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ludowinger

LUDOWINGER

- thüringisches Grafengeschlecht seit dem 11.Jahrhundert bis Mitte des 13.Jahrhunderts
- sie gingen nicht auf LEHEN, sondern auf Eigenerwerb → Kauf von Land, Rodung, BURGENBAU
- um 1085 bildete Südwestthüringen den Schwerpunkt ihrer politischen TÄTIGKEIT: Eisenach-Gotha-REINHARDSBRUNN
- um 1110 hatte sich ihre Tätigkeit nach Nordostthüringen verschoben: Naumburg-NEUENBURG
- ab 1150 prägten die Ludowinger eigene Münzen: in Eisenach wurde die erste Münzprägestätte eröffnet, die die ludowingischen Reiterbrakteaten herstellte → beliefert wurde seit 1168 aus Freiberg/SACHSEN, wo der SILBERBERGBAU beheimatet war
- die Ludowinger wurden reich durch eine erfolgreiche POLITIK und die Beteiligung an zahlreichen siegreichen Feldzügen, die ihnen Kontributionen, REGALIEN oder direkte Einkünfte durch Plünderungen oder Strafgelder einbrachten

  • Polenfeldzüge 1157, 1170
  • Italienfeldzüge 1154, 1158, 1161

- nach dem Polenfeldzug 1157 mußte der polnische KÖNIG 1000 Mark (ca. 860000 €) an die Fürsten zahlen

Wappen

mutmaßliches Aussehen des Wappens der Ludowinger seit Ludwig II.- Ludwig II. benutzte fünf Ringe, Ludwig III. den Löwen auf seinen Münzen
- nach der Übernahme der Macht duch die Wettiner tilgten die sämtliche Hoheitszeichen ihrer Vorgänger; übrig blieb der Löwe im Wappen, den später zu BRD-Zeiten Thüringen übernahm
- am nächsten von den noch erhaltenen Wappen kommt dem das Wappen von Büdesheim/Eifel (siehe Abbildung): ein roter Löwe mit Krone sowie fünf Ringe für die einzelnen thüringischen Besitztümer (vier Hauptburgen plus Reinhardsbrunn als Ausgangspunkt und Verbindungslinie zur KIRCHE)

Ludwig mit dem Barte

um 1040
(auch Ludwig cum Bardo oder Ludwig der Bärtige)
- wahrscheinlich einem fränkischen Geschlecht aus Lorch bei Aschaffenburg entstammend; nach der historia brevis Reinhardsbrunns ein Blutsverwandter der Kaiserin Gisela → ingenus am Hofe Konrads II., ABER: Warum findet eine so enge VERWANDTSCHAFT zum Kaiserhaus keine (weitere) urkundliche Erwähnung?
- wird dem Erzbischof Bardo von Mainz empfohlen und erhält ein Lehen in THÜRINGEN um 1040 → die Besitzverhältnisse des Mainzer Erzbischofs in Thüringen sind nicht bekannt, vielleicht also sagte er ihm bloß, daß er sich dieses Land erobern solle oder mit seinem SEGEN erobern dürfe (?)
- baut die Schauenburg bei Reinhardsbrunn, das aber erst 1085 von seinem SOHN errichtet wird
- sicherte durch kluge Heiratspolitik seine Eroberungen, so verheiratete er seine Tochter Hildegard mit Poppo von Henneberg, die ihrerseits mit dem Bischof von Würzburg weiteren Schutz aufbieten konnten

Ludwig der Springer

- besetzte um 1085 das Kloster Reinhardsbrunn mit königsfeindlichen HIRSAUer Mönchen
- behielt sich die VOGTEI vor, also die weltliche Gerichtsbarkeit
- heiratete die Witwe des sächsischen Pfalzgrafen (man munkelt, daß er den mit dessen Frau Adelheid gewaltsam aus dem Wege räumte) und gewinnt so das Gelände innerhalb des Klosters Goseck zum Bau seiner neuen Repräsentanz an der SAALE, der Neuenburg
- ist wahrscheinlich für den Ausbau der WARTBURG verantwortlich, obwohl er dort selten war → ließ dies einen Kölner Baumeister tun, denn die Arbeiten in der Kölner Schwarzrheindorfdoppelkapelle ähneln der in Eisenach sehr

Ludwig I. von Thüringen

- ehelichte die Tochter eines hessischen Grafen aus dem Geschlecht der Gisonen → der Erbfall trat 1122 ein, aber Ludwig konzentriert sich auf Thüringen, wo er größere Chancen auf den Ausbau seiner Herrschaft sieht
- er nutzt dafür insbesondere seine Vogteirechte aus
- seine BURGen vertraut er freien GRAFen an
- ab 1131 darf er sich LANDGRAF nennen
- sein Bruder Udo (Bischof von Naumburg) kümmert sich um eine enge Anbindung Ludwigs an die Staufer und stiftet die EHE zwischen Jutta, Friedrich I. Barbarossas Halbschwester, und dem Sohne Ludwigs I.

Ludwig III. der Fromme von Thüringen

- regierte von 1172
- pflegt die enge Verbindung mit den Staufern und begleitet Barbarossa auf dem dritten KREUZZUG
- auf dem Gelnhausener Reichstag wird ihm dafür die Gerichtsbarkeit in der Pfalzgrafschaft Sachsen zugesprochen → Sommerschenburg
- Krieg gegen Heinrich den Löwen, den HEINRICH gewinnt → Ludwig wird gefangengenommen

Ludwig IV. der Heilige von Thüringen

- übernimmt als 17jähriger 1217 die Herrschaft
- teilt nicht die kulturellen INTERESSEn seines Vaters, aber ist RELIGIÖS, Spiele religiösen CHARAKTERs
- pflegt eine FEHDE mit Mainz → man brennt sich gegenseitig Dörfer nieder
- greift seit 1221 nach Osten aus
- nach dem Tode seines Schwagers Dietrich von Meißen übernimmt er die Vormundschaft über dessen Sohn, seinen Neffen, und wird vom Kaiser mit der MARKGRAFSCHAFT eventualbelehnt – falls sein Mündel stirbt
- 1225 zieht er in einem Kriegszug bis an die Oder und nimmt die polnische Festung Lebus ein
- die Wartburg wird unter ihm erstmals ludowingische Residenz

Die Burgen der Ludowinger

Ziel der vorliegenden ARBEIT soll es sein, anhand der vorliegenden Quellen, thüringische Landgrafenburgen der Ludowinger zu vergleichen. Der Vergleich beschränkt sich auf repräsentative, militärische, wirtschaftliche und der damit eng zusammenhängenden gründungspolitischen BEDEUTUNG der vier bedeutendsten Burgen im damali­gen Thüringen. Aus dem Vergleich soll dann der SCHLUß gezogen werden, nach welcher METHODE die Ludowinger ihre Burgen konzipierten und in welchem Maße sie durch die Burgen Territorienbildung betrieben.

Man ist sich darüber einig, was die Bedeutung des Burgenbaus betrifft. Sie dienten zuerst der Sicherung des Erworbenen und später, falls es noch dazu kam, wurden die als Wehranlagen konzi­pierten Gebäude zu Repräsentativobjekten ausgebaut. Dieser PROZEß zog sich manchmal über Jahrhunderte hinweg, so z.B. können wir an der Neuenburg bei Naumburg allein drei verschiedene romanische Bauperioden feststellen.
In der ersten Bauperiode fast jeder Burg wird der WILLE des Burggründers sichtbar, eine machtpolitische Präsenz zu errichten, einen Standort, von dem aus die Umgebung beherrscht werden konnte. Deshalb vor allem ist eine Burg schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild als militärisches Gebilde zu betrachten, allerdings soweit [sich] ein Einblick in den Entstehungsvorgsng dieser Institutionen [gestattet], stand der GEDANKE der herr­schaftlichen Mitwirkung der Einwohnerschaft nirgendwo im Vordergrund, dafür aber um so mehr der Vorzug eines inselartigen Friedensbezirkes mit erhöhter SICHERHEIT und wirtschaftlicher Besserstellung.

Die Ludowinger sind kein thüringischer Uradel, sondern aus dem Fränkischen zu­gewandert: Ludwig mit dem Barte war dem Mainzer Erzbischof verpflichtet, denn zur Zeit Konrads II. - regierte von 1024 bis 1039 - war er ein Blutsverwandter von dessen Gemahlin Gisela. Auf deren Verwendung hin nahm er an den königlichen Beratungen teil, bis er schließlich vom KAISER dem Mainzer Erzbischof, damals Bardo, empfohlen wurde, der ihm eine GRAFSCHAFT in Thüringen und viele andere Lehen gab. So kamen Ludwig mit dem Barte in der Amtszeit Bardos, 1031 bis 1051, nach Thüringen und versuchte mit zwölf getreuen RITTERn in der Gegend von Altenburg Fuß zu fassen, was einfach und schwierig zugleich gewesen sein dürfte, denn

Ludewicus Barbatus suscepit principatum dict[a]e Thuringi[a]e, que tunc per plures divisa et districta iam ducatus esse non valuit. (Ludwig der Bärtige empfing eine HERRSCHAFT, die man Thüringen nannte, die damals schon kein HERZOGTUM sein konnte, weil sie in viele Teile geteilt und zerrissen war. )

Einerseits stehen einem hungrigen Eroberer alle Wege offen, andererseits kann er nicht mit einer stabilen politischen Lage rechnen, die eine sukzessive Eroberungspolitik rechtfertigte. Die Art und Weise der Besitznahme von LAND durch Ludwig verschweigen die Quellen. Wir wissen, daß er durch den Fuldaer Abt das RECHT der Ausübung des WildBANNes in der MARK Lupnitz erhält, aber die SAGE von den zwölf Rittern deutet eher auf Eroberung der Wartberggegend denn auf Belehnung. Schließlich baute Ludwig eine Burg, die Schauenburg, liegt bei Gotha zwischen Wartburg und Neuenburg quasi auf halbem Wege, aber in vorliegender Quelle tritt Ludwig als königlicher Lehnsmann beziehungsweise als Gefolgsmann des KÖNIGs gegenüber, der ihm die Erlaubnis zur Erwerbung des umliegenden Landes erteilt:

Cumque ditari nimis in eadem cepisset regione, permissione imperatoris et principum, quibus id iuris erat concedere, [a]edificavit castellum iuxta Loibam silvam Schowenburc nomine; ad quod negociam rex quam plurimam partem eiusdem silve ei auctoritate sua contulit. (Als er übermäßig reich geworden war, erbaute er mit Erlaubnis des Kaisers und der Fürsten, welche das Recht besaßen, dieses zu gestatten, eine Burg bei dem Walde Leuba namens Schauenburg. Aus diesem Grund übertrug ihm der Kaiser kraft seiner Autorität den größten Teil des Waldes.)

