerkstatt mit Literaturforum Unsere Publikationen Wir stellen uns vor
 

BENN

Gottfried Benn

1886–1956

in Mansfeld (Nordbrandenburg) geboren
1903: Theologie- und Philosophiestudium
1905: Medizinstudium
1911: Unterarzt (Prenzlauer Infanterie)
1912: Pathologe in Berlin
1914-1917: Oberarzt im besetzten Brüssel

- wurde als Mediziner dem Nihilismus in die Arme geworfen
- teilte nicht die metaphysisch gewendete Anthropozentrismuskritik, wie sie Jünger nach dem zweiten Krieg vertrat, sondern strebte aus den Trümmern der Lebenswirklichkeit zu einem neuen Formverständnis: Artistik, die NICHT lebensfremd ist
- der Künstler Benn lebt von seiner Umwelt, vom Zustand seiner ihn umgebenden Wirklichkeit, in der er badet und die er in artistischen Formen wieder erhält (Röcke)

Essay zur Ehrenrettung Gottfried Benns

Was ist ein Intellektualist?
Wenn im Text ein Kapitel ZÜCHTUNG II heißt, dann sucht der Leser die Auseinandersetzung mit ZÜCHTUNG I. Die fehlt.
Warum wird erst im vierten Kapitel Benns Bezug zu Weimar thematisiert? Überhaupt: die Schichtung der Zeit. Im Essay ist es möglich, diskursiv und auch diachron ein Thema zu behandeln, aber in erster Linie muß vor dem Leser ein Ablauf erkennbar sein, nicht eine Schichtung von Abläufen, deren Zusammenhang bestenfalls dialogisch erfaßt werden kann. Doch ein Dialog über die Zeiten?
Wichtigster psychologischer und philosophischer Aspekt der Selbstbestimmung des Wichtigen: Die politische Tätigkeit ist eine Folge des Denkens. Der andere Ansatz: Das Denken ist eine Folge der politischen Tätigkeit - Bedeutung des Mitläufertums.
Dem Text fehlt ein Eingehen auf die Bennsche Essayistik zwischen 1920 und 1931. Einzelne Texte werden zwar genannt, aber hinsichtlich ihres weltanschaulichen Wirkens und in ihrem Reflex in der Bennschen Lyrik, seinem eigentlichen künstlerischen Schaffensschwerpunkt, nicht erfaßt.
Aspekt des Bleibens: Die Feigheit der Emigranten. Man stellt sich selbstvergessen und zieht nicht selbstverliebt den Schwanz ein. Was es bedeutet, sich einer Sache auszusetzen, die man nicht mehr hat. Wer glaubt an was? Wer setzt welche Mittel ein? Welchen Zweck hat das Leben? Wie ernst wird einer genommen, der aus der sicheren Entfernung moralisch parliert? All das sind Ansatzpunkte, die sich um die Existenz des emigrierten Schriftstellers drehen.
In diesem Zusammenhang muß deutlich werden, was die liberalen Intellektuellen, gegen die Benn zeitlebens argumentierte, antreibt. Eine Gleichsetzung links-liberal = marxistisch wird es bei Benn nicht gegeben haben. Ansatzpunkt sollte sein: Der liberale Intellektuelle und der Staat, der die Substanz des Machtgedankens inne hat/ausspricht - die Frage nach der Substanz der Macht, der Substanz der Qualität der Macht. Und hier die Angelfrage Bennschen Denkens: Dient die Macht oder ist sie Selbstzweck? Wenn sie dient, dann muß sie anfangs beiseite räumen. Anderes wäre gegen die Natur ihrer selbst. Aber wie sie es tut… Das sind so Fragen für eine mögliche Auseinandersetzung, die einer haben kann, der mächtig ist - und Benn war 1933/34 mächtig.
Wichtig ist hier eine klare Differenzierung zwischen Nazi und Faschist.
Auseinandersetzung muß den Gegner zu Wort kommen lassen; von Schillings kommt nicht zu Wort!
George war nicht in der Emigration, sondern bei seinem letzten Aufenthalt; der Mann war totkrank.
Benns großartiger ästhetischer Wurf der dorischen Welt verdiente mehr Aufmerksamkeit. Hier der zweite fundamentale Gedanke: Klassik ist Aufstufung und Erhöhung der Erde. Das ideelle Sein manifestiert sich im Material. Daß es nicht die Athener mit ihrer Demokratie waren, sondern die Spartaner mit ihrer Oligarchie, die im Grunde Aristokratie ist, das ist der entscheidende politische Gedanke, für den Benn steht.
Hier muß Benns Verhältnis zum NS erfaßt werden: Die Spontangewalten treffen sich im vereinigenden Entwurf des Künftigen. Benns Bezug zum Volk: Das Volk setzt die Dichtung, nicht die Macht. Aber die Macht, Staat, muß die Dichtung begünstigen, indem er das Volk rein hält. Bildet. Aus dem Sauertopf gewordenes Volk muß ein Volk seiendes Volk werden.
Die Dynamik, daß Volk immer nur WIRD, nie ist, daß Reinheit eines Volkes unsinnig ist, auch nicht über eugenische Prinzipien erreicht werden kann, daß Volk immer Blutaustausch der vielen ist… Aber ist es das alles wirklich?
Wechselbeziehung zwischen Staat und Volk… aber wie?
Nietzsche: Welchen Bezug setzt Benn zu Nietzsche? Warum ist er so wichtig? Welcher Teil Nietzsches ist wichtig? Nietzsches Bedeutung für die Geistarbeiter der 30er Jahre.
Das mit dem Begriff des Intellektualisten hat sich geklärt. Bezugswort wird wohl ein Text Benns aus dem Jahre 1934 sein, eine autobiographische.
Und hier bin ich auch gleich bei einer fundamentalen Kritik: Wenn Namen wie Nietzsche oder Mann in einer größeren Arbeit auftauchen, dann muß - MUSZ - deren Lehre, die wichtigsten Bezugspunkte genannt und kritisiert werden, dann muß der unmittelbare Inhalts-Ausdrucksbezug hergestellt werden.
Nietzsches Prinzip war nicht das Neinsagen. Seine wichtigsten Fragestellungen lassen den Biologisten vermuten, doch er betrachtet die Rassenfrage rein gesellschaftlich; das ist kein Widerspruch, denn es steht für das Sowohlalsauch der Philosophie Nietzsches.
Ist klassische Philologie ohne die Griechen zu verstehen? Und hier liegt für den Philologen, der Nietzsche eigentlich war, das Grundproblem: Er überträgt einen Skeptizismus - der ist nicht gleichzusetzen mit einem strikten Neinsagen! - auf periphere Wissensgebiete. Und der Unterschied liegt in einem Bezugssystem auf ein Drittes: Nietzsche stellt einen Zusammenhang zwischen Philosophie und Lebenspraxis auf: Es gibt schöne und häßliche Bilder, aber keine wahren und falschen. Kultur innerhalb des Pessimismus, Trotz, und Elitarismusimmanenz führten in den ersten Jahren der Selbständigkeit zu Enthusiasmus. Aber die Antike ist nicht zu fordern und aus dieser sich auftuenden Diskrepanz ist Nietzsche nie herausgekommen.
Die Zwei-Reiche-Theorie hat weit zurückreichende Vor-Bilder. Sagen wir Augustin. Und mit dem wächst auch der Bezug zum Bösen, zur Macht, zur Zeit, all diesen Dingen, die Benn bedeutsam waren.
Der psychologische Ansatz, daß eine Koinzidenz früher oder später scheitern muß, bleibt unreflektiert, wird nur festgestellt. Gut ist die Aufnahme des Begriffs der Heuchelei, sie hätte einige vergegenwärtigende Aspekte verdient.
Gibt es zwischen Faschismus und NS eine Verschiedenheit? Ich denke, Benn war nie Faschist, wohl aber Nationalsozialist.
Der Begriff und die soziale Kompetenz des Gutsherrn äußerte sich in dem der Verantwortlichkeit. Alter Adel ist verantwortlich, muß seine Untergebenen beschützen, darin liegt seine Aufgabe, an deren Einhaltung er gemessen wird. Sie schlägt die Brücke zwischen den Klassen, in Friedenszeiten weniger, in Kriegszeiten mehr. Man lese Fontanes VOR DEM STURM, um diesen Aspekt gerade für die ostelbischen Junker zu erfassen. Zu den ostelbischen Einheimischen: Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, daß die Hohenzollern im 15., 16. und 17. Jahrhundert vornehmlich Bauern aus dem Rheinland, Flandern und Schwaben in der Neumark ansiedelten…
Kunst und Staat: das alte Lied… Die Brandenburgischen Konzerte oder Michelangelos Werke wären ohne staatliches Mäzenatentum nie möglich gewesen. Gibt es zwei Kunstszenen? - Hat der Staat Verantwortung? Soll er sich nicht lieber vollends raushalten? - Zwei Seelen streiten sich in meiner Brust…