Der von Ludwig betriebene Burgenbau diente der Sicherung des Erworbenen, war in diesem Sinne auch ein weiterreichendes SYMBOL für das Erreichte und wurde als ELEMENT der REPRÄSENTATION ausgebaut. Somit flossen Sinnbilder der Unvergänglichkeit in die Ausgestaltung hinein, als ZEICHEN der Eroberung in weltlichen wie auch geistigen, sprich kulturellen Sinne. Eine vierte FUNKTION dieses Burgenbaus wird die Manifestierung als Rechtsmacht gewesen sein; schließlich versuchte das hauseigene KLOSTER in Reinhardsbrunn später eine umfängliche wahre Begründung der LEGITIMITÄT der Ludowinger zu begründen. Es ist in diesem Sinne wichtig zu vermerken, daß die erbaute Burg im rechtlichen Sinne ALLOD des Erbauers war!
Neben der OKKUPATION von (mutmaßlich) herrenlosem Land blieb dem ersten Ludowinger noch die MÖGLICHKEIT, durch gezielte Heiratspolitik sei­nen Machtbereich zu erweitern. Er ehelichte Cäcilie von Sangerhausen und erwarb dadurch 7000 Hufen fruchtbarsten Landes.
Leider fehlen aus dieser Zeit Quellen, die eine genaue Rekonstruktion des Aufsteigers Ludwig er­möglichten, aber wir können sicher sein, daß sich die einheimischen Grafengeschlechter mit diesem Eindringling nicht ohne weiteres werden angefreundet haben können, so daß die Einheirat als großer Erfolg des aus Franken eingewanderten Grafen bezeichnet werden muß. Es gelang Ludwig ebenfalls, seine Tochter Hildegard mit einem einflußreichen Thüringer Grafengeschlecht, den Hennebergern, zu verbinden. Damit verflicht er sein Geschlecht endgültig mit thüringischem und dürfte Anfang der 1060er Jahre nach neuen Gebieten Ausschau gehalten haben. Vielleicht fanden diese Verflechtungen auch alle zugleich statt; wir haben keinen früheren Beleg als Brunos BERICHT über den Sachsenkrieg Heinrichs IV., der bald nach 1080 geschrieben wurde und sich über stammesgeschichtliche Beziehungen nicht äußert.

- Besagter TEXT ist eine Tendenzschrift, die im Sinne der sächsischen Aufständischen von den Auseinandersetzungen im 11. Jahrhundert zwischen Heinrich IV. und der sächsischen OPPOSITION berichtet, der sich auch auf thüringischem Boden abspielte und in deren Verlauf der Wartberg keine unwesentliche ROLLE spielte.

Wes Geistes KIND die Ludowinger in ihren ersten JAHRen bei der Erwerbung von neuem Land in Thüringen waren, erhellt folgende Quelle:

Tunc etiam fames valida regiones multas afflixit. (Damals quälte die GIER nach mehr Land viele Grenzen.)

Die QUELLE stammt aus dem 15. Jahrhundert und beschreibt Überlieferungen, hält eigentlich keine konkreten historischen Sachverhalte fest. Wichtig an dieser Quelle ist jedoch, daß sie einen ungefähren Eindruck der TECHNIK der Landergreifung vermittelt. Es erscheint dem Schreiber wesentlich, die Rücksichtslosigkeit der damaligen Adligen festzuhalten, mit der sie Besitz von brachliegendem beziehungsweise überhaupt interessantem Land nahmen.
Doch nun zu den einzelnen Burgen der Ludowinger, wie sie heute erscheinen. Sie haben eine GESCHICHTE, dieser wollen wir ZUHÖREN:

1. Die Wartburg

Thesen:

  1. Die Besitznahme des Wartberges durch Ludwig den Bärtigen muß in einem Zeitraum zwischen 1060 und 1065 geschehen sein.
  2. Der Bau der WARTBURG auf dem Wartberg wurde ungefähr 1073 begonnen.

Die ANNEXION des Wartberges, der in fuldaischen Besitz gewesen sein dürfte, muß in einer ZEIT liegen, da Siegfried 1060 schon Bischof von Mainz gewesen und Heinrich IV. noch minderjähriger König war. Ludwig konnte in dieser Zeit mit der Hilfe des Mainzer Erzbischofs bei der Verwirklichung seiner territorialpolitischen Stellung rechnen. Assing spricht von Rückendeckung durch Mainz. Der PAPST und das KÖNIGTUM fochten derzeit den INVESTITURSTREIT aus. Siegfried, Bischof von Mainz, lag daran, das Königtum zu schwächen, zumindest in innenpolitische Querelen zu verwickeln. Der Mainzer Erzbischof lavierte zwischen Königtum und PAPSTTUM und betrieb eine wechselbereite Politik, die wir in späteren Zeiten von den Ludowingern fortgesetzt SEHEN werden. Sein Ziel war die Stärkung des eigenen Bistums.
Aus der Rekonstruktion der politischen Verhältnisse um 1060 wird deutlich, daß dieser historische AUGENBLICK für Ludwig die günstigste gewesen sein dürfte, ein Gebiet zu okkupieren, das ihm die Kontrolle über das westliche Thüringen ermöglichte, mithin die Einfahrtsstraße ins gesamte Thüringen. Die günstigste Stelle, diese Herrschaftsansprüche zu manifestieren, bildet der große Berg an der Fernverbindung Frankfurt-Leipzig beziehungsweise an der Nord-Süd-Heeresstraße nebst dem heutigen Eisenach, der Wartberg.
Der König, bis 1065 minderjährig und somit unmündig, dürfte von ihm als keine Gefahr empfunden worden sein, der Unterstützung des Mainzers konnte er gewiß sein; also wird Ludwig den Berg okkupiert haben, zumal ihm auch von den thüringischen Grafen kaum Widerstand begegnet sein wird, da sie Ludwigs Kräfte im kommenden Machtspiel mit Heinrich benötigten. Falls Ludwig erst 1067, wie die Sage be­hauptet, auf den Wartberg gekommen wäre, hätte er diesen gegen den Widerstand des inzwischen mündigen Königs okkupieren müssen. 1067 also wird Ludwig den Berg schon besessen haben. Weiter sehen wir, daß seine Politik seit ca. 1074, der Gefangennahme der sächsischen Herzogin, zur Sicherung des Erworbenen auf eine Aussöhnung mit dem Königshaus zielte. 1073 aber ist der Wartberg noch ein Sammelplatz der zum Kampfe sich rüstenden Thüringer und Sachsen gewesen, doch die Umstände, Prestigerangeleien unter den anwesenden thüringischen und sächsischen Edlen bei der Gefangennahme der sächsischen Herzogin könnte ein Umdenken zugunsten Heinrichs ausdrücken. Vielleicht beginnt Ludwig mit dem Bau der Wartburg, nachdem ihm von Heinrich IV. ein Signal zukam, daß er ihm den Wartberg ließe, wenn er ihn gegen seine Feinde nutzte?! Das würde den Frontenwechsel Ludwigs und den Baubeginn der Wartburg um 1074 erklären und zudem, warum Heinrich nach der zumindest nicht gewonnenen Schlacht bei FLARCHHEIM 1080 unter dem Wartberge Zuflucht suchte - er wähnte ihn in ludowingischem Besitz, wurde auch von einem Ludwig aus Thüringen geführt! -, doch war der Berg zwischenzeitlich in sächsischem Besitz befindlich - die Quelle schreibt tenere, das wir mit besetzt halten übersetzen wollen -, was zu dem bekannten Überfall auf das Ruhe suchende königliche Heer führte. Spätestens nach diesem Überfall auf das königliche HEER aber hat Ludwig wieder die Seiten gewechselt: Gehen wir also davon aus, daß um 1080 Ludwig wieder auf sächsischer Seite stand.

Die Wartburg soll diejenige sein, die während der größten Prachtentfaltung der Ludowinger Bedeutung trug. Wir fragen danach, welche repräsenta­tiven, wirtschaftlichen und militärischen Aufgaben sie zu den Hochzeiten der Ludowinger trug.

Was berechtigt ein Grafengeschlecht zum Bau einer MACHT und Ansehen repräsentierenden Burg? Wem muß sich ein Grafengeschlecht unterordnen, welche Machtentfaltung darf es entfalten, ohne auf den WIDERSPRUCH beziehungsweise das Einschreiten übergeordneter Potentaten zu stoßen?

Wir müssen davon ausgehen, daß Ludwig die Wartburg 1113 dem Kaiser aushändigen mußte. Seit 1080 – das ist sicher - stand Ludwig auf der königsfeindlichen Seite und setzte diese Politik auch unter Heinrich V. fort. Das ging gut. In Thüringen baute er seine Machtpositionen systematisch aus. Nach der Gründung des Hausklosters REINHARDSBRUNN 1085, das er mit königsfeindlichen HIRSAUer Mönchen besetzte - woran wir spätestens jetzt einen Abfall der Ludowinger von Heinrich IV. erkennen können -, entwickelte sich seine territorialpolitische Interessenssphäre in den thüringischen Nordosten. Aber dazu später.

1112 STERBEN die Grafen von Weimar aus. Das ihnen gehörige Land wollten die Ludowinger, die durch ihre Heiratspolitik Ansprüche zu stellen glaubten; allerdings war auch Heinrich V. an dem Land interessiert, das er als Reichslehen einziehen wollte. Es begann eine Hatz um dieses Gebiet, in deren Verlauf Ludwig – 1113 war’s - in die Hand des Kaisers gerät. Um freizukommen muß er als Pfand die Wartburg aushändigen. Nach etlichen Querelen, die davon zeugen, daß der Kaiser dem Ludowinger nicht traute, kommt Ludwig 1116 frei, die Wartburg aber wird den Ludowingern bis 1184 vor­enthalten - vielleicht ein spätes Indiz dafür, daß sie die Burg annektierten und nie als Allod zugespro­chen bekamen, aber auch, welche Bedeutung diese Burg für den Kaiser besaß. Die Wartburg wird als ReichsLEHEN an einen Wigger verliehen, Ludwig erhält nach der Aussöhnung mit Heinrich V. die Eckartsburg 1122.

Verwirrend an den Geschehnissen um den WECHSEL der Besitzverhältnisse auf der Wartburg ist allerdings, daß der Erzbischof von Mainz, dem sich die Ludowinger immer verpflichtet fühlten und der als natürlicher politischer Gegenspieler des Kaisers KANZLER-DIENST tat, enge Beziehungen zu den Burggrafen auf der Wartburg unterhielt. Es existieren allein für das Jahr 1148 sechs Urkunden mit dem Siegel Heinrichs I., des damaligen Erzbischofs von Mainz, mit dem Ausstellungsort Wartburg! - Vielleicht benutzte der Mainzer die Wartburg, ganz gleich, in wessen Hand sie sich befand, als Ausgangsort seines intriganten Spiels zur Schwächung des Kaisertums?!

Das Besondere der Wartburg liegt in der Bedeutung, die die Ludowinger diesem Bau als Repräsentationsobjekt zollten. 1150 hatte Ludwig eine Halbschwester des Staufers Friedrich I. Barbarossa geheira­tet, die noch später bei der Begründung einer anderen ludowingischen Burg zu erwähnende Jutta. 1152 wird Friedrich deutscher König. Damit waren die Ludowinger mit einem Male mit dem höchsten Potentaten des Reichs verwandtschaftlich verbunden. Dies hob sie weit über alle anderen Thüringer hinaus. Was nun die INSPIRATION zu diesem prächtigen Bau anbelangt, die Ludwig veranlaßte, eine so immense Ausgabe für eine Burg zu tätigen, liegt, wie sich dies später auch als thüringische Tradition erweisen sollte, im Süden, in ITALIEN. Auf den italienischen Kriegszügen mit dem Schwager in den 1150er Jahren wird er prächtige Bauten gesehen haben. Die Kriegsgewinne, die er aus diesen Zügen erzielte, werden nicht unwesentlich zur Finanzierung herer künstlerischer Ziele beigetragen haben. Aber überraschenderweise engagiert er deutsche Künstler vom Niederrhein für die Gestaltung des Marmors. Er läßt feinste Baustoffe verwenden - Kalksinter für Säulen von den Ablagerungen einer römischen Wasserleitung aus der Eifel - und den genannten Marmor. Aus dem einheimischen Steinbruch in Madelungen läßt er die Steine für die Mauern antransportieren.
Dendrochronolgische Untersuchungen haben ergeben, daß mit dem Ausbau der Wartburg zu einem Repräsentativbau 1175 begonnen worden sein muß. Der Ausbau konnte vor sich gehen, da die Wartburg nun in neuen und eindeutigen Besitzverhältnissen den Ludowingern zu Eigen. Er ist nicht nur AUSDRUCK eines gewachsenen Machtbewußtseins der Ludowinger, sondern signali­siert den Herrschaftswechsel auf der Wartburg.
Allerdings stellt sich eine Frage: Wenn die Ludowinger 1175 mit dem systematischen Ausbau der Wartburg zu einem herrschaftlichen Repräsentativbau beginnen konnten, weil sie sich ihrer Macht an der Pforte Thüringens sicher wa­ren, warum dann diese mysteriösen Umstände beim Tode Wiggers 1184, noch dazu im STREIT?
Daraus könnte man schließen, daß Ludwig mit dem Ausbau der Wartburg doch schon begonnen, ehe klare rechtliche Verhältnisse bestanden. Welchen anderen Streitpunkt als den um Besitz könnte der Burggraf der Wartburg gegen die Ludowinger auf einem Fürstentreffen anführen?
Schauen wir in die große Politik, was den Ludowinger zu diesem kühnen Schritt hätte berechtigen können: 1175 zerwarfen sich HERZOG Heinrich der Löwe und Kaiser Friedrich I. Barbarossa, als dieser die Bitte um militärische Unterstützung beim Italienfeldzug ab­lehnt… Die unnachgiebige Haltung des Löwen machte deutlich, daß dieser dem Kaiser nicht wie ein Lehnsfürst dem König als dem obersten Feldherrn, sondern wie ein gleichberechtigter Partner ge­genübertrat, der für eine freiwillige LEISTUNG einen entsprechenden PREIS forderte.
Der Preis sollte die Reichsvogtei Goslar sein, die Friedrich jedoch um seinen Einfluß im Harz ban­gen ließ und die er deshalb dem Löwen verweigerte. Die Kunde dieser VERWEIGERUNG wird späte­stens im Sommer den Landgrafen erreicht haben. Die dendrochronolgischen Untersuchungen haben an den Stützbalken - wurden gesucht geschlagen - das Jahr 1175 für ihre Abholzung ergeben. Was liegt also näher, zwischen den Ereignissen in Italien und dem Ausbau einer Kaiserpfalz am Südrand des Löwenbesitzes, um die es sich als Reichslehen 1175 noch handelt, einen ZUSAMMENHANG zu sehen?
Da die Ludowinger nicht arm waren, könnten sie dem Kaiser den Bau sozusagen vorfinanziert haben und spielten wahrscheinlich mit dem Gedanken, nach dem Aussterben des belehnten edel­freien Geschlechts, die Burgherren sich nennen durften, SELBST auf dem Wartberge zu sitzen. Genau diese Interessenverdoppelung könnte die einerseits für ein Grafengeschlecht zu prächtige Ausgestaltung der Wartburg erklären und andererseits den verfrüh­ten Baubeginn; verfrüht in dem Sinne, als sie erst 1184 ihre Besitzwünsche befriedigt sahen. Nach dem Sturz des Welfen 1180 ging die kühne SPEKULATION auf: Sie erhielten den Wartberg zurück samt der Burg!

Was nun macht die Pracht aus? Es sind dies vor allem die Steinmetzarbeiten im gleichen Stile der Schwarzrheindorfkapelle vom niederrheinischen Bonn. 200 Säulen wurden in der Wartburg in diesem Stile verfertigt; sie zeugen vom sicheren GEFÜHL der Herrschaft. Sie sind ein Exempel für die Unantastbarkeit der Herrschaft wie Königtum und KIRCHE. Die gesamte Wartburg bedeutet einen Schritt über den künstlich-primitiven Wehrbau einer Burg an einsamer Paßstraße hinaus. Der Erbauer eines dreistöckigen Palas ist sich dessen gewiß, daß er Herr des Landes ist.
Es ist gerade an der Anlage des PALAS' ersichtlich, daß die Burg nicht nur nach fortifikatorischen Gesichtspunkten konzipiert wurde. So ist die Außenmauer, ganz als eine solche, mit Fenstern durchbrochen gestaltet, nur 66 cm stark, dagegen die innere zwischen GALERIE und Wohnräumen doppelt so stark. Das ist insofern erstaunlich und bemerkenswert, als daß die romanischen Palasbauten zugleich als Wehrbauten entstanden, deren Eingang durch einen Balkenriegel ver­sperrt wurde und die man durch oberhalb davon liegende Schießscharten verteidigen konnte. Die Wartburg schlägt in diesem Sinne aus der Art der romanischen Palasbauten. Obwohl sie mit militäri­schen Aufgaben hätte betraut werden können, stehen diese nicht im Mittelpunkt der Konzeption, sondern die repräsentativen und wohl auch wohnlichen Aufgaben. Deshalb ist die äußere MAUER nur halb so mächtig wie die innere; sie hätte dem Charakter des Wandelgangs mit einer fortifikations­technisch angebrachten Mauerstärke allzustark den eines Wachgangs gegeben.
Die Ausgestaltung der im Palas befindlichen KEMENATE zeigt FENSTER in 1,73 m Höhe, damit bei einer Belagerung der Wartburg die Pfeile über die Köpfe flogen. Schutz erhielten diese Wohnräume durch eine Verbindungstür zur Wache!
Eine einzigartige Konzeption in der gesamten Romanik: eine Palastfassade mit Bogenhallen in drei Geschossen übereinander. Im weiteren ist eine frühromani­sche ORNAMENTIK an diesem ansonsten spätromanischen Bau festzustellen. Dafür wird wohl Ludwig der Springer verantwortlich zeichnen, obwohl er nicht länger auf der Wartburg verweilt sein wird.
Aus dem Vergleich mit der Anlage der anderen Ludowingerburgen wird deutlich, daß keine eine so prächtige Ausgestaltung des Palasbaues besitzt. Dies läßt sich wiederum mit der gedoppelten Interessenlage zwischen kaiserlichen und landgräflichen erklären.
Und nun noch einige Worte zum wirtschaftlichen Umfeld der Wartburg:
Da sind in erster Linie die Prosperität der WIRTSCHAFT im 12. Jahrhundert zu nennen. Mitte des Jahrhunderts setzte eine neue Rodungswelle ein, die Ludwig veranlaßte, nicht genehmigte Abholzungen zu unterbinden. Aus den deutschen Stammlanden zogen Bauern in die durch die Ostexpansion gewonnenen Territorien und gestalteten diese aus unfruchtbaren Wildnissen in lebenspendende Kulturlandschaften. Spätestens seit dem WENDENKREUZZUG 1147 ist diese Entwicklung festzustellen. Auf diesem Zug lag Thüringen - natürlich war im 12. Jahrhundert Thüringen nicht von SLAWEN besiedelt; gemeint sind die vielen abenteuerlustigen Durchreisenden -, deshalb wohl auch ist im 12. Jahrhundert der Anfang thüringischer Stadtgründungen zu suchen.
Die fort­schreitende Arbeitsteilung in Handel und LANDWIRTSCHAFT, aber auch schon die ersten Anfänge manu­faktorieller Produktion, die Spezifizierung von VERWALTUNG und Rechtssprechung und die wachsen­den militärischen Aufgaben des gewachsenen Landes ließen Städte entstehen, in denen diese Aufgaben organisatorisch besser zu bewältigen waren, allein schon wegen der Konzentration der diese Aufgaben erfüllenden Menschen. Die Städte nun entstanden oft im SCHATTEN der Burgen, doch dürfte ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auf die Möglichkeiten der Landgrafen [und des von ihnen betriebenen Burgenbaues] zurückgestrahlt haben.
1150 nun war es in Eisenach soweit: Die erste ludowingische Münzprägestaette wurde begründet: ludowingische Reiterbrakteaten. Der 1168 einsetzende Freiberger Silberbergbau belebte zusätz­lich den Geldverkehr; entscheidend jedoch wird sein, daß die Ludowinger es verstanden, ein relativ ge­schlossenes Münz- und Verkehrsgebiet zu schaffen und in ihren Landen auch souverän zu regieren.
Die administrative Stabilisierung nach 1150 läßt sich auch an der Benutzung von Wappen und Siegel, am Ausstellen von Urkunden und der Besetzung von Hofämtern ablesen. Dies beweist die Konsolidierung der Ludowinger in Thüringen. Das Wappen steht bekanntlich als Hoheitszeichen für Rechtsvorgänge, das Siegel auf Urkunden beglaubigt die Richtigkeit eines Rechtsvorganges. Daß die Ludowinger diese allgemein üblichen Rechtshilfsmittel benutzten, mag heute als ein Indiz dafür gelten, daß sie nach Jahren der Annexion nun, ruhiger geworden, auf Stabilisierung bestehen­der Rechtsverhältnisse hinarbeiteten.
Die Wartburg konnte vom Aufblühen der ihr zu Füßen liegenden STADT nur Nützliches erwar­ten. Eisenach lag verkehrsgünstiger als andere ludowingische Burgen, die aber andere bevorzugte Aufgaben besaßen. Doch dazu später. Man kann sagen, daß aus der wirtschaftlichen Stärke Eisenachs auch die wertvolle Gestaltung der Wartburg erwuchs.