Was Benn wirklich aufregt, ihm geradezu agens seines Schaffens ist: Die neue Republik - die keiner so richtig wollte -, sie schafft eine Artistik, die für Künstler wie H. Mann wesenseigen ist - und selbst von Thomas Mann mehrfach angegriffen ward -, Benn hat hier ein Grundproblem, denn H. Mann schuf ihn, Rausch und Zucht müssen eine Synthese bilden im neuen Heim. Und diese Affinität zum magister technicus, heinricus, die will er nun überwinden. das schafft ihm Freiraum und Intensität im Forschensdrang. Daraus resultiert auch seine Ambivalenz, der Suchtrieb bleibt.
Das ist die eigentlich spannende Frage, die noch heute steht: Kann dieser Raubkapitalismus der Gegenwart den Menschen überhaupt entwickeln?
Zur Schlußbemerkung: Benn soll INHUMAN sein. Da sag ich Möh! Kaum. Wer gegen den Liberalismus, gegen den Kommunismus und gegen den Kapitalismus ist, der ist kein inhumaner Mensch, nicht notgedrungen.
Humanismus für uns Deutsche bedeutet Orientierung an Goethe, Humboldt, Schiller, Novalis, Eichendorff, Brüder Grimm, Curtius, Gadamer, Thomas Mann, Bachmann, Grillparzer, Zweig, Moses Mendelsohn und Beethoven… u.v.a.
Gegen die hier Versammelten hat Benn nie polemisiert, nie etwas gesagt. Warum wohl? Und warum findet sich bei ihm kein Anti-Semitismus?

Die Schlußfolgerung, Benn sei INHUMAN, halte ich für falsch, ungefähr so falsch wie die: GOETHE war farbenblind.

 
benn.txt (762 views) · Zuletzt geändert: 2016/02/08 09:18 von aerolith
 
Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki



Herzlich willkommen! Salve!

Die Benutzung ist kostenlos. Finanzielle Unterstützung für das wiki philosophica bitte per paypal an robert@vonwolkenstein.de schicken.

Viel Erfolg beim Suchen und viel Spaß!