2. Die Creuzburg

Sie liegt an der Langen Hessen - Frankfurt/M-Gießen-Creuzburg-Eisenach-Gotha-ERFURT-Leipzig -, 193 m über NN, zwei bis drei Wanderstunden nördlich von der Wartburg, genau an der Stelle, wo die Werra eine Furt bildet, wo eine Seitenlinie der Straße aus dem Maingebiet und die alte Fernverbindung aus Köln den Fluß überschreiten.
Dies dürfte den Ludowingern GRUND genug gewesen sein, an dieser Stelle mittels einer Burg präsent zu sein. Der Bau der Creuzburg an dieser Stelle ist ein Ausdruck land­gräflicher Macht Hessen gegenüber. Die Burg hatte das umliegende Gebiet, den einzigen Abschnitt thüringischen Kernlandes, der linksseitig der Werra gelegen ist, als Vorgelände ebenso zu sichern wie die tief aus dem Hessischen kommende uralte Heeres- und Handelsstraße und den Übergang über die Werra. Neben diesen Gründen war der Burgbau hier von einigen naturbedingten Widrigkeiten begleitet: So ist der eigentliche Höhenberg an der Furt über einen Böschungswinkel von 30° zu erreichen, außerdem gab es Aufforstungsprobleme wegen des Windes und der Kälte etc., so daß auf einem HÜGEL vor dem eigentlichen Höhenzug eine Feste angelegt werden mußte.

Zur Geschichte dieses Siedlungsraumes: Bonifatius gründete 724 hier ein Kloster. 200 Jahre später kam die Gegend in den Besitz des Abtes von FULDA und blieb dort bis 1170. Jedenfalls kam es erst nach dieser Zeit in ludowingischen Besitz. Das ist im Vergleich zu den anderen Hauptburgengebieten sehr spät. Friedrich I. Barbarossa billigt den Übergang Creuzburgs von fuldaischem in landgräflichen Besitz, wahrscheinlich, um die Stellung der Ludowinger gegenüber Heinrich dem Löwen zu verfestigen:

Noverit igitur tam pr[a]esens [a]etas quam successura posteritas, quod dilecti PRINCIPES nostri Burkardus abbas Fuldensis ecclesi[a]e et Lodewicus lantgravius de Thuringia ad presentiam nostram venientes uterque cum altero coram nobis allodiorum subscriptorum fecerunt concambium, qurum alter videlicet abbas Burkardus ex consilio nostro et hominum ac ministerialium Fuldensis ecclesi[a]e allodium in Cruceburc, quod, dum comes Hermannus de Orlamunde pro feodo possiderit, abbati Burkardo et ecclesi[a]e Fuldensi resignavit, eodum iure, quo Fuldensis ecclesi[a]e illud pro allodio possiderit, in manus Lodewici lantgravii et uxoris eius Iutthe et filiorum suorum assentiente advocato comite Rodulpho de Cigenhagen pro recto concambio dederunt quoddam allodium absolute et libere possidendum donavit. (Es möge deshalb sowohl das gegenwärtige Zeitalter als auch spätere Zeitalter wissen, daß unsere geliebten Fürsten Burkhard, Abt von Fulda, und Ludwig, Landgraf von Thüringen, in unserer [des Kaisers] Gegenwart erschienen sind; jeder mit dem anderen machten vor UNS einen Tausch der unten beschrieben Allode, von denen der eine, Burkhard nämlich, auf unse­ren Rat und dem Rat seiner Männer und der Ministerialen von Fulda das Allod in Creuzburg, das bisher dem Grafen Hermann von Orlamünde gehörte, in die Hand des Landgrafen Ludwig, dessen Ehefrau Jutta und dessen Söhnen unter Zustimmung des Vogtes Rudolf von Ziegenhagen zum völlig freien Gebrauch übergab.)

Zum neuen Besitzer kamen: die Vogtei Creuzburg, d.i. die Altstadt, die Dörfer Ifta, Ebenau, Scherbda, die Hälfte Schnellmannhausens, Rittmannshausen und die zum Kloster gehörigen Orte Pferdedorf und der Klosterhof zu Ütteroda.

Die Ludowinger begannen den Bau ihrer Burg nach 1170. Die Palasmauer enthält Reste eines romanischen Doppelfensters, ein Würfelkapitell mit senkrechten Streifen, die Säulenreihe trägt be­reits frühgotische Kleeblattbögen. Daß sich die Fenster direkt aus dem Innenraum des Palasgebäude öffnen lassen, läßt auf den Wegfall des Fassadenkorridors schließen und zeugt von der Konstruktionsabsicht einer großen Burg.
Im GEGENSATZ etwa zur Wartburg, aber auch, wie wir noch sehen werden, zur Neuenburg, gehen Burg und Stadt eine enge SYMBIOSE ein, bilden eine enge topographische Einheit. Indem Creuzburg unter die Ludowinger kam, wurde die Stadt systematisch ausgebaut. Wichtig für das VERSTÄNDNIS der Bedeutung der Creuzburg ist, daß die Burg erst nach der Siedlung entstand; daß aber durch den Burgbau die Siedlung

  1. zur Stadt,
  2. wesentlich größer und wichtiger für die gesamte Infrastruktur des gesamten westthüringischen Grenzgebietes wurde und
  3. eine wirtschaftliche Brückenfunktion in den hessischen RAUM erhielt.

Die Creuzburg sicherte diese Entwicklung. So wird nicht lange nach 1170 die sich nach Osten ziehende Neustadt gegründet, in der 1215 die Nicolaikirche als Symbol des aufstre­benden Bürgertums gegründet wird. Hess nimmt das Jahr 1185 als Gründungsjahr Creuzburgs an und begründet dies mit der erstmaligen Erwähnung der Altstadt vor den Mauern der eigentlichen Stadt - der NAME der Altstadt wird an die jüngere Siedlung abgegeben: civitas und antiqua civitas civitatem Cruziburgensis. Als Beweis dient ihm der Nachweis einer Fleischhütte in der Altstadt, weil eine solche nicht in der Vorstadt liegen könne.

Wie die Ludowinger die Wirtschaft um Creuzburg in Schwung zu setzen verstanden, erhellt folgende URKUNDE:

Claustrum sanctimonialium in Luippoldesberch situm in diebus patris mei sub omni protectione in omnibus negotiis et utilitatibus suis deguit et in me eadem gratia et misericordia super congregationem illam devenit. Unde mando vobis firmissime per gratiam meam pr[a]ecipiens, quatenus prefati claustri legatos victualia ad claustri necessitatem in civitatibus meis ementes vel deferentes absque omni theloneo et exactione ire et redire libere sinatis… (Das Kloster Lippoldsberg, das zu Zeiten meines Vaters angelegt wurde, lebt unter meinem Schutz in allen seinen Geschäften und Tätigkeiten und ebendiese Gnade und Barmherzigkeit soll ihnen weiterhin gewährt sein. Somit befehle ich euch [den Vögten von Creuzburg], daß, wenn ihr meiner Gnade sicher bleiben wollt, ihr den Gesandten des Klosters in meinen Städten alle Vorrechte beim Einkauf von Lebensmitteln und anderen Lebensnotwendigkeiten zu gewähren habt. Sie sollen befreit sein von allen Abgaben und Zöllen und frei kommen und gehen können…)

Zu dieser Zeit ist die Creuzburg schon eine Residenzstadt. Unter Ludwig IV. erhält sie eine ganz besondere Bedeutung; allerdings gehen die wesentlichen Impulse der ludowingischen Politik nach Osten. Im WESTEN Thüringens hielten sich die Ludowinger nur gelegentlich auf der Creuzburg auf, denn sie wird ihrer strategischen Lage gemäß als Einfallstor nach Westen gesehen und verdient lediglich in diesem Sinne Beachtung, nicht jedoch als Residenzort. Daran ändert auch nichts die TATSACHE, daß Ludwig IV. 1227 hier seine Truppen zum KREUZZUG sammelte und Verfügungen erläßt für die Zeit seiner Abkunft im Heiligen Lande. Sicherlich gebar die Heilige ELISABETH 1222 und 1227 hier zwei ihrer vier Kinder, und sicherlich wird die Creuzburg als Sammlungsstätte der Wehrstandes Geltung besessen haben, dennoch steht sie an repräsentativer Bedeutung schon in ihrer Konzeption eindeutig hinter den anderen Landgrafenburgen dieser Abhandlung zurück.

  1. Die enge Verbindung von Burg und Stadt heißt nichts anderes, als daß die Burg zur Sicherung der Stadt zuvörderst angelegt wurde, nicht aber allein, ohne die Hilfe der Stadtbevölkerung die Sicherheit der Burginsassen zu gewähren imstande gewesen sein dürfte. - Das ist konzeptionell auf der Wartburg und Neuenburg ganz anders!
  2. Die Lage der Burg, auf halber Höhe, ist untypisch für die größeren und erhabener ins Land schauenden Plätze Neuenburg und Wartberg.
  3. Eine in der Nähe der Wartburg angelegte Burg kann nicht diese zu übertrumpfen suchen. Sie muß andere Aufgaben als repräsentative besitzen.
  4. Die Creuzburg wurde zu einer Zeit begründet, als die Wartburg nicht im Besitz der Ludowinger gewesen.
  5. Die entscheidende Bedeutung der Creuzburg liegt im militärischen Bereich - d.i. das KONZEPT der Creuzburg: Sicherung nach Norden und Westen! - und war ebendeshalb, um die Wartburg zurück­zugewinnen.
  6. Die Creuzburg sollte die von Westen kommende Straße aus dem Maingebiet überwachen und gleichzeitig, weil nördlich von Eisenach gelegen, das Nahen der Welfen ankündigen, die schon 1140 die Gegend belagerten. - Heinrich der Stolze belagert im Kampf um die KRONE Creuzburg als strate­gischem Punkt, als eine Einfallspforte nach Thüringen.
  7. Die militärische Aufgabe war ganz im Sinne des Kaisers, der wohl auch aus diesem Grund dem Gütertausch mit Fulda zustimmte.
  8. Die Creuzburg diente als Ausweichquartier der Landgrafenfamilie - deshalb die Kemenate etc. -, bis man im Westen des Landes wieder über einen geeigneten Aufenthaltsort verfügen würde - zwischen 1116 und 1184 war die Wartburg bekanntlich nicht in ludowingischem Besitz.

Die Burg und die Stadt waren derzeit durch eine gemeinsame Befestigungsmauer verbunden. Die am wenigsten geschützte Nordseite - die Seite, von der der Feind zu erwarten gewesen - der Stadt hatte drei Wachtürme. Direkt neben dem an der höchsten Stelle gelegenen Turm befand sich eine Ausfallpforte über dem Graben, die einem Posten einen guten Ausblick gen Norden ver­schaffte. Trotzdem sind die Befestigungsanlagen in keiner Weise mit denen der Neuenburg oder Wartburg zu vergleichen. Schon die Tatsache, daß sich die Creuzburg als Höhenburg bezeichnen darf, obwohl sie nicht auf dem höchsten Punkt des Geländes sondern auf einem kleinen Hügel in Sichtweite der Furt gebaut wurde, kennzeichnen den Charakter der Anlage als militärischen Spähposten. Die Furt ist sicherlich der entscheidende Punkt der Anlage dieser Siedlung in vorher­gehenden Jahrhunderten gewesen. 1223 ließ Ludwig IV. eine steinerne Brücke über die Werra bauen, die heute noch als älteste Natursteinbrücke nördlich des Mains in frisch restauriertem ZUSTAND zu besichtigen ist.
Die steinerne Brücke diente als Sicherungsindiz ihres Herrschaftsbereiches nach außen: Ludwig muß sich sicher gewesen sein, daß dieser erworbene Fiskalbezirk nunmehr zu seinem Herrschaftsbereich gehörte, genau wie westlich dieses Übergangs gelegenen hessischen Gebiete! Eben weil Creuzburg das ZENTRUM eines Fiskalbezirks um 1223 ist, besitzt es Stadt- und Marktrecht. Die Funktionen übernahm es noch aus karolingischer Zeit, als zumindest ein Marktflecken und ein KÖNIGSHOF auf dem Burgberg vorhanden gewesen sein dürften. An dem Bau der steinernen Brücke ersieht man die wirtschaftliche Bedeutung, die Ludwig diesem Gebiet zugedachte: Die Brücke war eine Investion für die ZUKUNFT! Daß sie es nicht wurde, mag auch Ludwigs IV. frühen TOD zuzu­schreiben sein, denn dessen Nachfolger Heinrich Raspe machte sich um den sukzessiven Ausbau Thüringens nicht verdient, sondern suchte sein HEIL in der großen Politik und ging darin unter.

Zusammenfassend ist über die Creuzburg zu sagen, daß in ihr ein vorrangig militärischer Stützpunkt zu sehen ist mit der wesentlichen Nebenaufgabe, ein wirtschaftliches Bindeglied zu den hessischen Besitzungen zu bilden. Erst an dritter Stelle rangieren in der Bedeutung der Anlage repräsentative Zwecke. So liegt die bedeutungsvollste Zeit der Creuzburg einesteils in der Zeit, bevor die Ludowinger hier vor Ort präsent waren 1140 und andererseits in unserem Sinne - wir können eigentlich bloß einen Zeitraum von 77 Jahren berücksichtigen! - in Ludwigs IV. Herrschaftszeit, denn sein Nachfolger machte von der Creuzburg aus keine große Politik, sondern bevorzugte die repräsentativere Wartburg, die zwischenzeitlich zur bedeutendsten Burg Deutschlands ausgebaut worden war und einem intendierten König besser zu Gesichte stand als die praktischer und auf kleinerem Fuße stehende Creuzburg.

3. Die Runneburg

Zu Füßen der Ronneburg rettete sich bereits 524 Herminfried, ein Fürst der Thüringer, in selbige vor den heranstürmenden FRANKEN und wird darin gefangen genommen. Schon zu diesen Zeiten bildete der schmale Durchgang zwischen zwei Höhenzügen das Herzstück Thüringens, die Nahtstelle zwischen dem nördlicheren und mittleren Teil des mittleren Deutschlands. Jeder nachfolgende HERRSCHER mußte sich sagen lassen, daß der VERLUST der Ronneburg mit dem Verlust Thüringens einhergehen muß! Die Runneburg steht mitten im Land; auf keinem Berg, der weit alles beschauen kann, wie beispielsweise dem Wartberg, oder der zu dichterischem Weitblick einlüde wie die Neuenburg oder gar die majestätischen Absichten eines Burgherren präjudizieren hülfe. Nein, es ist ein beschauliches Plätzchen an einer strategisch günstigen - man müßte hier von einem Kernstück Thüringens SPRECHEN, von keiner günstigen Lage, sondern von der Kernlage! - Lage, daß hier einen Herrn einladen könnte, sich präsent zu zeigen. Die RUNNEBURG lag - im vorigen Jahrhundert wurde der namengebende WEIßENSEE trockengelegt - zwischen zwei Seen, war gleichsam der Durchgangspunkt von Nord- nach Südthüringen. Die Runneburg ist die erste Burg der Ludowinger, die ausgebaut wurde, nachdem sie sich ihrer Herrschaft in Thüringen sicher sein konnten.

Wie gelangten die Ludowinger in den Besitz dieses Herzstücks thüringischen Landes und wie bauten sie ihre Herrschaft in diesem Verbindungsstück zwischen Neuenburg und Wartburg aus?

In der Cronica Reinhardsbrunensis, auf den 31. März 1168 datiert, lesen wir folgendes dazu:

Ludowico igitur Thuringorum lantgravio secundo cum imperatore in negociis imperialibus occupato, nobilis uxor sua Iutta lantgravia, suror imperatoris, cepit [a]edificare quasi viridarium apud Album-lacum castellum, ut ibi hospicium haberet infra terminos Wartberg et Nuenburg; quod cum comes Fredericus de Bichlingen contradiceret, et illa non obmitteret, querimoniam fecit ad imperatorem, quod suror sua lantgravia castrum [a]edificaret in finibus iuris sui, ac imperator convocato lantgravio [a]edificaionem illius castri sibi interdixit.
Lantgravius vero iratum se fingens misit nuncc[t]ios ad venerabilem uxorem suam, sub optentu grac[t]i[a]e [a]edificac[t]ionem illius castri publice interdixit. Postea vero secreto sibi nuncc[t]io transmisso, ut incepta perficeret, suppliciter exoravit; qu[a]e ibidem, ut inceperat, inexpugnabile castrum fecit.
(Ludwig, genannt der zweite Landgraf von Thüringen, war in Geschäften des Reiches mit dem Kaiser beschäftigt, als seine vornehme Gattin, die Landgräfin Jutta, eine Schwester des Kaisers, einen sozusagen luxuriösen Garten beim Kastell Weißensee errichten ließ, damit sie eine Unterkunft unterhalb des Wartberges und der Neuenburg habe. Dennoch: Graf Friedrich von Beichlingen widersprach [Juttas Begehren] und wollte sein Land nicht AUFGEBEN; also sandte er dem Kaiser eine KLAGE, daß dessen Schwester, die Landgräfin, innerhalb der Grenzen seines Landes eine Burg errichtete. Daraufhin untersagte der Kaiser dem Landgrafen den Bau einer Burg. Der Landgraf aber gab vor, erzürnt zu sein, schickte einen Boten zu seiner ehrwürdigen Gattin und befahl ihr öffentlich, um die Gunst des Kaisers zu bewahren, den Bau zu unterbinden. Indem er einen heimlichen [anderen] Boten zu ihr schickte, flehte er sie inständig an, daß das Begonnene vollendet werde und das Jutta, wie geplant, eine uneinnehmbare Burg errichtete.)

Das angesprochene Kastell, im Gegensatz zum zur bauenden Burg, castrum, soll be­reits vor 1150 angelegt worden sein. Nach obiger Urkunde begann Jutta also mit der Anlage eines Gartens um 1168, in dem der findige, fingens, Ludwig eine uneinnehmbare Burg errichtete. So stammen der fünfgeschossige Wohnturm aus der Romanik. Der Luxus einer Steinofenheizung beweist die herausragende Stellung, die die Runneburg durch die kaiserliche Hand erhielt, den grundlegenden Gedanken eines komfortablen Stützpunkts auf halbem Wege zwischen den „Armen“ Wartburg und Neuenburg in FORM einer bequemen Burg mit den Annehmlichkeiten des 12./13. Jahrhunderts.
Dendrochronologische Untersuchungen ergaben einen Baubeginn um 1160, was sämtliche vorige Überlegungen anhand der Quellen umwirft. Wer könnte um 1160 hier mit dem Bau eines Palas begonnen haben? Stand der Palas, als castellum be­zeichnet, schon bei Juttas WAHL des Platzes? Vielleicht war die Lage deswegen so lieblich, weil hier eben - aber wer? - schon ein Palasgebäude errichtete. Eventuell könnten die mutmaßlichen Palasmauern auch von einer Kirche stammen, die dort bereits im 8. Jahrhundert angelegt wurde. Das sollte vielleicht in Vergessenheit gebracht werden; schließlich waren Profanbauten auf Kirchengelände abusus. Die Nikolaikirche, in unmittelbarer Nähe zur Burganlage gelegen, jedoch behauptet in ihrer Entstehungsgeschichte als älteste Kirche Deutschlands zu gelten! Zumeist wurden Befestigungsanlagen nach dem Bau eines kirchlichen Baus angelegt, was die vielen Klostergründungen der Ludowinger auch erklärte, als Wiedergutmachung. In diesem Fall könnte Jutta die Nähe der vorhandenen Kirche als gutes, zusätzliches Omen für den Bau eines viridarium und späteren castrum gehalten und sich schnell entschieden haben. Eine andere Erklärung: Hat vielleicht Friedrich von Beichlingen diese strategisch günstige Stelle zwischen zwei Höhenzügen mit einem Kastell ausgestattet? Wohl kaum hätte er dann mit dem Bau eines Palasgebäudes begonnen!? Oder lagen die geschlagenen Stämme noch wenigstens 7 Jahre herum?

Das sind alles Vermutungen… Sicher ist, daß nach 1200 die Ausweitung des bisherigen Baus und die prachtvolle Gestaltung fortge­setzt wurde - Beweis: vermauerte Arkaden an der Nordfassade. Um 1220 besitzt der Palas eine Achtstumpfsäule, die einzige nördlich der Alpen in einem Profanbau. Daran läßt sich erneut ersehen, daß die Ludowinger architektonisch kirchliche und profane Bauten ähnlich konzipierten, sich bei den kirchlichen Bauten ein Stück der EWIGKEIT usurpierten. Sie waren sich der ewigen Herrschaft in Thüringen sicher! Ein weiteres Beispiel könnte die Verwendung von Sintersäulen wie auf der Wartburg sein, die heute jedoch im sächsischen Freiberg befindlich. All dies deutet auf das erstarkte Repräsentationsbedürfnis der Ludowinger, läßt sich auf der Runneburg - auch wenn die Ausgrabungen und Restaurationsarbeiten heute noch nicht abgeschlossen sind - nicht mit dem auf den Eckpfeilern der ludowingischen Herrschaft - Wartburg und Neuenburg - vergleichen. Außerdem baute man auf sehr nassem Gipsfundament und nachgiebigem Mutterboden, weswegen es heute auch Zersetzungserscheinungen am Mauerwerk gibt und eine leichte Neigung der Haupttürme durch die Bewegung nach Süden.

Die große Zeit der Runneburg liegt in ludowingischer Zeit im Jahre 1180:

  • Der Reichstag zu GELNHAUSEN entmachtet Heinrich den Löwen.
  • Wer soll Heinrich in seinem ZORN aufhalten? - Ludwig erhält die sächsische Pfalzgrafschaft und soll als Puffer dienen, soll dem Welfen den unmittelbaren Zugriff zwischen Sachsen und Bayern ver­wehren. - Urkunde vom 13.4.1180
  • Heinrich der Löwe kommt daraufhin mit Heeresmacht nach Weißensee und will an dieser Nahtstelle den Durchbruch zwischen Sachsen und Bayern wiederherstellen. Dazu soll ihm ein ge­schwächter Landgraf und der Gewinn der Pfalzgrafschaft dienen. Aber: Er konnte die Burg nicht einnehmen und wüstet daraufhin in Thüringen.
  • Ludwig sammelt Truppen und verfolgt Heinrich bis zur Runneburg, wo es am 14. Mai 1180 zur Schlacht kommt.
  • Die Thüringer werden geschlagen.
  • Heinrich nimmt Ludwig gefangen und hält ihn 1½ Jahre in Braunschweig gefangen.
  • Heinrich gründet nach dem SIEG die Stadt Weißensee.

Nach der Freilassung Ludwigs bauten die Ludowinger die Stadt aufgrund ihrer hervorragenden strategischen Lage aus. Sie setzten MARKTMEISTER aus dem Geschlecht derer von Helmerich ein, die den Aufbau in ihrem Sinne leiteten. Man weiß, daß die Hauptwurzel der mittelalterlichen Stadt im Markte zu suchen ist. So sind auch bei den thüringischen Städtegründungen des Mittelalters wirtschaftliche Aspekte zweifellos vorwiegend gewesen. Man darf daneben nicht übersehen, daß die Stadt mit ihrer Befestigung auch militärisch im Rahmen der gesamten Landesverteidigung ihre Bedeutung gehabt hat.
Als um 1212 Kaiser Otto IV. nach Weißensee kommt, um den inzwischen kaiseruntreu gewordenen Ludowinger zu strafen, muß er die Belagerung Weißensees abbrechen, als sich in seinem Lager Unruhe ausbreitet angesichts des nahenden Gegenkönigs Friedrich II.. Der Abzug mag auch ein Exempel dafür geben, daß die ausgebaute Stadt einzigartige Befestigungen besaß, die dato modernster Kriegstechnik, über die der Kaiser sicherlich verfügt haben dürfte, widerstand.

Die Stadt ist leiternförmig angelegt und breitet sich von der Burg aus gesehen nach Osten aus. Auf dem Markt, der die Breite einer doppelten Straße besitzt - also kein Dreicksmarkt - befindet sich die Stadtkirche Peter und Paul, die um 1180 als romanische Pfeilerbasilika erbaut wurde. Die enge Symbiose von Stadt und Burg wird in Weißensee auch daran deutlich, daß eine gemeinsame Mauer, die an der Burg nur verstärkt wurde, dieses ludowingische Herrschaftszentrum umschließt. Auf rela­tiv engem Raum drängen sich die stadtentscheidenden Gebäude und Einrichtungen wie Rathaus, MARKT, Stadtkirche und die entscheidenden Verkehrswege.

Zurück zur Burg:
Die Runneburg galt als uneinnehmbar. Warum war sie so sicher? Vielleicht lag es an der Burgmauer, die auf einem künstlich abgeschrägten natürlichen Hang erbaut wurde, dazu ein 15 m breiter und etwa 6 m tiefer Sohlgraben. Dadurch standen die Angreifer vor einem schier un­überwindlichen Hindernis, das Ottos triboc 1212 nicht überwand.

4. Die Neuenburg

Die Neuenburg ist eine ludowingische Gründung unmittelbar nach 1085. In diesem Jahr fiel die ENTSCHEIDUNG des pfälzisch-sächsischen Besitztums zugunsten Ludwig des Springers: Zuvor war PFALZGRAF Friedrich II. ermordet worden; seine Witwe Adelheid heiratete danach Ludwig. Im 1135 sicherlich im Sinne der Ludowinger geschriebenen Chronicon Gozecense wird über den Tod des Pfalzgrafen geschrieben:

Itaque iunior palatinus Fridericus, dum acceptae coniugis vix annis quatuor amplexibus frueretur, quadam die iuxta curtim suam Aplice dictam more s[a]ecularium venatione delectabatur. Militibus autem, ut fieri solet, per silvam huc atque illuc diffusis, Theodericus et Udalricus de Deidenlibe, et Reinhardus de Runenstide, de insidiarium locis consurgentes, iuvenem occiderunt, et nefario opere audacter perpetrato, inpune evaserunt. Hic cum nullam causam mortis erga eos habuerit, quare vel cuius hoc flagitium commiserint consilio, nostro non paret iudicio. (Der junge Pfalzgraf Friedrich, indem er sich der Umarmungen seiner angenommenen Gattin kaum vier Jahre erfreuen konnte, ergötzte sich eines Tages bei seinem HOF Zscheiplitz, nach Art der WELT heute, an der Jagd. Als die Ritter sich aber im Walde verstreuten, geschah es, daß Friedrich, auf einem Pferde sitzend und die Hunde antreibend, allein nachfolgte und siehe!, zwei Brüder namens Theodor und Udo von Dedenleben sowie Reinhard von Runenstein, indem sie aus einem Hinterhalt herausbrachen, töteten den jungen Pfalzgrafen und entkamen nachdem sie dieses verwegene VERBRECHEN begangen konnten ohne STRAFE. Weshalb und auf wessen Rat sie diese Schandtat begangen [denn sie hatten keinen Grund ihn zu töten], das liegt nicht in unserem URTEIL.)

Besonders der letzte SATZ aus der Chronik ist hinsichtlich seiner historischen WAHRHEIT angreifbar. Man frage nach dem Nutznießer des Todes, schaue auf die Fortsetzung der Machtverhältnisse im Herrschaftsbereich des Pfalzgrafen und komme zu einem anderen Schluß, als daß die Ludowinger schon einen Grund an­geben könnten, weshalb ihnen zumindest der Tod des Pfalzgrafen gelegen kam:

Huius luctus tempore transacto, domina Adelheit palatina genuit filium, quem ex nomine patris Fridericum appellavit. Non multo post illustri viro comiti nupsit Ludewico. Horum extitere filii Raspo Heinricus, et genere et nomine primus comes provincialis Ludewicus. Inter quos praedictus puer Fridericus, quousque Pitagoricae litterae bivium attingeret, est educatus. Dominus quoque palatinus senior Fridericus, herili orbatus pignore et iam confectus senio, sine spe existens sobolis procreandae, quod unicum salutis suae arbitrabatur solatim, interioris sui hominis studium omne convertit ad Dominum. (Nachdem die Zeit der TRAUER vorbei war, gebar die Pfalzgräfin Adelheit einen Sohn, den sie nach seinem Vater Friedrich nannte. Wenige Zeit später wurde sie durch den hochangesehenen Grafen Ludwig geehelicht. Deren Söhne waren der Stammhalter und erste Landgraf Ludwig und Heinrich Raspe. Das Kind Friedrich wird erzogen bis er den Satz des PYTHAGORAS erkannt hatte. Der Senior-Pfalzgraf [Vater des Ermordeten] Friedrich, seines besten Erben beraubt und durch das Alter erschöpft, ohne Hoffnung auf Nachkommen, tat das, was er für seinen einzigen TROST ansah: Er wandte sein ANTLITZ GOTT zu.)

Die Ludowinger gewannen so durch Heirat eine Pfalzgrafschaft. Diese Machterweiterung gibt einen hinreichenden Grund für die Erbauung der Neuenburg und wohl auch den Namen selbiger vor, allerdings konnte dieser Mord nur mit Rückendeckung durch ein übergeordnetes Herrschergeschlecht ungerächt bleiben. Der RÜCKZUG des Senior-Pfalzgrafen aus der aktiven Politik könnte ein Indiz für den Druck sein, der auf ihn ausgeübt wurde. Weltabgewandtheit war im MITTELALTER auch ein Anzeichen für Weltschmerz! Es könnte ebenso ein starker Grund der Vertuschung darin gelegen haben, daß die Ludowinger (nach ihrem Wechsel der Seiten 1074 und nunmehr Königstreue) für das Königtum die lebenswichtigen Verkehrslinien vom Maintal durch Thüringen nach Sachsen sicherten. Allerdings stellt sich trotzdem die Frage, ob Ludwig den unbequemen Pfalzgrafen er­morden ließ, denn der Senior-Pfalzgraf behielt den Titel bis zu seinem Tode 1088, auch war die rechtliche Erbfolge durch den nach dem Tode des Vaters geborenen Friedrich, der, nicht wie es uns die Gosecker Chronik weismachen will, unbedingt nach seinem Vater hieß, weil der auch sein Erzeuger gewesen, nicht gesichert. Und auch die mit dem pfalzgräflichen Amt verbundenen Lehen gingen an die Nebenlinie derer von Sommerschenburg; die alten Stammbesitzungen des Geschlechts, die an der unteren Unstrut lagen, waren zwischen Ludwig und dem Stiefsohn strittig. Überhaupt wird in der Gosecker Chronik ex inventu das 100 Jahre zurückliegende GESCHEHEN wohl im Sinne der nunmehrigen Landgrafen

  1. passend gemacht,
  2. auf Volkes MEINUNG abgestimmt und
  3. dennoch im historischen Kern beschrieben.

Ergebnis: Das 1089 in ZSCHEIPLITZ gegründete Nonnenkloster konnte selbiges sein, da die Ludowinger auf dem strategisch wesentlich günstiger gelegenen Berg am Unstruttal, richtens Naumburg blickend, die Neuenburg errichten konnten, was gleichsam einer neuen Ausrichtung ihrer machtpolitischen Interessenrichtung nach Osten entspach. Natürlich wird 1089 noch keine fer­tige, d.h. bezugsfertige Baulichkeit namens Neuenburg existiert haben - das trifft nur zu, wenn der Bau nicht schon 1062 begonnen wurde! -, aber die Gründung eines Nonnenklosters ist ein sicheres Indiz zumindest für die Planung eines Ersatzes in dieser Gegend, denn die Ludowinger werden nicht jahrelang diesen Herrschaftsbereich ohne Repräsentationspunkt sich selbst oder den Nonnen überlassen haben?! Sicherlich jedoch ist die Einrichtung dieses Klosters nicht mit der des Reinhardsbrunner Klosters zu vergleichen, zumal dieses dem auch unterstand. Was wesentlich wich­tiger ist: Ludwig begann mit dem Bau der Neuenburg - genau wie bei der Wartburg! -, bevor die rechtlichen Grundlagen Sicherheit des Besitzes versprachen, denn eine endgültige rechtliche Sicherung dieses erworbenen Gebietes erhielt Ludwigs Sohn erst 1131 bei der Verleihung der Landgrafenwürde! Allerdings muß gefragt werden, ob erst Konrad III., als erster Staufer, die Konzentrationspolitik des Königtums im mitteldeutschen Raum betrieb31 oder ob die Verleihung der genannten Würde durch dessen Vorgänger Lothar nicht auch schon unter diesem Aspekt zu betrachten ist.

Zu diesem Zeitpunkt der Machtentfaltung der Ludowinger hatten diese jedoch die erste romanische Bauphase an der Neuenburg bereits abgeschlossen; doch wollen wir präziser an der Neuenburg drei verschiedene romanische Bauepochen festgemachen, die die wachsende Bedeutung dieses östlichen Stützpunktes deutlich machen.
Die erste Bauphase begann ca. 1085. Im Mittelpunkt der Aufgaben dieser Zeit stehen fortifikato­rische. Aus diesem Grunde stehen, wie bei allen Ludowingerburgen, die zur Burg gehörigen Elemente auf engstem Raum beieinander. Die Neuenburg war nach Süden, Westen und Norden hin durch den steil abfallenden Berghang geschützt, blieb die Problemzone Osten. Die RINGMAUER mit zwei Wehrtürmen und einem Bergfried wurde in diese Richtung angelegt und das Ganze durch ein doppeltes Wallgrabensystem noch unterstützt.
Es ist erstaunlich zu vermerken, daß trotz der erstrangig militärischen Aufgaben der Anlage, das Palas fünfstöckig angelegt wurde! Selbst die Wartburg erhielt nur ein dreistöckiges Palas.
Die Burg wuchs seit ca. 1170 nach Osten. Dieses Wachstum bezeichnen wir heute als zweite romanische Bauphase. Beweis: unterschiedliches Quadermauerwerk! Das Plateau im Osten bildete seither den fortifikatorischen Schwachpunkt des militärischen Stützpunktes, der nun durch umfangreiche Vorburgbauten erweitert wurde. Dabei zog sich die Ringmauer weiter nach Nordosten und umschloß wahrscheinlich den dortigen BERGFRIED. Die Anfänge des Ausbaus liegen in einer Zeit, da sich Kaiser Friedrich I. Barbarossa auf der Burg aufhielt. Dessen KRITIK an den östlichen Befestigungswerken galt in doppeltem Sinne sicherlich auch der Ausdehnung der Burg. Sie wurde allmählich zu einem riesigen Bauwerk, das Ludwig in seinem Repräsentationsdrang zeigt. 1181 übertrug Ludwig die Pfalzgrafschaft an seinen Bruder Hermann - auch die Herrschaft über den HASSEGAU, d.i. das Gebiet zwischen MERSEBURG und Eisleben; somit wird die Neuenburg in dieser Zeit der bevorzugte Aufenthaltsort Hermanns gewesen sein. In dieser Zeit wurde auf der Neuenburg auch ein bedeutendes WERK der WELTLITERATUR geschrieben. Hermann hatte zwischen 1183 und 1189 Heinrich von Veldeke geladen, der zu dieser Zeit an seinem ÄNEAS-ROMAN schrieb und vollendete.
Als Ludwig IV. 1217 als 17jähriger die Herrschaft übernahm, zettelte er eine FEHDE mit Mainz an, schlug sich somit vollends auf die staufische Seite. Der neue, junge Landgraf teilt nicht die kulturel­len Interessen seines Vaters, doch weitet er systematisch den Herrschaftsbereich der Ludowinger nach Osten aus: Dabei kann Ludwig IV. auf eine TRADITION blicken, denn bereits 1154 und 1170 starteten Kriegszüge zur Ostexpansion des Christentums von der Neuenburg. Für seine Verdienste bei diesen Feldzügen erhielt Hermanns I. Sohn Ludwig IV. vom Kaiser die EVENTUALBELEHNUNG - Tod des Schwesternsohnes, der je­doch nicht vor Ludwigs Tod eintritt - der Mark MEIßEN, der Lausitz, Preußens und des Osterlands, nach heutigen Maßstäben die Herrschaft über ein Land der Größe Britanniens.
1221 der erste Ausritt Ludwigs IV. Richtung Osten. 1223 rüstet sich Ludwig von der Neuenburg aus, um im nach­barlichen Osterland in Görschen ein Landding zu halten. Im selben Jahr erfolgte der Kriegszug gen Osten über THARANDT, Dresden und Naunhof, der sogenannte sächsische Feldzug, um Ludwigs Besitzansprüche in der Mark Meißen durchzusetzen; ein Jahr später wird zwischen den kriegführenden sächsischen und thüringischen Parteien auf der Neuenburg FRIEDEN geschlossen, 1225 führt ihn ein Kriegszug bis an die Oder, wo er die polnische Feste Lebus einnimmt und 1226 schließlich, ein Jahr vor Ludwigs Tod, schien der Machtantritt der Ludowinger im sächsischen Raum durch die Übergabe der letzten sächsischen Burgen historisches FAKTUM zu sein. Wäre Ludwig nicht schon 1227 auf dem Kreuzzug gestorben, hätte die Neuenburg sicherlich ihren Peripheriestatus verloren und wäre dauerhaft ins Zentrum des ludowingischen Herrschaftsbereiches gerückt. Heinrich Raspe jedoch, der Nachfolger Ludwigs, setzte seine Prioritäten im Westen. Wie anders sähe EUROPAs Landkarte heute aus, hätte Heinrich Raspe die Politik seines Vorgängers im Amte des thüringischen Landgrafen fortgesetzt! Aber die Geschichte geht eben nicht immer den geraden Weg, und Heinrich Raspe suchte sein Heil nicht im weiten Osten, sondern im näheren und komplexer in die Interessensphären der einzelnen europäischen Herrscherhäuser verschachtelten Westen.

Der Ausbau der Neuenburg diente zu allen Zeiten wirtschaftlichen Zwecken. Sicherlich werden in diesen ausgebauten Teilen des Ansitzes die Burggrafen der Neuenburg, die im Gegensatz zu denen der Wartburg ludowingische Vasallen waren, ihren Wohnsitz besessen haben. Die Besetzung des Burgherren rekrutierte sich aus den nobiles, die darin die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs sahen, denn die Arbeit des Burgherren wurde eigentlich nicht bezahlt, war jedoch mit Reputation und einer gewissen Befehlsgewalt verbunden, die ehrgeizigen nobiles als Sprungbrett zur weite­ren gesellschaftlichen Entwicklung dienten.

Mit der Einrichtung des dritten Bergfrieds in der dritten romanischen Bauperiode ca. 1220 dokumentiert die Einrichtung schon gehobenere Ansprüche, was sich durch umfängliche sanitäre Bauten beweisen läßt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt dient die Neuenburg nicht vordringlich mili­tärischer Präsenz an der östlichen Peripherie des ludowingischen Herrschaftsbereiches, sondern dem Wohlbefinden der Landgrafenfamilie. Der entscheidende Bau dieser PERIODE ist die Doppelkapelle, die aus einem an der heutigen Stelle befindlichen rechteckigem, eingeschossigen Bau mit einer halbrunden APSIS im Osten hervorgegan­gen ist: Gewisse archäologisch-stratigraphische Befunde deuten indes an, daß die Bauplanung des noch nicht abgeschlossenen Baues geändert und dafür die Doppelkapelle errichtet wurde. Das könnte zwischen 1200 und 1230 geschehen sein. Sinn in die­ser baulichen VERÄNDERUNG liegt nur dann vor, wenn sich die Ludowinger häufig auf der Neuenburg aufhielten. Dann nämlich benötigten sie, ihrer hohen Stellung gemäß, eine religiöse Stätte, die sie vom gemeinen VOLK schied. Darob folgte der Ausbau der einstöckigen Kapelle zur zweistöckigen. Im oberen Teil konnten die Ludowinger ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen, der untere Teil blieb der Burgmannschaft, schlichtweg jedermann vorbehalten. Die Benutzung der Doppelkapelle durch das herrschaftliche Haus drückt sich auch durch eine direkte Verbindung zwischen Palas und Kapelle aus, der in der dritten Bauphase in das Palasgebäude mit einbezogen wurde: Die etwas ältere Zwickelmauer sowie zwei Schwibbögen zur Kirche ermöglichten nunmehr einen großen, im Süden leicht geknickten Baukörper, der über den schon vorhandenen zwei Geschossen mindestens noch zwei zusätzliche erhielt. Daß dieser Koloß eine größere Heizung benötigte und auch besaß, wird durch neueste Funde un­terstützt. Die neulich gefundenen Kacheln sind nach Prüfungen um 1225 entstanden und stellen die Frage neu, ob auch auf der Neuenburg eine indirekte Heizung betrieben wurde. Somit besaß jede größere Ludowingerburg ein ausgeklügeltes, angepaßtes Heizungssystem.

Die Lage des Burgberges verstattet es den Einwohnern Freiburgs kaum, diesen zu erklimmen, außerdem entwickelte sich Freiburg entlang der Unstrut und nicht in Richtung Burg. Somit gehen Burg und Stadt in diesem Falle, für die Ludowinger atypisch, keine Symbiose ein beziehungsweise wenigstens befruchtende Beeinflussung, sondern lebten eher nebeneinander her, was sich vielleicht auch mit der Errichtung der Doppelkapelle erklären läßt: Es war den Bediensteten zu mühsam, den Berg hinunter zu klettern für den KIRCHGANG!

Zusammenfassung

Stammtafel von der Wartburg: Stammtafel der Ludowinger

  • Was weisen alle Ludowingerburgen auf?
  • Worin sind eindeutige Unterschiede auszumachen?
  • Worin bestehen grundsätzliche Gemeinsamkeiten?
  • Kann man von einer Hauptburg der Ludowinger sprechen?
  • Gab es eine bedeutendste Burg?
  • Welche Spezialisierung lassen sich konzeptionell nachweisen?

Die baulichen Bestandteile aller Ludowingerburgen weisen

  • Ringmauer,
  • Tor mit Torturm,
  • Palas,
  • Wohnturm und den
  • Bergfried, berchvriet, auf.

Die Dreistöckigkeit der Wartburg ist vielleicht auch daraus zu erklären, daß im Palas zugleich die Kemenate untergebracht war, was sich in anderen Burgen in einem extra angelegten Gebäude ausdrückte. Der Palas wurde an der höchsten Stelle im Südteil des Berges errichtet, der Bergfried steht frei im Gelände. Die sich auf allen Ludowingerburgen befindliche Kapelle entstand zumeist während des Baus; allein auf der Creuzburg war die Kapelle vor der Burg erbauet worden.
Bei der Wartburg steht die Hauptburg in der Mitte des langgestreckten Berings, zugleich die nördli­che Vorburg und den Eingang in der Hauptburg beherrschend, während ein zweiter nahe der südli­chen Schmalseite zum Schutz dieser nicht sturmfreien Stelle hinzugefügt wurde. Die Wartburg wurde demnach als Repräsentativbau konzipiert, doch die schnelle Umwandlung in eine verteidigungsbereite Feste wurde bedacht, was aus eben angegebener Hinzufügung an südlicher Seite bestätigt wird. Wegen der gedrängten Unterbringung der Kemenate im Palasgebäude und dessen Dreistöckigkeit kommt H. Schwarz zu folgender Einschätzung: „In einem vergleichsweise kleinen Bezirk drängen sich links [westlich] mit Bergfried, Palas und Wohnturm die wichtigsten Bauwerke zusammen, während sich rechts [östlich] eine weitaus größere Fläche anschließt, die unbebaut oder mit kleinen Häusern bestückt war.“

Was ist architektonisch im Vergleich zur Wartburg für die Neuenburg charakteristisch?

Es fallen die Parallelen durch die Blatt- und Rankenornamente, die eine typische Verzierform des niederrheinischen Kunstkreises sind, auf. So sind folgende Gemeinsamkeiten in der Gestaltung zwi­schen Wartburg und Neuenburg bemerkenswert:

  1. An den Säulenkapitellen ist die Deckplatte an der Unterkante im flachen Bogen ausgehöhlt.
  2. Der senkrechte Rundstab in einem alten trapezförmigen Kämpferstein.
  3. Die Säulenstellung im obersten Geschoß der Hoffront des Landgrafenhauses ist ganz ebenso wie in der ZWERGGALERIE in Schwarzrheindorf - die Nebeneinanderstellung der gekuppelten Säulen ist in romanischer Baukunst ungewöhnlich und deshalb erwähnenswert.

Im näheren sächsischen Kunstkreis sind häufig Palmetten-Ringbandmotive zu sehen. Die fehlen hier. „Die Ornamentik von KAPITELL und Kämpfer [das waagerechte Querholz des Fensterrahmens, das den Ober- vom Unterflügel trennt] besitzt in entsprechenden Formen der Westvorhalle der Kölner Andreaskirche nahezu identische Parallelen.“

Von den vier genannten Burgen heben sich die Neuenburg und die Wartburg heraus. Als zu Beginn des 13. Jahrhunderts Ludwig IV. eine offensive Ostpolitik betrieb, rückte die Neuenburg beinahe ins Zentrum der ludowingischen Macht und wurde in einer Epoche höchster baulicher AKTIVITÄT zur bedeutend­sten Burg der Ludowinger ausgestaltet. Die bis dahin bedeutendere Wartburg behielt ihren Status als Kontrollturm gegenüber dem Westen, nur lagen die größeren Hoffnungen der Ludowinger im Osten, wegen der Uneingeschränktheit ihrer Ausdehnungsmöglichkeiten. Daß Heinrich Raspe seine Aktivitäten nach Westen wandte, um mit ungebrochenem EHRGEIZ die Königskrone zu erringen und in unangemessener Weise die Herrschaft seines Geschlechts in Mitteldeutschland zu verspielen, kann heute nicht verurteilt werden, doch für unser THEMA bedeutet dies, daß die Bedeutung der Neuenburg sank und sich das POLITISCH Bedeutende mehr und mehr auf der Wartburg abspielte. Mit der Errichtung eines Wachpostens auf dem Wartberg begann der Aufstieg der Ludowinger, mit der RÜCKWENDUNG zur Wartburg als Herrschaftszentrum und nicht dem Aufbruch gen Osten endete die Herrschaft derselben. Es war ein Weg in die falsche Richtung, wie wir Heutigen besserwisserisch feststellen müssen und als Lokalpatrioten sagen wir: Schade.
Ludwig der Springer setzte Stützpunkte in Form der genannten Burgen, den Nachkommen mochte es überlassen bleiben, die fehlenden Zwischenglieder zu gewinnen. Somit sind die anderen beiden Burgen sicherlich bedeutend für die Gestaltung der Herrschaft in einem Herrschaftsbereich, doch eben nur dann, wenn die grundsätzlichen Eckpfeiler stehen. Deshalb vor allem gehen die beiden späteren Burgen Runneburg und Creuzburg eine enge Symbiose mit den anliegenden Städten ein und die Repräsentativbauten an den Herrschaftsperipherien nicht. Darüber darf auch nicht der Bequemlichkeitsanspruch einer Kaiserschwester hinwegtäuschen, Runneburg; die Runneburg bildet vielleicht das HERZ Thüringens, aber muß konzeptionell hinter die ungleich größeren und mächtiger ins Land blicken­den - eben z.B. auf die Runneburg! - Wart- und Neuenburg zurückstehen. Die Creuzburg kann nicht mehr sein als ein Lauerposten. Die Ludowinger warteten ganz offensichtlich auf die Rückkehr zur Wartburg, was die maßvolle Ausgestaltung dieses Nebenresidenz erklärt. Hier herrschten ganz offensichtlich militärische Gründe vor, neben immer vorhandenen wirtschaftlichen, die zum Bau dieser Burg führten. Allerdings fällt gerade bei der Creuzburg eine architektonische Besonderheit mancher Ludowingerburgen auf: der fünfstöckige Palas. Alein wegen dieser Palasgebäude gebührt den Ludowingern besondere Achtung. Ein Grafengeschlecht, das MARMOR und Kunsthandwerker von weit her importiert, um seinen Wohnsitz auszugestalten, muß einen festen Glauben an sich selbst haben, muß Pläne besitzen, die es von der Raubrittermentalität der übrigen thüringischen Grafengeschlechter prinzipiell unterscheidet.

Literaturliste

  1. Hans Patze: Die Entstehung der LANDESHERRSCHAFT in Thüringen Teil I. Köln 1962.
  2. Herbert Assing: Der Aufstieg der Ludowinger in Thüringen. In: Sonderteil der Heimatblätter 1992 zur Geschichte, Kultur und NATUR des Eisenacher Landes. Eisenach 1993. S. 7-52.
  3. Manfred Lemmer: Die Neuenburg in Geschichte, Literatur und Kunst des Hohen Mittelalters. In: Burgen und Schlösser, Band 32. 1991.
  4. Horst Schmidt: Historische Bauwerke der Stadt Creuzburg. Creuzburg 1991.
  5. Kristine Glatzel/Reinhard Schmitt: Schloß Neuenburg in der Zeit der ROMANIK. In: Große Baudenkmäler, Heft 448. Berlin 1993. als Glatzel/Schmitt II
  6. Willy Flach: Die Entstehung der thüringischen Städte. In. Zs. für thüringische Geschichte und Altertumskunde, Band 44. Jena 1942.
  7. Georg Voß: Die Wartburg. Jena 1917 und Burg 1925.
  8. Otto Piper: Burgenkunde. München 1912.
  9. Odilo Engels: Zur Entmachtung Heinrichs des Löwen. In: Stauferstudien. Festgabe zum 60. Geburtstag …, herausgegeben von Erich Menthen und Stefan Weinfurter. Sigmaringen 1988.
  10. Werner Becker: Die romanischen Baudenkmäler der Stadt Weißensee in Thüringen. Diss. Berlin 1959.
  11. Wolfgang Hess: Hessische Stadtgründungen der Landgrafen von Thüringen. In. Beiträge zur hessischen Geschichte. Band IV. Marburg 1966.
  12. Th. Stolle/M. Kirchschläger: Die Runneburg in Weißensee. In: Burgen und Schlösser. Berlin 1991.
  13. Reinhard Schmitt: Schloß Neuenburg. München 1992. als Glatzel/Schmitt I
  14. Karl Wenck: Älteste Geschichte der Wartburg. 1907.
  15. Ursula Lewald: Burg, Kloster, STIFT.
  16. Fred Schwind: Thüringen und Hessen um 1200. In: Der Landgrafenpsalter. Kommentarband her­ausgegeben von F. Heinzer. Bielefeld 1992.
  17. Karl Jordan: Heinrich der Löwe. München 1979.
  18. Hilmar Schwarz: Fünf Burgen im Vergleich. Geschichte, TOPOGRAPHIE und Architektur. In: Wartburg-Jahrbuch 1993. Leipzig 1994.

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